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Nach diesem Abend fühlt Heinrich Pestalozzi sein Dasein in Münchenbuchsee nur noch wie einen Krug,der an einem Sprung leer läuft; er widerstrebt den Freunden nicht mehr und unterzeichnet den Dienstvertrag, wie Niederer das Schriftstück nennt. Wenn Fellenberg angeritten kommt und mit Sporen durch den Hof klirrt, schließt er sich in sein Zimmer ein, das er auch sonst wenig verläßt. Er hat Wandergedanken, aber er findet kein Ziel, bis eine Mahnung aus Ifferten kommt. Dort hat ihm der Stadtrat schon vor den Männern von Peterlingen das Schloß des Herzogs von Zähringen angeboten; er ist auch einmal im Frühjahr dort gewesen und hat das viertürmige Gebäude angesehen, aber er fürchtet sich vor dem welschen Land. Nun, wo die Stadt ihm schreibt, daß sie das Schloß von der Regierung angekauft habe und seine Wünsche vernehmen möchte, wie es einzurichten sei, kommt die Aufforderung seiner Sehnsucht recht, ganz aus dem Bereich seiner Enttäuschung fortzugehen. Abschied vermag er keinen zu nehmen; die Seinen denken, es gelte nur eine Fahrt, als sein Wagen in der Frühe gegen Aarberg davonrollt. Er wäre lieber gewandert, aber die Kräfte haben ihn verlassen, als ob nun das Alter mit einem Male käme.

Die Stadtherren in dem verschlafenen Ifferten haben schon vernommen, daß der berühmte Volksfreund nur ein unscheinbarer Greis ist; sie finden seine Wünsche bescheiden und laden ihn zu einem Mahl ein, die Bekanntschaft festlich zu besiegeln. So kommt Heinrich Pestalozzi am dritten Abend, den er aus Münchenbuchsee fort ist, an eine Tafel mit ehrenfesten Bürgern, die beglückt sind, einen solchen Fang zu tun. Der schöneWein mundet ihm, der sonst nur selten mehr als ein Kirschwasser nimmt, und die lebhaften Gespräche dieser weinfröhlichen Waadtländer helfen, ihm die Zunge zu lösen; gerade, daß sie französisch sprechen, läßt ihn auf ihre Worte hören, und daß er selber welschen muß, macht ihn unversehens lustig, sodaß die Stadthäupter zu ihrem Erstaunen den Greis mit dem Sorgengesicht lebhaften Geistes und schlagfertig finden. Ihn selber freilich stimmt der Abend, als er andern Tages erwacht, noch trauriger als zuvor; seit ihm die Verwirrung seiner Sinne an dem abendlichen Gewässer die Erscheinung Annas vorgetäuscht hat, fürchtet er, kindisch zu werden, und so nimmt er auch seine Fröhlichkeit nachträglich als einen Beweis dafür. Er bleibt aber fürs erste in Ifferten, weil ihm die Landschaft um das kleine Städtchen gefällt; namentlich in die Wiesen gegen den See geht er gern, wo in den hohen Bäumen auch bei der Hitze noch der Jurawind rieselt: Sie stehen wie müßige Greise da, und ich bin der müßigste unter ihnen!

Unterdessen erreichen ihn Briefe Niederers, der als ein angeschossener Wolf in Münchenbuchsee geblieben ist; sie schildern ihm den Zustand der Anstalt nach seinem Weggang so wenig günstig, daß er in einigen Wochen noch einmal zurückgeht, seinen Abschied nachzuholen. Er bringt keine Ermutigung daraus mit; Fellenberg ist gereizt, daß er sich beiseite tun will, und droht, von der Übereinkunft zurückzutreten; als sie sich noch einmal an dem Wäldchen treffen — diesmal ist Niederer dabei — sieht sich Heinrich Pestalozzi von einer Flut böser Vorwürfe überschüttet, die er nur mit großenAugen anhören kann. Es kommt danach zwar noch eine Versöhnung zustande, die ihn seiner persönlichen Verpflichtungen entläßt, aber die Trennung ist nun sicher. Mit Buß und Krüsi und mit neun Zöglingen geht er zum andernmal nach Ifferten; er selber aber vermag es nun auch dort nicht mehr auszuhalten. Auf einer Fahrt nach Lausanne, um bei der waadtländischen Regierung den Gesetzen der Niederlassung zu genügen, verläßt ihn in Cossonay der Mut zur Rückkehr. Er hat dort nur übernachten wollen, aber am andern Morgen läßt er die Post fahren und bleibt in dem kleinen Ort, der zwischen Weinbergen auf einem Hügel liegt und ihn mit seinem Ausblick über die Talweite wehmütig an seinen verlorenen Schloßberg in Burgdorf erinnert. Da hockt er einsam und in den Gedanken seiner Schwermut verhangen, bis der biedere Krüsi ihn findet und wie ein Sohn um ihn sorgt. Nach Ifferten aber, wo Buß unterdessen die neue Anstalt einrichtet, folgt er ihm vorläufig nicht.

Das Weinland der Waadt, in dem er lebt, ist die Heimat von Laharpe, dem ehemaligen Direktor der helvetischen Republik, der seiner Sache mit hoher Achtung zugetan ist. Als Erzieher des Kaisers Alexander von Rußland vermag er noch viel in Petersburg, und so kommt eines Tages in das kleine Cossonay eine kaiserlich russische Berufung an Heinrich Pestalozzi, das livländische Schulwesen von Dorpat aus nach seinen Vorschlägen einzurichten. So verdonnert ihn Krüsi ansieht, und so abenteuerlich der Plan ist, in seinem Alter noch nach Rußland auszuwandern, seine Stimmung hängtsich mit Leidenschaft daran. Er hat schon seine Bedingungen mitgeteilt und macht allen Abratungen zum Trotz Vorbereitungen für die Auswanderung, von der er nicht mehr zurück zu kommen hofft, als ihm ein zufälliges Erlebnis ein Loch in seine Schwermut reißt:

Als er eines Tages nach Ifferten gefahren ist und am Abend mit Krüsi neben dem Wagen her gegen Cossonay hinauf geht, begegnen ihnen in der frühwinterlichen Dunkelheit einige leere Weinfuhren, die sie im Geräusch des eigenen Wagens nicht hören, bis Heinrich Pestalozzi dicht vor sich zwei Pferde spürt. Er glaubt, es seien Tiere von der Weide, und will zwischen ihnen durch; da wird er von der Deichsel getroffen, die ihn unter die Hufe der Pferde wirft: So jäh es ihn gefaßt hat, so schnell arbeitet sein Instinkt, daß er noch vor den Rädern gleich einer Katze unter den Pferden her auf allen Vieren seitwärts in den Graben springt und die beiden Wagen an sich vorüber rasseln läßt. Als Krüsi ihn findet, der seitlich gegangen war, ist er schon dabei, sich aufzurichten; die Kleider sind ihm bis auf den bloßen Leib zerrissen, aber ihm selber ist nichts geschehen, sodaß er — durch Gefahr und Rettung in einem Augenblick des Wunders hindurch gegangen — gegen den Berg schreitend wie vorher das Gasthaus erreichen kann.

Er hat in diesem Herbst, wo er sich kindisch glaubte, oftmals zu sterben gewünscht, bevor er ganz dem Siechtum des Alters verfiele; nun ist er durch den Tod in einer Jünglingskraft hindurch gesprungen, die er sich längst verloren glaubte. Was er schon als Knabe erfuhr,als er bei Wollishofen aus dem Weidling in den See fiel, daß die heimliche Lust des Lebens durch nichts so sehr als durch das Grauen des Todes angeregt würde, das bewirkt nun eine Wiedergeburt in ihm, die ihn fast übermütig macht: Er glaubte schon sterben zu müssen wie Moses, ehe er einen Fußbreit von seinem Kanaan sah; nun fühlt er sich im ungeminderten Besitz von Kräften, die alle Nervenschwäche und die Müdigkeit seines vermeintlichen Siechtums als trübe Einbildungen von sich abfallen lassen. Die Kränkung durch Muralt und Tobler, der Streit mit Fellenberg und die Böswilligkeit der bernischen Regierung, die — wie er längst weiß — seine Anstalt in Münchenbuchsee als eine staats- und kirchengefährliche Unternehmung überwachen läßt: alles, was ihm den ängstlichen Geist in diesen Monaten ans Kreuz geschlagen hat, scheint ihm vor dem Gefühl, zu leben und seiner Kräfte noch mächtig zu sein, so nebensächlich, daß er seine Schwermut wie eine Torheit belächelt: Wo ich Kränkungen ohne Maßen sah, sehe ich nun die treue Liebe, sagt er glücklich, und niemals ist ihm das Bild seiner Lebensgefährtin klarer dagestanden als in diesen Tagen.

Als bald danach der König von Dänemark ihm hundert Louisdor übersenden läßt als Anerkennung für die gastliche Aufnahme der dänischen Lehrer, ist er übermütig vor Glück: Schau, zweitausend Schweizerfranken, sagt er zu Krüsi, mit nichts als einer Idee und etwas Güte verdient! So bleibt es Monate lang, während er noch einmal an die Lehrbücher seiner Methode geht; und so voll fühlt er den Segen strömen,daß ihm das Wort Lavaters nun sein liebster Spruch wird: Ich war mürrisch, als ich die Ruhe des Alters für Müdigkeit hielt; sie ist die Sammlung auf der Lebensstraße, wo das Glück auf der Straße lag, indessen ich den Seifenblasen meiner Wünsche nachlief. Nun der Höchste mir mein Alter mit Ruhe gekrönt hat, sehe ich, daß es der Jungbrunnen ist, von dem die Väter sagten.


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