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Indessen Heinrich Pestalozzi sich so die Trennung zum Besten dienen läßt, sind die Nachrichten aus Münchenbuchsee immer mehr mit Enttäuschung beschwert. Muralt und Tobler haben nicht bedacht, daß sich Fellenberg mehr als Pädagoge denn als Landwirt fühlt und als solcher — wie Niederer sagt — die Drei- und Vierfelderwirtschaft auch auf die Zöglinge anwenden will; die Buchführung ist besser geworden, und die Ordnung wird streng gewahrt, aber die Luft steht stiller und kälter in den Räumen, die sonst auch an Nebeltagen immer noch von einem Sonnenstrahl väterlicher Liebe und menschlicher Laune belebt und erwärmt war. Daraus wächst Mißmut und — weil es Fellenberg auch nicht leicht hat mit Zöglingen und Gehilfen, die einen andern Meister schwärmerisch verehren — endlich der böse Streit.
Niederer ist der erste, den es nach Ifferten zieht; er hat im Herbst ein schweres Nervenfieber durchgemacht und ist noch hohlwangig davon. Seit dem Sommer hat er gemeinsam mit Fellenberg und den andernLehrern über dem Wortlaut einer Einladung an die Eltern Europas gesessen, ihre Kinder als Zöglinge nach Münchenbuchsee zu geben; Satz für Satz ist darin durchberaten worden, auch Heinrich Pestalozzi hat mitgeholfen, bis eine umfängliche Flugschrift seiner Methode fertig war. Als aber der Druck Weihnachten ankommt, hat Fellenberg ihn nachträglich mit eigenen Ankündigungen zum Teil großsprecherischer Art für seine besonderen Zwecke zurecht gemacht, was nun auch Muralt und Tobler gegen den eigenmächtigen Mann aufreizt. Das Frühjahr geht in einem unaufhörlichen Wechsel von Streit und Versöhnung hin, der seine Wellenschläge nach Ifferten hinüber tut. Heinrich Pestalozzi sucht aus dem Knäuel der Verstimmungen die Fäden der Liebe und der gemeinsamen Ideale herauszuziehen; am liebsten aber möchte er den Knäuel in den Bach werfen: er läßt sich nun nicht mehr beirren, daß die Anstalt im Umkreis seiner Absichten nur einen Versuch bedeutet, und ist weder für Münchenbuchsee noch für Ifferten aus dem Dachsbau seiner Schriftstellerarbeit herauszubringen, die der Welt andere Resultate als die zufälligen einer solchen Anstalt sichern soll.
Doch wird er hier wie dort die Geister, die er rief, nicht los: er hat das Klostergebäude in Münchenbuchsee von der bernischen Regierung nur für ein Jahr erhalten und müßte zum Juli einen neuen Antrag um gnädige Überlassung für ein weiteres Jahr stellen; weil aber Fellenberg in einer Zuschrift an die Regierung die Leitung niedergelegt hat, sind die Hunde der Verdächtigung auf seine Sache losgelassen. Um nicht abzuwarten,daß er böswillig ausgeräumt wird, reicht er selber die Kündigung ein. Damit hat er nach einem halben Jahr der Trennung alles wieder, was ihm nun nicht mehr wie beim Abschied Glück und Unglück seines Lebens bedeutet; aber daß die Herde ihm sehnsüchtig nachfolgt und ihn durch diese Nachfolge anerkennt, tut ihm doch wohl, und um dieses Wohlgefühls willen tritt er tätiger in die Leitung ein, als er es nach seiner Rettung bei Cossonay für möglich gehalten hätte; auch reißen ihn die glücklich veränderten Umstände hin, und eine heimliche Hoffnung überredet den Widerstand:
In Ifferten ist er nicht mehr wie in Burgdorf der zugewanderte Greis, der froh sein muß, eine Schulstube für seine Versuche zu finden; der Ruhm seiner Sache ist europäisch geworden und die Bürgerschaft setzt viel daran, davon zu profitieren. Sie hat ihm — um die Lockung nach Peterlingen zu schlagen — die weiten Räume des Zähringer Schlosses und die Gärten dazu unkündbar überlassen und richtet alles nach seinen Wünschen ein. Auch steht die Regierung im Kanton Waadt, aus dem dreihundertjährigen Zwang der bernischen Landvögte befreit, anders zu ihm, als die Aristokratenherrschaft in Bern; ihr ist er keiner staats- und kirchenfeindlichen Gesinnung verdächtig. Die Zöglinge, die von Anfang aus dem liberalen Waadtland am reichlichsten kamen, mehren sich rasch; als auch die geborene Fröhlich — die aus Münchenbuchsee bald fortgegangen war, einen wohlbegüterten Landwirt namens Kuster zu heiraten — den Haushalt von neuem in ihre unverdrossenen Hände nimmt, ist unvermutet der ganzeBienenstaat wieder um ihn versammelt, eifriger als je, den Honig einer neuen Menschenbildung einzutragen; nur noch die verscheuchte Königin fehlt, weil Heinrich Pestalozzi noch immer eine abergläubische Furcht hat, sie schon zu rufen.
Als aber der Winter den Reichtum nicht vermindert und das Frühjahr den Ruhm der Anstalt in einen Erntesommer trägt, der ihm — wie er einem Freund bestürzt durch diese Wendung schreibt — das Geld zum Dach hinein regnet, bittet er sie frohen Mutes, wieder wie in Burgdorf seine Hausmutter zu sein! Sie kommt ihm mit einem Schiff über den See gefahren, und er wartet manche Stunde unruhig unter den alten Bäumen, die immer noch den Jurawind durch ihre Blätter rieseln lassen, bis gegen Abend das Boot anschwimmt.
Schon von weitem sieht er ihre Gestalt still darin sitzen und meint fast, ihre Augen auf sich zu spüren, wie er unruhig am Ufer hin und her läuft. Sie ist alt geworden, und ihr kranker Fuß, an dem sie lange in Zürich gelegen hat, hindert sie noch immer beim Gehen, sodaß der Schiffsmann ihr über den Steg ans Land helfen muß: Das sind meine vier dicken Türme, sagt er mit glücklichen Augen und zeigt auf das Schloß, das zwischen dem Grün weißlich durchschimmert. Sie gibt keine Antwort und ist auch schweigsam, während sie das kurze Stück über die weichen Wiesen gehen, nur bringt sie die Lippen nicht so fest wie sonst aufeinander, weil die strengen Falten einem hinterhaltigen Lächeln nicht Meister werden. Erst als sie sich durch die stürmische und ehrfürchtige Begrüßung der Zöglinge und Lehrer— die haben sich im bekränzten Schloßhof aufgestellt und singen ihr ein Lied — hindurchgelächelt hat und endlich in ihrer Turmstube im Lehnstuhl sitzt, fragt sie: Hast du auch einen Garten? Er hört die Frage garnicht, weil er nun erst mit seinem vergessenen Blumenstrauß ankommt, den er ihr ans Ufer bringen wollte; sie aber fängt in ihrer perlenbestickten Reisetasche an zu kramen und holt ein Schächtelchen heraus, darin die Mohnkapsel winzig zusammengeschrumpft zwischen den schwarzen Samenkügelchen liegt. Das legt sie ihm behutsam mitten auf seine Blumen und lächelt sich die Tränen der Rührung fort: Wenn die Samen nur nicht überjährig geworden sind!