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Heinrich Pestalozzi ist über sechzig und Anna Schultheß fast siebzig Jahre alt, als sie ihr gemeinsames Leben im Zähringer Schloß zu Ifferten beginnen; in Burgdorf war der Unterschied ihrer Jahre ausgelöscht, nun aber fängt sie an, ihr Leben abzurüsten, während er noch neue Segel einsetzt. Wenn sie miteinander in dem weitläufigen Gebäude, im Garten oder weiter hinaus gegen Clindy gehen, ist er im Eifer, ihr alles günstig zu zeigen, immer voraus, während sie oft still steht und am Stock nachkommend mehr ihm zuliebe als für sich ihre Augen auf seine Dinge richtet. Habe ich dirs nicht gleich gesagt, Pestalozzi, ich sei zu alt für dich! scherzt sie einmal, als er wie ein ungeduldiger Knabe am Bach nach ihr ruft, weil eine Ringelnatter fortschwimmt, bevor sie zur Stelle ist. Aber es gefällt ihralles sichtbar wohl, und wenn sie mit ihrem Enkel Gottlieb durch die Straßen der ländlichen Kleinstadt geht, gern gegrüßt von den Leuten, sehen sie eine wirkliche Schloßherrin. Sie hat noch einmal geerbt von ihrem Bruder Jakob in Zürich und braucht in ihrer bescheidenen Wohlhabenheit nicht gleich zu sorgen, wenn es irgendwo eine Spalte in dem großen Hauswesen gibt.
So treibt das unruhige Wasser seines Lebens mit dem letzten Stauwehr doch noch eine reiche Mühle, und er ist sicher, daß im Land kein besseres Korn gemahlen wird. Aber er denkt noch immer nicht daran, hier für lange den Müller zu spielen; sein Brot soll für die Armen gebacken werden. Nun es ihm mit dem andern herrlich geraten ist, nun er die Methode eines auf die Natur des Kindes gegründeten Unterrichts in Händen hat, nun ihm Hilfskräfte jeder Art verfügbar sind und er des Beistandes vieler für eine solche Unternehmung sicher sein kann: fängt die Armenkinderanstalt wieder an, das Ziel zu werden, mit dem er sein Leben krönen will. Der Schauplatz seiner letzten Tat aber soll nicht das welsche Waadtland, sondern der Kanton Aargau sein: wo er den Kampf um die allgemeine Menschenbildung begonnen hat, will er ihn auch enden. Das Schloß Brunegg hat unterdessen einen andern Besitzer gefunden, aber Wildenstein bei Schinznach steht noch leer, und mitten aus dem fröhlichen Gesumm seines wohlbestellten Hauses reicht er den Antrag um den Wildenstein bei der Regierung in Aarau ein. Die kommt ihm willig entgegen, und so steht er vor dem geöffneten Tor seiner letzten Ausfahrt, als die Zustände in Iffertenihn nötigen, den Wagen vorläufig wieder abzuspannen.
Als ob sie die Ansteckung aus Münchenbuchsee mitgebracht hätten, ist der Lehrerstreit da und reißt ihm einen Spalt mitten durch die Anstalt, den weder Anna mit ihrer Erbschaft noch er aus dem Faß seiner Liebe verstopfen kann. Den ersten Riß bringt eine Erholungsreise Niederers mit, die ihn nach einem Rückfall seines Nervenfiebers fast zwei Monate lang von Ifferten fernhält und gleichzeitig eine Studienreise sein soll für die Lebensgeschichte des Meisters, die er schreiben will. Von Anfang an hat er sich als Herold der Methode gefühlt, und Heinrich Pestalozzi, der wohl weiß, wie eigenwillig ihm selber in der Rede und Schreibe die Gedanken zulaufen, kann erstaunt zuhören, um wieviel gelehrter und selbstbewußter sie in dem Mund Niederers klingen. Selbst, wo ihm Zweifel überkommen, ob nicht im Strom dieser Worte fremdes mitfließt, steht er willig dafür ein, weil er der Einsicht und selbstlosen Begeisterung des Eiferers sicher ist. Er hat ihn immer als seine rechte Hand gehalten und ihm die Führung in Ifferten zugedacht, wenn er selber als Armenhausvater fortgehen wird: nun aber sieht er während seiner Abwesenheit gründlicher in die Mädchenanstalt hinein, die unter Niederers Leitung in einem besonderen Gebäude neben dem Schloß eingemietet ist, und nimmt eine Lässigkeit wahr, die sich mit keiner Liebe mehr zudecken läßt.
Als Niederer danach heimkommt, geladen mit Eindrücken und schwärmerisch beglückt über sein gesammeltes Material zu der geplanten Lebensgeschichte, vermagHeinrich Pestalozzi keine Freude mehr an diesen Dingen zu gewinnen. Ihm ist in der Abwesenheit der rechten Hand die linke wichtiger geworden, und mit Eifersucht sieht der Ideenmensch Niederer an der andern Seite des Meisters den Realmenschen Schmid stehen, der in allem seinen Gegenspieler vorstellt. Es ist der Tirolerknabe, mit dem er damals nach Burgdorf kam, und der sich im Lauf der wenigen Jahre aus einem unwissenden, aber begabten Schüler zum glänzenden Lehrer der Anstalt durchgearbeitet hat: Wie er in seinem Fach der Zahl- und Raumlehre die Methode als Schulmeisterkunst ausübt, das wird von den andern Gehilfen immer williger anerkannt und von den Besuchern bestaunt; vor den glänzenden Leistungen seiner Klasse vollzieht sich meist die Bekehrung der Ungläubigen. Er ist zu einseitig gebildet, um die Niedererschen Gedankenflüge mitzumachen, auch liegt die Schwärmerei seiner Natur nicht: sonnengebräunt und fest wie das Gesicht ist sein Wesen und in Tüchtigkeit verbissen, die auf alle Unordnung und Faulheit in der Anstalt wie ein Raubvogel Jagd macht; für das geplante Armenkinderhaus ist er begeistert, er mag die wohlhabenden Zöglinge nicht und verachtet die Eltern, die ihre Kinder — wie er sagt — nur aus Bequemlichkeit in Erziehungsanstalten schicken.
Ehe Heinrich Pestalozzi Augen für ihre Eifersucht hat, ist sie schon zur Feindschaft geschwollen, und er steht mitten darin: Ich bin wie eine Jungfer zwischen zwei Liebhabern, scherzt er zu Krüsi und glaubt noch lange, er könne den bösen Zustand mit launigen Zurechtweisungenlösen; aber weil beide ihren besonderen Anhang haben, sieht er zu seinem Schrecken die Anstalt in zwei feindliche Lager geteilt und wird mit seiner hülflos suchenden Liebe ein Fangball, den sie einander zuwerfen: der alte Vorwurf seiner Unbrauchbarkeit ist über Nacht aus dem Boden gewachsen, grausamer als sonst, weil er ihn diesmal aus allen Himmeln reißt. Um kein Trümmerfeld in Ifferten zu hinterlassen und Anna für immer zu verscheuchen, die sich jetzt schon verstimmt durch die Händel in ihrem Zimmer hält, muß er den Plan der Armenkinderanstalt in Wildenstein vertagen. So gießt ihm der Herbst des mit Siegesgedanken begonnenen Jahres Galle in seinen Jungbrunnen, und obwohl schließlich durch den vermittelnden Muralt eine Aussöhnung zustande kommt, sodaß sie Weihnachten in Frieden feiern, bleibt eine bittere Stimmung in ihm, die seiner gewohnten Neujahrsrede nicht günstig ist.
Am letzten Nachmittag des Jahres kommt er zufällig mit einer Besorgung in die Werkstatt des Schreiners, der seit der Einrichtung die Arbeiten im Schloß hat. Sie nennen ihn in Ifferten den Heiden, und Heinrich Pestalozzi kennt unter andern Seltsamkeiten des alten Sonderlings auch diese, daß er sich für jedes Neujahr einen Sarg herrichtet, die erste Nacht des Jahres darin zu schlafen. Wie er nun bei ihm eintritt, stehen die fünf Bretter schon fertig genagelt da, und er ist gerade dabei, dem Deckel eine Hohlkante anzuhobeln. Den brauch ich vorläufig nicht, spöttelt er und bietet ihm eine Prise an, es ist nur wegen der Vollständigkeit! Und als Heinrich Pestalozzi, den der selbstgefällig lächelnde Greis nebendem Sarg verwirrt, ihn fragt, warum er sich jedes Jahr solch ein neues Bett mache, streicht der mit der Hand die Hobelkante ab und paßt den Deckel ein, wie einer, der das Schicksal pfiffig überlistet: Weil es mir noch keinmal geraten ist, ihn zu verwahren; schon im Frühjahr ist meist ein anderer Liebhaber da!
Heinrich Pestalozzi vermag keinen Geschmack an dieser Lebensversicherung zu finden, aber der gehobelte Sarg hat ihm das Herz bewegt, und als er draußen den Schmid trifft, wie er mit einigen Zöglingen einen Handwagen voll Tannenreisig aus dem Wald anbringt, die Schloßkapelle zu schmücken, übermannt es ihn so, daß er ihn gerührt in die Arme schließt. Ein hämischer Zufall will, daß Niederer seither dazu kommt, todblaß, weil er die Herzlichkeit gesehen hat. Sie gehen zu dreien miteinander vor dem Handwagen der Zöglinge her in einem verlegenen Gespräch, und Heinrich Pestalozzi in der Mitte will sich schon der Begegnung freuen, als die Worte zerbrechen und die Scherben im Streit umher fliegen. Er rafft die Zöglinge an den Händen fort, daß sie nicht Zeugen der Häßlichkeit würden; aber noch, als er drinnen auf dem oberen Treppenumgang steht, hört er die bellenden Stimmen durch die Mauern dringen.
Er sieht an dem Abend niemand mehr und erlebt die Mitternacht allein und verdüstert in seiner Kammer: Ich Narr der Eitelkeit, jammert er, was soll die Welt mit meiner Lebensgeschichte, die ein Buch voller Grabreden ist! Als er in den Kleidern auf dem Bett liegend endlich einschläft, bleibt seine letzte Empfindung die mutlose Müdigkeit, daß es der Sarg des Schreinerssein möchte! Und noch, als die ersten Glocken den Morgen ansagen, quält er sich im Halbschlummer mit den engen Brettern. So trifft Heinrich Pestalozzi die Stunde, wo er als Hausvater vor den Seinen mit dem Bekenntnis des alten und dem Gelöbnis des neuen Jahres stehen soll.
Er läßt durch zwei Zöglinge den Sarg des Schreiners holen und vor den Altar stellen; und ob er Anna bei dem Anblick die Kapelle verlassen sieht und aus all den fragenden Augen der andern das Entsetzen vor seinem Frevel spürt: nichts vermag ihn aus der Nötigung zu reißen, den Sarg als den seinen zu betrachten und statt einer Neujahrsansprache sich selber eine Grabrede zu halten. Niemand vermöchte seine Unbrauchbarkeit grausamer anzuschlagen, als er es nun selber tut, und fast ist es mit Gott gehadert, wie er ihm die Unfähigkeit seiner Natur vorhält und alle Schuld an dem Zerwürfnis auf sich selber legt. Aber so erschütternd seine Klagen durch die Kapelle irren und in manchem Herzen den Schrecken um seinen Verstand aufjagen: ihm selber ist es, als ob sein Körper damit ausfließe wie ein verunreinigtes Gefäß; bis er, von aller Verbitterung leer, die Brunnen der Demut in sich aufquellen fühlt. Da weiß er, daß seine Anklagen nur die Torheit eines Kindes sind, das sich durchtrotzen möchte und hundert Wohltaten vergißt, weil ihm eine verwehrt wird: Wie undankbar und eigensinnig ist es, gegen mein Schicksal zu hadern, das mich vor allen Menschen mit meinem Werk gesegnet hat! Sodaß Heinrich Pestalozzi die Kapelle in einem Gefühl der Begnadungverläßt, darin selbst die Beschämung über sein zorniges Tun ins Ferne verfliegt.