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Als Heinrich Pestalozzi diesmal von Höngg zurück kommt, trägt er einen Schatz bei sich, mit dem er sich stolz und vieler Dinge mächtig fühlt. Um ihm den ungewissen Weg in die lateinische Wissenschaft vertrauter zu machen, hat ihn der Großvater das Vaterunser lateinisch gelehrt. Auf dem ganzen Weg nach Zürich hinunter, den er diesmal tapfer allein geht, sagt er die fremden Worte vor sich hin, ängstlich, daß ihm eins davon entfallen könnte. Es ist aber nicht die Schule, der zuliebe er sorgsam mit ihnen ist; dahinter steht das Bild des Großvaters als Lebensziel auf: auch einmalso in einem Dorf Seelsorger zu werden — womöglich in Höngg selber — den Armenkindern ein väterlicher Freund; das scheint ihm alle kommenden Mühsale der Schule wert zu sein.

Er wird auch im Fraumünster kein Schüler, wie ihn die Schulmeister brauchen können. Zu sehr gewöhnt in seiner behüteten Stubenwelt, die Dinge von sich aus zu erleben und eigene Wege in das Geheimnis der Augenwelt zu suchen, sieht er sich bei ihnen vor ein unaufhörliches Vielerlei von leeren Worten gestellt. Bloß auswendig Gelerntes herzuplappern, wie es die meisten tun, vermag er nicht; und selbst, wenn er etwas verstanden hat, wird es ihm schwer, Worte daraus zu machen, weil er sich damit leicht wie ein Komödiant vorkommt. Damit er etwas sagen kann, darf es nicht schon ausgedacht sein, es muß ihm aus den Gedanken selber, nicht aus dem Gedächtnis kommen: weil aber die Fragen der Lehrer selten in seine Gedanken treffen, findet er trotz bestem Willen und innerer Lebendigkeit wenig Gelegenheit, sich als guten Schüler zu zeigen; ja, weil er gerade dann, wenn ihn eine Sache des Unterrichts wirklich beschäftigt, leicht für Minuten und länger von dem unwiderstehlichen Fluß seiner Gedanken fortgetragen werden kann, stellt er nur selten den gelehrigen Schüler dar — der er doch ist —, sondern er wird gerade dann gescholten, wenn er vielleicht mehr als ein anderer bei der Sache ist. Am selben Tag kann er in einem Fach der beste und gleich darauf doch wieder der schlechteste sein; so kommt er bei allem Eifer auch in der Lateinschule bald wieder in ein feindseliges Verhältniszu den Lehrern, das mit zornigen Strafen über seine Zerstreutheit anfängt und mit der Verspottung seiner absonderlichen Art ausgeht, ihn nach wie vor dem Gelächter der Klasse bloßstellend.

Obwohl das Babeli ihn stets ordentlich herausputzt, steht er doch in der Kleidung gegen die gepflegten Herrenbuben zurück, und was er von der mühsamen Ordnung heimbringt, ist manchmal übel genug. Auch hält das Babeli immer noch strenge Hauszucht, sodaß er auch jetzt nicht zu den Spielen der andern auf die Gasse darf und für die lateinischen Mitschüler der gleiche fremde Vogel bleibt, der er auf der deutschen Schule war. Als der erste Sommer zu Ende geht, hat er bei ihnen schon den Spottnamen, der ihm von da ab durch die ganze Schule bleibt: Heiri Wunderli von Torliken.


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