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Nach dem Gewitter dieser Neujahrsrede fängt die Sonne wieder an zu scheinen, und Heinrich Pestalozzi, der die schlimmen Dinge leichter als die guten vergißt, fühlt ihre Wärme über Ifferten, als ob erst Mittag wäre. Auch Anna, die lange gekränkelt hat, lebt wieder auf und braucht nicht mehr am Stock zu gehen: Ich mußte die alternde Frau in mir los werden, sagt sie einmal zu ihm, als sie dem bunten Getriebe der Zöglinge auf der Eisbahn zusehen: jetzt sind die Reste fort, und ich bin ganz eine Greisin; ich konnte nicht alt werden, nun ich es bin, ist alles wieder frei; ich möchte fast ein paar Eisschuhe antun, so leicht ist mir!
So bin ich doch der Ältere von uns beiden, antwortet er und nimmt zärtlich ihre Hand; denn auch das habe ich dir vorgelebt: Nur das Gesicht und die Hände waren jung und werden alt, die Seele lebt als eine schwingende Schnur, die in der Mitte heftig schwirrt und am Ende — wie am Anfang — nur noch zittert, bis der andere Knoten kommt, wo sie an den Bogen ihres Erdendaseins gespannt ist!
Er spricht auch sonst wieder viel mit ihr, fast wie damals auf ihren ersten Spaziergängen, und lächelt hinterhaltig, wenn er sich bei den Listen seiner Liebe ertappt. Als ob er noch einmal seine Mutter hätte, geht er behutsam mit ihren Wünschen um und verschweigt ihr die Unrast um sein Werk, die noch immer weit vomKnoten schwingt: Es ist nur mein Sterbeteil, denkt er oft, der bei ihr die heimlichen Schlupfwinkel seines Lebens hat; der Menschengeist in mir, dem die schwingende Seele die zitternde Spindel war, ist nicht an ihre Schnur gebunden; der trägt den Takt ihrer Bewegung fort ins Breite, wenn die Schnur längst still steht! Und deutlich fühlt Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit dieser Trennung, wie die Seele sich zur Ruhe rüstet, indessen sein Menschengeist immer ferner auf Abenteuer reitet.
Das Wort verläßt ihn nicht; der Zwiespalt seines Lebens wird ihm sinnbildlich darin, daß seine Seele für die Abenteuer des Menschengeistes einstehen mußte, der nicht den Seinigen, sondern dem Volk gehörte und von dem Gewissen der Menschheit in Pflicht genommen war. So hat die Seele daheim im Streit gelegen bis auf diese Stunden, wo er zurseite Annas gemächlich am See spaziert — unter den überhohen Bäumen, die ihre Blätter nur deshalb im Jurawind rieseln lassen können, weil ihre Wurzeln ihnen unablässig den Saft aus dem schwarzen Grund zubringen — indessen sein unruhiger Geist mehr als je in das Abenteuer der Menschenbildung verwickelt ist: nur daß er, anstatt auf eigene Faust zu kämpfen, längst ein Häuptling wurde mit einem Kriegslager, dahinein von fernher die Krieger reiten, sich Weisung zu holen.
Denn Heinrich Pestalozzi — der Greis, wie ihn die Burgdorfer schon nannten — ist unversehens in Europa eine Macht geworden; nicht, weil er überall in den Regierungen Anhänger hat, die ihm Lehrlinge der Methodenach Ifferten schicken, das dadurch eine Hochschule der Erziehung wird, sondern weil nun die Weltgeschichte auch sonst seinen mißachteten Ideen nachkommt: Seitdem ihm der Konsul Bonaparte spöttisch den Rücken zukehrte, sodaß er mit dem verschmähten Sauerteig der allgemeinen Volksbildung von Paris heimkehren mußte, hat sich der korsische Advokatensohn zum Gewalthaber Europas gemacht, der Fürstentitel und Königskronen wie Kinderspielzeug verschenkt, den Papst nach Paris kommen läßt, ihn als Kaiser zu krönen, und der sich die habsburgische Kaisertochter als seine Frau einfordert. Nichts in der Welt scheint seiner Selbstherrlichkeit zu widerstehen; so ist ihm auch der Preußenstaat des großen Friedrich nur ein Hindernis auf seiner neuen Landkarte, das er mit einer kriegerischen Handbewegung bei Jena beseitigt, wobei er noch Zeit findet, dem Dichter der Deutschen das Kreuz der Ehrenlegion an die Weltbürgerbrust zu heften. Aber diese Handbewegung macht dem Totengräber seiner Schwertmacht, dem Menschengeist in Preußen, die Hände frei.
Wie immer kehrt auch hier der eiserne Besen der Not die unfähigen Gewalthaber auf den Mist, und Männer treten in ihre Stellen ein, nach den Menschenrechten die Menschenpflichten zu proklamieren, in denen allein die Blutsaat der Revolution zu einer Volks- und Menschengemeinschaft aufgehen kann. Einer der ersten ist sein Freund aus den Tagen in Richterswyl Johann Gottlieb Sichte, der Schwiegersohn des Wagenmeisters Kahn in Zürich; in seinen Reden an die deutsche Nation, in denen er die sittlichen Mächte im deutschen Geist aufruft,setzt er Heinrich Pestalozzi und seine Idee der Menschenbildung in eine Beleuchtung, die keine Gegnerschaft mehr auslöschen kann. Als auch der Holsteiner Nicolovius in die Leitung des preußischen Schulwesens berufen wird, will der Traum in einem Land Europas Wirklichkeit werden; die besten Geister haben die Regierung des preußischen Staates in der Hand, und ihr Ziel ist das seine: Befreiung und Erneuerung des Volkes als einer sittlichen Gemeinschaft, und als Grundlage dieser Gemeinschaft die Erziehung aller mit den Mitteln, wie er sie in dem Naturgang seiner Methode gefunden hat. So ist Heinrich Pestalozzi aus einem einsamen Abenteurer des Menschengeistes doch ein anderer Heerführer geworden als sein Vetter Hotze mit dem Soldatenhut, von dem nur noch der verblaßte Ruhm übrig geblieben ist.
So gut geht alles, daß auch die feindlichen Lager in Ifferten Gottesfrieden halten. Muralt hat vermocht, daß eine genaue Teilung der Pflichten Niederer und Schmid auseinander hält, und namentlich, seitdem Rosette Kasthofer aus Grandson das Töchterhaus in ihren jüngferlich festen Händen hält, während Niederer — der auch nicht mehr im Schloß wohnt — nur noch seine Pflichtstunden gibt und die schriftstellerischen Tagesbedürfnisse der Anstalt besorgt, ist die tägliche Verärgerung beseitigt. So kommt der letzte September des Jahres 1809, an dem es vierzig Jahre her ist, daß Heinrich Pestalozzi sich mit Anna Schultheß aus dem Pflug in der Dorfkirche zu Gebistorf trauen ließ, recht in die Zeit für ein Freudenfest: Nun haben wir es doch einmal beide nach unserem Herzen, sagt er neckend zuihr, die fast bräutlich geschmückt im Lehnstuhl auf ihn wartet, wird aber gleich wieder ernst vor ihrem würdigen Gesicht: Unser Haus ist wohlbestellt unter einem großen Dach, wie ich dir den Neuhof bauen wollte, und mir ist sein Glanz keine Unruhe mehr, weil ich der Lebensströme sicher bin, die daraus fließen!
Als sie dann miteinander in den geschmückten Saal treten und in das fröhliche Bienengesumm die Stille ihrer Gegenwart bringen, als Niederer seine Festrede aus der Brunnentiefe seiner gewaltigen Begeisterung holt und ihnen Kränze von innigen Worten auf die weißen Häupter legt, indessen sie Hand in Hand wie zwei Kinder im Augenblick hundertfacher Liebe dasitzen: sind alle Wechsel, die der Lehrling Tschiffelis an die Kaufmannstochter im Pflug sandte, so über alle damalige Geltung eingelöst wie im Märchen, wo auch die gehäuften Nöte auf einmal von dem vorbestimmten Glück abfallen. Nur ganz den feierlichen Ernst der Stunde zu ertragen vermag Heinrich Pestalozzi noch immer nicht; es ist auch hier ein wenig bei den hohen Worten, als ob er wieder nach dem Examen vor den andern Schülern das Vaterunser sprechen solle: so lächert es ihn durch seine Glückstränen. Kaum sind die Ströme der Feier über ihn hingeflossen, und die Frühlingsblumen dieser Herbstfröhlichkeit wollen in einem Tanz der Kinder aufblühen, da muß er ihnen zeigen, wie es damals zuging, als er noch der schwarze Pestaluz aus dem Roten Gatter und Anna Schultheß die scheu verehrte Muse der jungen Patrioten aus der Gerwe war: und übermütig, wie er es damals nicht vermochthätte, schreitet Heinrich Pestalozzi, der Armennarr auf Neuhof, die Pestilenz des Birrfeldes, der Waisenvater in Stans und der Prophet der Menschenbildung in Burgdorf und Ifferten, mit seiner schlohweißen Gattin zu einer alten Weise den ersten Tanz.