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Wenn die Deutschen nach Ifferten kommen, meist über Basel und Bern oder auch über Zürich, geschieht es ihnen leicht, daß sie mit ihrer Begeisterung für Heinrich Pestalozzi an diesen Orten als närrische Wallfahrer aufgenommen werden, weil man da eine andere Ansicht von dem unruhigen Projektenmacher hat, sodaß sie kleinlauter in das viertürmige Schloß eintreten und dann nicht selten durch die unordentliche Erscheinung ihres Propheten abgeschreckt werden, als ob die achselzuckende Mißachtung des Mannes in seiner Heimat am Ende doch das Klügere sei. Sie haben erwartet — weil sie als Deutsche blindlings ans Gute glauben — daß sein Vaterland wie eine stolze Familie zu ihm stände, und finden ihn eher als verlorenen Sohn darin, zu dem sich nur die Tapferen ohne Vorbehalt bekennen. Je höher der Lichtschein seines Ruhmes draußen steigt, umso ängstlicher wird die Vorsicht, als Schweizer für seinesgleichen gehalten zu werden, als ob etwa die gesicherte Kultur Helvetiens noch seiner seltsamen Bildungsversuche bedürfe.
In Basel und Zürich sind es die Humanisten, die seine Abc-Künste bespötteln, und in Bern die Aristokraten, die seine Anstalt als staats- und kirchengefährlich hassen,besonders seitdem er in dem abtrünnigen Waadtland haust. Und gerade während der Zeit, da in Preußen Humboldt, Stein und Fichte seine Grundmittel der Menschenbildung mit heiliger Überzeugung ergreifen, muß Heinrich Pestalozzi sich in der Heimat gegen böswillige Angriffe wehren. Um ihrer mit einem Mal Herr zu werden, stellt er der schweizerischen Tagsatzung in Freiburg das Ansinnen, seine Anstalt von Landeswegen zu prüfen, ob die Methode nicht auch in der Schweiz, wie in Preußen zum Vorteil des Vaterlandes allgemein eingeführt werden könne! Auch hat der Eifer Niederers vermocht, daß eine schweizerische Gesellschaft der Erziehung gegründet wird, die wie vormals die helvetische Gesellschaft in Schinznach so jährlich zum Sommer in Lenzburg tagen soll, und bevor noch die Dreimänner der Tagsatzung zur Prüfung der Methode nach Ifferten kommen, hält Heinrich Pestalozzi als Präsident der Gesellschaft eine Rede über seine Idee der Menschenbildung, mit der er noch einmal als ein Demosthenes seines Landes auf den Markt tritt: aber die ihn anhören, sind einige vierzig für seine Sache schon vorher bemühte Leute, nicht die neunzehn Kantonsregierungen des Schweizervolks, das in seinen Blättern manchen Spott lesen kann, ob eine solche Sache wohl berechtigt sei, ernsthafte und gelehrte Leute zu bemühen? Und als die nächste Tagsatzung den Bericht der Dreimänner bekannt gibt, ist es eine hämische Aufzeichnung der Mängel, die sie in der Anstalt gefunden haben, sodaß nun Niederer wieder mit einer Flugschrift auf dem Wall erscheint und den Gegnern der Anstalt mit Heroldsworten den Fehdehandschuh hinwirft.
Bevor darauf die Angreifer aus allen Kantonen mit den entrollten Bannern der überkommenen Weltordnung anrücken, das Nest des Aufruhrs in Ifferten auszuheben, bricht es innen auseinander. Einem Dämon der Zwietracht gelingt es, die verhaltene Feindschaft Schmids und Niederers in das innerste Glas ihrer Männlichkeit zu gießen, wo sie zischend auseinander fahren muß. Seit einiger Zeit ist eine Lehrerin, namens Luise Segesser, in der Anstalt, ein schönes und herzlich verankertes Mädchen aus Luzern, um das sich beide mit der Leidenschaft ihrer fanatischen Seelen bemühen. Schmid, der gegen den rotköpfigen und schwächlichen Niederer ein starkes Mannsbild von unverkennbarem Tirolertum ist, glaubt sich schon als Katholik im Vorteil gegen den pfarrerlichen Protestanten, da die Segesser selber aus einem katholischen Hause kommt. Sie würde es bei ihrer Familie mit ihm ebenso leicht haben wie mit Niederer schwer, aber nach dem Instinkt solcher Frauen wählt sie das Schwere. Schmid ist immer noch erst ein Jüngling von dreiundzwanzig Jahren, ihm werden durch ihre Wahl stolze Bäume aus der Wurzel gerissen; er war bis auf diese Zeit der Liebling des Meisters und die sichtbare Stütze der Anstalt, selbst der hämische Bericht der Dreimänner hat seine Leistungen ausnehmen müssen: jetzt ist ihm alles unwert, weil ein Mädchen sich gegen ihn entschieden hat. Es fängt an, in seiner Galle zu wühlen, und nun ist es nicht mehr seine Feindschaft mit Niederer allein, nun hat ihn der Geist der Anstalt verraten, wo jeder — so scheint es ihm — vom kleinsten Zögling bis zum ältesten Lehrer das tut, wasseiner Neigung bequem ist, und wo Heinrich Pestalozzi nur als Strohpuppe gehalten wird, mit der sie abwechselnd ihr Ränkespiel treiben: Er vermag nicht mehr, in der Gemeinschaft zu bleiben, deren fester Stundenschlag er mehr als jeder andere gewesen ist; eines Tages steht er tief vergrollt vor dem Meister und sagt ihm, daß er für immer fortgehen müsse!
Es ist ein Frühlingsabend, und Heinrich Pestalozzi, dem das Alter den Rücken müde gemacht hat, liegt nach seiner Gewohnheit in den Kleidern auf dem Bett und diktiert, als er zu ihm tritt. Er kennt den Herzenslauf des Jünglings seit langem, und die Schadenfreude hat ihm zugetragen, an welches Ende es nun damit gekommen ist: Du nimmst meinem Dach den Firstbalken weg, sagt er zu ihm, als sie allein sind: und es ist kein anderer da, der ihn mir wieder aufrichtet; aber wenn dir alles im Blut verleidet ist, will ich dich nicht mit dem Wasser meiner Worte halten! Er greift ihm nach den Händen, und einen Augenblick ist es, als ob der andere ihm seinen Kopf an die Brust werfen und in Tränen aufgehen möchte; aber der Trotz hält ihn erschlossen gegen solche Weichheit, daß er die Hände zurücknimmt und bald mit hohen Schultern das Gemach verläßt.
Der Wind hat die Tür hinter ihm wieder aufgedrückt, daß sie leidmütig in den Angeln knarrt. Heinrich Pestalozzi ruft nach Anna; sie scheint nach ihrer Gewohnheit hinuntergegangen zu sein in den Garten, wo die Vögel das junge Laub anschreien, daß ihm ein einziges Geschrilldavon durchs offene Fenster kommt. Um nicht allein zu sein mit der Entscheidung, die unsichtbar in der Kammer auf ihn wartet, tappt er hinunter, sie zu suchen. Es ist die Stunde, da die Knaben unten am See unter den Bäumen spielen, und darum eine Stille auf den Gängen und Treppen, die ihn fast ängstlich macht. Bin ich auf einmal allein in der Welt, denkt er; als er aufatmend unten Schritte hört und, rasch über die Galerie gebeugt, Muralt mit einem Brief in der Hand quer durch den Hof zur Treppe gehen sieht. Den schickt mir der Himmel, hofft er und wartet still, während der andere auf seine schlanke Art heraufkommt; aber als er ihm seine Sache klagen und ihm sagen will, daß er der einzige sei, Schmid umzustimmen, wehrt Muralt gleich schmerzlich ab und reicht ihm seinen Brief. Es ist seine Berufung nach Petersburg, die schon seit Monaten schwebt: So wollt ihr mich alle verlassen, wie die Ratten das sinkende Schiff, schreit er im Zorn und will ihm das Papier an die Brust werfen. Aber es fliegt übers Geländer und tanzt im Zickzack in den Hof nieder, wo es wie eine Anklage seiner Heftigkeit liegen bleibt, bis Muralt nach einer Pause hinuntergeht und es aufhebt. Er kommt nicht zurück, schreitet mit gesenktem Gesicht aus dem Hof hinaus, sodaß Heinrich Pestalozzi wieder allein in dem leeren Gemäuer bleibt: ein Bettler im eigenen Haus, wie er bitter vor sich hindenkt, bevor er zurück in seine Kammer geht, wo die Vögel noch immer das junge Laub anschreien. Aber die Sonne ist fort, und aus den Ecken wachsen die grauen Gespinste, den letzten Tag zu verzehren.