96.
Als Anna Schultheß begraben wird, die für Heinrich Pestalozzi durch achtundvierzig Jahre das Senkblei seiner Stürme gewesen ist, gibt es eine Trauerfeier für Ifferten, als ob wirklich die Schloßherrin gestorben wäre. Eilfertige Liebe hat bei der Regierung in Lausanne bewirkt, daß ihr Sarg im Schloßgarten beigesetzt werden darf, unter zwei alten Nußbäumen, die sie gern hatte; und für Heinrich Pestalozzi ist schon der Platz daneben bereit. Irgendwer heftet ihm den Wladimirorden an den Rock, und auch sonst ist soviel Sorgfalt um die feierliche Stimmung des Tages bemüht, daß er sich als die willenlose Hauptfigur dieser Handlung umher geschoben fühlt und erlöst ist, endlich aus dem Schwall von Glockengeläut und feierlichen Mienen in seine Stube zu können. Er hat noch immer für das Frühjahr heimliche Pläne mit dem Neuhof gehabt, und es sollte eine gemeinsame Heimkehr aus der welschen Fremde sein. Nun hat er keine Heimat mehr; denn Anna liegt hier in der fremden Erde und wartet auf ihn. Ob seine ruhelosen Gedanken auf den Wegen der Vergangenheit mit Vorwürfen und Klagen seiner Unbeständigkeit nach ihr suchen, diese Qual steht unbeweglich in ihm: Nun bin ich schiffbrüchig, klagter, und niemand kann mir wieder ans Land zurück helfen!
So erlebt er seinen siebzigsten Geburtstag einsam und düster, und auch die Zustände in der Anstalt sind nicht mehr so, daß sie ihn aufheitern könnten. Als ob er nur den Tod der Hausmutter abgewartet hätte, ist der Lehrerstreit heftiger als je ausgebrochen; die Kränze liegen noch auf ihrem Grabhügel, da sind die Hände, die sie banden, schon wieder in Feindschaft geballt. Sie haben den Tiroler gerufen, daß er Ordnung in die Verwahrlosung brächte, nun er Unmenschliches leistet, die Anstalt zu retten, nehmen sie Anstoß an seinen Mitteln: Obwohl nur noch achtundsiebzig Zöglinge da waren, als er kam, lebten zweiundzwanzig Lehrer von den Einnahmen; er kündigte den Entbehrlichen und kürzte das Gehalt der andern, er sorgte für einen Stundenplan, der die Lehrkräfte ausnützte, und sah unbeugsam darauf, daß er eingehalten wurde; er richtete eine Buchführung ein, darin kein Rappen seitwärts ging, und räumte mit den Niedererschen Verlagsgeschäften, der Buchhandlung und Druckerei auf. Auch kann ihm niemand nachsagen, daß er den eigenen Vorteil suche, weil er am ersten Tag seine mühsamen Ersparnisse ohne Schein und Zins in das Loch der Verschuldung hineingeworfen hat. So ist er in Wahrheit der unabänderliche Stundenschlag, der alles bedrängt, was faul und sorglos ist.
Der, den es am ärgsten trifft, ist Niederer; er war die rechte Hand und soll nun gehorchen, wo die linke kommandiert. Mehr als je hält er sich für den Herold der Methode und verachtet den unwissenden Rechenmeister:so wird er die Brandstelle für die Verstimmung der andern. Verbittert durch den Undank, und daß sie ihm mit ihrem Streit diese Zeit entweihen, stellt sich Heinrich Pestalozzi selber vor ihren Groll, Schmid zu schützen; um zu erfahren, daß sich seit den Tagen Steinbrüchels nichts für ihn geändert hat: kein Lehrer damals hat ihm seine Mängel grausamer vorgehalten, als es nun die eigenen Gehilfen tun, und namentlich Niederer führt eine Sprache, als ob er nur das verunreinigte Gefäß von Ideen wäre, die in seinem Feuer viel reiner und mächtiger brennten. Ach, daß ich einmal gerade und einfach meine Straße gehen könnte, klagt Heinrich Pestalozzi, statt immer auf die Folter meiner Unfähigkeit gespannt zu sein!
Darüber wird es Pfingsten, und die Konfirmanden der Anstalt sollen durch Niederer in die Christengemeinschaft aufgenommen werden; um der besonderen Feierlichkeit willen sind auch viele Einwohner in der Schloßkapelle, als er die Kanzel besteigt. Vorher haben die Zöglinge eine Kantate aufgeführt, und wie draußen im jungen Grün ist in den Herzen drinnen die Stimmung des Festes, das so seltsam dem Geist in der Menschheit gewidmet ist, dem Heiligen Geist, der nach dem apostolischen Glaubensbekenntnis sogar gleich dem Vater und Sohn als göttlich verehrt wird. Das merkwürdige Mädchenwort seiner sterbenden Frau von Siegfried und Christus ist Heinrich Pestalozzi noch nicht so aufgeblüht wie an diesem Pfingstmorgen, wo es ihm wunderlich an die Schläfen klopft, um wieviel heller und siegfriedhafter die Gestalt Christi in dieser Erscheinung gewordenist als in seinem ganzen Leben von Bethlehem bis Golgatha. Der Geist macht lebendig, sagt er glückselig vor sich hin, indessen der Brustton Niederers mit wahren Wortschauern über die Versammlung regnet. Und merkt erst, daß etwas geschieht, als die Worte, die eben noch so rauschend flossen, gehackt und heiser in die Stille fallen, die sich ihnen erschrocken entgegenstellt. Und auch dann muß er seine verstörte Seele lange an der Schulter rütteln, daß es Wirklichkeit sei, wie Niederer sich auf der Kanzel mit hadernden Worten von ihm lossagt und ihm am Pfingstfest vor der Gemeinde sein Amt hinwirft.
Der Zorn faßt ihn augenblicklich, und er hört seine Löwenstimme durch den Raum schallen, ihm den Frevel zu verweisen, bevor er die Worte bedenken kann. Der rote Niederer bringt danach seine Rede zu Ende und spricht auch das Gebet zum Schluß wie sonst; es ist Heinrich Pestalozzi, als müsse ein Wasser einbrechen und sie alle hinausschwemmen, die statt einer Pfingsterbauung nur die Häßlichkeit dieser Zänkerei in der Seele haben. Er spricht mit keinem, als sie hinausgehen, senkt seine Augen vor den Zöglingen und flüchtet in sein Zimmer wie ein Gerichteter: Es ist mein Haus, in dem das geschah, und es ist mein Werk, das zu diesem Ende zielte!
Andern Tags erhält er von Niederer einen Brief; er zittert, daß eine Abbitte des Frevels darin sein möchte; als er ihn öffnet, ist es eine Aufrechnung seines Stundengeldes. Unter allen Mißlichkeiten seiner Lebenserfahrung ist ihm keine so verhaßt wie die, immerwieder an den Punkt zu kommen, wo die menschlichen Verhältnisse mit Franken und Rappen bezahlt werden. Er fürchtet, daß der Streit hierin noch häßlicher auslaufen möchte, schickt ihm am selben Tag das Geld und zugleich für die geborene Kasthofer eine Generalquittung, daß er auf alle Ansprüche aus dem Mädchenheim verzichte, sich aber bereit erkläre, was sie noch etwa zu fordern habe, als gültig anzunehmen und zu bezahlen. Nur endlich fort in eine reinliche Welt, fleht er, als er die Quittung fortschickt; und die Gewißheit, zum wenigsten in Geldsachen durch das Ordnungswerk Schmids nicht mehr unfähig zu sein, gibt dem Abschied eine grimmige Tröstung bei.
Unterdessen hat der Austritt Niederers dessen Freundschaft mitgerissen; in den nächsten Tagen kündigen ihm andere Lehrer den Dienst, sodaß er zum guten Teil mit Schmid allein in der Anstalt bleibt, die dadurch in der Wurzel angeschnitten wird. Und als er sich durch diese Kündigung doch wieder in das Elend des Streites zurückgeworfen sieht, den er mit der Quittung aus dem Haus senden wollte; kommt ihm das Papier selber höhnisch zurück. Niederer und seine Gattin erkennen die Quittung nicht an; sie glauben, selber viel höhere Forderungen an ihn zu haben, deren er sich dadurch mit einer böswilligen Unterstellung entledigen wolle, und melden den Streit beim Friedensrichter an.
Es ist schon dämmerig, als er diese Nachricht erhält in Worten, die ihn als einen Satan von Bosheit und hinterlistiger Berechnung hinstellen. Und nun erst erlebt er, wie die äußere Ruhe dieser Tage eine Selbsttäuschunggewesen ist, wie das Erlebnis in der Kirche noch garnicht auf den Grund seiner Seele gekommen war: jetzt schlägt es den Bodensatz seiner Verbitterung auf; daß er meint, in Verzweiflung und Galle ausfließen zu müssen. Warum lebe ich noch! jammert er und irrt hinaus in den Abend, um aus der Welt seiner Unfähigkeit fort zu laufen. Die Sonne des Frühsommertages hat nicht alle Helligkeit mitnehmen können hinter die Juraberge; nur unter den hohen Bäumen hat der Abend seine Schatten eingesetzt, über dem See und auf den Wiesen an seinem Ufer liegt das vergessene Licht bis hinauf in den unwirklich hellen Himmel: Es ist der Dämmerungsspuk meines übriggebliebenen Daseins, fühlt er, indem er schwer gegen das aufrauschende Wasser vor seinen Füßen angeht, es will nicht Nacht werden und ist doch kein Tag mehr!
Als es Mitternacht schlägt, findet er sich in nassen Kleidern unter den Nußbäumen im Schloßgarten wieder. Sie haben ihr einen gemeißelten Stein aufs Grab gesetzt und auch da schon Raum gelassen für seinen Namen. Ach, daß ich darunter läge, weint seine verzweifelte Seele; gleich aber jagt sein Zorn auf, daß es der Boden seiner Feinde sei, darin er liegen soll. Sie haben mir schon lebendig den Grabstein aufgesetzt, schreit etwas in ihm, und als ob alle Feindschaft dieser Tage gegen ihn stände in diesem Stein, springt er ihn an und rüttelt an seiner Unbeweglichkeit und rast mit Wahnsinnskräften, bis er ihn wanken fühlt. Und obgleich Orgelstimmen in ihm aufquellen, ihn zu warnen: er vermag die Raserei nicht aus den Händen zu bringen,bis der Steinklotz sich hintenüberneigt und dumpf ins Erdreich schlägt. Da erst sieht er, daß seine Füße auf dem Grab und den zerstampften Blumen stehen; der Bann weicht von ihm, und mit einem wehen Aufschrei wirft er sich hin.