97.
Noch lange danach, wenn Heinrich Pestalozzi an diese Nacht denkt, fürchtet er, den Verstand von neuem zu verlieren, so fürchterlich ist seiner Seele der Einbruch sinnloser Wut noch in der Erinnerung. Schmid hat ihn andern Tages nach Bulet auf den Jura gebracht, wo ihn der Bergwind und die Stille in eine starke Kur nehmen. Soviel er kann, kommt Schmid abends die drei Wegstunden noch zu ihm herauf; aber er mag nichts mehr von Ifferten hören, fast abergläubisch ist seine Furcht, noch einmal in die Hölle der Feindschaft hinunter zu müssen. Ich bin wieder auf dem Gurnigelstein, sagt er bitter, diesmal endgültig, weil mich die Welt nicht brauchen kann!
Aber Schmid hat ein Heilmittel bereit, das ihn aus der Wüste wieder zu den fließenden Brunnen seines Lebens bringt. Schon vor dem schlimmen Pfingstfest ist er nach Stuttgart zu dem Verleger Cotta gefahren, um einer Gesamtausgabe der Schriften willen; er hat auch einen Vertrag zustande gebracht, aber wie günstig dessen Bedingungen sind, zeigt sich nun erst, als die Vorausbestellungen anfangen, einzulaufen. Der Kaiser von Rußland steht mit fünftausend Rubel an der Spitze, und gegen den Herbst kann Heinrich Pestalozzi ausseinem Anteil mit einer Einnahme von fünfzigtausend Franken rechnen. Das ist ein Erfolg, den er auch in hoffnungsvollen Stunden nicht erträumte; nun kommt der Segen in die Entmutigung. Also bin ich den Leuten doch nur ein Buchschreiber geblieben, sagt er zuerst noch grollend und will auch nichts mehr von seinen Schriften wissen. Als er sie endlich zur Hand nimmt, in seiner Bergstille zu prüfen, was die bittere Erfahrung dieser Jahre daran geändert habe, packt ihn allmählich doch der Eifer, das Veraltete darin neu zu sagen. Damit wird er, sich selber unbemerkt, auf die Heerstraße seines Lebens zurück geführt; er sieht wieder, in wieviel Abenteuer er für die Befreiung der Menschheit gezogen ist, und wird Blatt für Blatt aufs neue begeistert für den Sinn seiner Sendung: die Treppe der Bildung in das Haus des Unrechts zu bauen.
Selbst, was die Geißel seines Lebens gewesen ist, die eigene Unbrauchbarkeit, die er — in seiner Krankheit nichtswürdig vollendet — aus dem Seeboden herauf brachte in die Juraluft, hört auf, ihn zu lähmen: Ich sollte nicht anders sein, als ich da bin; Gott hat meine Seele gemacht, nicht ich; er wird wissen, warum sie solch ein unreines, undichtes und verbeultes Gefäß sein mußte! Vielleicht, oder gewiß, daß ich anders dem Menschengeist untauglich gewesen wäre, weil es doch soviel saubere und glatte Kannen gibt, darin nur Selbstgefälligkeit ist. Und darf ich wohl klagen, daß es mir übel ging, wo es meine Begnadung war, um der Menschheit willen aus Schuld Und Irrtum zu lernen?
Wenn er in solchen Gedanken von der sonnigenBergweide hinunter sieht über den See, der von hier oben betrachtet mit seinem Becken tief in die Berge gezwängt ist wie das Tal unterm Gurnigel, kann es ihm geschehen, daß ihn schon wieder ein Lächeln anfliegt, weil er das großmächtige Dach des Zähringer Schlosses klein wie ein Spielzeug sieht: Es waren nicht seine vier dicken Türme, die mich ängstigten — sie sind garnicht dick, ein Finger vor meinen Augen hält sie alle vier zu — es war der babylonische Turm meiner Erziehungsanstalten. Was mir nur ein Mittel sein sollte, meine Methode klar zu machen und mir das Geld für mein Armenkinderhaus zu bringen, das ist mir in Wahrheit über den Kopf gewachsen, so hoch, daß ich vom Himmel nur noch das Viereck über meinem Gemäuer sah. Hätte ich Waisenvater in Stans bleiben können, wäre meine Welt klar und einfach und übersichtlich für meinen Verstand geblieben. Ich hätte es schwerer gehabt, gleichviel, ich wäre glücklicher gewesen! Und Heinrich Pestalozzi freut sich wie ein Knabe, als er auf der Kuhweide in Bulet ein Wort findet, das ihm alle Qual der letzten Monate in einen bittersüßen Scherz umkehrt: Weil ich es leicht hatte, weil ich es mir zu leicht machte, nur darum bin ich unglücklich geworden! Und jedesmal — wie ein Sennbub wettend die Hand hinhält — steht hinter dem Wort und dem Gedanken sein Mut schon wieder auf beiden Beinen da: Topp, was gilts? Mein Leben hat noch Raum, glücklich zu werden!
Als er im Herbst von seinem Berg herunter kommt, nußbraun von der Sonne, daß seine Augen wie zwei Porzellanschilder darin stehen — hat ihm Schmid indie Hand versprochen, daß er den Traum seiner Seele, sein Armenkinderhaus, sogleich versuchen darf.
Er findet ein Gebäude dafür in dem benachbarten Clindy; denn nun hat er keine Fluchtgedanken mehr: meine Welt ist überall! sagt er, der sich mit den Einnahmen aus seinen Schriften fürstlich genug vorkommt, die Heimat des Werkes selbst zu wählen. Auch Gottlieb, der Enkel, der von den Frauen einem Gerber in die Lehre gegeben war — damit er einmal fester als sein Großvater im Leben stände — und der ihm zu Neujahr fröhlich wiederkommt, will gern hier bleiben, wo seine Mutter und die Großmutter begraben liegen. Ich habe meinen Jungbrunnen wieder! sagt Heinrich Pestalozzi, und als er in sein dreiundsiebzigstes Jahr tritt, liest er den Seinen zum Geburtstag eine Rede vor, die ihnen und der Welt ein Testament seiner befreiten Stimmung sein soll; sie schreitet Schritt für Schritt noch einmal die Absichten seines Lebens ab, um mit dem letzten in Clindy am Ziel zu sein. Gleich für den Neuhof hat er die Betteltrommel rühren müssen, und bis ins Alter sind ihm die Geldsorgen auf den Fersen geblieben: jetzt endlich einmal steht er selber als Stifter da, und keine Stunde in seinem Dasein ist er so stolz im Glück gewesen wie nun, da er die fünfzigtausend Franken als ewiges Kapital für seine Anstalt in Clindy stiftet.
Es ist die Höhe seines Lebens, die er nun in der dünnen Luft seines Alters doch noch erreicht. Als ich auszog, war ich Einer; jetzt sind es Tausende in der Welt, die meinem Gedanken diese Hülfe bringen! Ausdem Einsiedler im Neuhof ist eine Gemeinde in Europa geworden; mein letztes Werk in Clindy soll dem Menschengeist in Europa eine andere Stunde der Befreiung einläuten als das Jakobinertum der Revolution! In Stans, wo ich meine Schulmeisterschaft begann, ist auch die Heimat von Winkelried, der in der Schlacht bei Sempach dem Vaterland mit seiner Brust eine Gasse durch die Lanzen machte: mir hat es die Brust zerstochen gleich ihm, aber nun ich sterben gehe, schallt Sieg um mich, weil ich die Gasse der Menschenbildung gebrochen habe!