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Es sind die Sturmtage mit jagenden Regen- und Hagelschauern, die das schönste Abendrot auftun und die Berge mit den Wolken in eine Herrlichkeit verklären. Aber leicht ist dann noch hinter den Bergen ein Hinterhalt der kalten Winde, die den Nachthimmel doch wieder mit schwarzem Sturmgewölk bedecken, als ob der Aufruhr nun in die hohen Lüfte gekommen wäre, indessen die Nacht sich ruhig in die Täler der Erde legt. So brennt die Abendröte Heinrich Pestalozzis in die letzte Täuschung hinein: er hat die fünfzigtausend Franken aus den Händen gegeben, ehe sie darin waren; erst nach drei Jahren kommt eine Rate von zehntausend Franken an; so kann er die Anstalt auftun, aber nicht halten. Niederer hat den Streit um Mein und Dein zu einem Prozeß gemacht. Demütigung und Trotz, Zorn und Verzweiflung, Liebe und Verrat: alles jagen die kalten Winde aus dem Hinterhalt der Berge in den Sturmhimmel der sinkenden Nacht.

Noch sechs lange Jahre bleibt Heinrich Pestalozzi in Ifferten, und immer mehr entsinken die Zügel seiner zitternden Hand; wohl hält Schmid die Peitsche, die Pferde doch noch in den Stall zu bringen, aber längst schon ist es kein fröhlicher Trab mehr, den sie laufen; sie sind vom Weg gekommen, und ihre Beine stapfen im Moor, das die Räder versinken läßt, bis keine Hoffnung bleibt, den Wagen zu retten: sie müssen abspannen vor der Nacht und mit den Pferden den Heimweg nach dem einsamen Licht suchen, das aus der Ferne leuchtet. Es kommt vom Birrfeld, wohin sein Enkel Gottlieb mit der Schwester Schmids, als seiner jungen Frau, ihnen voraus gegangen ist, den dritten Hausstand im Neuhof zu versuchen. Am letzten Februar seines achtzigsten Jahres nimmt Heinrich Pestalozzi Abschied von dem Grabstein unter den Nußbäumen; seine Hände sind nicht mehr stark genug, daran zu rütteln, und in seiner Seele rast kein Zorn mehr: Ich muß heim, Anna, klagt er, du bleibst unter deinem gemeißelten Stein; ich armer Müdling gehe bei den Enkelkindern im Birrfeld eine Zuflucht suchen. Aus Reichtum und Armut kamen unsere Wege zusammen, nun scheidet sich der meine in die Armut zurück; dich lasse ich im Schloß, als dessen Herrin sie dich begruben!


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