99.
Der Schnee vergeht im Tauwind, und die Wasserrinnen ziehen schwarze Striche hindurch, als Heinrich Pestalozzi nach siebenundfünfzig Jahren zum zweitenmal auf das Birrfeld kommt: Es gibt keinen Punktauf diesem meilengroßen Kirchhof, sagt er zu Schmid, darauf ich nicht eine Erinnerung als Grabstein stellen könnte! Aber wie sie gegen den Neuhof fahren, steht Lisabeth da, die fast ein halbes Jahrhundert lang seine Schaffnerin gewesen ist, und hängt Kinderwäsche in den Wind. So bin ich auch noch Urgroßvater geworden! will er sagen, aber der Boden seines Lebens bricht durch, daß Anna und Jakob, sein Enkel Gottlieb mit seiner Frau nichts mehr als die Erinnerung eines fremden Romans in seiner Seele sind. Ich habe mich verspätet, Babeli, ruft er und will aus dem Wagen zu ihr hinspringen; doch sind ihm die Beine steif von der langen Fahrt, und ehe er an die Gartentür kommt, steht Lisabeth statt ihrer vor ihm und nimmt ihn an der Hand: Wir haben erst für morgen auf Euch gerechnet, Herr Pestalozzi, aber die Suppe wird bald gerichtet sein! Er sieht ihr hartes, treues Gesicht und findet das Babeli nicht; als ob er sich verirrt hätte, tritt er in das Haus. Auch als sie ihm den Urenkel darbringen, betrachtet er das eigene Geschlecht kopfschüttelnd wie ein fremdes und beugt sein braunes Runzelgesicht über das Kissen, als ob er sich vor ihm entschuldigen müsse: Ich will hier nur den andern Wagen abwarten, sagt er und merkt nicht, daß seine Tränen dem Säugling ins Gesicht tropfen, bis der ein Geschrei anhebt und in die Kammer zurückgebracht wird.
Als danach die letzten Leintücher des Winters aus dem Birrfeld verschwinden und die Quellen wieder klar fließen, geht er viel um den Neuhof herum, die Obstbäume zu suchen, die noch aus seiner Zeit stehen gebliebensind — es ist mancher ein Krüppel geworden, den er noch als schwankes Stämmchen kannte — da drängen sich die Grabsteine seiner Erinnerung am dichtesten, und je nachdem sie lustig oder ärgerlich sind, kann er zornig brummen oder lachen. Wenn ihn die Birrer so sehen, wie er mit dem Halstuchzipfel im Mund seine ewige Unterhaltung hat, sagen sie, er sei kindisch geworden; aber die Alten, die ihn noch kennen, wehren ab: so sei er immer gewesen, im Streit mit den eigenen Gedanken. Daß sie ihn die schwarze Pestilenz nannten, will keiner so recht mehr wissen; alle aber wundern sich, wie er mit seinen achtzig Jahren noch rüstig zu Fuß ist und weder einen Gang nach Brugg oder hinauf nach Brunegg anschlägt, wo die Frau Hünerwadl — ehemals seine Schülerin zu Ifferten — ihm noch immer wie eine Tochter anhängt. Wenn ihm der Berg zuviel geworden ist in der Maisonne, fordert er sich von ihr ein Ruhebett, ein Stündchen friedlich zu schlafen. So lebt er den ersten Frühling, als ob er nur auf den Tod warte und von der Rastlosigkeit seines langen Lebens allein noch seine schrulligen Gewohnheiten hätte.
Wie dann aber die Maienblust auch im Birrfeld ihre weißen Fahnen weht mit Wolken und Blühebäumen und in Schinznach wieder die Helvetische Gesellschaft tagt, in der er vor einundfünfzig Jahren den Vortrag des Landvogts Tscharrner hörte, läßt er sich hinüber fahren und erscheint unter den Jungleuten, die da im Geist ihrer Väter und Großväter raten. Es lebt keiner mehr aus jenen Tagen, und so steht er erschüttert amselben Ort und in der selben Stube unter den fremden Gesichtern einer neuen Zeit; aber es sind wenige da, die ihn nicht kennen, und auch diese Wenigen schätzen es als ein Glück, den Greis zu sehen, der wie eine ehrwürdige Gestalt der Vorzeit in ihre Gegenwart eintritt. Und so erlebt Heinrich Pestalozzi noch einmal, daß es außer den Zürcher Humanisten und den Berner Aristokraten doch andere Schweizer gibt, die ihm innig anhängen; und daß es die besten seines Volkes sind, die sich hier treffen, weiß er aus seinen Tagen. Es wird ein Jubel ohne gleichen, als sie ihn zu ihrem Präsidenten wählen; und wenn er sich wie ein dürres Eichblatt vorkam, als er eintrat, vom Wind in ihr junges Grün geweht: so geht er andern Tags fort in dem Gewühl eines Baumes, der seine Blätter rauschen hört.
Seit diesem Maitag drängen die Säfte noch einmal hoch, die ihm selber in der Vereinsamung und Enttäuschung der letzten Jahre eingetrocknet schienen. Seine Wurzeln haben die Heimat wiedergefunden; aber es ist nicht das Birrfeld, es ist das ganze Schweizerland, darin er sich gewachsen fühlt, indessen zu Ifferten nur das Gezänk von Lehrern und Zöglingen war. Nun braucht ihn niemand mehr an die noch ausstehenden Bände seiner Gesammelten Werke zu mahnen; eher müssen die Seinen aufpassen, daß er sich nicht zuviel zumute. Sie haben ihm einen Mann gefunden, der sein Diener und Schreiber in einem ist, einen ordentlichen Glarner, namens Steinmann; der hat nun manchmal bis tief in die Nacht zu schreiben, während Heinrich Pestalozzi nach der Gewohnheit seines müden Rückensin den Kleidern auf dem Bett liegt und unermüdlich das Band seiner Gedanken abwickelt. Ehe er es selber gedacht hat, ist er mitten darin, noch einmal die Lehre seiner Menschenbildung darzustellen. Er nennt es seinen Schwanengesang, und der treue Steinmann muß oft genug anhören, wieviel Wehmut und Schelmerei sich in dem Titel mischen; denn als er noch einmal mit dem Eifer seines Alters das Ziel und die Mittel seiner Lehre durchgegangen ist, als ob er behend eine Leiter hinauf liefe, die er sich Sprosse für Sprosse selber mit dem Schnitzmesser machen mußte: kommt er wieder an das Fragezeichen, das ihm seine Lebenserfahrung als Fähnchen oben hingesteckt hat: Warum, wenn dies alles so klar und notwendig ist, warum bin ich selber mit meinen Versuchen immer wieder gescheitert und als ein Unbrauchbarer auf den Neuhof zurückgekehrt?
Noch einmal zieht er die Lehre aus seinem Leben, die ihm die harte Juraluft in Bulet gab, daß er ein unreines und verbeultes Gefäß für seine Lehre gewesen sei; und der selbe Bekennerdrang, der ihm den Sarg in die Kapelle stellte, läßt ihn nun nach den Mängeln seiner Natur und ihrer Erziehung suchen. Sich selber unerwartet schreibt er mit achtzig Jahren seine Lebensgeschichte; aber es ist weder Altersgeschwätzigkeit noch Eitelkeit oder Jugendwehmut darin, es wird die Schicksalsgeschichte seiner Fehler und Schwächen. Und er ist tapfer genug, vor Ifferten nicht Halt zu machen; obwohl ihm doch wieder Bitterkeit und Zorn einfließen, daß er oft genug an den Bodensatz seiner Verzweiflung kommt, läßt er nicht nach, bis erauch da seine Lehre und ihre Gültigkeit von seiner eigenen Unbrauchbarkeit gereinigt hat.
Der Sommer weht ihm darüber hin wie kaum einer in seinem Leben; es wird Herbst und Winter, ehe er es weiß, und erst, als wieder Frühjahr um ihn ist — es sind nur einundachtzig Lenze, denkt er, man könnte sie in einer Minute zählen, wenn sie neben- statt hintereinander ständen; und nur, weil man immer eins durchs andere sieht, scheint es wie eine Unendlichkeit — kann er die Druckbogen absenden. Es ist unterdessen noch einmal bunt um ihn geworden; seitdem er sich so unvermutet in Schinznach zeigte, wissen viele, daß er wieder im Land ist; und mancher erinnert sich seiner als eines Ideals der eigenen Jugend, das er über den toten Jahren zu Ifferten fast vergessen hat, als ob Heinrich Pestalozzi längst gestorben wäre: nun ist er für den Aargau von den Toten auferstanden, und es vergeht selten ein Tag, der ihm nicht einen Dank zubrächte, ein Stück seines Menschengeistes, das irgendwo zum eigenen Leben kam und sich seines Schöpfers erinnert. Er hat sich noch einmal durch den Groll schreiben müssen: es waren die Reste des alten Mannes in mir, denkt er nun oft mit den Worten Annas; seitdem ich den los bin, ist mir frei und leicht.
So geht er zum andernmal in die Helvetische Gesellschaft, diesmal nach Langental als ihr Präsident; und was im vergangenen Jahr eine Überraschung gewesen ist, fällt nun als Springbrunnen des Segens auf ihn zurück. Er fühlt es und sagt es auch: dies ist der Dank meines Landes! und alle bitteren Jahrzehnte wiegennun die eine Stunde nicht auf, da er sich im Kreis dieser Männer und Jungmänner als eine Lebensquelle fühlt, die immer noch über den Rand zu fließen vermag. Er kommt beschüttet vom Glück und mit der seligen Wehmut heim, daß es sein letzter Tag in ihrem Kreis gewesen sei, weil er ein Nocheinmal nicht ertrüge.
Im Spätsommer ist er immer noch rüstig genug, mit Schmid — der seit Ifferten ein Unsteter geworden ist und nun nach Paris will, um dort eine französische Ausgabe der gesammelten Werke einzurichten — bis Basel zu reisen; in die Stadt, die ihn, das weiß er, bis auf den Tag verachtet in dem Hochmut ihrer gesicherten Kultur, und die ihm doch zweimal durch einen ihrer Bürger zur Rettung geworden ist. Ich hätte nicht her kommen sollen, klagt er; es stimmt ihn wehmütig, die Gassen und Häuser wieder zu sehen, die einmal lebendig um sein Leben standen und jetzt für ihn gestorben sind. Doch läßt er sich durch Schmid verleiten, im Wagen nach Beuggen hinaus zu fahren, wo Zeller ein Waisenhaus in seinem Sinn führt. Da hat sich die Anstalt seit Tagen gerüstet, den Vater der Waisen zu empfangen, und die Kinder treten ihm mit Gesang entgegen. Er weiß beim ersten Ton: das hätte ich mir nicht antun dürfen, meinem versagten Herzenswunsch das Bild eines fremden Gelingens zu zeigen. Sie wollen ihm einen Kranz überreichen, aber er wehrt ihn ab und wankt vor ihnen in den Saal, wo ein Ehrenpult steht, daß er zu den Kindern spräche. Vorher singen sie noch einmal:
»Der du von dem Himmel bist,alles Leid und Schmerzen stillest,den der doppelt elend ist,doppelt mit Erquickung füllest,ach! ich bin des Treibens müde!Was soll all der Schmerz und Lust!Süßer Friede,komm, ach komm in meine Brust!«
Hat ihm schon draußen der Gesang an sein tiefstes Leid gerührt, so reißt er ihn nun zu Tränen hin, daß er meint zu ersticken. Die Goetheschen Verse, die ihm schon in Lienhard und Gertrud klangen, wie wenn irgendwo in der Welt eine Quelle der Liebe unerschöpflich quölle, ergreifen ihn nun in ihrer überirdischen Schönheit; er vermag vor den Augen dieser Waisen, die alle mit fragender Neugier an seinem Schmerz hängen, nichts als aus der Tiefe seines Herzens zu schluchzen, wie vielleicht in seiner ersten Jugend, aber nie mehr in seinem bitter gesegneten Leben.
Der Tag hat ihm in seine Heiterkeit einen Schnitt gemacht, der nicht wieder heilt. Obwohl sein Verstand kopfschüttelnd dabei steht, er vermag seiner Seele nicht Halt zu gebieten, die nun ihre Sehnsucht immer nach der gleichen Seite fließen läßt, bis sein Enkel Gottlieb ihm nachgiebt und neben dem Neuhof noch den Bau eines Armenkinderhauses beginnt. Er weiß es genau und sagt es sich immer wieder, daß er nicht mehr hineinkommt, daß es aus seinem Leben in die Nachwelt gebaut wird; aber er kann seine Hände nicht davon lassen, und wieder wie damals am Neuhof steht er unter den Bauleuten, ihnen übereifrig Handreichungzu tun, obwohl es nasser Schnee ist, darin seine Füße kalt werden.
Unterdessen ist sein Schwanengesang erschienen; aus seiner Lebensgeschichte hat ihm der Verleger die Jahre in Ifferten herausgenommen, er hat sich aber nicht abhalten lassen, daraus eine besondere Schrift zu machen, die er »Meine Lebensschicksale« nannte. Lobendes und Tadelndes kommt ihm darüber zu, es ist ihm nicht mehr wichtig, seitdem er in Beuggen war: Ich bin auf dem Altenteil der Seele, sagt er dem Steinmann, der Menschengeist muß sehen, wie er allein in der Welt zurecht kommt! Aber im Spätwinter fällt ihm die Antwort aus Ifferten wie ein Stein auf den Tisch; Niederer hat ihn geworfen, jedoch nicht die Tapferkeit gehabt, dafür einzustehen, sodaß nun ein junger Lehrer an der Mädchenschule mit dem Namen Biber die Schrift decken muß. Als Heinrich Pestalozzi die Anklage liest, die ein ziemliches Buch ist, hat er ein Gefühl, als ob er noch immer lebe, aber die Welt um ihn hätte ihren Lauf eingestellt. Vor einem halben Jahr würde er es verwunden haben, sich aus dem eigenen Haus als Lügenvater und als Wahnsinniger beschimpft zu sehen; jetzt nach dem Tag in Beuggen trifft ihn der Dolchstich, daß er hinstürzt.
Mitten aus seiner hartnäckigen Gesundheit haben sie nun im Neuhof einen Kranken zu pflegen, dem das Fieber aus der Seele in den Körper zu rasen scheint. Schon liegt er von Schmerzen zerrissen auf dem Bett, da will er noch die Antwort schreiben, und er fleht den Arzt an, ihm ein paar ärmliche Wochen zu schenken,da er vorher doch so sinnlos lange gelebt habe! Nicht mehr wie sonst vermag er zu diktieren, er muß die Feder selber führen, und es ist grausig für den getreuen Steinmann, daß er ihn vielmals ohne Tinte schreiben sieht: Tupfen, Herr Pestalozzi, tupfen! sagt er ihm immer wieder; aber die gequälte Seele sieht nicht mehr, was sie tut.
Die Schmerzen werden bald so stark — es sind Harnbeschwerden — daß der Arzt ihn nach Brugg haben möchte, um besser nach ihm zu sehen. Noch liegt dicker Schnee, als sie ihn mit Kissen und Decken in einen Schlitten packen. Das ist mein Wagen, diesmal der letzte, sagt er zu seinem Urenkel, den sie ihm aus der Wiege anbringen müssen, daß er den fiebrigen Kopf über ihn neige; auch den andern gibt er mit tapferen Worten die Hand, nur als sie an den halbfertigen Mauern des Armenhauses vorbeifahren, hält er sich die weinenden Augen zu.
Im Gasthaus zum Roten Haus in Brugg wartet die Sorgfalt auf ihn und Steinmann ist da, ihn zu pflegen. Noch eine Woche lang strömt ihm die besorgte Liebe seiner Freunde aus dem Aargau zu, und er ist wach genug, sie zu empfinden; nur der Glarner, der ihn nun besser kennt als irgend einer, sieht durch Tränen, wie er die Hände nicht mehr zu halten vermag, die Hände und die Lippen, als ob er unablässig aus einem niederstürzenden Schutt die Worte ausscharren müsse.
Als es stiller damit wird, weiß der treue Diener zuerst, wer die Ruhe bringt; und während die andern an seiner Heiterkeit wieder auf Genesung zu hoffen wagenund mit ihm sprechen, als ob dies nur ein unpäßlicher Aufenthalt auf einer Poststation sei, geht Steinmann in blinder Trauer um seinen erwürgten Herrn beiseite. Bis mit dem Abend die Heiterkeit aus den Augen Heinrich Pestalozzis auch in die Sprache kommt, daß sie hell und frei wird wie bei einem Knaben, und endlich sich ein überirdisches Lächeln um die Greisenlippen legt, dem nur die Augen nicht standhalten, weil sie im Anblick der jenseitigen Welt erstarren und für diese leblos aufgerissen sind: da schließt seine Dienerhand die beiden Fensterläden, die zwischen dieses und jenes Leben von Anbeginn der Menschheit gelegt sind.