Morgen
1.
Als die Menschenseele in Heinrich Pestalozzi erwacht, liegt sie in einer Stube am Hirschengraben, wo sich jenseits der alten Stadtmauer bis zu den neuen Bastionen am Zürichberg hinauf die Landhäuser der Reichen sonnen. Sie selber spürt nicht viel von dieser Sonne, sie haust mit Kleinbürgersleuten im Gedränge hoher Steingebäude, die nur finstere Gäßchen zwischen sich lassen und mit dunklen Treppen in beengte Wohnungen führen. Außer der Mutter und einer Magd, die Babeli gerufen wird, sind noch drei Geschwister in der Stube, ein Knabe Johann Baptista und zwei Mädchen, von denen das kleinste in der Wiege liegt. Das wird eines Tages von schwarzen Männern fort getragen, über die dunkle Treppe hinunter in die Stadt, die draußen mit beschneiten Dächern wartet. Im Sommer aber ist es wieder da, schläft in der Wiege und heißt Bärbel, wie es vorher auch geheißen hat. Doch weint die Mutter immer noch, und der Vater, der sonst mit großen Schritten durch die Stube gegangen ist, liegt in der Kammer nebenan, nicht anders als das Bärbel in der Wiege; seine haarigen Hände ruhen auf dem Leintuch, und die Augen forschen an der Zimmerdecke.
Eines Tages muß das Babeli hinein zu ihm — allein und lange, während die Dachtraufe vor dem Fenster einen langen Strahl zerstäuben läßt; als es wieder herauskommt, fällt es der Mutter um den Hals und weint. Die hat, das Bärbel säugend, auf der Ofenbank gesessen; nun tut sie das Kind schnell von der Brust und läuft in die Kammer. Nachher muß Heinrich Pestalozzi mit den Geschwistern auch hinein; der Vater bemerkt sie schon nicht mehr, seine Augen aber forschen noch immer an der Zimmerdecke, nur die eine Hand ist von der Bettdecke abgerutscht, und die Mutter hängt daran, als ob sie ihn festhalten wolle.
Am andern Tag ist er in einen Sarg getan, die Hände sind auf der Brust gefaltet, und die Lider haben wie zwei Deckel aus Wachs die forschenden Augen zugemacht. Heinrich Pestalozzi und sein Bruder bekommen die Sonntagskleider an und müssen — als fremde Männer in schwarzen Röcken und Hüten kommen, den Vater zu holen — mit hinunter über die dunkle Treppe und hinter ihnen her durch die Gassen nach dem Großmünster gehen, wo gesungen und gebetet wird, bevor sie den Sarg auf den Kirchhof bringen und bei Wind und Regen in ein frisch gegrabenes Loch versenken. Seitdem Heinrich Pestalozzi die hohen Münsterhallen mit dem Donnerschall der Orgel gesehen hat, weiß er, wo die Schwester Bärbel so lange gewesen ist; der Vater aber kommt nicht wieder, bis er ihn fast vergißt und nur noch manchmal gleich ihm mit langen Schritten die Stube messen will.
Als wieder Winter wird, nimmt ihn das Babelieines Abends schnell bei der Hand, einen Arzt zu suchen; sie finden den ersten nicht und müssen den zweiten erst aus einem Wirtshaus holen, wo viele Männer bei der Lampe in einer qualmigen Stube sitzen. Der läuft gleich mit, doch geht er bald wieder kopfschüttelnd fort von dem Bettchen der Schwester Dorothea, und andern Morgens sagt die Mutter, es sei gestorben an der Bräune. Die schwarzen Männer kommen zum drittenmal, aber diesmal tragen sie das Dorli fort, mit dem er jeden Tag gespielt hat. Seitdem ist ihm das Großmünster ein furchtbares Geheimnis, und so oft er die Glocken läuten hört, läuft er zur Stubentür, den Riegel vorzuschieben. Manchmal aber kommen doch Menschen über die Treppe herein, die mit der weinenden Mutter sprechen und denen er die Hand geben muß; er tut es gehorsam, doch immer in der Furcht, daß sie ihn mitnehmen könnten in das Großmünster. Auch wenn die Mutter oder das Babeli ihn selber an der Hand hinunter führen, ist er nicht froh, bis er endlich durch die Haustür hinein schlüpfen kann und oben die Heimeligkeit der Stube wiederfindet. Und nur dadurch, daß seine seltenen Ausgänge meist den gleichen Verlauf nehmen, durch die steilen Gassen und über Treppen zum Markt hinunter, wo die Limmat unter den Holzbrücken hindurch ihr reißendes Wasser drängt, oder Sonntags bis an den gleißenden See hinaus, wo die Schiffe und Schwäne schwimmen und die Wolken auf den fernen Bergen Rast machen, die den blauen Himmel mit ihrem weißen Zackenrand begrenzen: bahnt sich seine furchtsame Seele allmählich Straßen in die fremdeUnermeßlichkeit, darin die Türme des Großmünsters drohend stehen. Sonst aber bleibt die Stube die einzige Sicherheit seiner Welt.