The Project Gutenberg eBook ofLegenden und GeschichtenThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Legenden und GeschichtenAuthor: Aleksei RemizovTranslator: Arthur LutherRelease date: March 17, 2012 [eBook #39175]Language: GermanCredits: Produced by Jens Sadowski*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Legenden und GeschichtenAuthor: Aleksei RemizovTranslator: Arthur LutherRelease date: March 17, 2012 [eBook #39175]Language: GermanCredits: Produced by Jens Sadowski
Title: Legenden und Geschichten
Author: Aleksei RemizovTranslator: Arthur Luther
Author: Aleksei Remizov
Translator: Arthur Luther
Release date: March 17, 2012 [eBook #39175]
Language: German
Credits: Produced by Jens Sadowski
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN ***
LeipzigKurt Wolff Verlag
Verlagslogo
Bücherei „Der jüngste Tag“ Band 60/61Gedruckt bei Dietsch & Brückner · Weimar
Berechtigte Übertragung von Arthur Luther
Anmerkungen zur Transkriptionfinden sich am Ende des Buches.
Anmerkungen zur Transkriptionfinden sich am Ende des Buches.
InhaltLegendenAdams SchwurDie Geburt ChristiDie Leiden der heiligen JungfrauDie Leiden des HeilandesGeschichtenDer HofjuwelierMakaDie Krawatte
Legenden
Adams Schwur
Die Geburt Christi
Die Leiden der heiligen Jungfrau
Die Leiden des Heilandes
Geschichten
Der Hofjuwelier
Maka
Die Krawatte
Als ich meine Tage in der Lehre bei einem weisen Greise verbrachte, zündete ich einst in der Nacht in tiefer Seelenverwirrung eine Kerze an und schlug ein Buch auf, das der Greis, mein Meister, in meiner Stube liegen gelassen hatte. Ich wandte die vergilbten, mit Unzialschrift bedeckten Blätter um und begann zu lesen.
Und die Sterne gingen mit dem nächtlichen Dunkel, der Morgen graute, ich aber las und las und hatte nicht gehört, daß man drüben von der Erlöserkirche längst schon zur Frühmesse geläutet hatte.
Und der weise Greis, mein Meister, gab mir seinen Segen, daß ich Euch aus jenem wunderbaren, mit Unzialschrift geschriebenen Buche einige Gleichnisse, Geschichten und Sagen erzähle.
„Geht und glaubt nicht, daß ihr je zurückkommen könntet! Und flucht eurem Gotte nicht. Euer Zorn würde machtlos sein und auf euch zurückfallen.“
Und das feurige Schwert in der Hand des Cherubs flammte auf.
Die Pforte des Paradieses fiel zu.
Verzweifelt warfen sich Adam und Eva nieder und weinten. Sieben Tage weinten sie, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne sich vom Boden zu erheben.
Und sie vernahmen die Stimme Gottes:
„Ich breite meine Gnade über euch aus. Die Stunde der Verheißung wird kommen, und ich werde euch das Paradies wiedergeben.“
Sie hoben die Augen auf, aber sie sahen Gott nicht wie früher.
An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit dem flammenden Schwert.
Und sie baten den Cherub, ihnen zu sagen, wann Gott kommen und ihnen das Paradies wiedergeben werde.
„Fünftausend fünfhundert und acht Jahre werden vergehn,“ sprach der Cherub, „und Gott wird euch befreien. Jetzt aber geht, sage ich euch, und wagt nicht zurückzukommen. Und flucht eurem Gotte nicht. Denn euer Zorn würde machtlos sein und auf euch zurückfallen.“
Und sie gingen demütig, um nie mehr zurückzukommen.
Und die Schlange kroch ihnen nach.
Sie aber erkannten die Schlange nicht.
Denn die Schlange war schöner gewesen als alle Tiere, und jetzt kroch sie auf dem Bauche; sie hatte reden können, und nun war sie stumm. Sie konnte Adam und Eva nur vorwurfsvoll ansehen.
Trübe Tage wechselten mit bangen Nächten. Das Leben war schwer.
Die unfruchtbare, von Gott verfluchte Erde war eine Wüste. In der Behausung der ersten Menschen war es eng und finster. Wilde Tiere bedrohten sie. Sehnsucht, Angst, Müdigkeit . . .
„O weh, du mein schönes Paradies!“ weinte Adam und weinte Eva.
Sie konnten das Leben im Paradies nicht vergessen, immer wieder dachten sie daran, und dann gingen sie bis zur Mauer des Paradiesgartens, knieten nieder und weinten.
Und die Schlange war mit ihnen.
Sie war schöner gewesen als alle Tiere, und alle Kreatur hatte sich an ihrem Anblick gefreut, — und nun kroch sie auf dem Bauche und spie Gift aus, und alles floh vor ihr.
„O weh, du mein schönes Paradies!“ weinte Adam und weinte Eva.
Aber keiner hörte sie, keiner gab ihnen Antwort.
An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit flammendem Schwert.
Und verzweifelnd gingen sie zurück zu ihrem verhaßten Felsen in die finstere Höhle.
Und die Schlange kroch ihnen nach.
Als das erste Jahr zu Ende ging, gebar Eva dem Adam einen Sohn, den Kain.
Er war der Erste, der auf der Erde geboren war, schön wie die Schlange und schrecklich. Auf seinem Haupte wanden sich sieben giftige Schlangenköpfe.
Eva war bitter geplagt. Müde und schwach, mußte sie alle nähren — den Sohn und die Schlangenköpfe, die wie ein Kranz seine Stirn umgaben.
Und Adam konnte seinem Weibe nicht helfen, konnte ihre Schmerzen nicht lindern.
Die Schlange aber, die mit ihnen in der Höhle wohnte, war stumm und sah sie nur vorwurfsvoll an.
Und die Erde war voll Weh und Leid.
Trostlose Tage wechselten mit trostlosen Nächten.
Da kam Satan und sprach zu Adam:
„Was gibst du mir, wenn ich Eva helfe?“
„Alles, was du willst,“ erwiderte Adam, der zu allem bereit war, wenn nur Evas Schmerzen gelindert würden und er nicht mehr den Sohn mit dem greulichen lebendigen Schlangenkranze ums Haupt zu sehen brauchte.
„Schwöre mir,“ sprach Satan, „daß du und deine ganze Nachkommenschaft mir gehören sollen!“
Und er ergriff einenweißenStein und reichte ihn dem Adam.
Und Adam schwur.
Und Adam schrieb den Schwur mit seinem Blut hin, daß er dem Satan angehören wolle, er und alle seine Nachkommen bis auf den letzten.
Und alsbald fielen die sieben Schlangenköpfe von Kains Haupte ab.
Da freute sich Eva und Adam freute sich mit ihr.
Und es war dies die erste Freude auf der Erde.
Satan aber nahm denrotenStein mit dem Versprechen und die sieben Schlangenköpfe und ging von der Höhle nach dem Fluß Jordan. Und dort, am Jordan, unter einem Felsen, wählte er einen versteckten Platz und legte den Stein dahin und befahl den sieben Schlangenhäuptern, ihn zu hüten.
Und als Adam starb, kam seine Seele zu Satan. Dann starb Eva, und auch ihre Seele kam zu Satan. Und alle, die nach Adam und Eva starben, folgten ihnen in das Reich Satans, in die Hölle, wie Adam es geschworen hatte.
Die Tage und Jahre gingen, wie Gott es bestimmt hatte.
Die Menschen wurden geboren und breiteten sich über die Erde aus; sie hofften und verzweifelten, bangten und freutensich ihres Lebens, verlangten nach Macht, nach Reichtum, nach Ruhm, liebten und haßten, halfen einander und töteten einander.
Und der rote Stein lag immer noch am Jordan unter dem Felsen, und die Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag, jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
Die Tage und Stunden gingen hin, wie Gott sie festgesetzt hatte. Sie blieben sich immer gleich, heute war wie gestern, und jede Stunde war ein stiller, geheimer Gottesdienst.
Die erste Nachtstunde brach an — die Stunde, da die Dämonen sich vor Gott beugen. Und die Dämonen schadeten dem Menschen nicht, das Böse ruhte, wurde nicht größer, nicht geringer.
Die zweite Stunde kam — die Stunde der Fische. Und es erhob sich der Ozean mit seinem ganzen Reich, und die tiefsten Tiefen des Meeres beugten sich vor dem Herrn. Es kam die dritte Stunde — die Stunde der höllischen Abgründe.
Es kam die vierte Stunde — die Stunde, da die Seraphim den Herrn preisen, und das Rauschen ihrer Flügel füllte die himmlischen Tempel mit süßer Musik.
Es kam die fünfte Stunde — die Stunde der Wasser über dem Himmel.
Es kam die Mitternacht — die sechste Stunde der Nacht —, und es zogen sich die Wolken zusammen und erfüllten die Welt mit einem großen, heiligen Schauer.
Es kam die siebente Stunde — die Stunde der Ruhe für alles Lebende.
Es kam die achte Stunde — und die Erde freute sich des Taus, der auf Saaten und Gräser niederging.
Es kam die neunte Stunde — die Stunde des Dienens für die Engel, die vor dem Throne der ewigen Allmacht stehen.
Es kam die zehnte Stunde — die Stunde des Gebets, und die Himmelstore gingen auf, und die Gebete traten vor Gott, und Gott war gnädig zu den Menschen, und die Seraphim schlugen mit den Flügeln, und Musik tönte durch den Himmelsraum, und unten auf der Erde krähte der Hahn.
Es kam die elfte Stunde — und die Sonne ging auf und brachte der Welt Freude und Licht und Wärme.
Und es kam die zwölfte, die letzte Stunde — die Stunde der Hoffnung und des Schweigens der Engelchöre vor dem Throne Gottes.
Aber der rote Stein lag am Jordan unter dem Felsen. Und die Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag, jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
Das währte so fünftausend fünfhundert und acht Jahre.
Nun kam die Stunde, die verheißen war, Christus kam auf die Erde, der Sohn Gottes.
Niemand wußte von ihm, niemand dachte an ihn. Wie bisher aßen und tranken die Menschen, freiten und ließen sich freien, stritten und versöhnten sich, töteten sich selbst aus Liebe und töteten andere aus Haß. Ebenso wie bisher ging die Sonne auf und grünten die Bäume im Frühling. Ebenso wie früher gingen nachts die geheimen Stunden hin.
Einzig Johannes der Täufer harrte des Heilandes am Jordan.
Und als die Zeit erfüllt war, kam Christus aus der Wüste an den Jordan zu Johannes. Und Johannes erkannte den Heiland.
Und Christus trat unter den Felsen auf den roten Stein und ward von Johannes getauft.
Und das Wasser ward unter den Füßen Christi zu Feuer. Das Feuer verbrannte die Schlangenköpfe, das Feuer zerfraß den roten Stein.
Der Heilige Geist stieg auf den Gottessohn herab, und es ward eine Stimme vom Himmel gehört:
„Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
In Zorn geriet Satan, als er den gespaltenen, vom Feuer zerfressenen roten Stein und die sieben toten Schlangenhäupter sah.
Er sammelte die schwarzen Stücke des roten Steins und fügte sie mit höllischer Kunst zusammen, und den neuenschwarzenStein trug er hinab in sein Reich, die Hölle.
Noch war die Zeit nicht erfüllt, drei Jahre sollte Christus noch auf Erden wandeln. Noch drei Jahre mußten Adam und Eva in banger Sehnsucht harren.
Und Satan gab sich kühnen Träumen hin.
Er hatte den schwarzen Stein in der Hölle versteckt und wartete auf die letzte Stunde des Gottessohnes, um dann seine ganze Kraft zusammenzunehmen, den Unüberwindlichen zu besiegen, ihn zu zerreißen, ihn zu verspotten in seiner Kreuzesnot und dann seine schwarze Finsternis über die ganze Welt zu breiten.
Und groß war in der Hölle die Freude des von seinem Wahn betörten Herrschers am Vorabend seiner Schmach und seiner Vernichtung.
In der Nacht, da Christus geboren werden sollte, befand sich die Gottesmutter mit dem heiligen Joseph auf dem Wege nach der Stadt Bethlehem.
Und unterwegs geschah etwas Seltsames mit der heiligen Jungfrau: sie lachte und weinte zu gleicher Zeit. Joseph hielt sein Rößlein an. Der Alte dachte: „Ist der Maria nicht wohl, oder hat sie Angst vor den Wölfen bekommen?“ Denn Wölfe gibt es viel in der Gegend.
Die Gottesmutter aber sprach zu ihm:
„Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine lacht, und mit dem freue ich mich, denn ihm steht ein großes Glück bevor. Der andre aber weint, und mit dem traure ich, denn ihn erwartet ein großer Schmerz.“
Der Alte verstand die Worte der Gottesmutter nicht, aber er merkte sie sich wohl. Sie verhießen der Erde zugleich eine große Freude und ein bitteres Weh.
Die Gottesmutter war auf dem Wege nach Bethlehem. Sie mußten beide zur Schätzung. Es sollten alle Bewohner des Landes geschätzt werden, und in welcher Stadt einer angeschrieben war, in die mußte er sich begeben.
Es war Winterszeit. Und ein sehr schneereicher Winter. Bergehoch lag der Schnee überall. Mit großer Anstrengung kam das Pferdchen vorwärts. Joseph hätte sich die beschwerliche weite Reise gern geschenkt, doch er wagte es nicht, ungehorsam zu sein. Es war ein strenger Befehl vom König ausgegangen, daß ein jeder sich nach seiner Stadt zu begeben habe.
Joseph war ein ganz alter Mann. In jungen Jahren war er ein Zimmermann gewesen, aber jetzt gehorchte ihm das Beil längst nicht mehr. Der Alte hatte geglaubt, sie würden vorAbend in der Stadt sein, doch sie waren vom Wege abgekommen. Und so überraschte die Nacht sie im freien Felde.
Es war eine helle, sternklare Nacht und bitter kalt.
Die Gottesmutter stieg nicht vom Schlitten herab, — es fror sie zu sehr. Der Alte ging neben dem Pferde und trieb es ab und zu an.
So kamen sie langsam vorwärts.
Und die Gottesmutter fühlte, daß ihre Stunde gekommen war.
Was war zu tun? Wie sollte sie hier nachts auf freiem Felde bleiben?
Da, Gott sei Dank, zeigte sich abseits vom Wege, am Waldrand, eine Erdhütte.
Der Alte band das Pferd an. Sie traten in die Hütte ein. In der Hütte aber standen ein Pferd und ein Öchslein. Sonst war keine lebende Seele zu sehn. Ganz in der Ferne hüteten Hirten ihre Schafe.
Aber die Zeit drängt und Hilfe tut not.
Die heilige Jungfrau bittet den Joseph, eine Wehmutter zu holen. Wo aber wäre hier draußen im Felde eine Wehmutter zu finden?
Der Alte ging traurig die Landstraße weiter und wußte doch gar nicht, wo er eine Wehmutter suchen sollte.
Und als Christus geboren ward, da ward es hell in der Erdhütte.
So hell, als wenn die Sonne aufgegangen wäre.
Die Gottesmutter nahm den Sohn auf ihren Arm, hob ihn empor und legte ihn auf das Stroh in der Krippe, wie in eine Wiege.
Das Pferd und das Öchslein sahen das Kind und kamen näher heran. Sie erkannten den Heiland und bliesen ihn an, um ihn mit ihres Atems Hauch zu wärmen. Und der Knabe streckte spielend die Ärmchen nach ihnen aus und streichelte sie.
Die Tiere aber fuhren fort, ihn mit ihrem Atem zu wärmen.
Und er segnete sie, — segnete das mühevolle Dasein des Rosses und des Ochsen.
Joseph geht über das Feld, er wankt und stolpert, seine Augen sehen nichts mehr, seine Füße versagen ihm den Dienst, — er ist eben schon sehr alt. Er fängt an zu rufen. Aber wer wird ihm nachts im Feld Antwort geben?
Nur die Sterne flimmern, — und so hell, als sängen sie über der Erde.
Und da sieht Joseph eine alte Frau ihm entgegenlaufen. In atemloser Hast klettert sie über die gewaltigen Schneehaufen. Joseph ruft sie an. Da bleibt sie stehn und verschnauft.
Sie war aus der Stadt Bethlehem und hieß Solomonida. Sie hatte ihren kleinen Enkel, den Peter, den unartigen Bub, eben zu Bett gelegt und wollte sich nun selbst zur Ruhe begeben — man wird müde, wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat — da war’s ihr, als riefe sie jemand.
„Geh ins Feld hinaus, Solomonida, man braucht deinen Beistand,“ hörte sie eine Stimme. „Und da kam so eine Angst über mich, daß ich aufsprang und hinauslief, so schnell ich konnte.“
Da freute sich Joseph und führte die Alte nach der Erdhütte.
Die beiden Alten liefen in größter Hast. In der Hütte aber war es hell, als wäre drinnen die Sonne aufgegangen.
Und die Alten sahen das Kind und erkannten den Heiland und wagten nicht näher heranzutreten. Das Kind aber winkte ihnen aus der Krippe mit der Hand und segnete sie.
Es segnete die alte Wehmutter Solomonida und den alten Zimmermann Joseph, der die heilige Jungfrau bei sich aufgenommen hatte, segnete ihr schweres, arbeitsvolles Leben.
Draußen hüteten Hirten ihre Schafe vor den Wölfen. Denn Wölfe gibt es viel in der Gegend. Den Hirten ward es bangein der Nacht, und um ihre Angst zu vertreiben, erzählten sie sich schauerliche Geschichten.
Da standen die Schafe auf und gingen zum Eisloch trinken. Aber sie tranken nicht, sondern blieben dicht gedrängt rund um das Loch stehen und hoben die Köpfe in die Höhe. Und so standen sie unbeweglich da.
Dergleichen war den Hirten noch nie vorgekommen. Was bedeutete das? Waren sie starr vor Schreck, weil Wölfe in der Nähe lungerten?
Die Hirten traten näher heran. Und wie sie zum Himmel emporschauten, da zeigte sich ihnen ein Engel und sprach:
„Was steht ihr da, ihr Hirten? Christus, der Heiland, ist geboren! Geht schnell nach der Erdhütte. In der Hütte, in der Krippe liegt der Heiland.“
Und es zeigten sich unzählige Engel. So viele Engel, wie Sterne am Himmel sind.
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ sangen die Engel um jenen geschart, der den Hirten die Geburt des Heilands verkündigt hatte.
Und der ganze Himmel war in kreisender, wirbelnder Bewegung.
Die Schafe aber standen am Eisloch, die Köpfe emporgereckt und starrten in die Höhe.
Da nahmen die Hirten jeder ein Lämmlein und liefen nach der Erdhütte. Und die Hunde liefen ihnen nach.
In der Hütte aber war es hell, als wäre drin die Sonne aufgegangen.
Da sahen die Hirten das Kind, Christus, den Heiland, wie der Engel es ihnen verkündet hatte. Und sie legten ihre Lämmer vor ihm nieder und neigten sich bis zur Erde. Das Kind sah sie an und berührte auch die Lämmer. Es segnete die Hirten, segnete ihr schweres, arbeitsreiches Leben.
Und die Hirten gingen zurück zu ihrer Herde. Und ihre Hunde liefen hinter ihnen her.
Und die Hirten sangen, wie sie es von den Engeln gehört hatten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Da kamen ihnen Wölfe entgegen. Aber die Wölfe hatten die Schafe nicht angerührt, — ein Engel hütete ihre Schafe! Die Wölfe gingen nach der Erdhütte und wichen den Hirten aus!
Auch die wilden Tiere hatten erkannt, daß der Heiland der Welt geboren war.
Weit drüben aber, hinter Feuer und Rauch, hinter Wäldern und breiten Strömen, hinter dem faulen Sumpf am Eismeer, am Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, in dem kalten, düstern Land der Zauberer dröhnte und klirrte mitten in der Nacht das Tamburin. Und drei weise lappländische Zauberer und Könige sahen am Himmel den Stern Christi. Sie erkannten ihn wohl, denn ihr Lebenlang hatten die Weisen seiner geharrt und den Tag seines Erscheinens auszurechnen versucht. Und sie nahmen ihre Geschenke und gingen ohne Knechte und ohne Renntiere dem Sterne mit dem Schweif nach.
Und der Stern Christi führte die Zauberer in die Stadt Jerusalem.
Viel Volks war zur Schätzung nach Bethlehem gekommen, doch viel mehr noch nach Jerusalem. Das Stadttor blieb die ganze Nacht offen. Und in den Straßen war ein Lärm, wie zur Messe.
Am frühen Morgen nach der Geburt des Heilandes zeigten sich zwei Wanderer auf der Straße von Bethlehem nach Jerusalem. Es waren keine gewöhnlichen Wanderer: es waren ein Rößlein und ein Öchslein.
Sie gingen ohne Treiber, geradewegs nach Jerusalem. Und als sie in die Stadt gekommen waren, liefen sie unbeirrt durch Lärm und Gedränge die Gassen entlang. Sie atmeten, wie sie in der Nacht geatmet hatten, als sie mit ihrem Hauch das Christkind in der kalten Erdhütte wärmten.
Ein Lümmel warf einen Stein nach ihnen, doch der Stein glitt an ihnen ab wie eine Feder: sie spürten seine Berührung nicht und zuckten nicht einmal zusammen.
Das Rößlein und das Öchslein gingen schnaufend die Gassen entlang. Ihre Augen waren wie Menschenaugen, hell und klar. Und wenn sie hätten reden können, so hätten sie gesagt — sie brachten ja die Kunde von der Geburt des Heilandes — so hätten sie gesagt, daß in dieser Nacht der Herr Christus geboren sei, der Erlöser, daß sie ihn gesehen hätten und daß er sie gesegnet hätte.
Kinder, Pilger und Narren neigten sich vor dem Roß und dem Ochsen, wo sie ihnen begegneten.
Nachdem sie die ganze Stadt durchschritten hatten, verschwanden die beiden jenseits der Stadtgrenze.
Und sie gingen weiter die Landstraße entlang, wie sie auch heute noch gehen und immer weiter gehen werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde werden sie reden . . . sie werden reden, die Stummen, das gesegnete Rößlein und der Ochse.
Am Abend desselben Tages erschienen in Jerusalem die Hirten von Bethlehem, vier Hirten.
Sie gingen durch die von Menschen erfüllten Gassen, aber es war, als sähen und hörten sie nichts von dem, was rundum geschah. Sie machten auf den Plätzen halt und stimmten einen seltsamen, unverständlichen Gesang an.
Sie sangen das Lied der Engel:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Und Kinder und Pilger und Narren drängten sich, wieSchafe, an sie heran und starrten zum Himmel empor und fielen plötzlich mit wildem Geschrei und Gelächter mit ein:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Und der ganze lärmende Marktplatz geriet gleich dem stillen Sternenhimmel in wirbelnde Bewegung.
Nachts verschwanden die Hirten jenseits der Stadtgrenze.
Sie gingen weiter, dem Rößlein und dem Öchslein nach, wie sie auch heute noch gehen und das Lied der Engel singen, und wie sie gehen und singen werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde wird man ihnen lauschen, den gesegneten Hirten von Bethlehem.
Rößlein und Öchslein waren verschwunden, die Hirten wurden nicht mehr gesehn, und die Nacht war vorüber.
Mit dem Morgengrauen des folgenden Tages aber zeigte sich in Jerusalem eine alte Frau. Sie ging durch die Gassen, und keiner konnte verstehen, wovon sie sprach und was ihre Gebärden bedeuteten. Sie tat, als wiege sie ein Kind und als spräche sie ihm freundlich zu und scherze mit ihm — und dann fiel sie plötzlich auf die Knie und fing an zu weinen, doch nicht vor Schmerz, sondern vor Freude.
Das war die alte Solomonida, die erzählte von der Geburt des Heilandes und zeigte, wie sie das Kind auf ihre zitternden, abgearbeiteten Arme genommen, wie sie es geherzt und geschaukelt hatte, — sie, die schon so vielen Kindern zur Welt geholfen hatte.
Kinder, Pilger und Narren liefen der Alten nach, und wenn sie weinend auf die Knie fiel, wiederholten sie weinend ihre unverständlichen Worte.
Und die dunkle Straße geriet gleich den Sternen am stillen Himmel in wirbelnde, kreisende Bewegung.
Als sie alle Gassen durchschritten hatte, verschwand Solomonida jenseits der Stadtgrenze.
Und sie ging weiter die Landstraße entlang, wie sie heutnoch geht und von dem Christkind erzählt und vor Freude weint, und wie sie gehen wird und weinen, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde wird man sie verstehen, die gesegnete Greisin Solomonida.
Und eine bange Spannung legte sich über die königliche Stadt, das große Jerusalem.
Drüben aber vom Eismeere her, vom Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, durch Sümpfe und Ströme, durch Wälder, durch Feuer und Rauch schritten die drei lappländischen Zauberer und Könige dem Sterne Christi nach.
Ihre königlichen Gewänder waren beschmutzt und zerschlissen, die Fetzen hingen ihnen, wie Bettlern, von den Schultern herab, und nur die Königskronen strahlten wie Sterne.
Am dritten Tage brachte der Stern die Könige nach Jerusalem. Der Stern erhob sich über die Königsstadt und verschwand.
Und als die drei Zauberer in den Gassen Jerusalems erschienen und zu fragen begannen, wo Christus, der König geboren sei, dessen Stern sie gesehen hätten, da geriet die Königsstadt in große Aufregung.
„Wo ist Christus, der Heiland der Welt, geboren?“ fragten die Zauberer die Leute auf der Gasse. „Wo ist der König geboren?“
„Wir haben keinen König außer Herodes,“ antwortete man ihnen, „und wir kennen keinen andern König außer Herodes und seinem Sohn Archelaos.“
Aber nicht nach Archelaos, dem Sohne des Herodes, nicht nach dem König Herodes fragten die weisen Könige, sondern nach Christus, dem Könige, der alle Könige besiegen und alle Reiche der Erde erobern würde, nach Christus, dem Könige, dem Weltheiland, fragten die weisen Könige und Zauberer.
Dicht hinter ihnen, wie sie selbst dem Sterne nachgegangen waren, gingen Kinder, Pilger und Narren. Und wenn die Könige nach Christus, dem Weltheiland, fragten, dann erstarrten jene in banger Erwartung.
Aber es ward ihnen keine Antwort.
Von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus, von Mund zu Mund ging die Kunde von den lappländischen Königen und Zauberern und von dem Stern, der sie geführt hatte, und von der Geburt des Königs Christus, — des Königs, der alle Könige überwinden würde. Und am Abend drang die Nachricht auch über die hohen, unübersteigbaren Mauern des Königspalastes.
Und das Gemüt des Königs Herodes ward verwirrt.
Herodes ließ die fremden Könige zu sich rufen.
Man brachte die fremden Könige vor Herodes.
Herodes kam ihnen entgegen.
Als sie den Herodes erblickten, fragten die Zauberer den König, wie sie an dem Tage alle Leute gefragt hatten, nach dem neugeborenen König.
„Wo ist der König geboren?“
„Ich bin der König!“ antwortete Herodes den Zauberern. Er war klein und mager, mit einem kleinen Kopf auf einem kurzen, unverhältnismäßig dicken Halse, er kniff die Augen ängstlich zusammen und sprach mit unerwartet lauter und tiefer Stimme.
Und dieses Unerwartete betrog und verblüffte die Leute.
Aber die lappländischen Könige ließen sich nicht verblüffen. Die lappländischen Könige waren Herr über die Winde, konnten den Sturm entfesseln, konnten die Inseln im Meere von ihrem Platz rücken, konnten alles Lebende in Stein verwandeln, drangen in alles Verborgene, wußten durch ihre geheimen Künste, was auf Erden und im Meere geschah, selbst in fernen Ländern bei fremden Völkern.
Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
Die Weisen hatten ihr ganzes Leben auf den Stern Christi gewartet, und nun hatte der Stern Christi sich ihnen gezeigt.
Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
Ohne sich an die Wege und Straßen zu halten, waren sie dem Stern mit dem Schweif gefolgt: Tag und Nacht sahen sie nichts als den Stern und fühlten keine Ermattung und keinen Hunger. In drei Tagen legten sie eine Strecke zurück, zu der man sonst ein Jahr braucht.
„Wo ist Christus, der König, geboren?“ fragten die Zauberer den Herodes abermals.
Herodes hielt eine Schale in der Hand. Er erhob die Schale nach königlichem Brauch zu Ehren der ruhmreichen lappländischen Könige.
Und über dem königlichen Palast stieg der Stern auf und blieb im Fenster gegenüber den Zauberern stehen und ließ ihre Kronen wie tausend Sterne flimmern und blitzen.
Und die Sterne sahen aus den Augen der Zauberer.
„Wo ist Christus, der König, geboren?“ fragten die Zauberer zum drittenmal. „Er wird alle Könige besiegen und alle Länder, alle Reiche erobern.“
Und die Schale entfiel den Händen des Herodes.
„Geht, ihr Könige,“ sagte Herodes und zitterte am ganzen Leibe, „geht und erkundigt euch nach dem Christkind und kommt nach Jerusalem zurück. Ich will als erster hingehen und ihm huldigen.“
Die Zauberer versprachen nach Jerusalem zurückzukommen und dem Könige vom Christkind zu berichten, und verließen den Palast.
Und die Zauberer sahen den Stern Christi und freuten sich seiner.
Und der Stern führte sie aus der Königsstadt Jerusalem nach der Stadt Christi Bethlehem.
Der Stern Christi ging den Zauberern voraus, und eilig folgten sie ihm nach.
Die Menge, die ihnen nachgelaufen war, blieb bald weit zurück. Auch die Kundschafter des Königs konnten nicht mit ihnen Schritt halten.
Wenn der Stern sich im Kreise bewegte, folgten die Zauberer ihm. Wenn er von der Landstraße in den Wald einbog, folgten sie ihm.
Und so gingen die drei Könige bald die Straße entlang, bald über das Feld, bald durch den Wald.
Es wurde Nacht, und der Frost ward stärker.
Sternklare Nächte sind immer kalt.
Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer. Nun hatte der Stern den Fluß überschritten und blieb am Waldrande stehn und senkte sich langsam über der Erdhütte nieder.
Und es war hell in der Erdhütte, als wäre die Sonne drin aufgegangen.
Und die Zauberer sahen das Kind und reichten ihm ihre Gaben: Gold und einen knöchernen Stab und eine Kutja.*Und sie neigten sich vor dem Kinde.
Das Christkind schaute die Gaben lange an — das Gold, den Stab und die Kutja. Dann segnete es die Zauberer, — segnete das schwere, arbeitsreiche Leben der Könige, die dem Sterne Christi entgegengesehen hatten.
Und die enge Erdhütte war voller Sterne.
Und die Engel sangen:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“
Und der Glanz der Sterne blendete die Zauberer.
Da trat aus dem Reigen der Engel ein strenger Engel undlöste die Zauberer von dem Schwur, den sie dem Herodes geleistet hatten, und befahl ihnen, nicht mehr nach Jerusalem zurückzugehen.
* Speise aus Reis und Honig, die in Rußland am Weihnachtsabend gegessen wird.
„Geht nicht zum Herodes, ihr Zauberer,“ sprach der strenge Engel, „geht einen andern Weg: der König hat Böses im Sinn, der König will das Kind töten.“
Und der strenge Engel verschwand im Reigen der Engel.
Und die Zauberer erwachten wie aus einem Traume.
Die heilige Jungfrau hielt ihr Kindlein auf dem Arme und machte sich zur Reise bereit. Joseph war am Schlitten beschäftigt und sprach mit dem Pferde. Als er die Muttergottes mit dem Kinde in den Schlitten gesetzt hatte, winkte der Alte mit seinem Fausthandschuh.
Und das Pferdchen lief die Straße ins Zigeunerland hinab, die der Engel dem Joseph gewiesen hatte, die Straße nach Ägypten.
Der Stern schwebte ganz niedrig vor ihnen her und beleuchtete dem Christkinde den weiten Weg nach Ägyptenland.
Die Engel sangen:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
Und der ganze Himmel war in wirbelnder Bewegung.
Die Zauberer aber zogen mit Sturmeseile durch Feuer und Rauch, durch Wälder und Sümpfe und Ströme, an der Königsstadt vorbei, vorbei an dem König Herodes, zu dem Eismeer, dem Ozean, in ihr Lappland, in das kalte, finstre Land der Zauberer.
Und dort, in ihrem öden Zauberland, malten sie den Stern Christi auf ihr geheimnisvolles, zauberhaftes Tamburin, und dann stiegen sie mit den blauen Eiszacken empor und schwammen über das Eismeer, über den Ozean, leise und still von der Erde zum ewigen Leben, zur ewigen Ruhe hinüber. — — —
Wilde Aufregung herrschte in Jerusalem, in der großen Königsstadt.Nachdem er die Zauberer entlassen hatte, stellte Herodes sich ans Fenster und schaute auf die Straße hinaus, blickte dem Leuchten der goldenen Kronen der lappländischen Könige nach. Wie Sterne strahlten sie in der Abenddämmerung auf der Straße nach Bethlehem.
Und der König zitterte am ganzen Leibe.
„Die Zauberer werden das Christkind finden, sie werden nach Jerusalem zurückkehren, werden von dem Kinde erzählen, und ich, der König, werde als erster hingehn, dem Kinde zu huldigen!“ Und ohne den Hals zu wenden, am ganzen Leibe zitternd, fing Herodes plötzlich an, mit unerwartet tiefer Stimme laut zu lachen . . . „Ich werde als erster dem Kinde huldigen! . . . Noch ehe der Tag graut, wird er nicht mehr am Leben sein, der König Christus, der alle Könige überwinden soll, alle Länder, alle Reiche erobern!“
„Ich bin der König!“ wiederholte Herodes zitternd und lachend.
Den ganzen Abend blickte der König den Zauberern nach, in die Fensternische gedrückt, und zitterte und lachte.
Die Nacht brach an.
Die Zauberer kamen nicht zurück.
Die Kundschafter des Königs meldeten, daß die Zauberer aus Bethlehem verschwunden wären.
Nein, sie waren nicht verschwunden. Sie hatten den König betrogen. Die Zauberer trieben ihren Spott mit König Herodes.
Der König hatte niemand und nichts mehr zu erwarten.
„Christus lebt! Er wird alle Könige überwinden, wird den König Herodes besiegen, wird alle Reiche erobern, wird dem König Herodes sein Reich nehmen!“
Der König geriet in Wut. Er stampfte mit den Füßen und schrie und weinte wie ein Kind, vor Zorn, Hilflosigkeit und Angst.
Und der König Herodes befahl seinem Heer, nach Bethlehemzu gehen und dort alle Kinder zu töten, alle Knaben unter zwei Jahren.
Trommelwirbel, Trompetengeschmetter mitten in der Nacht in der Königsstadt Jerusalem.
Auf den Plätzen drängt sich das Volk. Entsetzt rennen die Leute hin und her, wie bei einem Brande.
Mit klingendem Spiel zogen die Soldaten aus nach Bethlehem, den Blutbefehl des Königs zu erfüllen.
Die Nacht war sternklar und grimmig kalt.
Der Schnee knirschte unter den Schritten der Marschierenden.
Um Mitternacht hatten die Soldaten Bethlehem erreicht und zogen mit klingendem Spiel in die Stadt ein.
Und das blutige Werk nahm seinen Anfang.
Die Kinder ahnten nichts. Sie wußten nichts von Königen, — weder von Herodes, noch von seinem Sohn Archelaos. Sie kannten keinerlei Eide, keinerlei Gebote. Sie konnten kaum sprechen. Sie redeten ihre eigene Sprache und sahen die Welt auf ihre Weise, mit ihren Augen. Sie lächelten, wie nur Kinder lächeln. Sie weinten, lachten, spielten.
Und es war auf Erden keine Nacht so grauenvoll, und ist keine grauenvoller und wird nie eine grauenvoller sein, als jene Nacht in Bethlehem nach der Geburt des Heilandes.
Die Soldaten stürmten in die Häuser und rissen die Kinder von der Brust der Mutter und erwürgten sie, andere warfen sie aus ihren Wiegen und zerstampften die Schlaftrunkenen mit ihren Stiefeln.
Die Kinder erwachten von dem Lärm: sie begriffen nichts und boten selber ihre Hälse den Säbeln der Soldaten.
Und sie wurden gleich ohne weiteres abgeschlachtet.
Man schleppte die Kinder wie junge Katzen auf die Straße hinaus und ließ sie von Pferden zertreten, man hängte sie auf, man erstach sie mit Lanzen, man riß sie in Stücke, man ersäufte sie im Eisloch, man begoß sie mit siedendem Wasser, wie Ratten, man warf sie ins Feuer.
Die mächtigen Schneehaufen schmolzen von dem heißen Kinderblut und bedeckten die Erde mit einer Eiskruste.
Die Sterne flammten noch einmal blutigrot auf und erloschen.
Und die Soldaten kümmerten sich nicht mehr darum, wie alt die Kinder waren und ob es Knaben oder Mädchen waren.
Anläßlich der Schätzung hatte jemand unter den Kindern im Armenviertel von Bethlehem das Gerücht ausgesprengt, man werde nachts kommen und die Kinder aufschreiben, die zur Sonnenwendfeier geladen und beschenkt werden sollten.
Die größeren Kinder schliefen in dieser Nacht nicht: sie warteten. Und als die Soldaten kamen, da stürzten die Kinder ihnen entgegen, denn sie dachten, nun käme man, sie anzuschreiben zur Bescherung.
Peter, der Enkel der alten Solomonida, hatte die ganze Nacht gewartet und war endlich auf dem verlassenen Bett der Großmutter eingeschlafen. Und im Schlaf hörte er draußen Lärm, wachte auf, dachte: „Jetzt kommen sie!“ — und lief auf die Straße hinaus.
Peter rief den Soldaten zu:
„Vergeßt mich nicht!“ Tränen erstickten seine Stimme: er war noch nie bei einer Bescherung gewesen.
Ein Soldat packte ihn:
„Nein, nein, wir vergessen dich nicht!“ Und er schnitt ihm mit dem Messer den Hals durch, wie einem jungen Huhn.
Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Musik konnten das Wehgeschrei der Mütter und das Ächzen und Weinen der Kinder nicht übertönen.
Ein steinernes Herz muß beim Weinen eines Kindes erbeben!
Bis zum Morgengrauen währte das Gemetzel in Bethlehem und den Vorstädten. Vierzehntausend Kinder wurden in Bethlehem geschlachtet.
Nachdem sie des Königs Befehl erfüllt hatten, müde von der blutigen Nacht, verließen die Soldaten die Stadt und gingen nach Jerusalem zurück. Das Blut troff von ihren Händen und ihren Waffen auf die Straße, die das Pferd und der Ochse, die Hirten und die alte Solomonida gegangen waren.
Die Musik dröhnte und trieb die blutbefleckten Füße zu schnellerm Schritt an.
Und das Geschrei und Geheul und die Flüche der wahnsinnigen Mütter eilten den Abziehenden nach.
Und weit über das Weichbild Bethlehems hinaus hörte man Weinen und Flüche auf allen Straßen.
Ein steinernes Herz muß erbeben beim Wehklagen einer verzweifelten Mutter!
Das Pferdchen schnaubte. Joseph stieg vom Schlitten herunter und horchte. Die Erde selbst schien dem Alten zu schreien.
Und Joseph gedachte der Worte der Gottesmutter und verstand sie, die der Erde eine große Freude und einen bittern Schmerz verheißen hatten.
„Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine Mann lacht, und ich freue mich mit ihm, — ihm wird ein großes Glück zuteil werden. Der andre aber weint, und ich traure mit ihm, denn ihm wird großes Leid widerfahren.“
König Herodes aber, der die ganze lange Nacht schlaflos in Unruhe verbracht hatte, ging, als der weiße Tag gekommen war, in seinem öden Palast umher und kniff die ängstlichen Augen zusammen und lachte plötzlich laut auf, vor Freude, daß er das Christkind aus der Welt geschafft hatte . . .
Als sie den Purpur von seinen Schultern gerissen und ihn in seinem ärmlichen Gewand auf die Gasse geführt hatten, als er unter dem Geschrei und Pfeifen der erregten Menge nach der Schädelstätte getrieben ward, — da wußte alle Kreatur davon: es wußte es der Wald, wo der Dornstrauch stand; es wußte es das Meer, wo der Schwamm wuchs; es wußten es die Tiere und der Weingarten, die Berge und das Feuer, das die Nägel und den Speer geschmiedet hatte. Nur die heilige Jungfrau wußte es nicht.
Das ganze jüdische Volk verlangte nach seinem Blut:
„Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“
Das reine Blut des Heilands tropfte in den Straßenstaub, während er in der Dornenkrone unter der Last des schweren Kreuzes vorwärtsschritt; — schon stand die Sonne feuerrot über Jerusalem und verkündete einen heißen blutigen Tag — — wie viel hatte sich ereignet! — — und die heilige Jungfrau wußte nichts.
Die heilige Jungfrau schlief.
Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, und erst gegen Morgen war sie am Fenster sitzend eingeschlafen.
In der Hölle ging es hoch her. Ihre Bewohner gebärdeten sich wie toll.
Wie ein Blitz hatte die Kunde eingeschlagen, daß das Licht und die Sonne, die Krone und der Ruhm der Welt, der eingeborene Sohn Gottes, der Menschensohn gefangen genommen sei und nach Golgatha geführt werde.
Und die rasende Hölle donnerte, wie eine dräuende unbarmherzige Gewitterwolke; die Hölle brüllte, wie ein gereizterLöwe; die Hölle brummte, wie ein tollgewordener Stier; die Hölle stöhnte, wie das weite Meer bei Unwetter; die Hölle glühte, wie ein verwundetes Herz.
Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende!
Und die finstern Teufel heulten und schwangen sich vor Freude in wildem, rasendem Tanz.
Der Teufel, der nur ein Hühnerbein hatte, der böse Knecht der Schlange, hüpfte auf dem einen Hühnerbein bis zu den höchsten Türmen empor, die den Eingang in den finsteren Wohnort der finstern, stolzen, unglücklichen Dämonen, in das Reich der ewigen Qualen, schützten. Und die boshaften Ratgeber der Schlange, die nur Knorpeln statt Knochen haben, kletterten in tollem Spiel einer auf den andern und bliesen und pfauchten, daß der giftige Dunst und Staub, der ihren Mäulern entquoll, durch die Mauern der Hölle bis auf die Erde drang. Und inmitten des wüsten Gewirbels leuchtete wie ein Smaragd das grüne Auge Satans.
Die wächserne Brücke der Prüfungen zwischen Paradies und Hölle und die Brücke der Toten, die über den brausenden Pechstrom führt, brach zusammen. Und die unersättliche höllische Flamme leckte an den Säulen des Himmels.
Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende.
Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und Cherubim. Alle himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung.
Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen.
Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige Kunde bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen des allwaltenden Gottes mitteilen, der von Ewigkeit den Tod seines Sohnes beschlossen hat?
Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.
Der Herr sprach:
„Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn heute der Bote des Leids.“
Und Gabriel antwortete:
„Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung des Wortes verkündigte, nun seine Kreuzesmarter verkündigen?“
Und der Herr sprach:
„Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der du im Namen des Allmächtigen mit deinem Speer deinen großem Bruder Lucifer trafst, du Sieger, gehe hin und bring ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den Schmerz leichter tragen.“
Und Michael antwortete:
„Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im Kampf gegen Gewalt und Macht, aber nicht gegen Demut und Leid.“
Da sprach der Herr:
„Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, du Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, — gehe hin und hilf dem ewigen Willen, daß die Marter des Wortes kund werde der, die das Wort geboren hat.“
Und Rafael antwortete:
„Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost der Leidenden, — soll ich der größten aller Frauen Schmerz bereiten?“
In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen Flügel. Tränen traten in die sonnenklaren Augen.
Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, zornigen oder gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, ewigen Jungfrau aus der Gefangenschaft des Leibes zu befreien!
Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.
Ein kleines Vöglein war hoch zu den Wolken empor geflogen. Ein Hänfling war’s, der seinen Durst aus einem frischen Waldquell gestillt hatte. Er vernahm, was die Engel redeten, und flog eilig wieder zur Erde hinab, zum Hause, in dem die Mutter des Heilands wohnte.
Er setzte sich aufs Fenster und zwitscherte traurig, den sonnenbeschienenen Hals hin und her drehend.
Da schlug die heilige Jungfrau die Augen auf.
Sie erhob sich und fiel gleich wieder auf die Bank zurück.
Ein Augenpaar, weiß vor Verzweiflung, ohne Lider, blickte sie aus dunkeln Höhlen an: Judas Ischarioth, einer der zwölf Jünger Christi, der den Meister verraten hatte, stand vor dem Fenster.
Traurig zwitscherte der Hänfling, das graue, einfältige Vöglein.
Und ein Schauer überlief die heilige Jungfrau, ihr Herz ahnte, was geschehen sollte. Sie sprang auf und stürzte zur Tür.
„Maria,“ trat ihr an der Schwelle ein anderer Jünger entgegen, der Liebling des Meisters, Johannes, „Maria, wo ist dein Sohn, wo ist unser Herr und Meister?“
Und die Straße entlang, am Hause vorbei, an den Fenstern vorbei, ging der Zug, der den Heiland zur Schädelstätte geleitete.
Freiwillig ging er in den Kreuzestod . . .
Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat? Wer beschützt sie, wer hütet sie in der finstern Nacht? Zu wem soll sie gehen?
Erschreckt durch das Lärmen, Pfeifen und Schreien, war das Vöglein davon geflogen. Der bittre Schmerz preßte dem Johannes die Lippen zusammen. Wer wird sie trösten?
Allein war die heilige Jungfrau geblieben, allein, wie das Gras, das Rosseshufe zerstampft haben.
Halb von Sinnen warf sie sich auf den Boden. Und dannsprang sie wieder auf. Sie stöhnte. Ihr Haar löste sich, vor den Augen flimmerte es, ein Schwindel packte sie. Sie lief auf die Gasse hinaus.
Und als sie ihren Sohn sah, zerriß sie ihren Schleier.
Bittre Tränen brannten ihre Augen. Ihr Herz blutete, es suchte einen Ausweg und fand keinen. Und sie schlug sich an die Brust, zerkratzte ihre Wangen, raufte ihr Haar.
Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohn her.
„Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen I“
Das schwere Kreuz drückte seine Schultern. Seine Knie knickten unter den Schlägen zusammen. Mit jedem Schritt beugte er sich tiefer und tiefer zur Erde nieder.
Und die Last ward ihm zu schwer, und er fiel hin.
Der kräftige Simon von Kyrene, der hinter dem Heiland in der Menge ging, trat vor, nahm das Kreuz auf seine Schulter und trug es.
Die Menge pfiff. Steine flogen. Ein Wind erhob sich, wirbelte Staub auf, blies ihn den Leuten in die Augen, daß sie kaum sehen konnten.
„Freue dich, König der Juden!“ spotteten sie des Gepeinigten und trieben ihn mit Stößen vorwärts.
Und nicht Tränen — Blut rann seine Wangen hinab. Kein heiles Fleckchen war mehr an seinem Leibe.
Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verlor? Wer beschützt sie, wer hütet sie in der finstern Nacht?
Man sagt zu ihr: „Geh nach Hause!“
Wer aber zeigt ihr jetzt ihr Haus? Wer stillt, wer bändigt ihren Schmerz, wer gibt Antwort auf die Seufzer ihres Herzens?
Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohne her.
„Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen!“
Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut aus seinen Wunden.
Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot.
Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und neben ihr Johannes, des Meisters Lieblingsjünger.
Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen.
Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein.
Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von dem Kreuze fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit sterben.
Und der Himmel verfinsterte sich.
Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine tiefschwarze Wolke hing über der Stadt. Und Funken sprühten über der Stadt, als brenne oben in den Wolken ein mächtiger Feuerherd.
Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war ganz bleich.
Die Haare klebten an der Stirn.
Und seine Stimme ertönte vom Kreuze:
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“
Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den Mund.
Und sein Haupt senkte sich auf die Brust.
Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der Magdalena, hing an seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab Judas, der den Herrn verraten hatte. Die verzweifelten weißen Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln Höhlen auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde.
Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. Es schmolz, wie rote Kohlen, es glühte und brannte.
Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz.
Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle Wachskerzen brannten die starren Rabenaugen.Dumpf und traurig sprach die heilige Jungfrau:
„War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, du mein Herr und mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der die Toten auferweckte! Und nun sehe ich, daß der unerbittliche Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm nicht entgehn! O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt du leiden, für wen nimmst du den Tod auf dich? An das Holz sind deine Hände geschlagen, deine Zunge ist stumm!“
Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter:
„Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. Die Seele verläßt den Leib, ich will meinen Geist dem Vater befehlen. Ich gebe dir den Johannes an meiner Statt, sei du ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.“
Bitter sprach die heilige Jungfrau:
„Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo gehst du hin? Und wie soll ich leben ohne dich? Wem lässest du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich sterben! Ich leide bittre Pein! Mein Herz bricht.“
Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau auf die Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und flehte um den Tod.
Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht schauen, sie wollte sich nicht wieder erheben.
Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es schmolz wie rote Kohlen, es glühte und brannte.
Drei Stunden waren vergangen, seit man ihn grausam ans Kreuz geschlagen zu ewigem, bösem Gedächtnis und Unheil des jüdischen Volkes.
Drei Stunden hing er, der die Erde geschaffen, über seiner von Ewigkeit freien Erde.
Alle Schmerzensschreie, alle Seufzer, die je auf Erden laut geworden, oder die bis zum jüngsten Tage noch lautwerdensollen, alles Leid, alle Qualen der vom Schicksal Verfolgten drängten sich um das Kreuz und erfüllten sein Herz, brannten es und marterten es mit den furchtbarsten Plagen.
Und er schrie zum Vater und es ward Nacht vor seinen Augen.
Und Finsternis senkte sich auf die Erde herab.
Das Licht erlosch. Die Sonne erstarrte, in Finsternis gehüllt. Die Sterne blitzten auf, zitternd, wie Smaragde, und erloschen. Der Mond verbarg sich in einer Wolke, auch er ward bleich. Und die Erde erbebte. Flüsse und Seen traten aus ihren Ufern. Das Gras auf den Feldern ging in hohen Wellen. Aus dem rauschenden Schilf flogen erschreckte Wildgänse und Schwäne empor. Die Wälder brausten. Die Bäume bogen sich zur Erde. Blätter fielen von den Zweigen. Das trockne Unterholz brach.
Wie ein verglimmendes Holzscheit im Feld lag die heilige Mutter Gottes unter dem Kreuz.
Und das Grauen ging über die Erde.
Die Toten vom Friedhof gingen nach der Stadt. Die Toten mengten sich an den Kreuzwegen unter die Lebenden.
Kalt wehte die Luft.
Es fror.
Und in der Finsternis flog etwas umher, brummte und zischte. Und immer heftiger wehte der Wind. Es dröhnte und hämmerte, als ob irgendwo Eisen geschmiedet würde. Es weinte und seufzte, als ob ein Mensch getötet würde. Feurige Pfeile flogen den Himmel entlang und verschwanden wieder. Und es war, als peitschte eine unsichtbare gewaltige Geißel die zitternde Luft.
Und von einem Ende zum andern erbebte der Tempel. Der Vorhang vor dem Allerheiligsten riß mitten entzwei. Die Steine bröckelten ab. Und alle Kreatur stöhnte auf.
Tiere, Vögel, Felder, Wälder, Sümpfe, Gräser, Blumen, Sträucher, Bäume, Wasser und Steine, — alle Kreatur stöhnte, und die heilige Mutter Gottes weinte:
„Herr, vergib ihnen, sie wußten nicht, was sie taten!“