Kopfstück Seite 9

Kopfstück Seite 9

Saõ Francisco, den 9. Juni 1881.

Liebste Grete!

Weißt Du, was ich heute in die tiefsten Tiefen meines Koffers versenkt habe?... UnsernBormann, d. h. seine „vierzig pädagogischen Briefe“. Sie passen nicht, Grete, sie passen hier nicht! Und ich hatte mich so darauf verlassen! — Wenn mich unterwegs die Angst befiel, wie ich mit meinen brasilianischen Zöglingen fertig werden würde, dann dachte ich immer an das hülfreiche kleine Buch unter meinen Reiseeffekten und sagte mir beruhigt: So machst Du’s! Und nun.....! Ach Grete, ich glaube, Bormann hätte hier oft selber nicht gewußt, was er machen sollte. Man ärgert sich über so vieles, was sich garnicht greifen läßt, und was doch da ist und immer wieder da ist!

In dieser gesegneten Familie sind zwölf Kinder, und sieben davon habe ich unter meiner pädagogischen Fuchtel. Um sieben Uhr morgens geht es los. Dann kommen erst „die Großen“ und nehmen eine deutsche Stunde. Dona Gabriella, Dona Olympia und Dona Emilia sind schonneunzehn, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt, was für Brasilianerinnen schon dicht an der alten Jungfer ist und mich bei meinen eignen zweiundzwanzig sehr entsetzte; und dann denke Dir, eine Schülerin immerfort mit „Dona“ anreden zu müssen! Die ersten Morgende kamen sie regelmäßig zu spät in die Stunde, so daß ich mich zu dem Ersuchen veranlaßt sah, doch pünktlich zu erscheinen, denn damals lebte ich noch nach Bormann. Seitdem sitzen sie nun jeden Morgen, wenn ich hereinkomme, ernst und schweigend um den Tisch mit ihren blaßgelben, unbewegten brasilianischen Gesichtern, und auch das dumpfe, gleichgültige: „Bon jour, mademoiselle“ bringt keinerlei Ausdruck darauf hervor; keine Morgenfrische, keine Lernfreude, keine persönliche Sympathie — ach Grete, dies Trio ist entsetzlich lähmend! Mir fällt jetzt immer bei ihrem Anblick die heilige Vehme ein, wo die Richter nicht ernster und kälter in der Runde gesessen haben können. Ich bin feige genug, bereits zu wünschen, ich hätte sie nicht um Pünktlichkeit ersucht. Wir würgen uns mühsam durch diese deutsche Stunde, natürlich immer durch das Medium des Französischen, und letzteres ist noch das Beste von der Sache, denn sowie sie anfangen, deutsch zu sprechen, verstehe ich keine Silbe mehr.

Ich bin immer ganz erlöst, aber auch schon halb kaput, wenn dann um 8 Uhr „die Kleinen“ kommen. Wenn sie auch unartig sind, so sind es doch wenigstens Kinder, und nur die älteste von ihnen hat auch schon etwas von der heiligen Vehme an sich. Ach Grete, sie sind alle so „provoking!“ Sie thun alles, was ich sage, lernen alles, was ich aufgebe, und doch irritieren sie mich namenlos!

Ich glaube gewiß, sie meinen nichts Böses, und manchmal finde ich meine „Kleinen“ auch ganz drollig.

So saß ich neulich Sonntags ein Stündchen in dem paradiesischen Garten auf der Bank unter einem mächtigen Mangabaum und träumte — ach Grete — von deutschen Eichen, als mich plötzlich, wie ich aufblickte, eine scheußliche kleine schwarze Kreatur vor mir in die Tropen zurückschreckte. Denke sie Dir etwa zwölfjährig, mehr Affe als Mensch, bis an die Ohren grinsend, mit unappetitlichem Wollhaar, fingerbreitem Vorkopf, entsetzlich dickem Bauch und stockartigen schwarzen Beinen, die vor Staub ganz lilla schimmerten; denke Dir dies Ganze nur bekleidet mit der denkbar kürzesten Ausgabe eines Hemdes von undefinierbarer Farbe, und Du wirst begreifen, daß ich von diesem edlen Mitgeschöpf nicht grade hingerissen war. Im Gegenteil bin ich wol etwas erschrocken zusammengefahren, denn sogleich trat die kleine achtjährige Leonilla hinter einem Strauch hervor und sagte beruhigend und protegierend zu mir: „N’ayez pas peur, mademoiselle, c’est Jacob“, und dann, als mein Gesicht wohl immer noch nicht den genügenden Ausdruck der Begeisterung zeigte ob dieser ehrenden Bekanntschaft mit dem heiligen Erzvater, fügte sie, halb indigniert, halb erläuternd hinzu: „Il est à moi, grand’maman m’en a fait cadeau à mon jour de fête.“ Ich sage Dir, es war zu komisch; die kleine Sklavenhalterin sah so stolz auf dies lebendige „Geburtstagsgeschenk“, und das scheußliche kleine Besitzthum grinste so vergnügt zu dieser Eigentumserklärung, die es allerdings wohl mehr erriet als verstand, daß ich hell auflachen mußte. Überhaupt hat die Würde, welche hier durch das Bestehen der Sklaverei unwillkürlich schon die Kinder annehmen, oft etwas Komisches. Dagegen ist es wiederum rührend, wie sie auch anderseits an den guten, treuenNegern und Negerinnen hängen. Die kleine fünfjährige Maria da Gloria z. B. spart immer von ihrem Dessert etwas über für ihre frühere Amme, eine hübsche junge Mulattin, oder erbittet etwas für ihre kleine Milchschwester, und Alphonsina, die sich sonst selber gern putzt, verschenkt doch ihr buntestes Band, wenn sie denkt, daß die alte Anna es gern hätte.

Sie geben alle sehr gern und erfüllen Einem jeden möglichen Wunsch — und doch — und doch....!

Ach Grete, weißt Du, daß ich den Peter in der Fremde jetzt eigentlich für einen ganz gescheidten Menschen halte!

Deine Ulla.


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