Kopfstück Seite 13
Kopfstück Seite 13
Saõ Francisco, den 20. Juni 1881.
Ich wünschte, Gretel, Du könntest einmal zu einem brasilianischen Mittagessen dabei sein! Eingeladen würdest Du zwar nicht „zu Tische“, auch nicht einmal zu dem berühmten deutschen „Löffel Suppe“, sondern zu einem „Glase Wasser“. Du kannst es aber getrost daraufhin wagen, denn diescopo d’aguaumfaßt ein recht vielseitiges Mittagessen und hat als Appendix einen musikerfüllten Abend, sowie eventuell ein Nachtquartier.
Wir waren gestern zu unsern Gutsnachbarn gebeten, übrigens Nachbarn von fünf Meilen Entfernung, zu denen uns zwei mit je vier Maultieren bespannte Wagen in scharfem Trabe hinbrachten.
Wir fanden schon einen größeren Kreis in der riesigen, siebenfenstrigensalla de visitabeisammen. Das Wort „Kreis“ darfst Du allerdings nur als Gewohnheitsausdruck fassen, denn die Gesellschaft präsentierte sich so, daß je rechts und links von dem großen Rohrsopha, das in nebelhafter Ferne sich dem Eintretenden gegenüber zeigte, sich in scharfen rechten Winkeln eine Reihe von Stühlen abzweigte, die den Raum vor dem Sopha frei ließen, und die den Eindruck hervorbrachten, als sei man bei einemGesellschaftsspiel. Der Eingeweihte weiß jedoch, daß er diese rechten Winkel in jedem brasilianischen Hause wiederfindet. Der Sophatisch steht in der Mitte des Saales.
Wir schüttelten rings herum alle bekannten und unbekannten Hände, wobei ich als die neue „professora“ eingeführt wurde, und fragten einander der Sitte gemäß höchst teilnehmend: „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ auch wenn man sich nie vorher im Leben gesehen.
Nachdem ich dann, neben Dona Gabriella sitzend, eine Weile den linken Flügel einer jener Stuhlreihen occupiert hatte, meldete ein barfüßiger Negerjunge, daß „das Mittagessen auf dem Tisch“ sei, und würdevoll erhob sich die Hausfrau mit der Aufforderung: „Vamus jantar“ d. h. gehen wir essen.
Zu beiden Seiten der Tafel standen barfüßige und nicht allzu saubere Mulattenjungen, mit langen Bambusstöcken bewaffnet, an deren Ende der eine eine kleine rothe Fahne, der andere einige in lange Streifen geschnittene Exemplare des Rioer „Jornal de Commercio“ schwenkte, um die Fliegen und Mosquiten zu verscheuchen. Mit solch einer Fahne war ich ja schon von Saõ Francisco her befeindet, jedoch gegenüber diesen abscheulich raschelnden Papierfetzen, für deren beleidigende Geschmacklosigkeit für Aug’ und Ohr aber außer mir niemand von der Gesellschaft Sinn zu haben schien, sondern die man gewiß als eine sehr geniale und liebenswürdige Erfindung betrachtete, bat ich dem kleinen schmutzigen Lappen daheim allen geheimen Zorn ab.
Nachdem die Suppe gegessen war, begann ein Jeder das Gericht, das er zu verwalten hatte, in der Runde anzubieten. Denn hier wird keine Schüssel herumgereicht,sondern alles wird und zwar zu gleicher Zeit auf den Tisch gesetzt und dann von dem Betreffenden, der das Gericht vor sich hat, sei derselbe auch ein Gast, angeboten und serviert. Jeder stellt sich dann seine Gängead libitumzusammen. So begann auch ich denn tapfer mit meiner Schüssel schwarzer Bohnen, dem geliebtenfeijaõder Brasilianer, das bei keiner Mahlzeit fehlt, zu wirtschaften: „A Senhora quer feijaõ?“ „Um poco de feijaõ, Senhor Doutor?“ — ganz fesch, sage ich Dir, ich imponierte mir selber als „Brasilianerin“. Dazwischen wurde mir nun auch wieder angeboten. „Wollen Sie ein wenig Reis?“ glänzte die Tochter des Hauses mit einem deutschen Satz, in dem sie die Endsilbe von „wollen“ recht deutlich betonte, das g in „wenig“ wie k aussprach und alle s wie ß. „Um poco de vinho, mademoiselle?“ fragte der biedre Vater, der nie eine andre Sprache gelernt als die „lingua dos brancos“, wie das Portugiesische hier im Gegensatz zu den afrikanischen Ursprachen der eingeführten Negersklaven genannt wird. „Vous offrirai-je des pommes de terre?“ machte ein junger Herr, der eben aus „Paris“ zurück war (natürlich war er auchdoutor), und so setzte ich mir denn unter dem Schweinebraten, Rinderfilet, schwarzen Bohnen, Huhn, Reis, Kohl, Polenta, süßen Kartoffeln ein möglichst homogenes Mahl zusammen. EinwarmesMittagessen wirst Du aber bei Brasilianern schwerlich, oder doch nur mit Aufwand der größten Berechnung und Gewandtheit zu essen bekommen, denn jedesmal, wenn Du Dein „S’il vous plaît“ heraus hast, erwischt mit Blitzesschnelle der Arm einer der bedienenden Negerinnen (hier waren es vier) Deinen Teller und trabt mit ihm davon zu dem Verwalter der betreffenden Schüssel,um das Verlangte zu holen. Du siehst hieraus, daß Du um so ruhiger und um so wärmer essen kannst, je weniger verwickelt Du Dir Dein Mahl zusammensetzst, sintemalen jedes neues’il vous plaîtDeinen Teller wieder auf die jähe Rundreise schicken würde.
Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlich beunruhigend, aber die raschelnden Papierstreifen, das gelegentliche energischere Schnalzen der kleinen Fahne, die laute, gestenreiche Unterhaltung der Brasilianer, das Umhertraben der Negerinnen, das alles wirkte gradezu betäubend auf meine deutschen Nerven, die schon die blendende Helle der gardinenlosen Räume angriff, so daß ich nur mit Beschämung die gleichgültigen Gesichter der übrigen Damen betrachtete, die sich zwar selbst auch wenig an der Unterhaltung betheiligten, an deren Nervenleben aber auch all dieser Lärm vollständig abzuprallen schien.
Ich war hungrig gewesen von der Fahrt, aber ich konnte unter diesen Verhältnissen nicht essen. Ich bin eigentlich immer noch hungrig, seitdem ich zum letzten Mal auf dem Schiff gegessen habe, denn mein Magen befreundet sich nur sehr allmälig mit der Eintönigkeit des Essens und — dem Schweinefett, mit dem hier alle Speisen zubereitet werden. Was mir zuerst die Sache noch unerträglicher machte, war das gänzliche Fehlen von Kartoffeln oder Brot auf dem Tisch, womit man die Aufdringlichkeit des Fettes hätte mildern können. Das Brot wird auf dem Lande durch sogenanntebiscoitosersetzt, ein Gebäck aus dem Mehl der Maniocawurzel, das ganz gut schmeckt, wenn es eben aus dem Ofen kommt, im Alter von einigen Stunden aber schon an Zähigkeit nichts mehr zu wünschen übrig läßt und nach zwei Tagen mit absolutem Erfolgeine Konkurrenz mit jungen Steinen aufnehmen könnte. Unsre gute Kartoffel gedeiht in diesen gesegneten Gegenden nur in süßen Exemplaren, den Bataten, die bis zu neun Pfund schwer werden und entweder einfach gekocht oder mit Zuckerzusatz als Dessert genossen werden. Die ersten Tage waren mir die großen bläulichen Dinger, die in Farbe und Geschmack an ihre erfrorenen Brüder im nordischen Winter erinnern, höchst widerlich, aber jetzt schmeckt mir, fast zu meiner Beschämung, das Kompott schon ganz gut. Auch befreunde ich mich mit den schwarzen Bohnen und dem dazugehörigen salzlosen Maismehlpudding, demangú, liebäugele bereits mit dem Mais- und Maniocamehl, das in Brotkörben auf den Tisch kommt und das sich die Brasilianer zwischen die saucenreichen Bohnen rühren — und wie lange wird es noch dauern, da werde ich eine Passion haben für das an der Sonne gedörrte Hammelfleisch, mit dem man uns häufig zum Frühstück regalirt.
Verachte mich nicht, Grete, es giebt nichts anderes hier! Denn wenn Du zu den ebengenannten Delikatessen noch Reis in Wasser gekocht hinzufügst, der vor lauter Tomaten so rot wie ein Ziegelstein auf den Tisch kommt, so hast Du das Menü für das ganze Jahr.
Eine große Sache ist es hier um das Dessert, um die „doces“, und der Ruf der Brasilianer, im Bereiten wie im Vertilgen derselben Meister zu sein, bestätigte sich mir auch gestern wieder in vollem Maße: Herren wie Damen verzehrten unglaubliche Mengen von eingemachten Früchten, Chokoladen- und Eierkonfekt etc. und aßen dazu große Stücken Käse.
Daß ich’s nur gestehe — ich auch!
Den ersten Tag freilich, als dieser neue Genuß meinem europäischen Gaumen zugemutet wurde, wies ich ihn empört zurück und bat um etwas Butter und Brot zum Käse. Es erschienenbiscoitosim Stadium Nr. 2 und eine dänische Konservenbutter von einer Weichheit, Gelbheit, Salzigkeit.... laß mich schweigen! Mutig entschloß ich mich zu der landesüblichen Zusammenstellung, und ich glaube, ich that wohl daran.
So war ich gestern doch wenigstens im stande, mein Mahl auf gut brasilianisch zu beschließen, und da ich auch schon so ziemlich alle Gerichte portugiesisch benennen kann (eine große Kunst, da täglich zwei Mal die gleichen auf dem Tisch erscheinen) und ein paar fehlerhafte aber dafür desto überschwänglichere Phrasen zu drechseln verstand, so fanden mich meine neuen Bekannten „muito sympathica“ und beehrten mich nach Tische sofort mit der Aufforderung, ihnen etwas vorzuspielen oder zu singen.
Ich spielte einen Chopinschen Walzer, der ihnen sehr gefiel, und sang ihnen „Klein Anna-Kathrin“, was sie nach keiner Richtung hin verstanden. Nun singe ich nie mehr ein deutsches Lied vor brasilianischen Ohren, sondern immer nur italienische Etüden, von denen ich überzeugt bin, daß sie ihnen imponieren werden.
Nach mir folgte mit ein paar französischen Tänzen unsre Dona Olympia, die ganz nett aber mit geschmackloser Auswahl spielt, und dann setzte sich eine sehr stille, sehr starke und sehr dunkeläugige Dame an das Instrument und begann den zweiten Akt des „Troubadour“ vorzutragen. Man sagte mir vorher, sie spiele „perfekt“, und so horchte ich gespannt.... Ach, Grete, bin ich denn so gar starr germanisch, daß ich diese Romanen mit dem bestenWillen nicht interessant und geistreich finden kann! Aber es war nicht anders —mirsprach nichts aus den flinken abgerichteten Fingern, nichts aus dem unbeweglichen wachsgelben Gesicht der Spielerin, in dem die schwarzen Augen wie geistlose Tintenklexe standen, und doch war es wahr: sie spielteperfeitamente! Ich ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich nicht begeistern konnte und blickte ängstlich im Kreise umher, ob man es mir auch nicht anmerke. Alle Gesichter waren blaß, gelb und, aus lauter Hochachtung vor diesem „perfekten Spiel“, unbeweglich, alle bis auf eins.
Seit ein paar Tagen ist nämlich ein junger italienischer Architekt bei uns zum Besuch, ein Neffe des Doktors von seiten seiner ersten Frau, die eine Italienerin war, und dieser Unglückliche schien ebenso antipodisch berührt wie ich. Ich lächelte unwillkürlich, als ich sein Gesicht sah, zumal unser gemeinsames Europäertum uns schon zu vielen gleichartigen Urteilen über hiesige Verhältnisse veranlaßt hat, und er schlug mit unendlich komischem Ausdruck die Augen zur Decke empor.
Mittlerweile war der „Troubadour“ immer eindringlicher geworden, bereits spielte die stille, starke Dame eine halbe Stunde — hatte sie Absichten auf den ganzen Akt? Ich schlängelte mich vorsichtig der Thüre zu, aber noch wagte ich nicht, dem Saal zu entschlüpfen, obgleich ich fühlte, daß mich eine fernere Viertelstunde unter der Wirkung dieses perfekten Spiels völlig überwältigt hätte. Da schob sich der junge Italiener an mir vorbei, er sah ganz erschöpft aus — „Je n’en peux plus“, flüsterte er mir zu, „j’ai déjà une indigestion de musique!“ — —
Und das in einem Lande, das erstanfängt, civilisiertzu werden und das ersteinKonservatorium hat! Wehe künftigen Geschlechtern, wenn die Klavierseuche hier verhältnismäßig wächst!
Aber halt — da sagt mein Licht Valet! Grade als hätte es mir nur noch diesen trüben prophetischen Stoßseufzer erlaubt, flackert es eben auf seinem letzten Faden empor — Lampen giebt es hier nämlich nicht!
Gute Nacht also, meine Grete, oder wenn es Dir interessanter klingt:boa noite—
Deine noch immer musikerfüllteUlla.