Kopfstück Seite 71

Kopfstück Seite 71

Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends.

Weihnachtsabend und 25° Celsius im Schatten! Wie fremdartig, wie heimatfern und, ach Grete, wie traurig! Kein Mensch in dieser ganzen bunten, lärmenden Stadt scheint an Weihnachten zu denken; das öffentliche Leben wird garnicht davon berührt, und nichts erinnert an die heilige Zeit wie daheim. Vielleicht, daß einige wenige deutsche Familien auch in der Tropenstadt ein fremdartig Christbäumlein schmücken (unsere Tanne giebt es ja hier nicht) — aber mir stralt doch keines!Kleinshaben mich so wenig freundlich empfangen, daß ich nicht wieder hingehe, und das wundert mich umsomehr, als Frau Klein früher selbst Erzieherin hier war und also weiß, wie solch’ einsamem Menschenkinde zu Mute sein muß! Onkels Geschäftsfreund konnte ich bisher nicht antreffen. So stelle Dir Deine Ulla nachträglich am heiligen Abend in einem einsamen Hotelzimmer vor, an Euch Lieben in der Heimat denkend und sich unbeschreiblich nach Euch und unserm schönen, lieben Deutschland sehnend!

Draußen lärmt die Stadt mit ihrem Abendgetriebe. Durch die offenen Fenster kommt die eigentümliche, feuchtwarme Tropenluft herein, und ich sehe die Sterne an dem frühdunkeln Abendhimmel erscheinen; in dem Rahmen desSeitenfensters zeichnen sich die Palmen des Corcovado ab, jenes luftigen Bergkegels hinter der Botafogobai, dessen berühmte Quellen Rio mit herrlichem Trinkwasser versehen. Der Bewohner von Rio ist auch sehr stolz auf diese prächtige Naturgabe und sagt im Sprichwort: „Quem bebeu a agua da Carioca-(Quelle)Nunca toma outra agua na boca.“ Wer einmal das Wasser der Cariocaquelle trank, nimmt nie wieder andres Wasser in den Mund.

Wie poetisch könnten hier so manche Eindrücke sein, wenn man sie in Ruhe genießen könnte, aber so unbeschreiblich lärmend wie hier in Rio de Janeiro habe ich es noch in keiner Stadt gefunden, die ich kenne. In Berlin ist der Aufenthalt dagegen die reine Sommerfrische mit Nervenberuhigung, und nicht einmal in London habe ich es so laut gefunden. Da fahren zunächst Pferdebahn und Omnibus mit lautem Gerassel und häufigen Warnungspfiffen daher; kleine einsitzige Droschken, von den Engländerntilburybenannt, poltern im Galopp über das entsetzlichste Straßenpflaster, das Du Dir vorstellen kannst. Reitet jemand, so geschieht es ohne Gnade auch im Galopp, und ich bin schon einige Male in diesen Tagen an’s Fenster gestürzt, weil ich dachte, es gehe ein Pferd durch. Wasserverkäufer, Zeitungshändler (gerade diese sind fast so schlimm wie die Papageien auf der Pflanzung), Bonbons-, Cigaretten- und Sorbetverkäufer, Italiener, die Fische ausschreien, und dazu Drehorgeln und sonstige Instrumente, ganz abgesehen von den ungezählten Klavieren, die zu den offnen Fenstern hinaustönen, alles das tobt sich förmlich aus in den engen Straßen, wo jeder Schall doppelt hart stecken bleibt. Dabei haben diese Leute, besonders die erwachsenen Neger, oft ganz unmenschliche Stimmen, so daß man zusammenfährt,wenn man zufällig in ihre unmittelbare Nähe gerät. Vervollständige Dir diesen Ohrenschmaus durch das Geprassel von Feuerwerk, das man bei Tage und bei Nacht abbrennt, und nimm als selbstverständlich eine eintönige, hartstimmige Negerunterhaltung unmittelbar vor Deinem Fenster und ein ungeschicktes Guitarengeklimper in nicht allzu großer Entfernung hinzu, und dann — beneide mich, wenn Du kannst! Aber auch hier staune ich wieder die Nerven der Einheimischen an: trotz dieses betäubenden Lärms lebt alles auf der Straße oder so gut wie auf der Straße. Wenn der Grundsatz jenes famosen alten Berliner Professors: „Der gebildete Mensch gehört in die Stube!“ überall rück- und vorwärts gefolgert würde, so ist es sicher, daß man hier um die gebildeten Menschen handeln könnte wie Abraham um die guten in Sodom. Der unbeschäftigte Schwarze ist absolut nirgend anders zu finden als vor der Hausthür, rauchend und spuckend, die Kinder wälzen sich vom Morgen bis zum Abend auf der Gasse umher. Der kleine Krämer, der Vendiste, ja und auch der bessere Kaufmann in den vornehmeren Straßen steht vor der Thür, wenn augenblicklich kein Kunde da ist, und schwatzt mit den Vorübergehenden, und sowie die Sonne es gestattet, ist jeder Balkon, jedes Fenster besetzt von müßig gaffenden Menschen.Das Hausscheint für niemanden Anziehungskraft oder Beschäftigung zu haben, denn sonst würde es diese Leute doch nicht immer wieder amüsieren, in den Tumult der Straßen hineinzugaffen. Die Straße wirkt hier überhaupt auf entsetzlich plebejische Weise in das Haus hinein. In einem gut brasilianischen Zimmer sitzt man wie in einem Schaukasten, sämtliche Fenster stehen auf, da der Brasilianer der Ansicht ist, daß offne Fenster unterallen Umständen ein Haus kühl machen, und sämtliche Thüren obendrein. Ich gebe zu, daß letzteres nötig wird, um durch den dadurch bewirkten Zug die Thorheit des ersteren wieder gut zu machen — aber warum schafft man nicht lieber eine weit gründlichere und angenehmere Kühle dadurch, daß man die Fenster gegen den Sonnenbrand der Tagesstunden verwahrt?! Ich begreife es jetzt schon viel besser, daß die Brasilianer noch nichts Bedeutendes an wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen haben: ihre Lebensweise läßt keinen geordneten Gedanken aufkommen. Zu geschlossenen Gedanken gehört ein geschlossener Raum, wo nicht tausenderlei äußere Dinge einen abziehen von dem, womit man sich beschäftigen will, und das meinte wohl auch der Berliner Professor mit seinem originellen Dictum.

Natürlich ist Rio augenblicklich durchaus kein Aufenthalt für mich. Der Arzt war sehr unzufrieden mit dem Zustand meiner von Arbeit, Lärm und neuralgischen Schmerzen zerquälten Nerven und hat mir auch dringend geraten, die Arbeit in Saõ Francisco nicht wieder aufzunehmen, sondern dem Vehmgericht, den Papageien und den täglichen fünf Klavierstunden Valet zu sagen, vor allen Dingen aber erst auf vier Wochen nach Petropolis (dem berühmten, jenseits der Bai gelegenen Luftkurort) hinaufzugehen, um mich von dem Fieber zu erholen. Petropolis ist zugleich Sommerresidenz des Kaisers, und die ganze Diplomatie flüchtet in diesen Monaten dort hinauf vor der Hitze und dem gelben Fieber.

Aber da läßt mich Mrs. Carson, die Frau des Hotelwirtes auffordern, mit ihnen zusammen in ihrem Privatzimmer Abendbrot zu essen. Carsons sind Engländer und sehr liebe Menschen. Ihre Kinder werden in Englanderzogen, und wenn sie daher auch keinen eigentlichen „Weihnachten“ feiern, so scheinen sie doch zu empfinden, wie schwer dieser Tag hier für ein einsames deutsches Herz sein muß. Und unsre eignen Landsleute — —!

Schreibe mir nur recht ausführlich, wie alles bei Euch und zu Hause war, beschreibe mir alles, alles, wie wir es als Kinder thaten, jedes Stück, was Du geschenkt bekommen hast — es wird mir jedes Wort ein Stück Deutschland sein! Richte Deine Briefe hier an dasHôtel Carson, rua Catette, und laß ihrer recht viele sein!

DeineUlla.


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