Kopfstück Seite 76
Kopfstück Seite 76
Petropolis, den 15. Januar 1882.
Mein liebstes Gretele!
Freue Dich mit mir, denn ich habe meinen Humor wiedergefunden, den ich verloren hatte — oder sollte es nur der Racker Galgenhumor sein, den ich beim Kragen erwischt?
Ich schreibe hier in einer Umgebung, die ein ganz nettes Modell für eine Trödelbude wäre. An den Nägeln in der Wand hängen meine Kleider und Jacken in malerischer Unordnung; auf dem Bette sind Schleifen, Hüte und Tücher ausgebreitet; auf allen Stühlen sonnt sich Wäsche. Von den Fensterbrettern aus gucken fünf Paar Stiefel und Schuhe andachtsvoll auf die Bananengruppe davor hinaus, und darüber flattern, auf einen Bindfaden gereiht, meine sämtlichen Handschuhe im Zephyr des Mittags.
In diesem Zustande befinden meine Garderobe und ich uns alle drei Tage einmal, nachdem ich gleich zu Anfang die Entdeckung gemacht, daß andernfalls in diesem fruchtbaren Lande sich sogar Stiefel und Kleider mit der üppigsten Vegetation bedecken. Diese mühelose Pflanzenzucht ist ja im Uebrigen ganz hübsch, nur den Sachennicht sehr bekömmlich, und besonders verfolgt das Schicksal in dieser Hinsicht Stiefel, Handschuhe und Seide; alle die schönen feinen Lederhandschuhe, die ich noch in Antwerpen gekauft, sind fleckig geworden!
Doch ich will Dir meine Abenteuer von Anfang an erzählen:
Als ich am zweiten Weihnachtstage nach Saõ Francisco zurückkam und erklärte, daß ich nicht länger bleiben könne, war man höchst unangenehm überrascht, aber meine vierwöchentliche Krankheit und mein immer noch elendes Aussehen hatten ihre Herzen doch insofern erweicht, daß sie meiner Abreise kein Hindernis in den Weg legten. Wir sagten einander Adieu, und fort war ich. Grete, solch ein Lebewohl habe ich in meinem Leben noch nicht gesagt! Nichts that mir leid zu verlassen, im Gegenteil, ich fühlte, daß mir keiner von ihnen schwer zu missen sein würde, und war mir ebenso sehr bewußt, daß auch in den Herzen der Kinder keinerlei Anhänglichkeit für mich vorhanden war, und daß man einzig diegênebedauerte, eine neue Gouvernante suchen zu müssen; man wird eben nicht warm mit diesen Menschen hier! —
Am Sylvestertage reiste ich hierher, und zwar in drei Absätzen: erst mit dem Dampfer über die Bai, dann mit der Eisenbahn bis an den Berg, der Petropolis trägt, und dann mit einem Omnibus auf allerdings recht gut chaussiertem Wege hinauf.[4]Ich erwischte einen ziemlich guten Platz in einem der fünf Wagen und hatte auch die Beruhigung, zu sehen, daß meinem Koffer ein ähnliches Glück widerfuhr.
Etwa auf der Hälfte des Weges wurde Station gemacht, und alles drängte sich um eine dort stehende Bude, wo Kaffee, Gebäck und Früchte zu haben waren. Ich war hungrig geworden und trank gierig meine Tasse Kaffee hinunter und biß ebenso eifrig in ein Stück Biscuit-Kuchen, das ich aufgegriffen. Es schmeckte etwas eigentümlich, und als ich es beim zweiten Happen näher besah, fand ich, daß es von Ameisen wimmelte, von denen ich also gewiß soeben eine erkleckliche Anzahl mit verschluckt hatte. Brrr! nicht wahr? Ja, siehst Du, ich war aber schon so verbrasilianert, daß ich nur gleichmütig den Rest der kleinen Gäste von meinem Biscuit abstreifte und diesen dann behaglich zu einer zweiten Tasse Kaffee verzehrte. Dies wird Deine Verachtung ebensosehr herausfordern, wie es entschieden die Ver- und Bewunderung eines jungen Franzosen erregte, der daraufhin eine lächelnde Bemerkung an mich richtete, die ich dummer Weise munter beantwortete, denn seitdem ödete mich dieser galante „Erbfeind“, der glücklicherweise in einem andern Wagen saß, an jeder Haltestelle, und wenn ich alles das hätte essen und trinken wollen, was er mir hinter einander anbot, so wäre ich wohl schwerlich lebend nach Petropolis hinaufgekommen.
Hier ging ich erst in das deutsche Hotel und machte mich dann auf nach der Behausung des Herrn Goldschmidt, Onkels Geschäftsfreund, der hier ein schloßähnliches Haus mit herrlichem Park besitzt, das er in der heißen Zeit mit seiner Familie bewohnt. Da ich sie bei meinem Aufenthalt in Rio zuletzt noch getroffen hatte, so war dieser Besuch nicht mein erster.
Ich wurde in den Saal geführt und gebeten, einen Augenblick zu verziehen.
„Haben Sie keine Stelle?“ schrie es da plötzlich hinter mir, und Frau Goldschmidt, eine äußerst lebhafte Brasilianerin, die rasch aber falsch deutsch spricht, stand mit halb lachendem (sie lachtimmer), halb ängstlichem Gesichte vor mir.
Grete, die Angst dieser zwanzigfachen Millionärin, ich könne irgend etwas von ihr wollen, war so unbeschreiblich komisch, daß mir wie mit Zauberschlag der Humor zurückkam und ich laut herauslachte. Donna Albertina sah mich starr an.
„Verzeihen Sie“, sagte ich nun auch etwas brutal, „aber es ist zu komisch, daß das Ihre erste Frage war! Nein, ich habe keine Stelle, aber ich werde eine finden, wenn es nötig sein wird.“
Dann kam der Gatte.
„Sehen Sie, mein Fräulein“, dozierte er, „ich war immer ein reicher Mann, denn ich verbrauchte immer nur die Hälfte von dem, was ich einnahm. Ich kam nach Rio mit fünfzig Mark und besitze heute mehrere Millionen: Alles durch jene Praxis! Aber was ich sagen wollte — gehen Sie jetzt zu unserer Miß Dahlmann; wir haben nämlich unsere Gouvernante nicht im Hause; es geniert mich, fremde Leute im Hause zu haben. Sie ist eine Deutsch-Engländerin und wohnt bei einer einfachen deutschen Familie im Dorfe; vielleicht kann sie Ihnen raten, wo sie am billigsten unterkommen; Sie verbrauchen im Hotel zu viel Geld, das ist schon falsch — immer nach meinem Prinzip, mein Fräulein, immer nach meinem Prinzip!“
Der kleine Mann amüsierte mich unaussprechlich mit seinemmezza vocevorgebrachten Redeschwall und den fortwährend nach den Westenärmeln schnappenden Daumen.Seinen, wenn auch ungeforderten Rat betreffs meines Unterkommens beschloß ich jedoch insofern wenigstens zu befolgen, als ich diese Miß Dahlmann aufsuchen wollte, in der ich doch wenigstens eine Collegin fand.
Donna Albertina forderte mich auf, an dem Frühstück teilzunehmen, das eben serviert wurde. „Sehen Sie, mein Fräulein“, begann der Gatte wieder (er scheint diesen Anfang sehr zu lieben), — „ich lade nur zum Frühstück Leute ein, zu Mittag aber niemals. Wir essen um sechs; nachdem kommt gleich die Abendpost, die ich in Ruhe erledigen muß, und da ist es mir störend, wenn jemand Fremdes da ist. Verstehen Sie wohl? Aber zum Frühstück, da mag kommen, wer da will, da stört es mich weniger“ — schwupp fuhren seine beiden Daumen in die Westenärmel.
Es wurde Zeit, daß ich ging, Grete, sonst hätte ich den Leuten wieder ins Gesicht gelacht, denn die Heiterkeit steckte mir schon oben in der Kehle. Ich sagte, daß ich bereits gefrühstückt habe, ehe ich hergekommen, daß ich aber zu Miß Dahlmann gehen wolle, wenn sie mir den Weg beschreiben möchten. Daß sie mich so schnell los würden, hatten sie wohl kaum gehofft; in ihrer Freude darüber wurden sie plötzlich sehr liebenswürdig und bestanden darauf, mir einen Neger zur Führung mitzugeben, was ich denn auch annahm. Es geht doch nichts über gute Empfehlungen an Landsleute im fremden Lande — da kann man doch absolut nicht verderben!!
Miß Dahlmann ist einige Jahre älter als ich und etwas steif und „englisch“, war aber doch gutmütig genug, mir behülflich zu sein, daß ich bei ihrer eigenen Wirtin unterkam, wo wir auch essen. Sie ist meine einzige Gesellschafterin hier und, wenn auch nicht gerade herzlich, sodoch auch nicht unliebenswürdig. Sie sieht das Leben im Ganzen weit kühler an als ich, und so verstehe ich es, daß sie bei Goldschmidts aushält. Ich habe mir schon manchen nützlichen, entweder beabsichtigten oder unwillkürlichen Wink von ihrad notamgenommen und denke ein ganz Teil „landesgewandter“ von hier fortzugehen, als ich kam.
Petropolisselbstist meiner Ansicht nach ein elendes Nest, und das Hauptamüsement der Fremden besteht darin, jeden Nachmittag nach der Haltestelle der Omnibusse hinzugehen und die heraufkommenden Fremden anzugaffen. Das Palais des Kaisers ist ein langes, weitläufiges, aber schrecklich langweiliges Gebäude, an dem nichts zu sehen ist, wie viele Fenster. Ich bringe die Ansicht davon auf einem gläsernen Briefbeschwerer eingraviert mit, sowie auch ein paar kleine Vasen, auf denenLembrança(Erinnerung)de Petropolissteht; diese Sachen sind aber sehr wenig interessant, da sie alle aus Europa kommen und hier nur graviert werden. Weit besser gefallen mir die feinen Drechsler- und Schnitzarbeiten eines Deutschen, der hier ein allerliebstes Häuschen hat und ein höchst gemütlicher alter Herr ist mit einer ebenso gemütlichen und sehr zahlreichen Familie. Dahin gehe ich manchmal, um ein Stündchen zu verplaudern, und lasse mir über die Anfänge von Petropolis erzählen; auch habe ich dort einen ganz prächtigen Tabaksbehälter gekauft, der aus einer Brotfrucht gefertigt und oben von einem geschnitzten Indianer gekrönt ist.
Die übrigen hier ansässigen Deutschen sind fast alle ganz ungebildete Bauern. Sie haben sich ihre deutsche Sprache und einige deutsche Untugenden bewahrt, aber im Ganzen sind sie doch schon sehr von den Landessitten angestreift.Petropolis ist auch schon lange keine rein deutsche Colonie mehr, wie es ursprünglich war. Es wohnen hier Colonisten aus aller Herren Länder, und man hört alle Sprachen, unter welchen mir ein Kauderwelsch von Neger-Portugiesisch und Plattdeutsch am besten gefällt: „Kiek mal, ob dat noch schuwet“ (regnet) — „Esperen (warten) Se mal en beten“ — „Ich kann ainda (noch) nicht“, und dergleichen hört man viel.
DieLagedes Ortes ist herrlich, das muß man sagen! Hoch in den Bergen, zwischen unabsehbaren Waldungen gelegen, bietet derselbe prachtvolle Spaziergänge auf guten Waldwegen, die sonst in Brasilien etwas ungemein Seltenes sind, da das erste Eindringen in die Wälder schwer ist und alles gleich wieder zuwächst mit Gestrüpp und Schlingpflanzen.
Ich bleibe hier wahrscheinlich noch diesen Monat und will dann doch einmal, um die Stadt kennen zu lernen, mein Heil in Rio versuchen; ich habe jetzt wieder bessere Nerven und mehr Courage! Tausend Grüße von
Deiner altenUlla.
Neulich begegneten Miß Dahlmann und ich der Kaiserin, sie war zu Fuß mit einer Hofdame; und am Sonntag sahen wir den Kaiser, die Prinzessin und ihren Gemahl, den Grafen von Eu, sowie die drei kleinen Prinzen alle ineinemWagen ausfahren.
[4]Jetzt führt eine Bahn bis ganz hinauf. D. V.
[4]Jetzt führt eine Bahn bis ganz hinauf. D. V.
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