Kopfstück Seite 94

Kopfstück Seite 94

Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882.

O Gretel, dieses Collegio — es wächst mir über den Kopf! Ich glaube, ich bin wirklich eine ganz miserable Lehrerin! Sie lernen nichts bei mir, sie lernen garnichts. Ob es hier wohl Schulinspektoren giebt? Dann blamiere ich mich entsetzlich. Ich finde mich so schlecht in dieses oberflächliche Tünchen hinein; beginne ich aber zu vergründlichen, dann wird es erst recht wüst — ich bin ganz verzweifelt! Und nun gar die Disziplin! Schon das Wort allein macht mich schamrot. Denke Dir Folgendes. Als ich neulich in die Klasse trat, fand ich dieselbe sehr unruhig und lärmend, und in meiner Ratlosigkeit that ich nochmals einen verzweifelten Griff auf Bormann zurück. Sobald ich nämlich so viel Ruhe schaffen konnte, daß ich gehört wurde, kommandierte ich „Aufstehen — setzen!“ fünf Mal hinter einander, was bei uns ja auch wirklich nie verfehlt, eine Klasse zu beschämen. Und hier —o sancta simplicitas! Nachdem ich ihnen erst überhaupt nur schwer begreiflich gemacht hatte, was ich von ihnen verlangte, waren die Kinder derartig weit entfernt, das Ganze für eine Strafe anzusehen, daß sie glaubten, es handle sich um einen guten Spaß, hopsten zuletzt immer noch von selbst wie die Perpendikel auf und nieder und amüsierten sich königlich. Grete, seitdem ist Bormann fürmichhier in Brasilienendgültig abgethan! Ich sehe wohl ein — wenn hier eine Pädagogik eingeführt werden soll, dann muß sie brasilianisch sein und nicht deutsch — brasilianisch in Bezug auf die ganze Auffassung und alle Voraussetzungen, sie muß dem Charakter des Volkes, den häuslichen Lebensverhältnissen dieser Leute angepaßt sein. Brasilianische Kinder sollten überhaupt nicht von Deutschen erzogen werden, es ist völlig verlorene Mühe, denn das fremde Reis, das der Jugend da aufgepfropft wird, gedeiht doch nicht! Mir geht es hier mit den Kindern, wie ich Dir von Saõ Francisco in Bezug auf die Pflanzen schrieb: wir verstehen einander nicht, wir reden äußerlich und auch seelisch eine fremde Sprache mit einander, und besonders letzteres macht mir die Existenz hier zu einer furchtbar unbehaglichen.

Allerdings läßt auch meine äußere „Behaglichkeit“ einiges zu wünschen übrig. Mein „Zimmer“ ist ein fensterloser Alkoven, der sich von einem Zöglingssaal abzweigt und nur durch die Thür zu diesem Raum Luft und Licht erhält! Seine ganze Ausstattung besteht aus dem Bett (es ist einewohlfeileAusgabe von dem in Saõ Francisco), einem Waschtisch und einem Stuhl. Ich besitze weder Schrank noch Kommode; mein Koffer dient als Leinzeugbehälter, und für meine besseren Kleider hoffe ich immer noch Mlle. Lerôt den Strafschrank abzuschmeicheln, wofür mir die Kinder jedenfalls sehr dankbar sein werden. Schreiben thue ich auch in dem Zimmer der Französin, mit der ich trotz der Erbfeindschaft hier im Hause noch am meisten sympathisiere. Ihr Zimmer ist zwar auch nicht viel besser als meines, aber sie hat einen Tisch darin und ein Fensterchen oben an der Decke, während ich in meinemdunkeln Loch, deren es in jedem brasilianischen Hause giebt, manchmal fast ersticke. Dazu kommt, daß wir in diesem Hause schrecklich unter den Baratten leiden, einem widerlichen Käfer, unserer Schabe ähnlich, doch von Maikäfergröße und pestartigem Geruch! Die Baratte ist eine allgemeine Landplage hier, aber so, zu Hunderten und Tausenden wie in diesem Hause, habe ich sie noch nicht auftreten sehen. Abends wenn ich mit den Kindern in ihren Schlafsaal trete, wimmelt es auf dem Fußboden von den eklen Tieren, und sofort wird mit Stiefeln und allen erreichbaren harten Gegenständen Jagd darauf gemacht. Hunderte rennen uns davon, aber hunderte von Leichen bleiben auch auf dem Schlachtfeld und werden dann erst ausgekehrt. Glaube nicht Grete, daß dies übertrieben ist, es soll in alten Häusern oft so schlimm sein, und gewiß könnte mir mancher andre Brasilienreisende Ähnliches bestätigen. Von den Mosquitos, den Ameisen, den Eidechsen und anderem Ungeziefer spreche ich garnicht, weil es gegen diese Baratten nichts ist, die außerdem noch alles anfressen und ruinieren, wo sie dazu kommen können; allein schon in diesen wenigen Nächten haben sie mir meinen Göthe ganz aus dem Einband gefressen!

Überhaupt ist mein Enthusiasmus für Rio schon ziemlich abgekühlt. Das Leben hier im Collegio ist nicht sehr reizvoll, und das Wandern in den Straßen wird zur Pein durch — die übergroße „Höflichkeit“ der Herrenwelt. Sie sind es von ihren Landsmänninnen nicht gewohnt, Damen allein auf der Straße zu sehen, und wenn sie auch wissen, daß wir Fremden diese Freiheit hier für uns in Anspruch nehmenmüssen, so scheinen sie sich doch berechtigt zu glauben, europäische Damen, wenn sie allein sind, mitAnreden zu belästigen. „Comment ça va-t-il, Mademoiselle?“, „Mais, ou allez-vous si vite, mon enfant?“, solche und ähnliche Redensarten habe ich mir nun schon die Überwindung angeignet, ohne Thränen einfach zu ignorieren. Was sagst Du aber dazu, daß sich neulich, als ich eben einen Handschuhladen verlassen wollte, ein langer, dürrer Brasilianer grade vor mich hinstellte und mit der unverschämtesten Miene unter seinem Kneifer hervorgriente: „Pas décidemment jolie, mais gentille, très gentille!“ Ich stürzte aufgebracht von dannen, was ihn höchlich zu amüsieren schien.

Ach, Grete, hätte ich wenigstens eine gleichgestimmte Seele hier! Mademoiselle Lerôt, Miß Dahlmann, ja, sie sind ja ganz freundlich und liebenswürdig — aber so eine rechte Freundin möchte ich haben — so eine Grete! Ach, Herz, wenn Du hier wärest — — aber nein, ich will es Dir doch nicht wünschen! Bleibe Du drüben, und (ganz heimlich ins Ohr flüstern) ich komme auch wieder — sobald das Reisegeld reicht. Vorläufig ist große Ebbe im Schatz, und mein Collegio-Gehalt wird keine Flut hineinleiten; also noch heißt’s Stillsitzen, denn allein das Dampfer-Billet bis Hamburg kostet 30 £!

Den 22.

Heute war ich bei dem Pastor der hiesigen deutschen Gemeinde und auch bei dem deutschen Konsul; beide waren sehr liebenswürdig, und der Konsul, der ein feiner Mann ist und die Brasilianer auch nach Gebühr „würdigt“, empfiehlt mir, lieber nach der Provinz Saõ Paulo zu gehen, wenn ich dort irgend etwas bekommen könne; dies sei keine Stellung für mich, und in Saõ Paulo seien auch mehr Kolleginnen. Ich habe mir das gesagt sein lassenund studiere nun, wo ich es erhaschen kann, eifrig dasJornal de Commercio, wo unter Annoncen entlaufene Neger betreffend und zwischen Sklavenverkaufsanzeigen auch „professoras“ mit zahllosen Fähigkeiten und Vollkommenheiten gesucht werden. Übrigens habe ich hier im Collegio gelernt, daß es „professora“ nur heißt, so lange man beliebt ist, sonst wird man auf das mindere „mestra“ herabgesetzt. Ein wahres Glück ist es, daß man hier keine Kontrakte macht oder Kündigungsfristen innehält, denn wenn man dabei freilich auch stets gewärtig sein muß, an irgend einem beliebigen Tage an die Luft gesetzt zu werden, so kann man doch auch selber sein Ränzel schnüren, wenn’s einem zu bunt wird. Adieu, mein Schatz; empfiehl mich dem Wohlwollen aller neun Musen, daß sie mich nach Saõ Paulo gelangen lassen!

DeineUlla.


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