Kopfstück Seite 99

Kopfstück Seite 99

Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882.

Grete, bist Du schon einmal auf dem Wege zum Zahnarzt gewesen, um Dir einen festen Backenzahn ausreißen zu lassen? Vielleicht. Aber ist es Dir dann auch schon passiert, daß man Dir plötzlich an die sorgfältig behütete Wange ein hartes Etwas geschleudert hat, das daselbst zerplatzte und eine kleine Flut patchouliduftenden Wassers in Deinen Hals ergoß? Nein? Dann weißt Du auch nicht, wie viel Galle Du hast. Widersprich mir nicht — Du weißt es nicht! Ich meinesteils wenigstens erhielt durch die eben erzählte Prozedur einen so unvermuteten Aufschluß über die Größe meines Quantums Cholerik, daß ich in meiner guten Meinung von mir ganz beträchtlich gedemütigt wurde.

Es war in derrua dos Ourives, wo ich meine Entdeckung machte. Ihre erste Wirkung war, wie gesagt, mir miteinemSchlage die schönen Illusionen zu rauben, die ich in Bezug auf die Milde meiner Gemütsart gehegt — allein „paff“ betäubte ein zweites hartes Etwas mit nachfolgender Wasserflut, das sich diesmal die entgegengesetzte Seite aussuchte, meine Selbstanklagen, und es wallte wieder zorniger in mir auf... „piff“ sauste es unmittelbar darauf an meiner Nase vorbei und zerplatzte an der Wand neben mir — ich wollte mich bücken, um die Beschaffenheit dieser entsetzlichen kleinen Geschosse zu konstatieren — „puff“ zerplatzte es dumpf in meinem Nacken und lief mir den Rücken hinab.

Außer mir vor Zorn stand ich still und blickte um mich, meine Zahnschmerzen vollständig vergessend. Rings um mich her sah ich Gesichter von einer so impertinenten Heiterkeit, wie Gesichter sie nur anzunehmen pflegen, wenn sie sich in einem ohnmächtig-zornsprühendem Antlitz reflektieren dürfen; elegante Herren, schmutzige Mulattenjungen, Kommis, Straßenbummler, sogar die Damen auf den Balkons, alles verwandelte sich mir in ebenso viele grinsende Teufel, und alle zielten wie auf Verabredung auf mein unseliges, zahnwehbehaftetes Ich mit jenen infamen kleinen harten und wässrigen Geschossen. Mechanisch drückte ich mich an ein Haus, um wenigstens von hinten gesichert zu sein... sssrrr floß es in wohlberechnetem Guß auf meinen Hut (es war eine echte Feder darauf!) überschwemmte ihn und suchte einen Ausweg in meinen Kragen.

Ich war vollständig betäubt. Was war dies? Was bedeutete es? Wachte ich wirklich und befand ich mich in einer der besten Straßen Rios, oder war dies alles ein wüster Traum?!

Da lehnt sich eine junge Brasilianerin lächelnd zu dem Fenster hinaus, an dem ich wie angewurzelt stehe; ich wende mich an sie und will sie anreden, da hebt sie die Hand — ein kleines blankes Flakon glänzt darin — „huist“, „huist“ — und meine beiden Augen waren momentan dienstunfähig. Das war zu viel! Ich war außer mir. Eine ohnmächtige Wut und zugleich eine unglaubliche Feigheit all diesen geheinmisvollen Feinden gegenüber bemächtigte sich meiner, und als ob der Böse selber mich verfolgte, legte ich den Rest meines Weges zurück.

Am ganzen Körper bebend vor Zorn und bei jeder Bewegung Tropfen sprühend, sank ich, am Ziele angelangt, in Thränen ausbrechend auf ein Sofa im Wartezimmer von Dr. Müller, der mich seit einer Woche unter seiner zahnärztlichen Behandlung hatte.

„Aber liebes Fräulein, was fehlt Ihnen?“ rief er aus dem Nebenzimmer; doch als er dann eintrat und mich so triefend dasitzen sah, verzog sich auch sein Gesicht zu einer Spielart jenes bereits erwähnten Heiterkeitsausdruckes, und ich sah, wie schwer es ihm wurde, nicht laut heraus zu lachen.

„Ja, mein Gott“, rief ich außer mir vor Zorn, „was ist denn nur los, ist denn hier in Rio alles toll geworden!“

Jetzt lachte der Doktor los, faßte mich bei der Hand, führte mich an den Wandkalender und wies mit dem Finger auf eine Zeile des Monats Februar — „Fastnacht“ — las ich da und sank, dumpf aufseufzend, auf den nächsten Stuhl.

Der Doktor begann an mir herumzupflücken. „Was machen Sie denn?“ fragte ich matt.

„Ich sammle Ihnen wenigstens einige Wachsstücke ab.“

„Wachsstücke?“ wiederholte ich ebenso matt, aber erstaunt.

„Nun ja, Sie haben, wie es scheint, eine gehörige Ladung von den Dingern bekommen, Wachseier mit Wasser gefüllt, unter deren Zeichen Rio nun bis zum Aschermittwoch fortwährend stehen wird.“

Bis zum Aschermittwoch, das waren damals noch eilfTage! Mit stummem Entsetzen überschlug ich das mögliche Quantum von Patchouliwasser und Wachseier-Schalen, des aus Kübeln gegossenen Wassers garnicht zu gedenken, das sich in diesen eilf Tagen noch den Weg in meine Garderobe suchen konnte, und ingrimmig zerdrückte ich das Wachs einer halben Eierschale, die ich eben aus meiner triefenden linken Manschette zog.

„Da ist wohl der Zahn noch für heute gerettet?“ lächelte der Doktor.

„Nein, im Gegenteil“, rief ich mit einer Erneuerung meiner vorherigen „Energie“ — „an etwas muß ich meinen Zorn auslassen, und sei es an mir selber; reißen Sie — reißen Sie —“ Und so wurde ich um einen Weisheitszahn ärmer.

Als ich in das Collegio zurückkam und meine Abenteuer erzählte, geriet die kleine Bande in eine schreckliche Aufregung — „Laranginhas, Laranginhas!“ wurde das allgemeine Feldgeschrei. Die Brasilianer nennen diese abscheulichen kleinen WachsgeschosseLaranginhasd. h. kleine Orangen, mit denen sie jedoch meiner Ansicht nach nicht die geringste Ähnlichkeit haben; sie haben vielmehr die Form und Größe von Hühnereiern, und die Kinder gießen sie selbst mittels einer hölzernen Form. Dutzende von solchen Formen kamen wie mit Zauberschlag in unserm ehrenfesten Collegio zum Vorschein, und ehe wir Lehrerinnen es uns versahen, war die Wasserschlacht im vollen Gange. Nicht nur, daß man sich in den Pausen mitlaranginhasbombardierte, sondern sogar in den Stunden spritzten sich die Nachbarinnen mit denbisnagas, die durch Gott weiß wen eingeschmuggelt wurden, Wasser in die Ohren und die Kleider, so daß an eine ruhige, gesammelteStunde garnicht mehr zu denken war. (Die Bisnagas sind kleine Flakons genau wie unsre Farbenfläschchen, und man hat sie mit allen Parfüms gefüllt, bis zu den feinsten Sorten). Am Sonntag aber, als die Kinder nun nichts zu thun hatten, wurden sie ganz wild und begossen sich gegenseitig von oben bis unten mit Wasser aus großen Steinkrügen und Waschschüsseln. Das ganze Schlafzimmer schwamm, und Mlle. Lerôt und ich standen ratlos vor der wasserberauschten Gesellschaft, die wie die Wilden umhersprangen und schrieen, bis glücklicherweise Madame kam und der Sache ein Ende machte. Seitdem haben wir hier im Hause Ruhe.

Draußen aber dauert dieser geschmackvolle Faschingssport ruhig fort, so daß ich mein Schicksal verwünsche, das mich grade jetzt alle Tage in dierua dos Ourivestreibt, und halbe und ganze Stunden vergrüble über der Zusammenstellung möglichst wasserdichter Kostümierungen. Die Brasilianer aber sind selig in dieser Zeit, ganz „aus dem Häuschen“. Man sieht reiche junge Brasilianer die Straße entlang wandern eigens zum Zweck dieses wässrigen „Amüsements“, einen Negerjungen hinter sich, der in einem mächtigen Korbelaranginhasundbisnagasbereit hält, und hunderte von Franks sollen da von Einzelnen auf diese Weise verschleudert werden. Obgleich es in jedem Jahre von neuem verboten wird, geschieht es in jedem Jahre wieder, und an den Straßenecken stehen ganz naiv sogar die Negerinnen da, welche große Tablets vollerlaranginhaszum Verkauf feil halten. In den Pferdebahnen fürchtet ein Jeder einen Jeden, und wenn man eben anfängt, seinen Nachbarn mit ein wenig mehr Vertrauen zu betrachten, so fährt man im nächsten Momententsetzt zusammen, da der Hintermann einem mit wahrhaft teuflichem Genuß ein ganzes Fläschchen Wasser in den Kragen gießt. Aber ärgern darf man sich nicht, denn wenn sie das sehen, so ist man erst recht verloren, und je mehr man sich in der Kleidung zu schützen sucht, desto nasser wird man. Jetzt naht sich aber die Sache glücklicherweise ihrem Ende, denn gestern war der große Faschingsumzug, und heute ist der beschließende Maskenball.

Den Umzug habe ich mit angesehen von dem Balkon einer mit Madame befreundeten Familie in derrua d’ Ouvidor, und ich kann nicht anders sagen, als daß er ganz brillant war. Viele der Wagen, deren Ausstattung man teils aus Lissabon, teils aus Paris hatte kommen lassen, waren sogar hochkomisch, so einer derselben, „das wahre Bild der Hölle“ betitelt, wo in Gestalt von lebensgroßen Strohpuppen Mönche verbrannt, Pfaffen geprügelt und Nonnen gerädert wurden. Und das in einemkatholischenLande! Aber der Brasilianer ist nicht mehr so fromm wie seine Vorfahren. Mit Jubel begrüßt wurde zumal ein andrer Wagen, wo aus der Dachluke eines darauf stehenden Häuschens in regelmäßigen Intervallen von einigen Minuten die täuschend ähnliche Maske des hiesigen Telegraphendirektors heraussah, der mit einer Schere die über dem Hause weggeleiteten Telephondrähte zu zerschneiden suchte, was nämlich in der That auf sein Anstiften von den Unterbeamten geschehen sein soll. An die eigentlichen darstellenden Wagen schloß sich eine lange Reihe Kutschen mit Masken an, allerdings nur Herren mit Damen vom Theater und der Demimonde. Da der Zug nicht beworfen werden durfte, so konnte man ihn in Ruhe betrachten, aber dennoch kam ich die ganze Zeitüber nicht aus der Gänsehaut heraus wegen der gruseligen Geschichten eines neben mir stehenden Brasilianers. Die eine handelte von einem deutschen Lehrer, der wegen eines herausfordernden Havelocks in der Faschingszeit vor einigen Jahren schließlich von zwei handfesten Negern erfaßt und in eine mit Wasser gefüllte Badewanne geschleppt worden war, worauf er die Cholera bekommen, die andre von einem Engländer, der sich aus denbisnagasund denlaranginhasdas gelbe Fieber und den Tod geholt. Als er die dritte anfangen wollte, die wahrscheinlich von einem Russen gehandelt hätte, bat ich ihn, mich zu verschonen.

Nun — Gute Nacht, mein Gretel — es ist entsetzlich heiß, so daß das Licht vor mir sich biegt, aber ich kann es aushalten, da ich es selten drückend finde, indem die große atmosphärische Feuchtigkeit sehr mildernd wirkt. Die schlimmste Zeit ist nun auch bald vorüber und damit auch die Zeit des gelben Fiebers, die allerdings alljährlich nach dieser wilden Faschingszeit noch einmal einen Aufschwung nimmt; noch sterben wöchentlich gegen hundert Personen allein am gelben Fieber. Mich muß es nicht wollen, Grete, denn sonst hätte ich es bei meiner augenblicklichen schlechten Verpflegung längst bekommen müssen, zumal es immer zuerst „die weißeste Haut“ nimmt; Europäer, und besonders Engländer und Deutsche sind am meisten ausgesetzt, und zuletzt bekommen es die Neger.

Übrigensà proposVerpflegung Grete! Die Zeit ist da, wo ich „eine Passion für das gedörrte Hammelfleisch“ habe; es ist wenigstens nicht so fett und läßt sich daher bei der Hitze am besten essen. Mit Appetit esse ich aber nur, wenn mich Carsons einmal zu einem guten englischenbeefeinladen, was sie thun, so oft ich abkommen kann.Sie sind überhaupt rührend gut zu mir, Grete, und viel von meiner Courage in diesem fremden Lande danke ich ihrem freundlichen Zuspruch;God bless them!

Aber Mademoiselle wird ungeduldig, ich muß schließen. Es küßt Dich, mein Gretel,

Deine Ulla.


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