Kopfstück Seite 107

Kopfstück Seite 107

Rio de Janeiro, den 2. März 1882.

In aller Eile ein paar Worte, Herzensgrete! Ich bin nach Saõ Paulo engagiert und zwar, denke Dir mein Glück, nach derStadtSaõ Paulo zu einer, wie es scheint sehr netten Familie. Herr Konsul Haupt war so sehr liebenswürdig, eine Annonce für mich in dasJornal de Commerciorücken zu lassen, wo er mich wohl sehr herausgestrichen haben muß, denn dieser Herr Costa ist eigens von Saõ Paulo hergekommen, um dies Wundertier von „professora“ (vulgo„mestra“) zu engagieren. So geht’s denn morgen nach der „geistigen Hauptstadt von Brasilien“, wie der Paulistaner seine Stadt mit Stolz und Vorliebe nennt.

Madame war höchst ärgerlich, als ich ihr sagte, daß ich fort wolle, und hat mir kaum Adieu gesagt, aber alle, die mir wohlwollen, raten mir zu.

Weißt Du aber, was mir jetzt klar geworden ist, Gretel? Der Grund, warum meine deutschen Kolleginnen in ihrer Toilette nicht im Stande waren, den Beifall ihrer brasilianischen Mitschwestern zu erlangen! Ich werde wohl nächstens auch ohne denselben fertig werden müssen. Stelle Dir vor, wenn es Dir möglich ist, daß ich neulich für ein Kattunkleidel, das ich haben mußte und mir bei einer französischen Schneiderin anfertigen ließ, dieser edlen„Madame Victorine“ baare 78 Mark Macherlohn auf den Tisch des Hauses niederlegen mußte!! Ich war versteinert und werde nie mehr zu einer Madame Victorine gehen, wenn meine mitgebrachten Sachen nicht mehr reichen, sondern es machen, wie es wahrscheinlich meine Kolleginnen hier vielfach thun: ich werde selber zu Schere und Nadel greifen!

Der erste „Erfolg“ dieses Kattunkleidels ist, daß ich Mr. Carson anpumpen mußte, um an meinen neuen Bestimmungsort zu gelangen, und ich schreibe Dir dies alsexemplum tragicumzu Nutz und Frommen aller Derer, die es bethören sollte, wenn man ihnen in Brasilien 4–5000 Mark Gehalt bietet. Jetzt werde ich übrigens nur 3000 bekommen. Aber Courage habe ich doch noch, Gretel, unterkriegen lassen wir uns nicht. Wie sagt jener geistreiche Franzose?Il faut fatiguer l’infortune!

Unverwüstlich DeineUlla.


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