Kopfstück Seite 21

Kopfstück Seite 21

Saõ Francisco, den 11. Juli 1881.

Liebe, einzige Grete!

Die ersten Briefe aus der Heimath heute! Ich hätte den schmutzigen Negerjungen umarmen können, als eins, zwei, drei Briefe für dieprofessoraaus seiner Mappe herausspazierten, nachdem ich sie so viele, viele Tage umsonst sehnsuchtsvoll angeschaut. Dr. Rameiro läßt nämlich jeden Tag die Postsachen holen, was hier auf dem Lande sehr selten ist; die meisten Pflanzer schicken nur einmal in der Woche nach der Station. Gute Nachrichten von zu Hause, einen fröhlichen Brief von meiner Grete — Gott, wie Einen so ein beschrieben Blättchen doch glücklich machen kann! Und wie geduldig man wird! Ich sage Dir, Gretel, ich komme mir manchmal vor wie Salas y Gomez. Weißt Du wohl, wie ich auf dem Seminar schon immer außer mir war, wenn der Briefbote einmal zwei Tage ausblieb — und nun nach fast anderthalb Monaten die ersten Briefe! Ich werde so viele gute Eigenschaften von hier mit zurückbringen, daß ich in Europa gar keine Verwendung dafür haben werde! Aber heute brauchte ich grade eine kleine Erfrischung, alles war so lähmend gewesen von früh ab, und ich fühlte mich so beschwert! Zuerst hatte ich einen der härtesten Kämpfe mit meinenbiscoitos, die ich in Stadium Nr. 3 erhielt, dann war das Vehmgericht unbehaglicher als je, und endlich leide ich seit einer Woche an einer gräßlichen Neuralgie im Gesicht, so daß ich nur mit Mühe essen und sprechen kann. Das ist das allgemeine Leiden für den Europäer hier, und oft auch für Einheimische; es ist entsetzlich peinigend, zumal wenn man dabei unterrichten muß. Sie behaupten hier, ich habe es mir zugezogen dadurch, daß ich abends nach sechs Uhr draußen gewesen sei in demsereno, dem gefährlichen Abendthau — aber, liebe Grete, ich wäre erstickt, wenn ich nie an die Luft gekommen wäre, zumal nachdem ich die 24 Tage auf dem Schiff von Morgen bis zum Abend draußen war. Hier aber ist Unterricht von 7–10, dann warmes Frühstück, wobei uns Madame Rameiro immer ganz nutzlos bis halb 11 Uhr warten läßt, so daß ich nachher nicht mehr hinaus kann, sondern sofort nach dem letzten Bissen wieder in die Stunde muß. Dann geht’s weiter bis um ein Uhr, wo eine halbe Stunde Lunchzeit ist; um halb zwei fangen aber schon wieder die Klavierstunden an, die bis um 5 Uhr dauern, wo gegessen wird. Nun frage ich Dich, wann soll ich da spazieren gehen außer nach sechs! Kannst Du eine andre mögliche Zeit am Tage entdecken? Sie wollen die „Bildung“ hier gradezu mit Löffeln schlucken und haben nie einen freien Nachmittag, nie einen Tag, geschweige denn eine Woche Ferien das ganze Jahr hindurch — — mir graut schon bei dem Gedanken daran, und die ganze Zeit über kein deutsches Wort! In den Stunden und bei Tische Französisch und mit den Schwarzen Portugiesisch — ach, Gretel, es ist wirklich saurer, als man so von weitem denkt; überlege Dir’s lieber noch mal, ob ich mich für Dich hier umsehensoll, — jedenfalls aber bringe dann Dein Bett mit. Es ist gewiß ein gut Ding um die Anspruchslosigkeit, man muß aber auch keinen Mißbrauch damit treiben. Ich will Dir mein Lager beschreiben — weine dann eine stille Thräne um mich! Stelle Dir eine rohe hölzerne Bank mit Armstützen aber ohne Rücklehne vor, das ist mein Bettgestell. Darauf liegt eine „Matratze“, die, als ich sie auf ihren Inhalt prüfte, irgend ein wildes getrocknetes Gras ergab, dem man aus unbekannten Gründen verschiedenes Blätterwerk, anmutig mit Stöcken und Zweigen untermischt, beigesellt hatte. Auf dieser mit einem Leintuch bedeckten Folterbank verliert sich am Kopfende ein Miniaturkissen, von dem ich zuerst glaubte, die kleine Maria habe es aus ihrer Puppenwiege verloren; es soll aber thatsächlich mein Kopfkissen sein und ist mit einer trocknen gelben Blume, dermarcella, die etwas Ähnlichkeit mit unsern Immortellen hat, gestopft. Das Ganze krönt zum Zudecken eine englische wollene Decke. Ob es mir wohl noch gelingen wird, mich auch mit dieser Seite Brasilianertums zu befreunden? Ich hoffe es! Vorläufig strebe ich die Beruhigung an, sämtliche Stöcke in meiner Matratze persönlich zu kennen, und dann hoffe ich diesem Asketenlager auch ein klein wenig Wärme abzuschmeicheln, denn wenn es auch bei Tage heiß ist, so sind doch grade jetzt die Nächte oft empfindlich kalt.

Ich wundre mich, daß diese sehr frischen Nächte den Pflanzen nicht schaden in unserm entzückenden Garten. Madame ist eine große Botanikerin und hat den Garten unter ihrer speziellen Leitung. Sie achtet darauf, daß jede seltene Pflanze gepflegt wird und läßt auch außerbrasilianische Tropengewächse mit großen Kosten aus Indienund Japan kommen, so daß sie aus diesem Fleckchen Land ein wahres Eden gemacht hat, ein Zauberland voll Märchenherrlichkeit.

Die Gartenthür, von üppiger, graziöser Klematis überhangen, führt zunächst zu kleinen Gruppen seltener Coniferen und schöngeformten Beeten voll großer, fremdartiger Blumen von wunderbarer Farbengluth. Zwischendrein steht ein bunter Kiosk in chinesischem Styl. Ich sage Dir, Gretel, mit dem tiefblauen Himmel und der Tropensonne darüber, mit den reizenden kleinen Kolibris, die wirklich wie flatternde Edelsteine in der Sonne erscheinen, ist dies Plätzchen so südlich, so exquisit tropisch, wie man es nur träumen kann! Dann kommt man in eine herrlich schattige, feuchtkühle Bambusallee. Ihr zur Linken, etwas tiefer gelegen, ein kleiner, mit bunten Enten belebter See, rechts eine Anhöhe, sanft ansteigend und mit duftenden Orangenbäumen, die oft Blüte und Frucht zugleich tragen, besetzt. Neue Überraschung an ihrem Ausgang: Orangen, Palmen und Bananen überall, Zimmt- und Mandelbäume duften und Granaten glühen aus ihrem zierlichen Laub hervor; hier ein Theestrauch, dort ein Kaffeebaum; jetzt eine verlorne Baumwollstaude, dann ein Anis- oder Muskatpflänzchen, ja, selbst Vanilla und Patschouli giebt’s zu entdecken. Ich war zuerst ganz berauscht, Grete, und trank all das Zaubrische, Schöne, Fremdartige förmlich mit allen Sinnen ein.... aber, wunderbar — weißt Du, welcher Eindruck hiervon für mich der nachhaltigste ist? Der des Fremdartigen, ja des absolut Fremden! Ich staune sie an, all diese südliche Pracht, ich bewundere sie, sie berauscht mich momentan mit ihrem verführerischen Zauber — aber ich verstehe sie nicht; ich kann mir nichts mit diesen prächtigenPflanzen erzählen, ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht. Es ist doch etwas wunderbares um dasVaterland! Was doch alles so mit dazu gehört! Auch die Blumen und Bäume. Wir wissen doch daheim gleich etwas zu singen unter unsern prächtigen Eichen; welches junge Gemüt kennte nicht unsre reiche deutsche Lindenpoesie, und sowie man sprechen kann, lallt man schon sein weihnächtlich-heimliches „O Tannebaum, o Tannebaum“! Da grüßt man so einen Baum doch gleich ganz anders! Der mächtige Mangabaum inmitten des Gartens ist zwar sehr schön, aber ich überraschte mich dennoch neulich dabei, daß ich unter seinem Schatten das hübsche kleine Lied summte:

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland,Der Eichenbaum stand dort so hoch,Die Veilchen nickten sanft —Es war ein Traum.Und als ich nun in’s ferne Ausland kam,Da war ein Mädchen zauberschönUnd blond von Haar zu sehn, —Es war ein Traum.Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch,Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang,Das Wort: Ich liebe Dich —Es war ein Traum ...“

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland,Der Eichenbaum stand dort so hoch,Die Veilchen nickten sanft —Es war ein Traum.Und als ich nun in’s ferne Ausland kam,Da war ein Mädchen zauberschönUnd blond von Haar zu sehn, —Es war ein Traum.Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch,Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang,Das Wort: Ich liebe Dich —Es war ein Traum ...“

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland,

Der Eichenbaum stand dort so hoch,

Die Veilchen nickten sanft —

Es war ein Traum.

Und als ich nun in’s ferne Ausland kam,

Da war ein Mädchen zauberschön

Und blond von Haar zu sehn, —

Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch,

Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang,

Das Wort: Ich liebe Dich —

Es war ein Traum ...“

Und erinnerst Du Dich, wie wir drüben es nie recht verstehen konnten, wenn Dranmor singt: „Ich gäbe diese ganze Herrlichkeit — Für eine einz’ge schneebehang’ne Tanne“! Und jetzt.... Aber ich rede, darum schweige ich; sentimental darf man hier nicht werden.

Deine deutschesteUlla.


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