Kopfstück Seite 120

Kopfstück Seite 120

Saõ Paulo, den 21. April 1882.

Heute ist in unserm Hause etwas passiert, worüber sich Herr Costa und seine Frau sehr geärgert haben, was ich aber nicht umhin kann, doch wieder sehr komisch zu finden.

Wir hatten hier nämlich einen Sklaven im Hause, einen kräftigen Burschen von etwa 25 Jahren, der in dieser Zeit, wo niemand neue Sklaven kauft und auch keine mehr heranwachsen, für seinen Herrn sehr wertvoll war. Dieser Gute war nun vorgestern zu irgendwelchen Besorgungen in die Stadt geschickt, erschien aber nicht wieder. Zuerst glaubte man, ihm sei ein Unglück geschehen, und ließ ihn suchen, aber nichts fand sich. Dann nahm man an, er sei entlaufen, und Herr Costa ließ es sofort in die Zeitung setzen. Gestern früh bekommt er plötzlich eine Zuschickung von der hiesigen „Gesellschaft für Abolierung der Sklaverei“, des Inhalts, der Sklave Tiberio habe sich im Büreau der Gesellschaft zum Loskauf gemeldet und 200 Milreis (ca. 400 M.) deponiert, die man ihm nun für denselben als Kaufpreis biete; man werde den Schwarzen bis zur Entscheidung da behalten. Herr Costa schimpfte und tobte wie ein Wilder im Hause herum, nannte sich selbst einen Esel, daß er den Sklaven nicht längst auf die Pflanzung geschickt habe, und stellte schließlich eine Gegenforderung von 2000 Mark. Heute Morgenwar nun der Termin, wo ein Arzt und ein andrer Sachverständiger über den Wert dieser menschlichen Ware entscheiden sollte. War aber unser guter Herbergsvater gestern schon wütend gewesen, so kam er heute gradezu wie besessen zurück, fluchte und zeterte, daß die Wände bebten. Was hatte man nämlich gethan? In der Zwischenzeit von vorgestern bis heute war dem TiberioeinPurgativ über das andre eingegeben worden, bis der früher so kräftige Bursche auf dem Termin natürlich als eine elende knieschlotternde Kreatur erschien, die Arzt und Taxator selbstverständlich nicht höher als 200 Milreis einschätzen konnten. Wie findet Ihr dies? Ehrliche Arbeit ist es ja nicht, aber es ist auch wieder ein gut Teil Humor dabei.

Es wird jetzt überhaupt sehr viel von der Sklaven-Emancipation gesprochen, die Sache scheint plötzlich in Schwung zu kommen. Der Staat wirft jedes Jahr einen Fond zum Loskauf im Budget aus, in den Provinzen bilden sich Emancipationsgesellschaften, und viele Sklaven werden frei durch Privat-Initiative.

Gewiß ist diese Bewegung sehr schön, aber was wird dabei auch für Staub aufgewirbelt! Was für Schmutz kommt dabei zum Vorschein! Die deutsche Zeitung in Rio bringt hin und wieder interessante Streiflichter über diese Sachen. In der ProvinzEspirito santokaufte man aus den staatlichen Fonds vor einiger Zeit zwei Sklaven im Alter von 69 und 70 Jahren ihren Herren für je 1000 Mark ab. Wem zu Nutzen geschah das: den alten, verbrauchten Sklaven, die der Tod sowieso bald erlöst hätte, und die jetzt ihr Brot erbetteln müssen — oder ihren Herren? Bei einem andern Sklavenhalter verheiratete sicheine 72jährige Sklavin mit einem 75jährigen Freien. Da aber die an Freie verheirateten Sklaven oder Sklavinnen beim Loskauf immer zuerst berücksichtigt werden sollen, so empfahl ihr Herr die 72jährige junge Frau dem Emancipationsfonds für 2000 Mark und — bekam sie! In Tatuhy wurde ein Sklave, der sich im letzten Stadium der Schwindsucht befand, aus den Mitteln des staatlichen Emancipationsfonds für die Summe von 1 Conto 500 Milreis (3000 Mark) freigekauft. Aber diese und ähnliche Durchstechereien und Betrügereien sind nichts gegen die Entdeckung, daßlängst verstorbene Negerals durch den Emancipationsfonds freigekauft in den Listen figurierten und ihre früheren Herren natürlich die Loskaufssumme für sie einsteckten, worauf man sie nach einiger Zeit dann zum zweiten Male und endgültig sterben ließ!!

Anderseits ist aber auch viel wirklicher Edelmut zu verzeichnen, und täglich kann man in den Zeitungen ganze Spalten angefüllt sehen mit den Namen solcher Besitzer, die ihre Sklaven freiwillig entließen. Man darf dies nicht zu gering anschlagen, und wenn ich jetzt im Geiste Euer „Nun, das ist aber so natürlich!“ höre, so sage ich mir freilich, daß ich in Europa ebenso gedacht haben würde, aber auch zugleich, daß man hier an Ort und Stelle anderer Meinung werden muß! Erstens sind die Sklaven ein, wenn auch nicht humaner, so doch ein ebenso rechtmäßig erworbener Besitz wie jeder andre, anderseits aber heißt „alle seine Sklaven plötzlich entlassen“ für die meisten Pflanzer nichts anderes als: „sich ruinieren“. Denn was Ersatzschaffen für 80–100 oder 200 gehorsame Sklaven heißt, ganz besonders aber in Brasilien, wo es keinen freien Arbeiterstand giebt, und auf entlegenen Pflanzungen heißt,davon kann man sich nur schwer einen Begriff machen, wenn man nicht einmal mit angesehen hat, was freie Arbeit heißt in einem Sklavenlande, und wenn man selbst in einem Lande lebt wie Deutschland, wo das Angebot der Arbeitskraft ihre Verwendbarkeit übersteigt. Ich kann es mir also sehr gut erklären und finde es durchaus gerechtfertigt, wenn auch sonst humane Pflanzer sich weigern, ihr bisheriges Vermögen, die Sklavenarbeit, ohne Kampf und vor allen Dingen ohne Aufschub und Frist herzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend ein Europäer anders denken würde, und Du mußt deshalb nicht glauben, mein Gretel, daß sich Deine Ulla hier zur hartherzigen Sklaverei-Schwärmerin ausbildet.

Im Gegenteil, sie ist weichherzig wie immer und hat neulich sogar — einlyrisches Gedichtgemacht! Das ist doch gewiß tröstlich!

DeineUlla.

Vor mir stehen ein paar herrliche Rosen, die mir Mr. Hall gestern gegeben hat; ich war ihm neulich zufällig wieder begegnet, und er hatte sie eben zufällig gekauft.


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