Kopfstück Seite 124
Kopfstück Seite 124
Saõ Paulo, den 5. Mai 1882.
Mein Herzensgretele!
In Deinem letzten Briefe „lächelst Du eine Bemerkung“ über den hochtrabenden Namen meiner kleinen Schülerin:Lavinia!Ja, das ist aber nur der Anfang zu einer ganzen antiken Gallerie, die ich hier unter meiner pädagogischen Zuchtrute habe. Der älteste Junge heißt Cajus Gracchus, mein dritter Zögling Plinius; er sollte zuerst Tiberius heißen, erzählte mir Lavinia, doch wurde dieser Name als speziell „negerhaft“ dann wieder verworfen. Auf ihn folgen ein paar Römerinnen: Clölia und Cornelia, die ich immer noch hoffe, einmal mit reinen Gesichtern zu erblicken, wenn man das überhaupt von echten und rechten, in der Wolle gefärbten Republikanerkindern verlangen darf. Die Namen seiner Kinder machen nämlich einen Teil des politischen Glaubensbekenntnisses von Herrn Costa aus. Bis zur Cornelia kann ich ihm ja auch folgen; — was ihn jedoch veranlaßt haben kann, sein jüngstgebornes Knäblein Vercingetorix zu nennen, das ist mir ein undurchdringliches Rätsel! Sollte er die Gefühle des biedern alten Galliers für seine Lieblingsnation, die Römer, so gröblich mißkennen?! Daß er für die nötigen zwei feindlichen Parteien beim Soldatenspiel hätte sorgen wollen, ist nicht wahrscheinlich: brasilianische Kinder spielen nie Soldat, und außerdem würden da auch schon die Vettern Rat schaffen, die bereits, ebenfalls die landläufigen Joaõ, Luiz oder Carlos verschmähend, einen Themistokles und einen Perikles unter sich aufweisen.
Friedfertiger lassen sich die großen und kleinen Kousinen an. Da rivalisiert keine Sappho oder Aspasia mit unsern Römerinnen, dafür verwirren sie aber einen armen Europäer-Verstand um so ausgiebiger durch eine überwältigende Einigkeit unter ihren Namen: Dona Maria, Dona Maria Salome, Dona Maria Magdalena, Dona Maria da Gloria, Dona Maria da Conceicaõ, Dona Maria da Cruz — und so mit Graziead infinitum. Und dann zu sehen, mit welcher Sicherheit die Brasilianer unter all diesen Marien herumunterscheiden, und sogar womöglich noch wissen: Dona Maria Magdalena, Tochter von Dona Maria das Dores etc.! In diesem Bevorzugen der Vornamen liegt aber eine gewisse Unzivilisiertheit, es erinnert so an Adam und Eva, die auch keine Familiennamen hatten. Und es wäre doch so viel leichter, alle jene Marien auseinander zu halten, wenn man ihren Familiennamen hinzufügte, anstatt des Vornamens der Mutter, denn die oben genannten sindnurzwei- und dreiteilige Vornamen. Auch schokiert es mich immer von neuem, so eine alte Dame von dem jüngsten Jüngling etwa mit „Dona Gabriella“ oder einen alten weißhaarigen Großvater mit „Senhor Carlos“ anreden zu hören. Da lobe ich mir doch unsre Titel! Wenn es heißt „Frau Geheimerätin“, „Frau Oberamtmann“, „Frau Superintendent“, da weiß man doch wenigstens, daß nicht von der 17jährigen Tochter die Rede ist, wärend man hier nieweiß, wie hoch oder wie niedrig auf der Staffel der Jahre man so eine „Dona“ einzuschätzen hat. Wolltest Du jedoch eine Dame z. B. „Senhora Maria“ anreden, so würdest Du sie sehr beleidigen, denn „Senhora“ ist in der guten Gesellschaft nur ohne Namensanschluß zulässig und wird mit Namen für die untere Klasse der Freien, freie Mulattinen etc. gebraucht.
Wir deutschen Erzieherinnen und wohl auch andre Ausländerinnen werden in den Geschäften etc. gewöhnlich mit der Anrede „Madamma“ beglückt, ein schon für’s Ohr abscheulich häßliches Wort, das aber noch unleidlicher erscheint, da man sich sagen muß, daß der brasilianische Hochmut es eigens erfunden hat, um dieestrangeiras(bitte, sprich das immer mit der gehörigen Verachtung aus) von denBrazileiraszu unterscheiden.
Die Dame des Hauses heißt in jeder Familie für die BedienungSinha[5], der HerrSinho, die älteste Tochter stetsSinhasinha, der älteste SohnNhonho; letztere beiden Bezeichnungen werden auch unter den Geschwistern gebräuchlich. Für die übrigen Kinder kommen dann noch hinzu: Nhonhosinho, Nhanha, Senhara, Nunu, häufig auch Bébé und ähnliche Benennungen, eine immer häßlicher als die andere. Man denke sich eine Geschwisterreihe wie folgt: Sinhasinha, Nhonho, Nhanha, Senhara, Nunu, Nhonhosinho, Bébé — für unsre Ohren doch das Erreichbare an Geschmacklosigkeit, in Brasilien aber faktisch in jeder Familie vertreten. Mädchen, die Maricota heißen, werden mit Vorliebe in „Cocotte“ abgekürzt!
Zahlreiche Leute gehen hier unter sogenanntenappelidos, Beinamen oder Rufnamen. Diese Sitte wird ja auch wohl in Oberbayern und Tyrol gefunden, doch sind dort die Rufnamen doch immer wirkliche Namen, wärend sie hier oft ein ganz unerklärlicher Blödsinn sind. Auf Saõ Francisco war als Erdarbeiter ein Portugiese beschäftigt, der nie anders als „Johann mit dem Hut“ genannt wurde; selbst Dr. Rameiro sprach so von ihm mit dem gleichmütigsten Gesicht, und ich bin überzeugt, er stand auch so im Lohnbuch. Und als der Doktor einmal nach einer kleinen Nachbarstadt ritt und nach dem Hause eines Senhor Carlos de Oliveira fragte, konnte ihm kein Mensch dasselbe zeigen, wogegen er, sich glücklich dessen dummen Appelidos „Nhonho Padre“ (kleiner Herr und Pater) erinnernd, sofort Auskunft erhielt.
Anderseits erscheint es wieder, als könne dem Brasilianer sein Name nicht prunkend genug sein, und er stellt ihn sich so mannichfaltig zusammen, wie er nur irgend kann. Weißt Du noch, wie wir in der Pension die kleine Brasilianerin oder eigentlich ihren herrlich-prunkenden Namen unterthänigst verehrten? Julieta Olympia Leite da Costa Pinto! Was war dagegen Anna Schulze, oder wie empfand man bei dem Bewußtsein, daß es Leute gäbe, die Meier heißen! Aber, aber — die Illusionen weichen! Stelle Dir vor, daß Leite Milch heißt, Costa die Küste und Pinto das Kücken, und Du wirst Dich, wie ich es gethan, mit Schulze, Müller und vielleicht gar mit Meier aussöhnen. Und grade einen dieser Namen Costa, Pinto, Leite führen hier wohl 50% aller Einwohner in irgend einer Verbindung. Chaves bedeutet Schlüssel, Machado Axt, und nun gar Leitaõ lautet im erbarmungslosenDeutsch: Ferkel! Ja, der Marquis de la Marlinière hat Recht: „die deutsche Sprak ist ein arm Sprak, ein plump Sprak —“! Durch all unsre leidigen Consonanten verlaufen die meisten unsrer Namen auch so armselig und „klanglos“ im Sande! Wie viel besser endet sich’s doch da auf ein a oder o oder gar auf oa!
Ja, wenn es bei uns im guten Deutschland auch so leicht wäre wie hier, sich einen schönen Namen zu verschaffen, ich glaube, da würden die sogenannten „Sammelnamen“ bald aussterben, und wie würde das Geschlecht der Cohne aufatmen! Gefällthierjemandem sein Name nicht oder giebt er zu Verwechselungen Anlaß, so legt er sich einfach einen andern bei, läßt das in die Zeitung setzen und damit basta. Frl. Meyer ist hier in einer Familie, wo der Hausherr und seine beiden rechten Brüder total verschiedene Namen haben. Sie nehmen da übrigens das Gute, wo sie es finden. Es giebt im Lande Leute, die sich Montmorency, Medina-Coeli etc. nennen, und zahlreich sind die Pedro de Alcantara, wie Du weißt, der Hausname des Kaisers. Seit dem letzten Jahrzehnt haben auch einige deutsche Namen Gnade vor brasilianischen Augen gefunden. Einer Veröffentlichung zufolge wollte sich ein Namens-Unzufriedener fortan noch Habsburgio zubenennen, was mich ja an und für sich ziemlich kalt lassen würde, wenn nur nicht plötzlich ein deutscher Forscher Wind bekommt von der Existenz dieses Namens in Brasilien und uns, in enthusiastischer Entdeckungsfreude, noch eine ausgewanderte Linie der Habsburger mit allerlei verwickelten Daten und Zahlen in die Geschichtstabellen hineinforscht. Na, ich bewahre den Zeitungsausschnitt auf, bis Du das Examen wenigstens glücklich hinter Dir hast.
Neulich habe ich übrigens ob dieses Namens-Unfugs meinen gehörigen kleinen Zorn gehabt, als nämlich ein wenig reputierliches Individuum, das wegen Ruhestörung sistiert wurde, seinen Namen als Joaõ LeaõBismarckioangab[6]. Wenn der Kaiser sich alle die Pseudo-Pedro de Alcantara in seinem Lande gefallen lassen will, und der Sklavenbaron es duldet, daß seine freigewordenen Sklaven sichseinenFamiliennamen beilegen, so sagen wir: „De gustibus non est disputandum“ — allein, ich denke, wir Deutschen halten unsre großen Namen heiliger, und man müßte sich dergleichen auch im fremden Lande verbitten.
Jetzt bin ich aber so in den Ärger hineingeraten, daß ich mich auf dem Wege des Übergangs nicht wieder herausfinde; Du bist darum wohl nicht böse, liebe Grete, wenn ich einen Sprung mache; es ist ja das ohnehin modern, unsre Schriftsteller machen ja oft wahresalto mortales, wenn die Handlung nicht so recht schreiten will. Ich finde das bequem, also..... denke Dir, daß mich neulich ein junger Brasilianer zum Tanz aufforderte mit den Worten: „Haben Euer Excellenz schon einen Partner?“ Auf der einen Seite neben mir saß sein jüngerer Bruder, an dem andern Stuhl lehnte ein Cello — blieb nur ich für die „Excellenz“ — Der Mensch sah zu einfältig aus, um mich aufziehen zu wollen, also die Excellenz tanzte. Die Sache amüsierte mich aber so, daß ich sie bei erster Gelegenheit lachend an Lavinia’s Mutter erzählte — da kam ich aber schön an! Das erfordre die einfachste Höflichkeit, hieß es (bitte, versuche nicht, Dir eine Vorstellung von der komplizierten danach zu machen, es könnte Dir zu Kopfsteigen), und „Vossa Excellencia“ klinge doch entschieden schöner als das simple „A Senhora“ — — Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, und „schluckuhrig“ zog ich mit dieser Belehrung von dannen. Das Titelwesen hier ist das reine Studium und meiner Ansicht nach viel komplizierter als bei uns. Über die Titulatur der Damen habe ich Dir schon gesprochen. Die Herren heißen alle Senhor; der „Don“ kommt im Portugiesischen, wo es Dom geschrieben wird, nur den Prinzen zu. Aber mit „Senhor“ kannst Du freigiebig sein, das ist jeder, der nicht Sklave ist, auch der barfüßige Erdarbeiter, doch haben sie in solchem Falle eine pfiffige Art, das Wort ganz kurz, etwa wie „Sior“ auszusprechen, so daß der Mann den Abstand begreift. Auch im Satz heißt die Anrede meistens Senhor und Senhora: „Würde mir der Senhor dies Buch leihen?“ „Wünscht die Senhora ein Glas Wasser?“
Vosséist unserm Du gleich, man redet die Sklaven so an und die Kinder, wogegen diese Vater und Mutter Senhor und Senhora und nur selten Papa und Mama titulieren. So ziemlich zwischenvosséund Senhor resp. Senhora stehtVosse mercé, was Du im Ollendorf mit „Euer Gnaden“ übersetzt findest; es bedeutet aber thatsächlich bei weitem nicht so viel, kommt vielmehr unserm einfachen „Sie“ am nächsten und ist im Ganzen sehr wenig gebräuchlich. Etwas unterwürfiger wiederum als das einfache Senhor istVossa Senhoria, und da erzählte mir neulich unser sehr verdienter Landsmann Gruber hier, der durch sein Wirken und seine Verbindungen auch einigen politischen Einfluß hat, eine nette kleine Steigerungsgeschichte.
Er hatte mit einem ganz einfachen Brasilianer vomLande (man nennt die LeuteCaïpira) wegen einer Wahl verhandelt und ihn dabei einfachvosséangeredet. Als aber der Mann seinerseits ihnvosse mercétitulierte, hatte Gruber ihm an Höflichkeit nicht nachstehen wollen und folglich dieselbe Anrede aufgenommen. Da sprang aber unser guterCaïpirazu Senhor und dann zuVossa Senhoriaüber, wohin ihm Herr Gruber auch noch folgte. Als jener aber dann sofort eine Stufe höher rutschte und sich zuVossa Excellenciaverstieg, sagte unser Landsmann lachend: „Na, mein Bester, nun wollen wir man stoppen, wir können uns doch schließlich nicht einanderVossa Majestadeanreden!“
Schicke doch den nächsten Titelhasser, der Dir begegnet, einmal herüber, Grete — hier würde er alle unsre einheimischen Titel segnen lernen, die so oft die Zielscheibe des Spottes fremder Nationen sind. Das Wunderbarste ist die Adels-Aristokratie dieses Landes, es giebt darunter Leute, die als barfüßige Erdarbeiter s. Z. aus Portugal eingewandert sind, aber die Barone, Marquis und Vicondes aus Dom Pedros Adelsfabrik bringen dem Staate ein hübsches Sümmchen ein. Schade nur, daß so ein teuer erstandener Marquis oder der bar bestrittene Vicomte mit dem glücklichen Käufer begraben wird! Dom Pedro traut seinem heißblütigen Völkchen nicht; der Vater ein Baron und der Sohn vielleicht ein Bummler — da wird nichts dergleichen vererbt. Was aber solch eine Aristokratie dem Lande nur soll! Sehr selten und nur aus besonderer Gunst, und wenn der Kaiser den Betreffenden wirklich ehren möchte, wird das „von“ oder der Titel einfach zu dem Namen des Belehnten gesetzt, sonst wird er fast immer mit einem Ortsnamen verbunden. Diemeisten dieser Ortsnamen sind der alten einheimischen Guarany-Sprache entnommen, der noch unzählige Orte hier in Brasilien ihre Benennung verdanken. So giebt es z. B. einen Marquis de Itanhaem d. h. „vom steinernen Mörser“; einen Visconde de Suassuna d. h. „vom schwarzen Reh“; einen Visconde de Uruguay d. h. „vom Hahnenschwanzflusse“; einen Visconde de Muritiba d. h. „von dem Orte, wo es Fliegen giebt“; einen Baron de Cambathy d. h. vom „schwarzen Affen“; einen Visconde de Iroumitatá d. h. von „bringe mir Feuer“ etc. Manche Namen sind natürlich auch portugiesisch, und da übt der Kaiser denn manchmal seinen Spott daran aus. Ein Baron „Groß-Mogul“, den er creïrt hat, ist noch lange nicht das Schlimmste, es soll sogar Bewerber genug gegeben haben, die der erfinderische Spott des kaiserlichen Titelfabrikanten abgeschreckt hat.
Und dennoch, liebe Grete — mit den Wölfen muß man heulen: Wenn Du mir wieder schreibst, so bitte adressiere den Brief:
Illustrissima Excellentissima
Senhora Dona Ulla von Eck.
Das ist das mindeste, was dazu gehört, sonst halten sie mich hier für gar zu simpel. Womit ich verbleibe
D. O.
[5]nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem französischengn.[6]Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883
[5]nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem französischengn.
[5]nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem französischengn.
[6]Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883
[6]Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883