Kopfstück Seite 133
Kopfstück Seite 133
Saõ Paulo, den 29. Mai 1882.
Meine liebe gute Grete!
Meine antiken Zöglinge sind wirklich sehr ungezogen, und ich habe alle möglichen pädagogischen Finessen nötig, um mit ihnen fertig zu werden. Besonders kann ich die beiden Jungen nie allein unten im Schulzimmer arbeiten lassen, wenn Lavinia oben Klavierstunde hat. Es kommt mir immer vor wie die Geschichte mit dem Wolf, der Ziege und den Kohlköpfen, die ein Schiffer einzeln über den Fluß zu setzen hatte und von denen er doch niemals Ziege und Kohl oder Wolf und Ziege unbeaufsichtigt zusammen zurücklassen konnte. Neulich hatte Cajus Gracchus — sein Vater nennt ihn immer pomphaft „Gracho“ — als der Stärkere, wenn auch weniger Begabte von beiden, seinen Bruder einfach zu dem niedrigen Parterre-Fenster hinausgesteckt, und dieser stand nun zeternd davor und warf Sand und Steine hinein — Du kannst Dir den Zustand meines Zimmers nachher vorstellen!
Die Eltern kümmern sich absolut nicht um das, was die Kinder thun, vielleicht gehört das zu Herrn Costas republikanischem „System“. Die drei ältesten sind ganz meiner geistigen Fürsorge anvertraut, und die jüngeren Römer werden von den Negerinnen so gut oder so schlechtversorgt, wie es diesen paßt. Neulich sah ich den kleinen zweijährigen Mucius vollständig nackt im Garten umher laufen, nachdem er eben gebadet war, und die Grachenmutter, sowie die tapfere Schwimmerin Clölia erblicke ich nur selten anders als in den ersten Toilettenstadien. So sehr überhaupt bei „Gelegenheiten“ und auf der Straße die Brasilianerinnen das sind, was der Engländerdressynennt, so primitiv ist ihre Haustoilette. Auch die vornehmste und reichste Brasilianerin geht im Hause vom Morgen bis zum Abend in einem einfachsten, völlig besatzlosen Kattunrocke und weiter Jacke, sowie mit herabhängenden Zöpfen. In der heißen Zeit ist das ja allerdings ganz angenehm und erquicklich, allein in den kühleren Monaten ist es absolut nichts als Faulheit, denn da ist ein fester Anzug sehr gut zu vertragen, ja wünschenswert. Aber die Wollkleider hängen im Schrank, oder sie haben überhaupt keine: im Hause wird Kattun getragen, auf der Straße trägt man feinere Waschstoffe und vielfach Seide; sie finden die wollnen Kleider auch unreinlich, weil sie nicht alle acht Tage gewaschen werden können! Weißt Du, Grete, diese Brasilianer haben eine wunderbare Art von Reinlichkeit und Ordnung an sich. Sie baden oft, die meisten jeden Tag, und doch sind viele Kinder und Erwachsene nie so recht „zweifelsohne“ um Ohren und Hals herum; sie wechseln sehr oft Wäsche und Kleidung, aber wie oft ist beides zerrissen und unordentlich! Es besteht hier über diesen Punkt zwischen Einheimischen und Fremden eine kleine Gereiztheit. Viele Gewohnheiten der Brasilianer erregen wohl mit Recht den Widerwillen der letzteren, wenn’s auch nicht ganz so schlimm ist, wie Herr Zöllner macht. Dafür rächen sich dann die Brasilianermit der Anekdote von jenem Deutschen, der, als sein Wirt ihm am zweiten Tage seines hübenschen Aufenthaltes, wie am ersten ein Bad angeboten, ganz empört geantwortet habe: „nein, so ein Ferkel sei er nicht, daß er jeden Tag zu baden brauche“, auf welche Anekdote dann natürlich wieder mit deutschen und englischen, z. T. weit derberen Geschichten gedient wird. Nun, derlei Streitereien sind unfruchtbar und werden vor allen Dingen nichts ändern an eingeborenen und durch das Klima begünstigten Eigenschaften.
Ich persönlich leide unter diesen Landeseigentümlichkeiten besonders nach der Seite der Fußbekleidung hin. Hier im Hause wird außer meinen kein Stiefel gewichst, und Du machst Dir keinen Begriff von den Manipulationen, Listen und Mühen, die nötig waren, um den Haushalt mit einer Wichs-Einrichtung, und eine Negerin mit der Fähigkeit auszustatten, dieselbe angemessen zu benutzen; letzteres ist auch bis heute noch sehr unvollkommen geglückt. Herr Costa läßt seine Stiefel mit Lack einschmieren, was ja sehr bequem ist und den Negern daher weit besser gefällt als das Wichsen, Madame trägt im Hause Pantoffeln, auf der Straße feine Halbstiefelchen oder Bronzeschuhe; ordentliche, feste Chauffüre brauchen die hiesigen Damen nicht, da sie bei schlechtem Wetter einfach nicht ausgehen. Die Kinder laufen mit ungepflegtem Schuhzeug einher, bis es ihnen sozusagen in Fetzen von den Füßen fällt, was z. B. bei Plinio alle 14 Tage der Fall ist. Schuhwerk ausbessern zu lassen, ist den Brasilianern fremd; es wird eben so lange getragen, bis es schlecht wird; dann wird es weggeworfen und durch neues ersetzt. Es giebt hier auch gar keinen ordentlichen Schuhmacher, sondern nurLäden mit fertiger, meist aus Frankreich bezogener Ware, so daß es für uns Ausländer sehr schwierig ist, etwas ausgebessert zu bekommen, es sei denn, daß man die Sache den umherziehenden italienischen Flickern anvertraue, die vor der Hausthür die Stiefel flicken wie die Kesselflicker bei uns die Töpfe.
Ein tüchtiger Handwerkerstand fehlt hier überhaupt noch fast ganz, und vor allem wird man selten einenbrasilianischenHandwerker finden; die wenigen, die vorhanden sind, sind meist Deutsche, Portugiesen und Italiener. Dieser Mangel verteuert hier das Leben sehr, insofern als man zwar die fertigen Sachen kaufen kann, aber nicht die Möglichkeit hat, sie sich durch gelegentliches Ausbessern oder Aufarbeiten zu erhalten. Ich meine, für fleißige Handwerker wäre hier ein weit dankbareres Feld als für den einwandernden Landmann, der Klima, Bodenverhältnisse, Absatzwege etc. nicht kennt, der augenblicklich durch die Sklaven-Emancipation die ungünstigsten Verhältnisse vorfindet, und dessen Auskommen schon durch die bereits vorhandene Überproduktion des einen großen Export-Artikels, des Kaffees, erschwert wird. Was derHandwerkerarbeitet, hat aber stets seinen Markt, und fleißige, tüchtige Leute bringen es nach dieser Richtung hin hier immer zu etwas.
Nur einmal habe ich in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, den Mangel an tüchtigen „erhaltenden“ Kräften zu preisen.
Cajus und Plinius besaßen nämlich jeder ein Velociped, ersterer sogar ein ganz modernes Bicycle, das Herr Costa ihm aus England hatte kommen lassen. Auf diesen unseligen Vehikeln brachten nun die Römerjünglinge außer den Schulstunden ihr Dasein zu und entwickelten eine derartige Anhänglichkeit an dieselben, daß sie sogar „vom hoh’n Velociped herab“ zu Mittag speisten. Da die Eltern gleichmütig dabei saßen, mochte ich nicht wehren, aber meine Mahlzeiten wurden durch Plinio’s bedrohliche dreirädrige Nachbarschaft entschieden in ihrer Gemütlichkeit nicht gehoben; zumal waren die Momente beunruhigend, wenn er von kleinen zerstreulichen Rundfahrten um den Tisch, die er in seinen Essenpausen unternahm, auf seinen Platz zurückkehrte. Nachdem er denn auch richtig einmal derartig in meinen Stuhl gefahren war, daß er mich fast mit dem Gesicht in meinen Teller schickte, bekam er zwar eine Rüge, aber das aufregende Vehikel blieb zu Rechtens bestehen. Jetzt ist aber das abscheuliche Ding glücklich zerbrochen, und wärend ich hier unten in meinem Zimmer schreibe, rollt doch wenigstens nur das große Zweirad über meinem Kopfe herum, auf dem der Grache sich im Eßzimmer Bewegung macht, da es draußen regnet. Es ist eine ordentliche Erlösung!
Ich erzählte es neulich Mr. Hall, und er sagte, sie hätten zwar unter ihren Arbeitern einen, der es würde ausbessern können, doch wolle er ihn zu Gunsten meiner Nerven „unterschlagen“, wenn er danach gefragt würde. Das ist doch nett von ihm, nicht wahr, Gretele? Er heißt George mit Vornamen; er gab mir neulich einen Brief von seiner Schwester an ihn zu lesen, da habe ich es gesehen.
Aber nun schnell zum Schluß, denn da kommt Frl. Harras; sie kommt jeden Montag zu mir, und Donnerstags gehen wir zusammen zu Fräulein Meyer... da ist sie schon. Sie läßt „die Grete“ grüßen, von der ihr schon so viel erzählt hat
DeineUlla.