Kopfstück Seite 148

Kopfstück Seite 148

Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882.

Meine liebe Grete!

Das ist wahr, Sanct Franziscus war entschieden der elegantere Heilige, wir sind hier sehr ursprünglich — und dennoch vertrage ich mich besser mit dem heiligen Sebastian! Die Familie hier ist die liebenswürdigste, die ich bisher unter den Einheimischen kennen gelernt, sie sind auch in jeder Weise verständiger, ich möchte sagen europäischer (trotz der Urzustände auf der Pflanzung) und nicht so schwerfällig und faul wie die meisten ihrer Landsleute.

Zu dem „Europäischen“ rechne ich zunächst, daß Herr de Souza mich selbst von der Bahn abholte. Die Brasilianer haben nämlich sonst so wundersame Begriffe von dem, was sich schickt, daß sie es höchst unpassend finden, wenn eine junge Erzieherin den Weg von der Station nach der Pflanzung in der Gesellschaft des Vaters ihrer Zöglinge zurücklegt, dagegen sehr angemessen, wenn dies allein mit dem Negerkutscher oder zu Pferde mit einem freien Arbeiter, einem sogenannten „camarada“, geschieht, wie man es neulich erst von Saõ Paulo aus einer Collegin für einen 7stündigen Weg zugemutet hatte! Herr de Souza war sogar sehr nett und unterhielt sich auch mit mir, während sonst, nach Frl. Meyers drolliger Behauptung,wir Europäerinnen es uns immer als eine Höflichkeit vonseiten der brasilianischen Herren anrechnen müssen, wenn sie uns ignorieren. Leider hat sie damit so ganz Unrecht nicht, und darum bin ich um so froher, daß ich hier unter verständige Menschen geraten bin.

Wir legten den Weg von der Station nach der Pflanzung, der in der heißen, nassen Jahreszeit nur zu reiten gewesen wäre, zu Wagen zurück und fuhren fast fünf Stunden. Manchmal dachte ich, wir würden nicht heil in Saõ Sebastiaõ ankommen, so wild ging’s die steilsten Abhänge bergab und bergauf, durch riesige Pfützen und sonstige abnorme Variationen eines „Weges“. Ich lernte hier einen gewaltigen Unterschied kennen gegen die Provinz Rio oder speziell den Weg nach Saõ Francisco, der fast so gut wie eine Chaussee war. Aber interessanter ist es doch eigentlich hier, Grete; es hat mehr „Lokalfarbe“.

Wir passierten auf unserm Wege eine ganze Strecke Urwaldes, wo der Weg ziemlich schlecht und eigentlich nur für ein Reittier berechnet war; die Pflanzer der Gegend haben unendliche Mühe, sich solch einen Weg offen zu halten, da er so leicht wieder zuwächst und dabei in der nassen Jahreszeit nicht einmal gut zu bearbeiten ist. Wenn er gebessert und frei gemacht werden soll, schickt jeder Fazendeiro, der den Weg mit benutzt, eine Anzahl Sklaven nach der Station, von wo aus dieselben alle mit einander zurück arbeiten; allmählich fallen dann die einzelnen Parteien ab, entweder bei der betreffenden Pflanzung, oder, wenn diese nicht unmittelbar am Wege liegt, da, wo derselbe dahin abbiegt. Unsere Waldfahrt hatte wenig Ähnlichkeit mit einer solchen durch heimische Buchenwälder oder Tannenforsten, da so ein Wald hier ganz anders ausschaut als daheim. Von Ordnung oder Pflege ist nichts zu entdecken, und hineingehen oder auch nur hindurchsehen kann man auch nicht. Jene gewisse Feierlichkeit, die uns daheim so leicht in stillem Waldesdom überkommt, darf man hier nicht suchen; das Ganze hat mehr etwas Aufregendes, halb Phantastisches und Geheimnisvolles, halb Beängstigendes und Beklemmendes; der Zauber des Urwaldes und was ihm Reiz verleiht, ist eben ganz etwas anderes als der Eindruck, den unsere Wälder machen. Du mußt nicht denken, daß die Bäume darin grade so sehr dick und mächtig wären — zuerst macht das Ganze sogar einen viel weniger gewaltigen Eindruck als z. B. einer der großen holsteinischen oder westfälischen Buchenwälder, und ich brachte das Vehmgericht s. Z. einmal fürchterlich in Harnisch durch meine Behauptung, ich, ein Forstmannskind, hätte in Brasilien noch keinen ordentlichen Wald gesehen, denn diese langen, dünnen, den verschiedensten Holzarten angehörenden Stämme, die in der ungleichsten Entfernung von einander stehen, könne ich keinen Wald nennen. Man muß, wie ich jetzt sehe, hindurchfahren oder reiten, um einen Eindruck zu haben. Dann sieht man, was so recht den Urwald ausmacht, was aber auch wohl zugleich verhindert, daß die einzelnen Stämme sehr umfangreich werden. Schier undurchdringlich steht nämlich das Unterholz um dieselben herum, und wer da eindringen wollte, müßte sich in der That seinen Weg Schritt für Schritt mit der Axt in der Hand bahnen. Daß die Bäume nicht dicht stehen, sieht man auch nur von weitem, wo die grauen, lang hinausragenden Stämme mit ihrer spärlichen Kronen-Belaubung das Einzige sind, was ins Auge fällt. In der Nähe sieht man, wie die einzelnen Bäume einander näher gerücktsind oder doch scheinen durch märchenhaft üppige, fünfzehn bis zwanzig Meter lange Lianen, die an ihren Stämmen emporklettern und wieder herabhängen, ja die oft von einem Stamme zum andern sich ranken, eine grüne, zitternde Wand bildend, aus der seltsame, dunkellilla oder rot gefärbte Blumen großäugig herausschauen.

Ich kam weit zufriedener in Saõ Sebastiaõ an, als ich bei meinem Abschied aus Saõ Paulo für möglich gehalten hätte, und wurde es noch mehr, als ich Dona Maria Louisa und meine Schülerinnen sah. Erstere ist zwar ebenso wenig eine Schönheit wie alle Brasilianerinnen, die ich bisher gesehen habe, sie geht zwar auch in dem obligaten Kattunröckchen und mit herabhängenden Zöpfen einher, aber sie hat etwas sehr Liebenswürdiges und Frisches und hat die kleinen Mädchen gut erzogen. Meine älteste Schülerin, Maricota, ist ein sehr liebes Geschöpf, obgleich ihre große Schweigsamkeit ihr leicht etwas Moroses giebt, und die beiden Kleinen sind so artig, daß mir zuerst ganz unheimlich dabei wurde. Wir arbeiten sehr nett zusammen, wobei ich Maricota besonders auf das Englische hinlenke, das ihr immerhin noch leichter wird als Deutsch, und Du weißt ja, daß ich Englisch auch sehr liebe. Mr. Hall fand auch immer, daß ich es sehr gut spräche — er war auf der Bahn, als ich abfuhr, was mir aber eigentlich gar nicht sehr angenehm war, denn einzelne Kolleginnen haben mich schon viel mit ihm geneckt.

Aber zurück zu meinem Berichte von hier.

Es ist wahr, diese Pflanzung läßt sich mit Saõ Francisco nicht vergleichen. Sie stammt noch von den Großeltern Herrn de Souzas und ist lange Jahre von der Familie nicht bewohnt worden. Auch jetzt dient sieihnen gewissermaßen nur als Arbeitsstation, und man verwendet keinen Luxus auf sie. Mein Zimmer ist bei all seinen Mängeln doch das besteingerichtete im Hause, und das ist auch der Grund, weshalb ich über nichts klagen will; ich sehe ja, daß die Familie selbst sich noch weit mehr begnügt, und die Stube ist wenigstens luftig und hell. Diesalla de visitaist ein großer fünffenstriger Raum mit weißgetünchten Wänden und ausmöblirt durch ein Rohrsopha, 12 Wiener Stühle, eine Hängematte und eine Singer-Nähmaschine. Auch hier keine Gardine am Fenster, kein Teppich auf den rohen Bohlen, kein Bild an der Wand — nur, und ich konstatiere das als eine höchst vorteilhafte Ausnahme hier zu Lande, eine stets richtig gehende Uhr! Dona Maria Louisa hält auf Pünktlichkeit und besonders, was sehr dankenswert ist, auf Pünktlichkeit inbezug auf die Mahlzeiten, so daß nach denselben immer noch ein Viertel- oder halbes Stündchen zur Erholung bleibt, ehe der Unterricht wieder beginnt. Punkt neun Uhr Morgens und Punkt 3 Uhr Nachmittags finden wir uns in der „Veranda“ zum Frühstück, resp. Mittagessen zusammen. Veranda nennen die Brasilianer, abweichend vonunsermBegriff einer Veranda, immer das Eßzimmer, und die unzähligen Thüren und Fenster, mit denen der Raum gewöhnlich gesegnet ist, rechtfertigen ja auch einigermaßen diese Bezeichnung. Die rustikale Veranda ist nun meistens noch dadurch ausgezeichnet, daß ihre Außenthür zugleich Hinterthür des Hauses ist und unmittelbar ins Freie führt, wodurch dieselbe alle Eigenschaften einer Berliner Hintertreppe gewinnt. So ist es auch hier. Durch sie gehen die dienenden Neger und Negerinnen hin und her; Wasser, Holz, Vorräte, Wäsche, alles wandert dort in großen Kübelnund Körben auf den Köpfen der Schwarzen aus und ein, und da der Raum meistens auch noch mit der Küche und häufig sogar mit der Kammer der Negerinnen in directer Verbindung steht, so wird auf diese Weise für die Hausfrau ein ähnlich bewundernswerter Kontrolposten geschaffen, wie die Küche der holländischen Häuser ihn bieten soll. Dona Maria Louisa übt nun aber auch, im Gegensatz zu den meisten brasilianischen Hausfrauen, diese Kontrole wirklich aus; sie ist überall und sieht den Negerinnen auf die Finger, sie bäckt selber ausgezeichnetes Weißbrot, so daß ich glücklicherweise hier denbiscoitosentrinne; sie macht selber Butter auf die mühsamste Weise, indem sie die Sahne in einer Satte schlägt, bis sie zu Butter geworden. Sie näht auch unermüdlich an der Singermaschine und fördert Kleider und Wäsche für die Kinder, ja, Hemden und derbe Winterjacken für die Hausneger, kurz, sie ist thätiger, als manche berühmte „deutsche Hausfrau“ und unter schwierigeren Verhältnissen obendrein, so daß sie mir wirklich imponiert und ich sie sehr gern habe. Sie hat auch viel Humor und amusierte sich königlich über mein Entsetzen beim Anblick der hiesigen Veranda, die allerdings noch ganz nach dem mir bereits in Saõ Paulo avisierten „alten Styl“ sein muß. Ich will sie Dir beschreiben.

Der sehr große, aber mehr lange als breite Raum ist weder plafoniert noch gedielt. Der Fußboden ist zur einen Hälfte mit Backsteinen ausgelegt, während die andere ungeniert den Lehmboden zeigt, auf dem das Haus steht, das, wie alle brasilianischen Häuser, nicht unterkellert ist. In diesem Lehmboden ist eine Feuerstelle, um die sich an kalten Abenden die Familie sammelt, wie man bei uns im Winter am Ofen zusammenrückt; natürlich ist bei dieserEinrichtung der Mangel eines Plafonds nur wohlthuend, da kein anderer Abzug für den Rauch vorhanden ist als der, den die Löcher und Ritzen in der Ziegeldeckung über den Dachbalken gewähren.

An der einen Seite dieses wunderbaren Saales steht der Eßtisch, wo gefrühstückt, Mittag gegessen und Abends beim Schein eines Stearinlichtes Thee getrunken wird.

Gleich am ersten Abend bekam ich da von meinem Platze aus einen Begriff von der vielseitigen Nützlichkeit dieser Veranda. Während wir tranken, stand in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes eine Negerin und plättete Wäsche, was mir schon von vornherein für meine eigenen Sachen ein gewisses Grauen einflößte, denn in jenem Winkel mußte es erstens stockfinster sein, und dann bewegte sie auch sekundenlang das Eisen garnicht, sondern starrte mit offenem Munde zu uns herüber; man kann nur hoffen, daß es nicht sehr heiß war. Neben ihr knetete eine zweite Brotteig aus Weizenmehl. Dies und die Uhr, sowie das ungezwungenere Wesen der ganzen Familie hatte mir schon die größte Befriedigung abgerungen, als mich ein neuer Anblick ganz und gar entzückte. Du wirst Dir nicht denken können, was es ist, drum will ich es lieber gleich sagen: es war ein stiefelputzender Mulattenjunge, der in einer anderen abgelegenen Gegend dieses bewundernswerten Saales etabliert war. Also Ausnahme Nummer drei: — Nichtvorhandensein der allgemeinen brasilianischen Aversion gegen Wichse! Die Zufriedenheit mit meinem neuen Lose wuchs. Dieser kleine Mulatte — er ist übrigens zugleich Mittags der Fahnenjunge — war urkomisch anzusehen. Das einförmige, im langsamsten Tempo vollführte Wichsen mochte wohl eineunüberwindlich einschläfernde Wirkung auf ihn ausüben, denn alle Augenblicke stockte seine Thätigkeit, und er stand mit geschlossenen Augen und gehobener Bürste, gegen die Wand gelehnt, bis ihn das Fallen des Wichsinstrumentes oder ein aufscheuchendes „Nun, Ivo?“ der Hausfrau wieder in eine schläfrige Bewegung setzte. Nach gethaner Arbeit mußte er der Herrin die ganze Stiefelreihe an den Tisch bringen, wo die Dame sie musterte und den schmutzigen kleinen Kerl dann in Gnaden entließ. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch wieder hereingelaufen und meldete: „Cäsario bringt noch das Schwein, Senhora.“ „Mein Gott, wie lästig, so spät!“ rief die Herrin — „nun, dann hilft es nichts, er komme, aber schnell!“ Herein zu der famosen Hinterthür kam „Cäsario“, der ein kleines ausgenommenes Schwein auf dem Rücken trug, das er auf einen ihm zurechtgerückten Tisch deponierte und dort zu zerlegen begann. Wahrlich, diese Veranda war einnon plus ultravon Vielseitigkeit, und ihre ausgedehnte Nutzbarmachung als Backstube, Plättkammer, Wichskabinett und Schlachthaus erspart jedenfalls, was man auch sonst davon denken mag, der Herrschaft manchen Schritt und — manches Scheltwort. Hier ist lange nicht so viel Geschrei wie in Saõ Francisco, weil von vornherein mehr Kontrole ist und daher weniger Fehler gemacht werden. Also der „alte Styl“ — er lebe!

Deine urwäldlicheUlla.


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