Kopfstück Seite 156
Kopfstück Seite 156
Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882.
Liebste Grete!
Ich bin ganz glückselig — mein längst gehegter Wunsch ist in Erfüllung gegangen: ichreitejetzt! Vor einigen Tagen hatte ich meinen ersten und einzigsten Unterricht. Umständlich war er nicht. Dona Maria Louisa lieh mir ihren Reitrock, bis für mich einer genäht sein wird, und sagte dabei lächelnd: „Mais ne tombez pas, mademoiselle.“ Dann half mir Herr de Souza aufs Pferd und meinte schmunzelnd: „Nao caïa,[7]mademoiselle“, und als ich oben saß, beschloß Maricota diese ausgiebigen Anweisungen durch eine dritte Variation desselben Themas: „But don’t fall off, miss“, rief sie von ihrem eigenen Gaul herunter mir zu, und dann trabten wir drei los, Herr de Souza voran und ich der größeren Sicherheit wegen in der Mitte. Da meine Rosinante aber nach der Gewöhnung der hiesigen Pferde immer genau dem vorangehenden Tier folgt, ich also mit dem Lenken nichts zu schaffen hatte, so war das Festsitzen nicht so schwer, oder ich habe, wie Herr de Souza meinte, das Talent zum Reiten mit auf die Welt gebracht. Seitdem haben wir schon zweimal wiederkleine Ritte auf dem Gebiete der Pflanzung unternommen, und ich komme jetzt auch schon ohne einen geehrten Vorreiter zurecht. Müssen doch manche Kolleginnen, frisch wie sie aus Europa kommen, an der Station aufs Pferd und stundenweit bis an ihren Bestimmungsort reiten! Die Damensättel kommen vielfach aus England und Nordamerika, doch hat man auch hiesige, während in Herrensätteln meist einheimische Arbeit genommen wird, die allerdings auch in diesem Fache ausgezeichnet ausfällt.
Sehr drollig ist es zu sehen, wie die Schwarzen die Pferde einfangen, wenn wir ausreiten wollen. Ställe giebt es hier nämlich nicht, weder für das Rindvieh noch die Schweine, noch auch für die Pferde; diese werden auch weiter nicht gepflegt, als daß sie ab und zu zum Salzfressen herangetrieben werden. Im Übrigen laufen sie frei umher und fressen, was sie an Gras und Kräutern finden, was manchmal recht wenig ist, da auch nach dieser Richtung hin nichts für das Land geschieht, und man z. B. keine ordentliche Wiese hier sieht. Sollen nun Pferde gebraucht werden, so jagt ein Bursche so viel Tiere als der Zufall ihn erreichen läßt, in den inneren Hof; dort greift man die, die man haben will, heraus und läßt die anderen wieder laufen. Diese Freiheit, in der die Haustiere hier leben, ist ja an sich recht schön, aber fett werden sie nicht dabei, und in den jetzigen kalten Nächten, die hier im Hochland manchmal recht sehr frisch sind, erfriert manch ein armes Tier im Walde, besonders von den Jungen. Wie viel Vieh sie besitzen, wissen Souzas garnicht, eine Kontrole ist darin schwer möglich, die Kühe kalben im Walde und kommen dann eines schönen Tages mit den Kälbern an. Natürlich herrscht auch auf dieseWeise absolut keine Regelmäßigkeit in der Milchgewinnung; gewöhnlich kommen allerdings die Kühe zum Melken herein, wenn es aber sehr kalt ist, bleiben sie im Walde, und dann meldet Cäsario einfach: „Heut’ giebt’s keine Milch, Senhora, ’s ist keine Kuh hereingekommen.“ Es ist eben alles urwüchsig unter der Ägide des heiligen Sebastian.
Am besten haben es die kleinen schwarzen Schweine, die sich hier beängstigend vermehren, von denen aber allerdings auch fast jeden Tag eines daran glauben muß, da die Pflanzung viel verbraucht.
Sklaven sind hier fast gar keine, da sowohl Herr de Souza wie Dona Maria Louisa die Sklavenwirtschaft nicht lieben; man hat nur wenige Schwarze hier für den unmittelbaren Hausdienst, und die Außenarbeit wird von freien Arbeitern gethan. Alle übrigen Sklaven, die die Familie besitzt, arbeiten auf einer zweiten Pflanzung, Saõ Luiz, unter einem portugiesischen Administrator, und Herr de Souza reitet nur alle 2–3 Wochen einmal die 9 Stunden hin und zurück, um alles dort zu inspizieren. Saõ Luiz ist Kaffeeplantage, während wir hier Zucker und Baumwolle haben und vor allem eine Holzschneidemühle, was ja alles weniger Arbeitskräfte verlangt als die Kaffeekultur.
Ich glaube, es ist ganz klug von den Brasilianern, sich allmählich auf den „camarada“ einzuarbeiten:leichtist es abernicht, das sehe ich hier: ich würde mich über solche Menschen zu Tode ärgern! Die „camaradas“ sind Brasilianer, vielfach Halbindiauer, Caboclos genannt, oder auch ganz verarmte Nachkommen der eingewanderten Portugiesen, bettelhaft armes und zerlumptes Volk, in ihrem Aussehen weit elender als die Sklaven, aber — siesindfreiin einem Sklavenlande! Was sie daraufhin für einen Hochmut entwickeln und für Ansprüche machen, das ist unglaublich! Dabei arbeiten sie natürlich höchstens halb so viel wie ein Sklave. Unseren deutschen Gutsbesitzern würden die Haare zu Berge stehen, wenn sie mit solchen Menschen zu thun hätten! Als die jetzt hier vorhandenen hier ankamen, hat Herr de Souza ihnen erst alles Material zu ihren Hütten gegeben und die eigenen Leute beim Bau derselben helfen lassen. Dann bekam jede Familie eine Summe Geldes vorgestreckt, um davon zu leben, bis das eigene Bohnen- und Maisfeld Erträge lieferte. Natürlich sollte dies allmählich wieder vom Lohn abgezogen werden. Nun aber „kaufen“ diese Menschen, nachdem sie das Geld verbraucht, alle ihre Bedürfnisse hier im Hause, d. h. sie entnehmen Speck, Mehl, Kaffee, Mais und Zucker in unbescheidenen Mengen und verheißen, auch dies wieder abzuarbeiten. Da sie jedoch häufig garnicht zur Arbeit kommen und gewöhnlich eine große Familie haben, die viel verbraucht, so werden ihre Schulden nicht kleiner, sondern größer. Herr de Souza behauptet, er könne da wenig thun; weigere er ihnen die Lebensmittel, so zögen sie ab, und wenn er auch einen Contrakt mit ihnen habe, so nütze ihm der doch garnichts; da sie nichts haben, könne man ihnen nichts nehmen, und zur Arbeit zwingen könne man sie auch nicht. So läßt er alles dies gehen, so gut es will, und nimmt so viel Arbeitsleistung mit, als er kriegen kann; wird es ihm dann zu bunt, so jagt er die Leute fort; die vorige Serie hat er mit 2000 Mark Schaden zum Kuckuck geschickt. Wenn man diese Verhältnisse mit ansieht, kann man sich wahrlich nicht wundern, wenn der größere Pflanzer sich mit Händen und Füßen gegen die Aufhebung der Sklavereisträubt. Woher soll er denn seine Arbeiter nehmen! Die freigewordenen Neger bleiben nicht auf den Pflanzungen, so wenig wie sie das in andern früheren Sklavenstaaten gethan haben, und europäische Arbeiter sind ihnen oft zu teuer oder zu unbequem. Portugiesen und Italiener suchen nur viel Geld zu verdienen, um dann mit einer kleinen Wohlhabenheit in die Heimat zurückkehren zu können, und Deutsche streben nach dem selbständigen Erwerb von Grund und Boden. Die Arbeiterfrage ist hier wie bei uns eine ganz böse, nur daß es dort zu viele giebt und hier eigentlich keine.
Ich spreche viel über diese Zustände mit Herrn de Souza und Dona Maria Louisa, die, wie mir scheint, sehr verständige Ansichten darüber haben. Sie selbst verwerfen die Sklaverei im Prinzip und wünschen, daß sie aufhöre, aber sie haben auch ein offenes Auge für die Gefahr, die dem Lande dadurch zunächst insofern droht, als viele seiner wohlhabenden Grundbesitzer durch die Emancipation ruiniert werden oder doch verarmen, und zwar gestaltet sich die Sache um so schwieriger, je entfernter die betreffende Pflanzung von den Küstenplätzen gelegen ist, welche die Einwanderer zuerst bekommen. So kann man sich einerseits nicht wundern, wenn der Brasilianer die fremden Gäste nur als Ersatz für die Sklaven wünscht, anderseits kann es aber allerdings nicht der Zweck sein für unsere nach Brasilien auswandernden Landsleute, sich hier wiederum in Abhängigkeit zu begeben und sich als Knechte einer fremden Nation zu verdingen. Wer dem Lande seine und seiner Nachkommen Arbeit zuwendet, der beansprucht Selbständigkeit und eigenen Anteil an eben diesem Lande, und das mit Recht. Die Brasilianer sollten sichin ihrem eigenen Volkeeinen Arbeiterstand heranziehen, den sie sowenig wie einen Handwerkerstand bis jetzt haben, und sie könnten dies mit einem wenigstens teilweisen Erfolg thun, wenn sie die freien Negerkinder an eine regelmäßige Arbeit zu gewöhnen suchten. Es geschieht aber gerade das Gegenteil.
Das Emancipationsgesetz vom 28. September 1871 befiehlt u. a. auch jedem Sklavenbesitzer, diese Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten zu lassen, aber es giebt wahrscheinlich im ganzen Kaiserreiche keine zehn Häuser, wo diesem Gesetze nachgekommen wird. Auf den Pflanzungen ist seine Befolgung auch eigentlich unmöglich. Hier im Innern giebt es ja keine Dorfschulmeister wie bei uns, und wenn es sie gäbe — soll der Fazendeiro denn etwa jeden Tag zwischen 20 und 50 Tiere satteln lassen, um die kleinen Neger in das nächste, gewöhnlich sehr entfernte Städtchen zu schicken, oder soll er einen besonderen Erzieher für die kleine Bande halten? Man mag diese Fragen beantworten, wie man will — jedenfalls thut hier niemand dergleichen, und so wächst das freigeborene Sklavenkind vollständig ohne Erziehung und Unterricht auf und wird demgemäß dereinst mit den Wilden auf gleicher Stufe stehen, denn es hat nicht einmal den Vorteil, daß ihn die Herrschaft dies und jenes an körperlicher Arbeit erlernen läßt, wie es beim Sklaven geschah — sie sind ja frei, warum soll man sich zu Gunsten Anderer Mühe und Kosten machen, man hat ja nichts davon.
Wunderbarerweise denken auch Herr de Souza und Dona Maria Louisa ebenso, die doch sonst sehr human und auch klug sind. Ob man denn gar nicht bedenkt, daß man auf diese Weise eine Generation von „Mitbürgern“ für die eigenen Kinder heranwachsen läßt, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann?!
Aber ich merke, daß ich schon wieder predige und Dich mit einer vollständigen national-ökonomischen Abhandlung beglückt habe. Du glaubst aber auch nicht, wie sehr sich einem hier alle diese Verhältnisse aufdrängen, und wie sie fast ausschließlich Gesprächsthema sind — da wird selbst die harmloseste Seele zum Socialpolitiker.
Und nun kann ich diesem Briefe auch nicht einmal mehr ein leichteres Anhängsel verleihen, damit Du nicht allzu sehr unter dem Eindrucke dieses sozialen Vortrages bleibst, denn da erscheint eben der Zimmermann, der hier gearbeitet hat und heute Abend wieder zur Stadt zurückkehrt, und der aus Gefälligkeit unsere Postsachen mitnimmt. Denn Herr de Souza schickt nur des Donnerstags zur Post — ich bin richtig ganz und gar in den „alten Styl“ hineingeraten.
Also ein Lebewohl für heute und nächstens mehr von
DeinerUlla.
[7]Fallen Sie nicht!
[7]Fallen Sie nicht!
[7]Fallen Sie nicht!