Kopfstück Seite 163
Kopfstück Seite 163
Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882.
Liebste, beste Grete!
Denke Dir meine Freude, hier ist eine Pflanzung ganz in der Nähe, die amerikanischen Ansiedlern gehört, also ganz zivilisierten Menschen! Niemand hatte mir davon erzählt, bis sie uns heute besuchten — man wußte ja nicht, wieviel mir das wert sein konnte! Ach, Grete, so nett diese Souzas auch sind, fremd bleiben die Brasilianer einem doch, fremder sogar als alle anderen Fremden hier, die schon ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit als Gäste auf hiesigen Boden zusammenzieht. Zudem ist mir doch immer das ganze Wesen und Sein germanischer Volksstämme weit sympathischer als diese Romanen; schon beim Klange der englischen Sprache atmete ich auf, ganz abgesehen davon, daß Mr. Quimby und seine Schwägerin wirklich sehr liebenswürdig und nett waren. Mrs. Quimby war zu Hause geblieben bei den kleinen Kindern, während das älteste zwölfjährige Mädchen schon flott mitgeritten war. Es war am vorigen Sonnabend, als sie kamen und — „Wollen Sie morgen mit uns zur Kirche?“ fragten sie mich plötzlich.
„Zur Kirche?“ wiederholte ich erstaunt — „wo?“
„O, hat man Ihnen noch nicht von unserer Kircheerzählt? Nun, ein Prachtgebäude ist sie freilich nicht, aber wir können doch so jeden dritten Sonntag im Monat unseren Gottesdienst haben. Kommen Sie mit und übernachten Sie bei uns, wir reiten dann morgen alle zusammen hin, wenn Sie wollen.“
Ob ich wollte! Natürlich wollte ich. Schnell war ein Pferd gesattelt, und vergnügt galloppierten wir die zwei Meilen bis zu Mr. Quimbys Pflanzung zurück. Ich „galloppiere“ nämlich jetzt auch schon flottweg, und Mr. Quimby schmeichelte meiner empfänglichsten Schwäche, als er meinte: „You look as if you’d been born and bred on your horse.“ Mrs. Quimby empfing mich herzlich wie einen erwarteten Gast, und in den Hängematten sitzend, verbrachten wir plaudernd den Rest des Abends.
Am andern Morgen um 9 Uhr brach eine ganze kleine Kavalkade zur Kirche auf, denn noch einige Damen und Herren aus der Umgegend schlossen sich uns an.
Solange der Weg auf dem Terrain der Pflanzung lag, war er nicht gar zu schlecht, obgleich Du Dir unter dem Worte „Weg“ auch nichts weiter als einen grade füreinPferd hinreichenden Pfad vorstellen darfst, dann aber wurde er stellenweise so schlecht, daß man bei uns wohl überhaupt davon abgestanden wäre, ihn zu passieren. Aber brasilianische Pferde sind nicht verwöhnt; obgleich unbeschlagen, gehen sie sehr sicher ihren Weg, und man kann es ihnen bei schwierigen Stellen getrost selbst überlassen, sich denselben auszusuchen.
Recht seltsam malerisch nahm sich unsere kleine Gesellschaft aus: die hellen Kleider und Hüte der Damen, die weißen Staubmäntel der Herren, und die großen, meist auch weißen Sonnenschirme — alles hellglänzend beschienenvon einer bereits recht brennend werdenden Sonne, und hin und wieder verschwindend und wieder auftauchend zwischen den mannshohen Farren, die die Pferde durchschnitten, einmal sogar sich spiegelnd in einer großen, einem See gleichenden Lache, wo die Tiere bis an den Bauch im Wasser gingen.
Ich war noch nie um diese Tageszeit geritten, da wir auf Saõ Sebastiaõ immer den frühen Morgen oder den späten Abend wählen, daher empfand ich die Sonne doch ziemlich unangenehm; der Weg zeigte unglücklicherweise, so weit das Auge reichte, nicht einen einzigen Baum, einzelne lange Palmen abgerechnet, deren graziöse, doch spärlich bewachsene Kronen aber keine Kühlung schufen und keinen Schatten auf den Boden warfen. Da habe ich denn doch gesehen, welche Erschlaffung einen doch nach nur dreistündigem Ritt in der Tropensonne befallen kann; die Hitze der Luft wäre ja noch zu ertragen, aber das unmittelbare Einwirken der Sonne ist das Schlimme! Es schien auch allen mehr oder weniger zu gehen wie mir, denn unsere Unterhaltung wurde immer einsilbiger und war zuletzt ganz verstummt. Da zeigte sich bei einer Biegung des Weges plötzlich ein langes, strohbedecktes Lehmgebäude.
„Wer kann sich denn hier auf der Roça (das ungerodete Feld) eine Scheune gebaut haben, so abgelegen von allen Pflanzungen?“ äußerte ich erstaunt.
„Das ist die Kirche“, sagte Mr. Quimby mit halbem Lächeln und bog zugleich in einen kleinen Seitenweg ein, dem Gebäude zu.
Mein Erstaunen war fast Entsetzen —dieseine Kirche, diese Scheune mit den durchlöcherten Lehmwänden, dem Strohdach, den Fensterluken ohne Rahmen, geschweigedenn mit Fenstern! Aber ich konnte nicht länger zweifeln: unsere Gesellschaft ritt auf, die Herren sprangen von den Pferden, halfen uns von den unsrigen und befestigten die Tiere an einigen Bäumen neben dem Gebäude. Jetzt bemerkte ich auch eine Anzahl anderer Pferde und Maultiere, die rings umher standen, sowie deren Reiter und Reiterinnen, welche hie und da im Schatten oder bereits in der „Kirche“ saßen, und die nun Mr. Quimby und seine Familie zu begrüßen kamen. „How do you do?“ erklang es von allen Seiten, dazwischen vielfach das gemütliche „How d’ye?“ der Südstaaten, und dann wurden solche Neuigkeiten ausgetauscht, wie sie sich seit dem letzten „dritten Sonntag im Monat“ in dieser Zurückgezogenheit ereignet hatten. Ein Trunk aus der nahen Quelle erfrischte in etwas die erschlafften Lebensgeister, und dann traten wir in das Gebäude ein, wo wir, nachdem wir die Bänke mit einem dazu vorhandenen Besen abgefegt, dankbar für eine Weile der kühlen Stille genossen, während sich allmählich 50 bis 60 Personen ansammelten, fast ohne Ausnahme von ihren Pflanzungen oder der Kolonie Santa Barbara kommende Amerikaner.
Durch ein großes Loch in der Lehmwand neben mir beobachtete ich die Scene draußen, wie sie sich immer bunter gestaltete durch neu aufreitende Personen, ihre Pferde und Maulesel, die rings umher grasten, und durch die bunten, in die Bäume gehängten Reitröcke der Damen. So hatte ich noch nie in einer Kirche gesessen, dachte ich, als hinter mir eine junge Mutter vergeblich ihren jüngsten schreienden Sprößling zu beruhigen suchte, dem der Ritt wohl nicht behagt haben mochte, und dann ein altes, weißhaariges Mütterchen sich neben mir niederließ, die icheben durch meine Wand angestaunt hatte, wie sie so munter auf ihrem Maulesel herangetrabt war.
Nach einer Weile kam der Prediger, und der Gottesdienst begann. Ein noch junger Mann ohne Talar oder sonstiges geistliches Abzeichen trat mit großer Einfachheit vor den hölzernen Altar (eine Kanzel war natürlich nicht vorhanden) und, nur ein Testament in der Hand, hielt er eine sehr durchdachte, wirklich schöne Predigt über Christi Antwort auf die Frage des Täufers: „Bist Du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Anderen warten?“ Grete, da konnte man fromm werden. Es war tief ergreifend, die Bibelworte, die wir Zivilisationsmenschen gewohnt werden, mit der Katechismusstunde oder den geheiligten Hallen unserer Kirchen zu verbinden und sie gewissermaßen unwillkürlich dahin zu bannen, diese Bibelworte dort in jener Lehmhütte, in der tropischen Umgebung und so wenig unterstützt durch äußere Heiligungs-Hülfsmittel erklingen zu hören. Und sie klangen nicht anders als daheim, nicht weniger ernst oder feierlich als in geschmückten Kathedralen, unter herrlich ragenden Säulen und hinter bunten Fahnen. Ich war lange nicht in einer Kirche gewesen, aber ich bezweifle, ob die glanzvollste Messe in Sankt Peters Dom auf mich auch nur nahezu den Eindruck gemacht hätte, wie unser einfacher evangelischer Gottesdienst in der Lehmhütte, auf diesem verlorenen Posten im Innern Brasiliens. Der Gedanke von der Allgegenwart des Christengottes und die Predigt: „Gott wohnet nicht in Tempeln von Menschenhänden gemacht“, drängte sich dort mit einer gewaltigen Unmittelbarheit und einer gewissen rührenden Größe sicherlich auch denen auf, die einen solchen Eindruck nicht suchten.
Die drückende Hitze hatte nach und nach etwas nachgelassen, ein leichter Wind machte sich auf und plötzlich sah ich durch mein Wandloch einzelne große Regentropfen herabfallen.... O weh, die Sättel! Rasch wurde der Regen stärker, so daß nichts übrig blieb, als Sättel und Reitkleider hereinzuholen in die Kirche, wollte man sich nicht einen höchst unangenehmen Heimweg schaffen. Gegen 60 Sättel und einige 30 Reitkleider fanden in einem Winkel der Kirche ein Unterkommen, und lächelnd mußte ich daran denken, wie sich, was hier ganz natürlich erschien, wohl in einer europäischen Kirche oder Kapelle ausnehmen würde.
Plötzlich, wie er gekommen, hörte aber der Regen wieder auf, und als der Gottesdienst beendet war und man einander Lebewohl gesagt hatte für einen Monat, konnten die Sättel wieder aufgelegt werden.
Mit weit besserem Humor gings nun in der kühleren, staubfreien Luft heimwärts, und abends brachten mich Mr. Quimby und seine Schwägerin wieder nach Saõ Sebastiaõ zurück, versprechend, mich bald wieder einmal abzuholen.
Aber da ruft die alte dicke Anna an meiner Thür: „Chà, Senhora“ — ich schließe. Schreibe bald
Deiner feschen AmazoneUlla.