Kopfstück Seite 169

Kopfstück Seite 169

Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882.

Herzensgretele!

Dieser Brief wird wohl etwas zerfahren ausfallen, denn ich schreibe bei dem Gebell von 37 Hunden. Hier ist nämlich seit gestern Treibjagd, und Herr de Souza hat dazu 6 Herren eingeladen, von denen jeder ein Pferd oder zwei und so viel Hunde mitgebracht hat, als er besitzt; denn die Jagd ist um so viel schöner und forscher, je größer die Meute ist. Gestern sah ich den Zug oben am Walde vorbeirasen, ein Rehbock voraus — es sah ganz gut aus und ist jedenfalls eine Art zu jagen, wie sie für dies Land paßt. Aber von der Beute hat man nichts. Zwei erlegte Tiere hängen seit gestern an der Wand des Geschirrhauses, und als ich Dona Maria Louisa fragte, wann sie denn als Braten auf den Tisch kommen würden, lächelte sie und meinte, Rehe seien doch für Menschen nicht eßbar, die bekämen die Hunde! Mein Haar wollte sich schon wieder mal aufrichten, als ich mich noch zur rechten Zeit erinnerte, daß mir Herr Schaumann in der That einmal gesagt hatte, das Rotwild hier habe eine zu große Strenge, als daß es für Menschen genießbar sei. Soessen wir denn unsercarne de porcofrisch und fröhlich weiter, obgleich ich sagen muß, daß Dona Maria Louisa alles thut, um Abwechslung in das Essen zu bringen; wir haben schon alles mögliche Getier gegessen, sogar einmal Gürteltier, das aber ganz gut, etwa wie zartes Kalbfleisch oder Huhn schmeckte. Der Panzer dieses Tropenbewohners prangt als Dekorationsstück in meinem Zimmer; wenn er eben abgezogen ist, ist er ganz weich und läßt sich in jede Form biegen, die man ihm geben will, und in welcher er dann beim Eintrockenen völlig verhärtet und beharrt. Überhaupt sammle ich an Merkwürdigkeiten, was ich bekommen kann, obgleich dies weit schwerer ist, als man es bei uns gemeiniglich denkt. Wir stellten uns die Sache doch ungefähr so vor, als raffte man hier die Indianerpfeile und andere wunderbare Dinge nur so nebenher am Wege zusammen, und ich sehe jetzt, daß die Sachen hier sehr teuer sind und schwer zu bekommen. Ich begnüge mich also mit einem sehr bescheidenen Naturalienkabinett eigener Sammlung. Die Neger bringen mir alles an, was sie draußen Merkwürdiges finden, und strahlen förmlich, wenn ich mich darüber freue; sie nennen mich „a professora que gosta dos bixos feios“ (die Gouvernante, die die häßlichen Tiere liebt), und fast jeden Tag finde ich auf meinem Fensterbrett irgend einen Käfer oder eine Raupe oder eine merkwürdige Pflanze aufgebaut. Eine Schlange, und zwar eine hübsche Korallenschlange, habe ich mir auch schon „eingemacht.“ Besonders aber habe ich eine Sammlung von reizenden Nestern, worunter entzückende Kolibrinester verschiedener Sorten und ein höchst merkwürdiges, mächtig großes Nest von Lehm, das sich ein mittelgroßer Vogel baut, den sie nach seiner WohnungJoaõ de barrod. h. Lehmjohann nennen. Das Lehmnest ist noch etwas größer, als ein Menschenkopf und der Eingang so sinnreich seitwärts gearbeitet, daß es absolut nicht hinein regnen kann; inwendig befindet sich dann erst das eigentliche weiche Nestchen. — Meine letzte Errungenschaft ist ein Fischotternfell und das allerliebste Fell eines schwarzen Affen, den eincamaradahier neulich auf der Pflanzung getötet hat; und gestern brachte mir Maricota, die immer sehr lieb und gut ist, eine sehr nette Sammlung von 21 Holzarten, die sie sammeln und zu zierlichen gleichmäßigen Proben hatte zuschneiden lassen. Mit Holz verschwenden sie übrigens hier in Saõ Sebastiaõ nach unseren Begriffen fürchterlich; so ist z. B. meine Kommode, ein schweres, ungeschickt gearbeitetes Ding, ganz aus Cedernholz gemacht, und auch die plumpen Möbel im Schulzimmer bestehen aus dem kostbarsten Holzmaterial, wiederum ein Beispiel von den vielen Mißverhältnissen hier zu Lande an Verschwendung auf der einen Seite und Unzulänglichkeit auf der anderen.

Abends.Gretele, ich bin ganz außer mir vor Freude — vorhin unterbrach mich Maricota mit der entzückenden Nachricht, daß wir in etwa 8 Tagen nach Santos an die See gehen, um dort 5–6 Wochen Bäder zu nehmen! So bald soll ich mein geliebtes Saõ Paulo schon wiedersehen! Denn dahin müssen wir zuerst. Wir bleiben dort 1–2 Tage bei Dona Maria Louisas Eltern und fahren dann über die Serra nach Santos, dem großen Kaffeehafen der Provinz Saõ Paulo. Dort werden wir an der „Barra“, d. h. am Strande außerhalb der Stadt und vor dem Hafen wohnen in einem Hause, das der ganzen Familie gemeinschaftlich gehört und immervon denen benutzt wird, die es gerade für die Bäder brauchen.

Adieu, adieu, ich muß schnell an Fräulein Meyer schreiben, die augenblicklich auch mit der Familie in Santos ist; sie wird sich freuen, Gesellschaft zu bekommen.

Deine glücklicheUlla.


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