Kopfstück Seite 173
Kopfstück Seite 173
Santos, den 20. August 1882.
Meine liebe, gute Grete!
Ich sage Dir, dies Haus ist furchtbar poetisch — verzeih’, ich muß erst diese Wespe vertreiben... also, was ich sagen wollte: das reine Idyll! Draußen rauschen und branden die Wogen — Donner und Doria, das ist heute die fünfte handgroße Spinne! — und die Sonne funkelt darauf und macht sie — schon wieder eine Fliege im Tintefaß? — glitzern wie Silber. Der Garten ist ein wenig vernachlässigt, aber gerade darum um so roma... na, da sehe ich eben, daß mir die Baraten auch meine neue Schreibmappe schon angefressen haben! — romantischer. Reizend ist es, wenn wir die Schiffe so von weitem hereinkommen sehen — o diese Mosquiten, verzeih den Klex — und die vorhandenen Operngläser wandern, wenn ein großes Fahrzeug in Sicht ist, auch immer sofort heraus, um die Nationalität zu bestimmen. — Ach, ich Ärmste, da wimmelt’s auf dem Tisch vor mir von Ameisen! Warum habe ich auch den Zucker stehen lassen! Nun heißt’s erst Pause und Ameisenjagd...
Später. Du siehst, mein Gretele, daß hier die Poesie mit Schwierigkeiten verknüpft ist, das Ganze hier ist eine Idylle mit Hindernissen. Diese Chakara (so nennen sie hierderartige Gebäude, die halb Villa, mehr Landhaus sind) ist jedenfalls früher einmal für menschliche Bewohnungszwecke gebaut worden, doch haben anscheinend seit längerer Zeit Baraten, Spinnen, Eidechsen und Ameisen sich hier derartig häuslich und unbehelligt einrichten können, daß es ihnen nicht zu verdenken ist, wenn sie jetzt uns gegenüber den Standpunkt unbedingter Herrschaft nur schwer und sehr allmälig aufgeben.
Meine erste Nacht hier war nichts wie ein einziger „Kampf mit dem Insekt“, aber seitdem ich dann alle meine Mußestunden auf Grübeln über die besten Verteidigungsmittel verwendet habe, kommt es mir vor, als finge ich doch allmälig wieder an, diesen herrschsüchtigen Mitgeschöpfen gegenüber den richtigen Standpunkt als Mensch zu gewinnen. Mein Bett steht in der Mitte des Zimmers, wie ich überhaupt kein Möbel an die Wand gerückt habe; diese gebe ich „dem Insekt“ frei. UnterMöbelnverstehe ich den Waschständer, einen Tisch, einen Stuhl und meinen Koffer. Letzterer dient als Kommode und überhaupt als Aufbewahrungsort für all mein Besitztum außer den Kleidern. Diese habe ich, nachdem ich eine breite alte Gardine untergenagelt, malerisch an der Wand gruppiert und sie mit einem Bettlaken verhangen, doch benutze ich sie auch nach diesen Vorsichtsmaßregeln immer nur wie solche Medizinen, die das Etiquette tragen: „Vor dem Gebrauch zu schütteln“, und die Anhäufung einer kleinen Insektensammlung auf dem Fußboden bei solcher Prozedur lehrt, wie weise ich daran thue. Bei meinem Waschständer habe ich, seitdem er den Wänden fern, wenigstens die Befriedigung, jetzt meine Seife allein zu verbrauchen und sie nicht des Morgens halb von den Baraten genossen zu finden, die sie alsganz besondere Delikatesse zu betrachten schienen. Das meiste Nachdenken kostete es mich, mein Bett unter möglichst günstige Insekten-Verhältnisse zu bringen. Die erste Nacht stand es an der Wand zum größten Gaudium der heimischen Spinnen, Baraten, Eidechsen und Ameisen, die zweite Nacht rückte ich es ab, so daß nur das Kopfende an der Wand blieb, doch legte auch dies, wie ich sah, den ebengenannten Hausbewohnern keine wesentliche Beschränkung in der Bewegung auf. So rückte ich denn am dritten Tage in die Mitte der Stube, welcher luftige Standort noch den übrigen Vorteil gewährt, daß er mich lehrt, auch im Schlafe Balance zu halten, denn die erste derartig „im Freien“ zugebrachte Nacht begann damit, daß ich auf der einen Seite von meinem Spartanerlager, das natürlich wieder jede Seitenwand verschmäht, herunterrutschte und einige Baraten totfiel. Nachdem ich mich bei derselben Gelegenheit überzeugte, daß diese angenehmen Tierchen auch eine besondere Vorliebe für die Reibeflächen der Schwedenschachteln haben und einen so angesichts der vollen Streichholzschachtel einer unerleuchtbaren Finsternis preisgeben können, quittierte ich auch den Stuhl neben meinem Bett, stelle jetzt das Licht in armlanger Entfernung auf die Erde und stecke die Schachtel Schweden nebst Uhr und Taschentuch geheimnisvoll unter mein Kopfkissen, auf dem sich’s allerdings seitdem, da es von bekannter brasilianischer Größe, recht holprig schläft. Nun galt es nur noch, die Ameisenfrage zu lösen, der ich aber schließlich auch beigekommen bin, indem ich nachmachte, was ich neulich in einem Bahnhofsrestaurant an einem Tische gesehen: ich habe alle vier Bettfüße in Blechgefäße mit Wasser gestellt, so daß jetzt — hurrah! — das Insekt auf die Angriffe beschränktbleibt, die es von der Decke herab auf mich vollführen kann.
Im Übrigen sind diese interessanten Mitbewohner unserer Chakara insofern wertvoll, als sie dauernd für unsere Unterhaltung sorgen. Des Morgens beim Kaffee muß jedesmal die Zuckerdose hinauswandern, damit die Ameisen ausgeräuchert werden, während Maricota und ich die Milch ausfischen; des Mittags sind wir jetzt so sehr an Fliegen auf den Tellerrändern gewöhnt, daß ich mir ein Essen ohne diesen Zierrat eigentlich schon recht öde vorstelle, und abends, wenn die Baraten munter werden, ist der Hauptspaß. Maricota und ich sitzen dann gewöhnlich in meinem Zimmer über unserem Dickens, und nebenan im Eßzimmer spielen Dona Maria Louisa, ihre Schwester und Herr de Souza Whist mit ’nem Strohmann. Plötzlich entsteht dort ein Heidenlärm, man kreischt auf, und sämtliche Morgenschuhe fliegen; sofort ergreifen auch wir die immer bereitstehenden Stiefel und schleudern sie gegen die Thür, denn durch ihre handbreite Spalte über der Schwelle saust das bedrohte Insekt von den Whistspielern herein zu uns Pickwickiern, um hier so ziemlich sicher den Untergang zu finden, denn auf Baratenmord bin ich noch vom Collegio her eingeübt.
Das „Leben in und mit der Natur“ ist überhaupt hier die Devise unseres Banners. Um fünf Uhr früh, so ungefähr, wenn der Mond zum Abschied noch der Sonne sein schiefstes Gesicht zuschneidet, stürzen sich sämtliche menschliche Hausbewohner in den Schoß der Wellen. Männlein und Weiblein, Schwarz und Weiß, alles läuft in flanellenen Badeanzügen durch den Garten an den Strand und ins Wasser, um dort in schönster Harmoniebeim Mondenschein die Glieder zu erfrischen. Es ist ein heilloses Gekreische, das mich immer schon für den ganzen kommenden Tag betäubte, und da mir Seebäder überhaupt nicht sehr gut bekommen, so habe ich mich nach den ersten 5 Tagen aus dem Gewimmel zurückgezogen und bade nun nach wie vor im Zimmer in einer der üblichen großen runden Blechwannen, die die Negerinnen auf dem Kopfe hereintragen.
Der Abend endet nach anderer Richtung hin in recht harmloser Weise. Unsere Chakara steht nämlich sehr einsam, da sich auf der einen Seite ein großer Garten, auf der andern eine unbewohnte Chakara befindet; trotzdem ist sie von der Strandseite ganz unverschließbar. Da wird nun des Abends einfach eine Barrikade aus einem Tisch und zwei daraufgetürmten Stühlen vor der Glasthür aufgeführt, und damit Gott befohlen für die Nacht.... Wie ich Dich kenne, würde Dich diese Seite unserer Strandidylle ganz besonders anmuten!
Der Unterricht geht fort wie gewöhnlich, nur daß zur Betrübnis der Familie undmeinerhöchsten Wonne — das Klavier fortfällt. Das betrachte ich als meine Badereise!
Aber ich habe Dir noch garnicht erzählt, wie es in Saõ Paulo war. Wir sind zwei Tage dageblieben und logierten bei Maricotas Großeltern. Den ersten Tag war ich Nachmittags bei Schaumanns und den zweiten mit Fräulein Harras bei Fräulein Meyer, die leider, leider mit ihrer Familie von hier wieder abgereist war und in Saõ Paulo zurück. Am dritten Vormittag fuhren wir dann hier herunter, den imposanten Weg über die Serra mit der Seilbahn, und denke Dir, wer auch herunterfuhr — — Mr. Hall! Er saß nebenmir im Coupé und erzählte mir, daß er nach Santos ginge, weil eine Sendung Maschinen aus England avisiert sei, die er gern selbst aus dem Zoll nehmen wollte. Seitdem habe ich ihn noch nicht wiedergesehen, aber, Grete, ich glaube — wir freuten unsbeideüber die netten Maschinen, die grade jetzt ankommen mußten.
Ach, Gretele, ich bin so froh! Und es ist doch eigentlich ganz hübsch in Brasilien.
Nächstens mehr von
DeinerUlla.