Kopfstück Seite 26

Kopfstück Seite 26

Saõ Francisco, den 25. Juli 1881.

Liebste Grete!

Also in Elgersburg muß ich Euch jetzt mit meinen Gedanken suchen — Du Glückliche, die Du das Wort „Ferien“ noch kennst und es in dem reizenden Thüringer Nest in die Praxis umsetzen kannst! Deiner armen Ulla werden derartige Dinge immer mehr zu körperlosen Begriffen — was ist Freiheit, Erholung, Sommerfrische.... das heißt, nein! Was die „Frische“ angeht, da bin ich Dir entschieden über: ich konstatiere hiermit feierlichst, daß ich in diesen Tagen des öfteren vor Frost geklappert habe und auch jetzt mit ganz steifen Fingern schreibe. Und dazu habe ich das volle Recht, denn gestern war hier der kälteste Tag im Jahr, der Tag Johannis des Täufers. Es fror mich denn auch, zum größtem Gaudium der Familie, die der „kalten Deutschen“ das Recht dazu eigentlich völlig absprechen, so barbarisch, daß ich die liebevolle Anhänglichkeit segnete, die mich beim Einpacken in Berlin plötzlich inbezug auf meine alte Winterjacke überkommen hatte. Die Brasilianer selbst empfinden merkmürdigerweise die Kälte garnicht so sehr, wie mir das besonders gestern Abend auffiel bei der Namensfeier des heiligen Johannes, der ein großer Liebling der Nation ist. Dr. Rameiroveranstaltet jedes Jahr an diesem Tage, der auch zugleich der Namenstag eines in Europa (natürlich in Paris) befindlichen Sohnes ist, eine Art von Erntefest für die Sklaven, weil ungefähr um diese Zeit auch die Kaffee-Ernte vorüber ist.

Es hatte mich schon immer interessiert, die Wagen voll Kaffeefrüchten aus den Plantagen hereinfahren zu sehen, die dann in prächtigen Anlagen und Maschinenräumen, die der Doktor eingerichtet hat, für den Handel zurecht gemacht werden.

Letzten Sonntag fuhren wir durch eine Anpflanzung von einer halben Quadratmeile Ausdehnung. Die Bäume oder eigentlich Sträucher waren etwa wie größere Haselnußsträucher und saßen zum Theil noch voll Früchten zwischen den spitzen, glänzenden Blättern. Der Doktor meinte, dieser Bestand sei etwa 25 Jahre alt; dienen könne eine Anpflanzung ca. 40 Jahre, dann wird wieder ein neues Stück Land in Angriff genommen, das vorher rechtzeitig bepflanzt wurde. Es ist merkwürdig und kann Einen ordentlich neidisch machen, wie hier so eine Strecke Landes, die bei uns schon ein ganz hübsches Feld oder ein sehr respektabler Garten wäre, so gar keine nennenswerte Rolle spielt. Diese Pflanzung ist drei Quadratmeilen groß, aber die Bewirtschaftung ist eine merkwürdige. Das meiste Land liegt natürlich immer brach. Soll aber ein Stück in Benutzung genommen werden, so wird alles, was bisher darauf wuchs, heruntergebrannt, was auch manchmal schonungslos die herrlichsten Urwaldbestände trifft, deren Asche und faulende Stämme dann den prächtigsten Dung abgeben. Nichts sieht toller aus als so ein Maisfeld z. B., das zwischen wild und wüst durcheinanderliegenden, halb und ganz verkohlten Baumstämmen frisch und fröhlich emporwächst! Bei uns kann man sich von solcher Unordnung und vor allem von solcher Verschwendung gar keine Vorstellung machen; auch hier kommt man immer mehr von dieser etwas kannibalischen Manier der Rodung zurück, die jedoch keineswegs schon so selten geworden ist, wie es die Brasilianer gern Wort haben möchten, und die früher ganz allgemein war. Und denke Dir, Gretele, daß auf der Pflanzung von Madame Rameiros Bruder erst vor 7 Jahren noch ein Negersklave bei einem derartigen Brande umgekommen ist, weil er sich nicht rechtzeitig aus dem an allen vier Seiten angezündeten Walde entfernt hatte! Das ist doch schauerlich und soll leider gar nicht einmal so selten vorgekommen sein.

Als wir durch die Plantage fuhren, waren die Neger grade an der Arbeit, denn der Sklavensonntag auf dieser Pflanzung fällt auf den Mittwoch. Das Gesetz verlangt nur überhaupt einen Feiertag in der Woche für die Sklaven, überläßt es jedoch dem Besitzer, einen Tag auszuwählen, was dann gewöhnlich so geschieht, daß er nicht mit demjenigen der Nachbarpflanzungen zusammenfällt und man auf diese Weise im Stande ist, einen Verkehr der Schwarzen untereinander zu verhüten.

Es sah wirklich malerisch aus, wie die schwarzen Gestalten in den hellen Blusen emsig pflückend mit ihren Körben zwischen den dunkelglänzenden Sträuchern standen. Die Neger werden auf dieser Pflanzung auch gut behandelt, und wer mehr als die ihm aufgegebene Anzahl von Körben voll pflückt, bekommt für den Überschuß eine Kleinigkeit bezahlt.

Der Kaffee sieht am Baum fast aus wie große Schlehenund in der rotblauen fleischigen Hülle sitzen gleich Kernen immer zwei Bohnen mit der flachen Seite gegeneinander.

Wenn nun ein Wagen voll aus der Plantage ankommt, so wird er in ein Wasserbecken entleert, wo die Früchte schon zum Teil die locker sitzenden Hüllen verlieren, dann fließt das Ganze durch rauhe Röhren mit besonderen Enthülsungsvorrichtungen hinunter in ein tiefer gelegenes Bassin, wo die Bohnen bereits freigemacht ankommen. Nachdem ihnen dann noch durch andre Manipulationen die dünnen Häutchen genommen sind, die wir manchmal noch bei uns an mangelhaft präparierten Bohnen entdecken können, wird er auf eine große Asphaltfläche zum Trocknen gebreitet, von wo er endlich in lange, hallenartige Räume wandert, wo er von Negerinnen verlesen und sortiert wird. Dann erst kommt er in Säcke und wird nach Ablauf einer Lagerzeit verschickt. Dr. Rameiro hat mir einen ganzen Sack voll geschenkt, denke Dir, einen ganzen Sack voll Kaffee, der schon drei Jahre lagert und daher seiner Ansicht nach grade so recht ist und will ihn durch seine Korrespondenten in Rio nach Hause schicken lassen. Dann laß Dich nur recht oft darauf einladen, Gretel!

Für dies Jahr ist nun die Ernte vorbei und mit dem gestrigen Fest abgeschlossen. Dona Gabriella hatte mir schon vorher mit Stolz erzählt, am Saõ Joaõs Tag schlachteten sie immer einen Ochsen und zwei Schweine, und das würde alles von den Negern bei dem Festmahl verzehrt. In der That war gestern den ganzen Vormittag große Bewegung, und sogar das Vehmgericht beschäftigte sich in höchsteigner Person lebhaft mit der Anordnung des Ganzen, der Zubereitung vondoces, dem Herausgeben von Getränken etc.

Als es dunkel wurde, begann die Feier.

Auf dem Hofe, der von drei Seiten durch das Gebäude eingeschlossen und an der vierten mit Palmen abgegrenzt ist, war eine große Tafel in Hufeisenform gedeckt, wirklich mit weißen Tischtüchern gedeckt, denn es ist nicht der geringste Stolz der Neger bei diesem Feste, doch wenigstens einmal im Jahre von Linnen zu essen wie diesenhores. Auf den Tischen standen mächtige, geschnittene Braten, große Berge Reis (natürlich rot wie die Ziegelsteine von Tomaten), Riesenschüsseln mit schwarzen Bohnen und dazu ihr nie fehlender Kumpan der Maismehlpuddingangú; da war aber auch als Dessert Batatenkompott, in Milch gekochter frischer Mais (canjica) mit dazugehöriger Melasse, Guyabada, ein prächtiges, aus der Guyabafrucht zubereitetesdoceund sogar — Weinà discrétion!

Wie fein hatten sich aber auch die Schwarzen gemacht! Erst langsam und verlegen, dann zuversichtlicher und endlich einander drängend und den Rang ablaufend kamen zunächst die Älteren und Erwachsenen heran; die Jugend mußte warten, da nur etwa hundert Personen zugleich sitzen konnten. Es war zu drollig anzusehen, womit manche dieser guten Einfaltsmenschen sich „geschmückt“ hatten: Die Männer hatten augenscheinlich ihren Ehrgeiz in dem Tragen von Röcken gesucht, die sie entweder geschenkt bekommen oder wohl für ein Geringes von einem herumziehenden Trödler erstanden hatten; einer hatte sogar einen alten Frack an. Wer es aber nicht zu einem Rock hatte bringen können, der hatte doch wenigstens einen Hut, und zwar mit Vorliebe einen Cylinder, erworben.

Graziöser schon präsentierten sich die Frauen, die sich mehr auf das Bunte geworfen hatten, und von deneneinige mit äußerster Grandezza sämtliche Farben des Regenbogens zur Schau trugen: ein rother Turban, ein blaues Kleid und ein grüner Gürtel verursachen ihnen absolut keine Gewissensbisse.

Ganz besonders hübsch und sehr eigenartig wurde das Bild, nachdem eine Menge bunter Lämpchen angezündet waren, die die Scene mit ihrem Flimmern phantastisch erleuchteten, und am kaltklaren Himmel darüber das Kreuz des Südens leuchtend ausgegangen war. Wir betrachteten das Ganze von den Fenstern des Hauses aus, und Du kannst Dir denken, wie besonders für uns Europäer das Bild fesselnd und interessant war.

Auch ihre Tischrede und ihren Toast hatten die schwarzen Gäste. Die kleine Leonilla ergriff nämlich im Scherz ein Zeitungsblatt, reichte es zum Fenster hinaus einem alten Neger zu und rief: „Lies, Porphyrio!“

Porphyrio, ein famoser alter Neger mit ergrautem Krauskopf, nahm das Blatt, besah es mit halb komischem, halb wehmütigem Pathos von allen Seiten und fing dann an zu reden: „Meine kleine Senhora hat mir befohlen zu lesen, doch Porphyrio kann nicht lesen. Aber Porphyrio kann sprechen und er hat auch was zu sagen. Ich muß etwas beichten vor Senhor und Senhora — sie leben —“ „Viva!“ schrieen die Neger.

„Ich muß beichten, daß ich im vorigen Jahre schlecht gesprochen habe von Senhor, weil er uns kein Erntefest gegeben hat. Ich habe gesagt: „Warum hat Senhor die Säcke gezählt und hat uns arme Neger dann vergessen?“ Und ich bin zornig gewesen in meinem Innern. Aber dies Jahr hat sich Senhor unserer wieder erinnert und Senhora auch — viva Senhor —“

„Viva!“

„Viva, Senhora —“

„Viva!“

„Und dafür wollen wir ihnen danken. Und für noch etwas wollen wir danken. Nämlich dies. Wie haben wir armen Schwarzen uns früher quälen müssen mit dem Reinigen des Kaffees, wie haben wir die Frucht der Ricinusstaude schlagen müssen, um ein wenig Öl zum Brennen zu gewinnen — jetzt hat unser Senhor Maschinen kommen lassen aus fremden Ländern, die sie England und Deutschland nennen, so daß wir es viel besser haben. Dafür wollen wir danken: viva, Senhor —“

„Viva!“

„Viva, Senhora!“

„Viva!“

So ging es noch eine Weile mit den Vivas fort, bis dann die Erwachsenen den Halbwüchsigen und Kindern Platz machten und ihrerseits auf dem freien Platz vor dem Hause ihre geliebten Tänze begannen.

Sie stellten sich im Kreise auf und dann ertönte eine ohrenzerreißende Musik. Aus Tonnen waren zwei Trommeln hergestellt, die zwei Neger in monotonen Schlägen bearbeiteten, eine Blechrassel vollführte die möglichst unmusikalische Begleitung, und dazu wurde eine eintönige Melodie von zwei Strophen gesungen, die ohne Ermüdung der Sänger wiederkehrte, bis ich 64 Mal gezählt hatte. Beim Klange dieser „Harmonien“ wurde also getanzt und zwar so, daß immer nur eine Person inmitten des Kreises den Tanz ausführte und dann eine andre zur Ablösung hervorzog. Ich muß zur Schande der weiblichen Theilnehmer gestehen, daß sie den männlichen an Grazie undSchwung bei weitem nachstanden, und zumal war unser kleiner unausstehlicher Purzelbaum-Muleque, der Tonino, ganz brillant in seinen geschickten schlangenartigen Bewegungen.

Wer nicht tanzte, beschäftigte sich mit dem Feuerwerk, denn das ist eigentlich die Feier, die der heilige Johannes sich für seinen Namenstag in Brasilien ausbedungen zu haben scheint. Vor dem Hause waren zwei hohe Feuer nach Art unsrer Osterfeuer aufgeschichtet und erhellten mit phantastischem Flackern und Leuchten die Scene; tanzende Negerknaben warfen Leuchtkugeln und Raketen in die Luft, und unter dem kaltklaren, funkelnden Sternenhimmel dieses kältesten Tages im Jahr auf der freien weiten Rasenfläche erschien alles dies ungemein malerisch und poetisch.

Unvergeßlich vor allem wird mir aber eine kleine Scene dieses Abends bleiben, die ich gewünscht hätte, mit Pinsel und Farbe festhalten zu können, um sie Dir in all ihrem Reiz zu veranschaulichen. Unter dem fortdauernden Lärm der Trommeln und Blechrasseln schritt eine graziöse Mulattin, das Gesicht gegen die Sterne gerichtet, die Augen geschlossen und den rechten Arm ausgestreckt,barfußdurch die rotglühenden Kohlen des gesunkenen Feuers, während über ihr die bunten Leuchtkugeln aus der dunkeln Luft zurückfielen. Man glaubte, eine Somnambule zu sehen, so sicher schritt sie einher. Ich traute meinen Augen kaum und schaute ihr mit angehaltenem Atem und einer Art stummen Entsetzens zu. Allein ruhig lächelnd zog sie nachher ihre Schuhe wieder an: An Saõ Joaõs Tag verletzt das Feuer niemanden, sagen die Neger.

Weißt Du auch, Gretele, daß mir schon ganz neidisch zu Mute wird, da ich eben nur an ein Feuer denke?Mit welcher Hochachtung werde ich den ersten Ofen wieder begrüßen! Dona Gabriella, die immer noch die Freundlichste ist von dem Vehmgericht, bot mir neulich an, mein Zimmer durch große Wannen voll heißes Wasser zu erwärmen, aber das würde gewiß nur die ohnehin schon ungesunde Feuchtigkeit des Zimmers erhöhen und dabei wenig helfen. Wer mir gesagt hätte, daß ich am meisten in meinem Leben in — Brasilien frieren würde! Meine Neuralgie will auch immer noch nicht weichen, und ich verbleibe daher heute wie schon seit Wochen — unter Zahnschmerzen

DeineUlla.


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