Kopfstück Seite 179
Kopfstück Seite 179
Santos, den 22. September 1882.
Meine Herzensgrete!
Unsere Strandidylle nähert sich ihrem Ende, und es werden wohl kaum noch 8 Tage vergehen, da werden die 32 Stück Gepäck, mit denen wir hier eingezogen, wieder zusammengepackt und heim nach Saõ Sebastiaõ dirigiert werden. Ich bedaure das wirklich von Herzen, denn ich habe mich, trotz der mehr für Insektologen als für sonstige Sterbliche geeigneten Verhältnisse so sehr an diese Chacara gewöhnt, daß ich sie ordentlich lieb gewonnen habe; ob auch dasUnmusikalischeunseres hiesigen Aufenthaltes dabei ein Wort mitspricht, darüber wollen wir ein wohlwollendes Auge zudrücken. Als Ersatz für die Klavierstunden habe ich übrigens den einzigen Sohn von Dona Lydia, der Schwester von Dona Maria Louisa mit zu unterrichten gehabt für diese Badezeit. Dona Lydia ist Wittwe und hat gewöhnlich keine eigene Erzieherin gehalten, sondern ihren Luiz-Guilherme (Ludwig-Wilhelm) immer mit bei einer ihrer vielen Schwestern in Saõ Paulo pädagogisch zu Gaste gegeben; sämtlicheprofessorasder Familie kannten ihn bereits und behaupteten, ihn nach Gebühr zu „schätzen.“ Ich war daher nur sehrwenig entzückt, als ich gefragt wurde, ob ich ihn mit zu Maricota in die Stunden nehmen wollte, denn ich fürchtete eine Wiederholung meiner Zeit des klassischen Altertums in Saõ Paulo. Aber siehe da, er entpuppte sich als ein ganz traitabler, sogar ziemlich liebenswürdiger und recht intelligenter Junge von 13 Jahren, der auf den Spaziergängen schon den Cavalier spielt, und dem ich bis jetzt weiter keine Verdrehtheiten angemerkt habe, als daß er steif und fest behauptet, er habe die Gicht in den Füßen. Ich bin die 14. unter den Lehrern und Lehrerinnen, die er in seinem, wie Du siehst, wechselreichen Schulleben bisher gehabt hat; und daß er neulich zu seiner Mutter gesagt, ich sei von allen 14 der vernünftigste Mensch, darauf bin ich demgemäß nicht wenig stolz, denn Du mußt zugeben, daß ihm eine gewisse Urteilsfähigkeit in dieser Beziehung wohl nicht gut abzusprechen sein dürfte.
Luiz-Guilherme ist mein hauptsächlichster Versorger in der RichtungMuschel. Ich sammle natürlich auch darin auf geradezu gemeingefährliche Weise, und ein kleines leeres Zimmer neben dem meinen, sowie mein eigenes Fensterbrett „duften“ fortwährend auf das Penetranteste nach Seetang und faulenden Muscheltieren. Es ist ein rechtes Kreuz für mich, aber ich mache hier die Erfahrung: wenn den Menschen einmal die Sammelwut packt, da ist ihm zuletzt nichts mehr heilig, nicht einmal die eigene Nase!
Heute kommt Herr de Souza zurück von der Fazenda, wo er einmal nach dem Rechten gesehen hat. Während seines Fortseins war es hier natürlich nicht gerade anheimelnder, zumal da einige Tage oder vielmehr Nächte vor seiner Abreise ganz in unserer Nähe eingebrochen undgestohlen worden war. Am Morgen seiner Abreise trat er daher beim Frühstück mit einem großen Revolver auf mich zu und meinte, ich sei ja wohl noch die Tapferste von der zurückbleibenden ewig weiblichen Gesellschaft, und er lege daher die Verteidigung des Platzes in meine Hände. Ich muß gestehen, daß dies auch meine erste Bekanntschaft mit Revolvern oder sonstigen Mordinstrumenten war, allein ich übernahm kühn meine Rolle als wehrhafte Besatzung der Chakara und ließ mir nur zur größeren Sicherheit —meiner selbst— das Ding von einem mir bekannten deutschen Herrn in unserer Nachbarschaft erklären. Seitdem droht es nun von meiner Wand herab und macht in der That neben meinen Kattunkleidern und Röcken einen höchst schreckhaften Eindruck, dessen erste Wirkung sich auf die Negerin warf, welche seitdem kaum zu bewegen ist, das Zimmer aufzuräumen. Eine weitere Vorsichtsmaßregel war, daß wir sämtliche Damen alle die Tage über ganz ohne Schmuck und in den schlechtesten Kleidern ostentativ auf der Praia, d. h. am Strande spazieren gehen mußten, um den Dieben zu demonstrieren, daß bei uns nichts zu holen sei, eine Maßregel, die gewiß nicht verfehlt hat, auf die Diebe den größten Eindruck zu machen! Endlich wurde der Barrikadenbau des Abends etwas raffinierter betrieben. Ein disponibles Rohrsopha wurde dem Tische hinzugefügt, und die Stühle wurden in der Anzahl auf 5 erhoben, sowie etwas „kippeliger“ aufgebaut; das Werk krönten ein paar leere Schubladen (meineErfindung!) und das Ganze machte stets, wenn es fertig gestellt war, einen erhebenden Eindruck auf uns alle. Mit heute werden wir denn wohl wieder zu Barrikade Nr.Izurückkehren, und ich werde die Verteidigung des Platzes in Herrn de Souzas Hände zurücklegen.
Ob er mir einen Brief von meiner Grete aus Saõ Sebastiaõ mitbringen wird? Adieu, mein Herzle, das Licht brennt, Dickens tritt in seine Rechte, und die Baratenstunde naht.
DeineUlla.