Kopfstück Seite 183

Kopfstück Seite 183

Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882.

Meine gute Grete!

Da sitzen wir wieder in Saõ Sebastiaõ und warten auf die Hitze und die Zuckerrohrernte, auf das letztere mit großer, auf das andere mit mäßiger Sehnsucht.

Unsere Abreise von der guten alten schmutzigen Chakara und der Abschied von dem Insekt wurde uns schwer trotz alledem und alledem, und außer Herrn de Souza und Dona Maria Louisa mußten wir alle darüber getröstet werden, die Kinder mit der kommenden „süßen“ Zeit, ich mit dem kleinen muntern Lazaõ, meinem Lieblingspferd, das ich immer geritten, und mit dem mir Herr de Souza lachend ein Wiedersehen schon an der Station versprach. Es ist wahr, das Reiten ist hier mein schönstes Vergnügen, ja, meineeinzigsteZerstreuung, und wenn mir die Einsamkeit einmal gar zu traurig wird, kann ich leicht wieder froh gemacht werden durch einen besonders schönen Ritt.

Es ist wirklich bezaubernd und giebt einen fast berauschenden Begriff von dem Reichtum und dem Reiz der Tropenwelt, wenn wir so langsam und schweigend neben dem abendlichen Wald herreiten, manchmal Viertelstunden lang begleitet von dem wollüstigen Duft prachtvoller Orchideen, die in selbstgenügsamer Schöne hier an den uralten einsamen Stämmen tief im Walde blühen, oder wenn am Nachmittag im hellen Sonnenlicht handgroße blaue Schmetterlinge paarweise, die Köpfe unserer Pferde fast streifend, vorüberflattern.

Aber wirgehenauch viel spazieren, bei welchen Gelegenheiten ich meine „Naturalien“-Sammlung zu vervollständigen suche. Neulich fand ich eine ganze Anzahl riesengroßer leerer Häuser von Erdschnecken, und von Schlangen könnte ich schon eine ganze Collection haben, wenn ich alle aufheben wollte, die hier getötet werden. Vor einigen Tagen habe ich selber mit meinem Regenschirm ein kleineres Exemplar von diesen Unholden totgeschlagen, und das Kindermädchen bringt, wenn sie mit den Kleinen spazieren geht, öfters solche ekelhafte Reptilienleichen an, für die wir uns ein besonderes „Massengrab“ eingerichtet haben. Meine Käfersammlung aber habe ich in ihren Anfängen verkümmern lassen müssen; ich konnte das Morden nicht mehr aushalten, Grete. Wenn ich sie eben mit Chloroform getötet zu haben glaubte und sie dann vor das Fenster in die Sonne zum Trocknen legte, dann lebten sie nach einer Stunde oft wieder auf und krochen schwerfällig umher. Das war mir zu ekelhaft, meine Kaltblütigkeit scheint sich nur auf Baraten und Schlangen zu beschränken. Von ersteren haben wir hier, Gott sei Dank, so gut wie gar keine, wie denn überhaupt das Insect auf dieser hochgelegenen Pflanzung glücklicherweise nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Worunter wir am meisten leiden, ist die auch hier herrschende große atmosphärische Feuchtigkeit, deren Regiment jetzt mit der heißen Zeit, wo es fast jeden Tag regnet oder gewittert, wieder beginnt. Dawerde ich denn wohl von Zeit zu Zeit eine Trödelbude aus meinem Zimmer machen müssen, wenn mir nicht alles verstocken soll. Übrigens habe ich jetzt als vortreffliches Mittel gegen Stockflecke in Handschuhen gelernt, diese in einer Schachtel mit Hirschhornholz aufzubewahren, wobei man nur die Knöpfe zu umwickeln hat, da diese sonst anlaufen.

Heute fördert’s schlecht mit meinem Briefe, Herzensgretel, denn vor meinem Fenster auf dem freien Platz werden schwarze Bohnen ausgedroschen. Sechs Neger stehen einander zu je dreien gegenüber und schlagen mit langen Bambusstöcken auf die Bohnen los; das eintönige, taktmäßige Geräusch geht nun schon seit heute Morgen um 7 Uhr vor sich und hat uns auch durch sämtliche Schulstunden begleitet. Das gelegentliche Singen unserer Drescher daheim wird hier ersetzt durch einen beliebigen aber rhythmischen, oft allerdings ganz blödsinnigen Satz, den der erste Drescher erfindet oder doch vorspricht, und den die anderen mitsprechen, und nach dessen Takt gearbeitet wird. „Que bom chà, que bom“ (Welch’ guter Thee, welch’ guter) ist Cäsarios geistreiche Erfindung, nach der hier die schwarzen Bohnensträucher geprügelt werden, und ich darf wohl mit Wahrheit behaupten, daß ich diesen imaginären Thee heute wohl einige tausend Mal habe loben hören. Übrigens trinke ich hier jetzt keinen chinesischen Thee mehr, weil er mir Schlaflosigkeit verursacht, sondern ich nehme des Abends auf Dona Maria Louisas Rat statt dessen Thee von Kopfsalat zu mir, der mir anfangs natürlich schauderhaft schmeckte, an den ich mich jetzt aber sehr gewöhnt habe, zumal er in der That eine leicht beruhigende Wirkung hat.

Was gäbe ich um ein kleines Fläschchen Bier hier amAbend! Aber das ist auf den Pflanzungen nicht zu halten und kostet schon an den Hafenplätzen einen Milreis, also 2 Mark die Flasche! Mit Getränken ist man überhaupt schlecht daran in Brasilien! Mittags wird von den Brasilianern ein kleines Glas Portwein getrunken, wie wir es zum Frühstück nehmen, aber die Sorte ist gewöhnlich so schlecht, daß wir daheim sie verschmähen würden, und dann ist das doch auch kein Wein, der in größeren Mengen als Tischwein genossen werden kann. Unser Wasser hier in Saõ Sebastiaõ ist recht schlecht und oft ganz gelb und lehmig, und den roten Lissabon-Wein, den mir Herr de Souza aus Saõ Paulo hat kommen lassen, trinke ich nur aus Courtoisie. Der Brasilianer ist kein Weinkenner und trinkt überhaupt wenig außer Wasser und Kaffee, von welchen beiden Flüssigkeiten er allerdings tagsüber erstaunliche Mengen zu sich nimmt.

Widme mir das erste Glas Bowle, Gretele, das Du nach Empfang dieses Stoßseufzers zu Dir nimmst, und verurteile nie mehr einen Studenten, wenn er singt: „Ein Bursch wie ich, säuft ganze Fässer aus — Fässer aus“ — vielleicht will er nach Brasilien gehen und trinkt Vorrat,woran er recht thut!

Mit welchem höchst forschen und schneidigen Ausspruch ich für heute schließe.

DeineUlla.


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