Kopfstück Seite 187
Kopfstück Seite 187
Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882.
Meine süße Grete!
Heute muß ich Dir eine vollständige kleine Geschichte erzählen, und hoffentlich wirst Du sie nicht allzu unsympatisch finden, weil sie von einem — Aussätzigen handelt. Die ganze Sache hat mich so beschäftigt und erinnerte mich zugleich unwillkürlich an die rührende Erzählung Xavier de Maistre’s: „Le lépreux d’Aoste“, daß ich nicht umhin kann, sie meiner Grete mitzuteilen.
Es ist schon eine Zeitlang her und war vor unsrer Reise nach Santos, da ging ich eines Abends mit den Kindern langsam dem berittenen Neger entgegen, der die Briefe für die Pflanzung von der Station holte. „Da kommt er“, rief ich freudig aus, als sich vor uns in der Dämmerung etwas bewegte.
„Ach, das ist ja gar kein Reiter“, lachte die kleine Albertina, „das ist Ignacio.“
„Wer ist Ignacio?“
„Nun — Ignacio, wissen Sie.“
„Ist er ein Neger der Pflanzung?“
„O ja, aber er arbeitet nicht, er ist krank.“
„Was fehlt ihm denn?“
„Weiß nicht, er hat ein Loch unterm Fuß und an der Hand auch eins, und das will gar nicht heilen.“
Du weißt ja, Greteherz, daß ich einen fast krankhaften Ekel gegen alle Hautleiden habe, und so bog ich etwas seitwärts ab, als wir dem Neger nahe kamen.
Eine große und durchaus nicht unkräftige Gestalt stand, als wir vorbeigingen, mit dem Hute in der Hand still, grinste und murmelte „Soss kiss“, um dann aber auf der Kinder freundliches „Guten Abend, Ignacio, wie geht’s, Ignacio?“ uns ein wiederholtes „danke, danke, Senhora; guten Abend, meine kleine Herrin, gelobt sei Jesus Christus“ nachzurufen.
Die entsetzlich zerlumpte und schmutzige Kleidung des Schwarzen, das verwilderte Wollhaar und der große, struppige, für einen Neger ungewöhnlich starke Bart gaben dem auf seinen Stock Gestützten und sich mühsam weiter Schleppenden ein so abstoßendes Aussehen, daß der Widerwille in mir das Mitleid bei weitem überwog, und die Kinder nicht so ganz unrecht hatten, als sie nachher lachend zu Hause verkündeten, Mademoiselle habe sich vor Ignacio „gefürchtet.“
„Was fehlt ihm?“ fragte ich wieder statt aller Verteidigung.
„Quem sabe!“ machte Dona Mara Louisa, „er hat überall am Körper Löcher und wunde Stellen, gegen welche auch die bewährtesten Blätter und Kräuter nicht helfen, so daß wir jetzt fast glauben, er ist lazaruskrank.“
Das wurde so ruhig hingesagt, als wenn man erzähle, es habe jemand einen Schnupfen. Grete, es überlief mich kalt. Ein Gefühl unsäglichen Jammers für den Unglücklichen, den die Schickung nicht tief genug demütigen zu können schien, überkam mich. Neger — Sklave — aussätzig! Es war fast eine Erleichterung zu denken, daß ihn nun nichts Schlimmeres mehr treffen könne. Was seine eignen Gedanken wohl darüber waren? Ob er um Hülfe rufen würde, wenn er in’s Wasser fiele? Ob er uns haßte, die wir gesund waren? Ich grübelte den ganzen Tag über diesen unglücklichen, vom Geschick gezeichneten Paria, und sein Bild ängstigte mich im Traum.
Einige Tage später erzählte man mir, Ignacio sei aus der nächsten Umgebung des Hofes verbannt und der Verkehr mit ihm den Negern untersagt, damit er niemanden mit seiner traurigen Krankheit anstecke.
Wie erbärmlich selbstisch ist doch der Mensch! Mein erstes unbewachtes und wie instinktives Gefühl war das der Erleichterung, daß ich die verwilderte, hinkende Gestalt des zerlumpten Aussätzigen nicht wiedersehen sollte, dann erst dachte ich anseinElend und — suchte schließlich auch das zu vergessen.
Bald darauf machte ich eines Morgens meinen gewohnten Frühspaziergang. Dabei schmetterte ich im Frohgefühl meiner Gesundheit und Kraft ein vergnügtes deutsches Lied in die brasilianische Landschaft hinein....
Plötzlich aber brach der Ton in meiner Kehle ab — da kam ja der Aussätzige auf mich zugehinkt!
Dem ersten blitzartigen Impuls gehorchend, kehrte ich jäh um und maß bereits mit eiligen Schritten meinen Weg zurück, als ich zur Besinnung kam.
„Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ — ich wagte es garnicht, Grete, diesen unseren Lieblingsspruch auszudenken, als er mir einfiel. Pfui ob meiner verletzenden Hast!... Dann war eine Stimme da, die mich entschuldigen wollte: die Erscheinung war so plötzlich gewesen, ich hatte auch gar nicht an den verkommenen Neger gedacht. — — Aber wiederum nein, nein, es half nichts, ich schämte mich, o wie sehr!
Am folgenden Morgen ging ich zur gleichen Stunde denselben Weg. Das war meine Buße. An der nemlichen Stelle, wie am Tage vorher, traf ich den Aussätzigen. Sein unbedecktes Haar stand im Morgenwind, die Kleider umhingen zerlumpt den großen Körper, die dick umwickelten Füße erinnerten an seine Krankheit. Ein Schauer überlief mich, doch zwang ich mich, weiterzugehen. Da, als er ungefähr zehn Schritte von mir entfernt war, bog der Schwarze seitwärts in das wegelose Gestrüpp ein und schritt so, sich in ziemlicher Entfernung haltend, mit dem Gruße: „Gelobt sei Jesus Christus“ an mir vorüber. Mir brannte das Gesicht vor Scham in Gedanken an meine gestrige Flucht — wie unsäglich klein war das gewesen! Ob er das wohl auch gedacht hatte? Ich wünschte, er wäre mir nicht so sorgfältig ausgewichen.
Auf meinem Rückwege sah ich ihn nicht, aber der Lazaruskranke begann, fortan in meinem Gemütsleben eine Rolle zu spielen. Ich quälte mich mit dem Gedanken an ihn herum, fand mich jetzt klein und erbärmlich in meiner Scheu, dann wieder läppisch und überspannt in meinem Kampf gegen einen Ekel, den jedermann offen zur Schau trug, und dessen Berechtigung sein unglücklicher Gegenstand offenbar selbst anerkannte. Warum sollte ich allein mich überwinden, einem Menschen zu begegnen, den jedes glückliche Geschöpf floh!
Ohne Ergebnis jedoch in diesem Gedankenstreit fandmich der folgende Morgen zunächst wieder auf dem alten Wege. Wie an den beiden anderen Tagen traf ich den Aussätzigen. Wieder bog er tief in das Gestrüpp ein, als wir an einander vorüberschritten, aber es fiel mir auf, daß er reinere Kleider trug und einen Hut auf dem Kopfe, den er lebhaft abzog, als er mir zweimal eifrig sein „Soss kiss“ zurief. Der Gedanke kam mir, als könne der arme Ausgestoßene diesem Austausch eines Morgengrußes mit einem der glücklicheren Wesen, aus deren Nähe ihn sein Elend bannte, mit einer gewissen Freude entgegen gesehen haben, und der Streit in mir war beendet. Ich beschloß, er solle dieses kleinen Trostes nun nie mehr entbehren.
Da mich der folgende Morgen ein wenig früher als gewöhnlich hinausführte, so traf ich erst auf Ignacio, als derselbe eben aus einer kleinen Hütte von Bambus und Lehm trat, die zwischen Farren und Gesträuch lag. Als er mich sah, blieb er zurück.
„Ist das Deine Hütte, Ignacio?“ rief ich ihm zu.
„Ja, Senhora, meine“, rief er mit strahlendem Gesicht zurück.
„Wohin gehst Du jeden Morgen?“
„Wasser holen zum Kaffee, Senhora.“
Seit wieviel Tagen, vielleicht Wochen mochten dies seine ersten Worte wieder sein!
Jeden Morgen brachte ich nun dem Unglücklichen seinen Gruß aus der Welt der Menschen, und es war mir jedesmal eine Befriedigung, in der Entfernung sein Gesicht freudig aufleuchten zu sehen hinter dem hohen Ginster hervor, durch den er sich allmählich einen vollständigen Weg gemacht hatte. Dennoch blieben meine Morgenspaziergänge, die früher der schönste Teil des Tagesgewesen, noch lange eine Überwindung — vor allen Dingen sang und jubelte ich nicht mehr unterwegs.
Dann kam unser Aufenthalt in Santos, und der Gedanke an den Aussätzigen wurde in den Hintergrund gedrängt. Kurz nach unserer Rückkehr sollte ich wieder an ihn erinnert werden. Eines Tages sah ich nämlich, wie Dona Maria Louisa verschiedene große Papierdüten mit Kaffee, Reis, Zucker und schwarzen Bohnen füllte.
„Für wen ist das?“ fragte ich.
„Die Lazaruskranken sind da“, war die Antwort.
„Ignacio?“
„Nein, die Aussätzigen von Santa Barbara, eine ganze Anzahl dieser Kranken, die dort in der Nähe eine Art von Kolonie bilden und ihren Unterhalt erbetteln, um nicht durch das Geld[8]und den Eintritt in die Venden[9]ihr schreckliches Leiden zu übertragen. Die mittellosen Kranken sind auf diese Weise besser daran als in einsamer Verbannung, und wer daher z. B. einen lazaruskranken Sklaven hat, schickt ihn gewöhnlich dorthin. Sie leiden keine Not, denn jeder giebt ihnen reichlich.“
„Warum lassen Sie Ignacio sich ihnen nicht anschließen?“
„Er will nicht, weil er seine Tochter hier hat; wir haben es ihm oft vorgeschlagen.“
Trauriger und rührender Gedanke, diese Familie von Parias, die, durch einen gemeinsamen Fluch von der übrigen Welt geschieden, sich zu gegenseitiger Samariterschaft verbrüderte — die Freimaurer des Elends....
Ich blickte der weiterziehenden Schar der Kranken nach, und ihr dankbares „Gelobt sei Jesus Christus“ schnitt mir ins Herz.
Am folgenden Tage traf ich Ignacio nicht, so daß ich annahm, er sei ein Stück Weges mit seinen Leidensgenossen einhergezogen; als man ihn aber dann auch am anderen Tage bei der Rationenverteilung auf seinem Posten hinter der Barriere vermißte, wurde ein alter Neger hingeschickt, um nach ihm zu sehen. Der Auftrag war wohl ein unliebsamer, der Bericht jedenfalls ein liebloser: Ignacio behaupte, krank zu sein, hieß es, doch könne er nicht sagen, wo es ihm fehle, und demnach würde wohl das ganze Übel nichts weiter als Trägheit sein, er wolle bedient werden und scheue gar die kleine Mühe des Kochens. Ich war erstaunt und verletzt zu sehen, ein wie bereitwilliges Echo diese lieblose Äußerung fand, und sann nach, was zu thun sei, wenn dies fortdauere.
Am nächsten Morgen traf ich jedoch den Aussätzigen, der aber schmutzig und nachlässig aussah, und dessen unglücklicher Gesichtsausdruck und matter Gruß mir das größte Mitleid abnötigten.
Derselbe Tag brachte einen Regen, der mich durch seine Heftigkeit und Dauer mehrere Tage am Ausgehen hinderte. Ich dachte während der Zeit öfter an Ignacio, und ob er genügenden Mundvorrat und trocknes Brennholz in seiner Hütte haben werde; bei der Rationenverteilung fehlte er wiederum, und so oft ich täglich nach der Richtung seiner Hütte blickte, nie sah ich dort ein Rauchwölkchen aufsteigen. Grete, da kämpfte ich mit einem schweren Entschluß: sollte ich eintreten in die Hütte des Aussätzigen?! Ein Grauen schüttelte meinen ganzen Körper bei dem bloßen Gedanken daran. Aber: „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ mahnte es wieder in mir. Was hatte ich denn bisher gethan für den Unglücklichen, was war mein Samaritertum gewesen? Ich errötete bei dem Gedanken, wie viel Überwindung mir das Wenige gekostet hatte, und mehr noch, da ich mir sagen mußte, daß meine Scheu vor dem Kranken weit weniger auf der Furcht vor Ansteckung beruhe, die bei mir immer sehr gering ist, vielmehr fast einzig in einem rückhaltlos groß gezogenen Ekel zu suchen sei. Um so mehr glaubte ich, mich überwinden zu müssen, und wiederholte mir, daß ich nichts gethan habe, wenn ich nicht dies eine thäte. Der Kampf war hart, und das erbitterte Ringen gegen mich selbst machte mich fast fieberisch. Einen Augenblick wies ich die Idee, bei dem Aussätzigen einzutreten, als eine wahnsinnige von mir und verspottete mich selbst ob meiner eingebildeten Samariterpflichten da, wo der Priester und der Levit vorübergingen; mochten doch seine Herren für den Leibeigenen sorgen, was ging er mich an! Dann wieder graute mir vor meiner eigenen Lieblosigkeit, und ich hatte ein Gefühl, als hätte mir die Vorsehung diesen Unglücklichen so recht besonders in den Weg geführt, als ginge er mich sehr viel an, mich vor allen andern, und als würde ich mehr als irgend jemand freveln, wenn ich ihn am Wege liegen ließe....
Ich faßte endlich den Entschluß, in die Hütte des Aussätzigen einzutreten, aber Grete — ich will es Dir gestehen — ich hatte am Abend vorher eine wilde, fieberhafte Hoffnung, in der Nacht zu sterben...!
Früh am nächsten Morgen pochte es an die Hausthür. Einer der Holzfäller, die von der nächsten Kolonie hierherkommen, meldete, er habe aus der Hütte des Ignacio im Vorbeigehen ein vernehmliches Stöhnen hervordringen hören, habe sich jedoch gegraut, hineinzugehen, der arme Teufel sei gewiß recht krank. Ein Neger wurde hingeschickt, um nach dem Unglücklichen zu sehen und ihn mit Stärkungsmitteln zu versorgen. Ich begann meine Stunden, konnte aber meine Aufregung kaum bemeistern! Grade als wir Pause hatten, kam der Bote zurück. Er hatte einenTotengefunden.
Gretele, da drang mir ein Erlösungsschrei aus der immer doch menschlichen Brust hervor, und „homo sum“ mußte ich mit Beschämung erkennen. Als aber dann ein heftiges Weinen mir die angespannten Nerven gelöst hatte, konnte ich ohne selbstischen Nebengedanken dem unglücklichen Paria die ewige Ruhe gönnen, und ich konnte nicht anders als mir vorstellen, wie das Wort, das fast das einzige war, das ich aus seinem Munde gehört, gewiß auch sein letztes gewesen sei: „Gelobt sei Jesus Christus.“
Ein alter, fast unbrauchbarer Ochsenwagen wurde bespannt, und, in eine Hängematte gelegt, fuhren zwei Neger den Toten zu seiner letzten Ruhestatt. Es war schon stark dämmerig gewesen, als sie im Dorfe anlangten und vor der Wohnung des Kaplans hielten, um diesen um Beerdigung der Leiche in einem der immer bereiten Gräber zu ersuchen. Aber so spät eine Beerdigung, und nun gar eines Schwarzen — eines Sklaven — eines Aussätzigen — unverschämtes Ansinnen! Rauh war ihnen bedeutet worden, bis zum anderen Morgen zu warten. „Es geht nicht, wir müssen heim, Herr, wo sollen wir auch die Nacht über bleiben?“ hatten die Neger remonstriert. „Erlaubt denn, daß wir die Leiche in den Kirchhof stellenund selber umkehren.“ Auch dies war ihnen barsch verweigert worden, so daß die aufgebrachten Leute endlich gedroht hatten, die Leiche des Aussätzigen dem christlichen Geistlichen auf die Schwelle zu legen. Da befahl ihnen der Priester, die Aussätzigen der Kolonie herbeizuholen und von diesen die Leiche während der Nacht vor dem Kirchhofsthor hüten zu lassen. Die stille Krankenbrüderschaft ist dann gekommen, und es haben dem früheren Genossen ihres Elends, den die Menschen selbst über den Tod hinaus aus ihrer Gemeinschaft stießen, diese Paria der Menschheit die nächtliche Totenwacht gehalten.
Ich erinnere mich, daß in jener Nacht hellglänzend das Sternbild des Kreuzes am Himmel stand. Aber jetzt muß ich oft denken bei dem heiligen Zeichen: Warum bescheint esdie Erde! Ich will heute nichts mehr hinzufügen mein Gretele, aber ich schicke dieses erst mit dem nächsten Briefe zusammen ab.
[8]In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld.[9]Krämereien.
[8]In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld.
[8]In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld.
[9]Krämereien.
[9]Krämereien.