Kopfstück Seite 197
Kopfstück Seite 197
Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882.
Heute ging es mir und den Kindern wie dem Reiter über’n Bodensee; wir haben einen tüchtigen nachträglichen Schreck davongetragen. Bei unserem Spaziergange, den wir, durch das prächtige Wetter verlockt, ziemlich weit ausdehnten, kamen wir auch an einer großen Zuckerrohrplantage vorbei, wo wir an einer Stelle das kaum reife Rohr in einem großen viereckigen Stück herausgeschnitten fanden. Wir wunderten uns alle über diese merkwürdige stückweise Ernte und erzählten davon zu Hause. „O, das sind Maraõs, Senhor“, sagte Cäsario, der dabei stand, „ich habe in dieser Zeit auch manchmal geglaubt, spät Abends da drüben im Walde Rauch aufsteigen zu sehen, aber es war zu dunkel und neblig, um es genau zu unterscheiden.“
Du magst Dir meinen Schreck vorstellen, als mir auf meine Frage „was sind Maraõs?“ geantwortet wurde:
„O, vor denen müssen Sie sich sehr in Acht nehmen und dürfen jetzt nie mehr allein so weit gehen. Maraõs nennen wir entlaufene und verwilderte Sklaven, die sich in die Wälder geflüchtet haben und dort wie die Wilden leben, die Nachbarschaft plündernd, wo sie können. Sie stehlen ihren Unterhalt meist auf den Pflanzungen zusammen, seltener bauen sie selbst im Walde etwas Bohnen und Mais; sie sind gefürchteter als die Indianer. In letzter Zeit gesellen sich auch manchmalfreigelasseneNeger zu ihnen, die zu faul sind, um zu arbeiten. Diese Banden sind eine schlimme Wunde für Brasilien und würden dies noch mehr sein, wenn sie nicht durch das wilde Leben häufig zu Grunde gingen oder überhaupt sich mehr fortpflanzen könnten; Frauen gehen sehr selten mit, und so hoffen wir, wird dies mit einer Generation abgethan sein.“
Von jetzt ab werde ich wohl kaum den Mut haben, mehr zu thun, als feige ein wenig um’s Haus zu schleichen, denn diese Maraõs haben mir die Freude an unseren weiteren Spaziergängen auf’s Gründlichste verdorben.
Was überhaupt diese schwarze Race für ein Druck auf Brasilien ist, und daß die Sklaverei schließlich ein weit größerer Fluch für die Sklavenhalterals für die Neger ist, das zeigt sich jetzt so recht, wo sie aufgegeben werden soll. Was, um Gotteswillen, soll aus den Millionen von freien Schwarzen hier werden! Bei uns in Deutschland, wo man die inneren Verhältnisse Brasiliens so gut wie garnicht kennt, wird man vielfach denken (und ich hätte das wahrscheinlich dort auch behauptet), sie würden gewiß meistens auf den Pflanzungen ihrer bisherigen Herren bleiben und dort als freie und bezahlte Leute weiter arbeiten, schon die Not würde sie lehren, tüchtige Menschen und nützliche Staatsbürger zu werden! Hier sehe ich aber, daß nichts dergleichen der Fall sein wird. Selbst ein Vergleich mit den Verhältnissen in der nordamerikanischen Union ist unangebracht. Erstens haben sie hier nicht das Beispiel der Tüchtigkeit vor sich wie dort. Der Nordamerikaner achtet die Arbeit und den Arbeitenden; er schafft selber und legt ungeniert mit Hand an; er verachtete in dem Schwarzen nur die untergeordnete Race. Der Brasilianer, weniger peinlich, aber anderseits hochmütiger und doch wieder ungebildeter, verachtet gradezu die Arbeit und den Arbeitenden. Er selbst arbeitet nicht, wenn er es irgend vermeiden kann, er sieht das Nichtsthun als ein Attribut des Freien an, und woher will man denn erwarten, daß der in tierischer Unwissenheit erzogene Sklave sich über solche Ansichten hinwegsetze, sich eine selbständige philosophische Ansicht gebildet habe oder bilden werde?! Er wird’s ruhig der weißen Race nachmachen und so wenig wie möglich arbeiten, undwiewenig dieses „Mögliche“ ist, kann man nur hier an Ort und Stelle angesichts der Freundlichkeit der Tropennatur und der schier unglaublichen Anspruchslosigkeit jener Leute ermessen. Ich habe, seitdem ich hier bin, natürlich unendlich viel mehr als früher Interesse für diese Dinge genommen, lese auch viel darüber, und da sehe ich denn, daß manch ein geistreicher Tropenkenner zu den gleichen Ansichten gekommen ist, wie sie sich mir hier aufdrängen.
Absolut das Gleiche, was ich eben behauptete, sagt Smarda, in seinem Ausspruche: „In den Tropen arbeitet niemand zum Vergnügen — warum sollte es der bedürfnißlose Neger thun?“
Lewes schreibt: „Hunger ist das wahre Lebensfeuer, von dem alle Anregung zur Arbeit und Thätigkeit ausgeht, und wir mögen hinblicken, wohin wir wollen, wir finden in ihm die bewegende Kraft, welche die unermeßliche Kette menschlichen Treibens und Schaffens in Thätigkeit und Bewegung setzt. Laßt Nahrung im Überflußvorhanden sein und leicht zu erringen — und die Zivilisation wird unmöglich werden.“ Das paßt hierher; die Notdurft ist vorhanden oder doch leicht zu beschaffen, und Ehrgeiz oder Erwerbssinn (portugiesisch heißt beides mit dem gleichen Wortambiçaõ), die ihn zu persönlichen Anstrengungen geneigt machen könnten, liegen dem Sklaven und selbst dem Freigelassenen mit seltenen Ausnahmen fern; warum sollten sie sich also plötzlich in seinen vollkommen müßig aufgewachsenen Kindern finden? Und der geistreiche Fernando Schmidt (Dranmor), der 40jährige Beobachter brasilianischer Verhältnisse, sagt in einem seiner Leitartikel: „Keiner menschlichen Kreatur ist Feldarbeit verhaßter, als dem freien Neger. Nicht wie in den Südstaaten der amerikanischen Union heißt es bei uns, „wenn Dir die Sonne auf den Scheitel brennt, erringe im Schweiße deines Angesichts das, womit Du Deines Körpers Blöße bedecken kannst, wenn eisiger Frost sich über den Erdboden lagert“ — in dem gesegneten Brasilien, in jenen Distrikten wenigstens, wo zur Zeit noch leider nur Zwangsarbeit die großen tropischen Handelsartikel erzeugt, ist uns die afrikanische Race darin überlegen, daß sie Jahr aus, Jahr ein dem ihren Aspirationen angemessenen Schlaraffenleben zu fröhnen versteht, und sobald sie der Zucht entrinnt, sich für die tägliche, leicht zu beschaffende Atzung keine großen Sorgen zu machen braucht. Eine geistige Regeneration kommt nicht in Betracht.“
Es geht eben hier in Brasilien, wie es nach einer Notiz in einer älteren Nummer des „Economiste français“, die mir neulich in die Hände fiel, in Jamaica seiner Zeit gegangen ist. Das Blatt sagt: „Neben der Aufhebung der Differentialzölle hat besonders die Sklaven-Emancipationdie Prosperität der früher blühenden englischen Besitzung Jamaica vernichtet. Die Neger ergaben sich der Faullenzerei, und noch heute verdienen sie ihren Unterhalt nicht in den Pflanzungen; die Insel bedarf hunderttausend Kulies.“
Ich habe nach meinen Beobachtungen den Eindruck, daß auch Brasilien zunächst furchtbar leiden wird durch die Aufhebung der Sklaverei, zumal da man sich immer noch nicht entschließt, europäischen und besonders den nützlicheren germanischen Einwanderern günstigere Bedingungen zu stellen. Es wird nach zwei Seiten hin leiden, einmal durch den Wegfall der Arbeitskräfte auf dem Lande und dann durch die plötzliche Überschwemmung seiner Städte mit faulen und im besten Falle unnützen Bevölkerungs-Elementen.
Man sieht ja jetzt schon so ziemlich, was Brasilien wenigstens von den ersten beiden Generationen seiner freien schwarzen Mitbürger erwarten und hoffen darf. Von den Männern bleibt nur ein verschwindend kleiner Teil auf dem Lande als freie Feldarbeiter; nur ein geringer Prozentsatz von Allen wurde bisher, wenn auch nicht zu besonders fördernden, so doch auch nicht zu störenden oder schädlichen Mitgliedern der freien Gesellschaft. An ein Plus von Arbeit und Schaffen der schwarzen Bevölkerung aber, über die eigenen bescheidensten Bedürfnisse hinaus, ein Plus, das also indirekt dem Lande zugute käme, sei es was Bodenkultur, sei es was Industrie anbetrifft, ist wohl noch in vielen Jahrzehnten nicht, wenn überhaupt zu denken.
Von den alten, verbrauchten Freigelassenen schrieb ich Dir schon, daß sie oft dem größten Elend ausgesetzt sind;von einer alten Negerin las ich einmal, daß sie in der Nacht nach ihrer Freilassung aus Mangel an Obdach in einem hochgelegenen Bergstädtchen erfroren sei, und mit was für einer Unzahl von Bettlern beiderlei Geschlechts die Sklaven-Emancipation die Städte beglückt hat, ist gradezu überwältigend. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte, was in Saõ Paulo die Polizei bewog, die dortigen — mit Nummern zu versehen!! Die jüngeren Frauen, besonders die Mulattinnen, sind zum großen Teil moralisch verkommen und rühren gewiß keine Arbeit an, wenn sie anders existieren können. Die älteren Weiber schmarotzern sich so durch, essen heute bei der früheren Herrschaft, morgen bei deren Eltern, einmal in der Küche befreundeter Sklavinnen, ein ander Mal wird das Mittagbrot aus einigen Bananen und etwas Brot billig zusammengesetzt. Wer die Schlafstelle einer Negerin kennt, weiß, daß sie überall aufzuschlagen ist: eine Matte und ein Tuch über dem Kopf ist leicht irgendwo gewährt. Das wenige Geld, dessen sie doch etwa noch benötigen, verdienen sie meistens durch Waschen oder Nähen, öfter noch durch Früchte- oder Konfekt-Verkauf in den Straßen; doch darf bei ihrer Arbeit nicht im entferntesten an eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit gedacht werden. Selbst wenn sie in einen Dienst treten, so ist ein ewiges Wechseln desselben die Hauptsache dabei.
Und zu alledem giebt es jetzt (1882) etwa noch eine Million Sklaven in Brasilien. Wie werden die Zustände nun erst werden, wenn die alle auch noch frei sind! Und dieser Zeitpunkt wird nicht mehr allzu fern sein, denn die Emanzipation schreitet täglich vorwärts. Der staatliche Fonds reicht ja allerdings nicht entfernt aus, aber dieprovinziellen Verbände helfen, und unzählige Sklaven werden frei durch Privat-Initiative.
Ein Verwandter von Herrn de Souza, der sehr reich ist, hat alle seine Sklaven, deren gegen 300 waren, freigegeben und sie mit enormen Kosten durch „Kolonisten“ aus der Schweiz und Tyrol ersetzt; und dies Beispiel ist nicht das einzige seiner Art. Auch manch deutschen Namen sieht man unter der Zahl solch edelmütiger Herren. Bei besonders erfreulichen Familienereignissen oder sonstigen Anlässen ist es jetzt allgemein Brauch, seiner Freude durch Befreiung eines oder mehrerer Sklaven Ausdruck zu geben; bei der Geburt eines Kindes, bei der glücklichen Rückkehr eines in Europa erzogenen Sohnes, bei einer besonders günstig ausgefallenen Ernte oder Spekulationen erhält mancher Sklave seine „Carta“. Wenn Maricotas Bruder Bento aus Cassel zurückkommt, erhält das hiesige Factotum, Cäsario, die seine, wurde mir neulich anvertraut.
Eine Menge Sklaven werden frei durch testamentarische Verfügung, doch wird von den Besitzern ein derartiges Testament streng geheim gehalten, da sie sonst fürchten, vergiftet zu werden.
Alleinstehende Leute machen sogar manchmal ihre Sklaven zu, natürlich freien, Erben ihrer Pflanzung, doch scheint mir diese Art von Humanität recht wenig angebracht, da die Schwarzen in solchem Falle gewöhnlich schon nach kurzer Zeit Besitzer einer Wildnis sind und dieselbe sämtlich verlassen, um in den Städten ein mäßiges Vagabundenleben zu führen, das ihren Neigungen weit mehr entspricht, als ein geordnetes, arbeitsvolles Dasein. Daher wußte eine kürzlich verstorbene Dame aus Minas geraes auch wohl, was sie that, wenn sie bestimmt hatte, daßeine ihrer Pflanzungen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ihren 32 freizulassenden Negern zur Nutznießung überlassen werden und dann an zwei milde Stiftungen fallen solle.
Von dem eklatantesten Fall aber, wie gefährlich unbedachte Humanität wirken kann, erzählte mir neulich Dona Maria Louisa. Eine alte Schwarze, die ihr früher einmal gehört hatte, war vor einiger Zeit zu ihr gekommen, um ihre Not zu klagen. Sie war bei ihrer neuen Herrin nach deren Tode auch Miterbin der Pflanzung geworden und erzählte nun, daß auf derselben ein schrecklicher Zustand herrsche. Einige der früheren Sklaven und jetzigen Besitzer arbeiteten und ernteten, die Faulen verlangten dann, von deren Mühen mitzuleben, was ihnen jene natürlich weigerten. Darüber käme es dann oft zu blutigen Raufereien, bei denen schon fast die Hälfte der Neger um’s Leben gekommen sei. „Nein“, hat sie ganz überzeugt geschlossen, „damit hat unser Senhor keinen Segen gestiftet, daß er uns die Fazenda hinterlassen hat, dafür kommt er in die Hölle!“ Das scheint mir nun allerdings für den seligen Sklavenbaron und sein gewiß gutgemeintes Testament ein etwas gar zu hartes Prognostikon, aber es liegt thatsächlich eine enorme Ungeschicklichkeit darin, ohne Übergang den Sklaven zum Herrn zu machen, so durchaus abhängig erzogene Wesen plötzlich mündig zu erklären. Aber das Ganze „mutet an“, nicht wahr? Die Zustände sind so recht behaglich und vertrauenerweckend? Ich kann Dir nur sagen, Grete, daß ich auf einer großen Sklavenpflanzung jetzt nicht sein möchte.
Aber nun wirst Du wohl genug haben von Negern und Sklaverei, und da kommt auch Albertina, mich zu holen,damit ich das längste Zuckerrohr ansähe, das ich je gesehen hätte!
Adieu, mein Herzensgretel, schreibt mir nur ja rechtzeitig zu Weihnachten; nächste Woche müßten Eure Briefe dazu schon abgehen; ob Ihr wohl daran denkt?
Deine alteUlla.