Kopfstück Seite 35
Kopfstück Seite 35
Saõ Francisco, den 14. August 1881.
Herzensgretele!
Die Neger spielen doch die Hauptrolle in diesem Lande, und ich finde, daß sie im Grunde viel mehr die Herren als die Sklaven der Brasilianer sind. Jede Arbeit wird von Schwarzen verrichtet, der ganze Reichtum durchihreHände herbeigeschafft, denn der Brasilianer arbeitet nicht, und ist er arm, so schmarotzert er lieber bei wohlhabenderen Verwandten oder Freunden umher, als daß er redlich die Hände rührte. Auch jedehäuslicheDienstleistung geschieht von Negern. Da fährt Dich der schwarze Kutscher, da wartet Dir die Negerin auf, da steht der schwarze Koch am Herde, da säugt die Sklavin das weiße Kind — ich möchte bloß wissen, was diese Menschen anfangen wollen, wenn einmal die Sklaven-Emancipation ganz und gar vollzogen ist! Wir waren uns ja drüben in Europa recht wenig klar über das diesbezügliche Gesetz hier und glaubten wol eigentlich, daß es die Sklaverei gänzlich aufgehoben habe. Dem ist aber nicht so. Es bestimmte nur, daß von dem Tage seiner Proklamation an, also vom 28. September 1871 an, kein Unfreier mehr in Brasiliengeborenwerde. Was also bis dahin schon lebte und Sklave war, muß es bleiben bis zum Tode, bis zum Loskauf oder zurFreilassung. Was aber jetzt an solch kleinem schwarzen „Kroppzeug“ geboren wird, das hat keinen Wert für die Herren und nur die Bedeutung unnützer Esser. Es geschieht daher auch nichts für sie, es wird ihnen nicht einmal wie früher diese oder jene Handfertigkeit beigebracht, denn — „man hat ja später nichts davon“. Anderseits werden sie wiederum als „freie“ Menschen von dem Brasilianer mit etwas mehr Hochachtung behandelt als die geborenen Sklaven.
So wurden hier heute Mittag acht solcher kleiner Weltbürger feierlich getauft!
Ich hatte schon beim Frühstück ein wunderliches altes Herrchen bemerkt, der wenig sprach und das Wenige in einer mir total rätselhaften Sprache, die Dr. Rameiro in dem ihm geläufigen Italienisch erwiederte, der mir aber durch ein riesenhaftes rotbuntes Taschentuch, an das er eine große Anhänglichkeit zu haben schien, auffiel und dadurch, daß er ungezählte Bananen ver — schlang hätte ich beinahe geschrieben — alsoverzehrte. Wie erstaunte ich, als er sich nachher als ein katholischer Reisepriester entpuppte, für den ich ihn niemals gehalten hätte, zumal er in gewöhnlichem Civilhabit reiste. Er war geborner Italiener, aber schon in allen Erdteilen gewesen und hatte die Weltsprache, die er spricht, gewiß schon erfunden, ehe in Europa jemand an so etwas dachte.
So gegen zwölf Uhr wurde in der großensalla de costura, vulgo Nähstube, ein mächtiger, büffetähnlicher Schrank geöffnet, über dessen Inhalt ich schon immer gegrübelt hatte, und zum Vorschein kam — die Mutter Gottes nebst Jesuskind, Schleifen, Kränzen, Krone, Hals- und Armbändern und Ohrringen. Der Neger Felicio, denich sonst nur als Hausschneider an der Nähmaschine zu sehen gewohnt war, amtierte, ebenso wie der Priester in Ornat, als Meßdiener. Das Ganze war merkwürdig für meine evangelische Seele, Gretel!
Eine nach der andern erschienen nun die Negerinnen-Mütter mit ihren jüngsten Sprößlingen, die alle sehr nett, einige sogar mit weißen gestickten Kleidchen und bunten Schleifen herausgeputzt waren, und zwar durch die Güte des Vehmgerichts (hier darf ich sie wohl garnicht mal so nennen!), die sich zumadrinhasd. h. Patinnen dieser kleinen schwarzen Mitchristen hatten bereit finden lassen.
Was übrigens die Farbe betraf, so wunderte ich mich über die sehr wenig dunkle, ja fast weiße Haut der meisten dieser Kinder. — „Siewerdenschwarz“, sagte man mir mit einem Lächeln, das halb den Neger verachtete, halb meine Unwissenheit, „nur die inneren Handflächen und die Fußsohlen bleiben weiß. Sie sagen, als Ham nach Afrika ausgewandert sei, habe er auf Befehl des Herrn mit Füßen und Handflächen das Wasser des Jordan berührt, das dann vor ihm zurückgewichen sei; von dieser Berührung seien bei ihm und seinen Nachkommen jene Stellen weiß geblieben, auch im Sonnenbrand Afrikas.“
Die Ceremonie begann, und ich war stummer Zeuge, wie diese acht plattnäsigen, wollköpfigen kleinen Scheußlichkeiten die Namen: Cäsar, Felicio, Messias(!), Illyia, Angelica, Maria Salome, Marcella und Ruth erhielten. Warum sollten sie freilich auch nicht die schönsten Namen bekommen? Sind doch diese Taufnamen, die ihnen das alte portugiesisch-italienisch-lateinisch kauderwelschende Priesterlein auf Wunsch und Wahl der Herrschaft erteilte, die einzigen, mit denen sie sich ihr Lebelang begnügen müssen.Denn wenn auch die meisten dieser Mütter verheiratet sind, so haben ja auch diese keine Familiennamen. Deshalb nehmen die freigewordenen Sklaven aus Mangel an einem solchen nach ihrer Freilassung gewöhnlich den Namen ihrer früheren Herrschaft an — — angenehm für diese, nicht wahr!!
Da ich nun aber einmal bei den Negern bin, muß ich Dir noch eine Geschichte erzählen, die hier neulich passierte.
Es war eines Abends in der vorigen Woche und draußen so gar „kühl und labend“, dass es beim warmen Thee drinnen ganz gemütlich war, als vor dem Hause plötzlich ein schüchternes Händeklatschen ertönte, das alle unsre Hunde in Bewegung setzte und auch bei uns drinnen ein allgemeines Aufhorchen zur Folge hatte. Das Händeklatschen ersetzt hier nämlich die Hausglocke, und wenn man in ein Haus einzutreten wünscht oder eintritt, besonders auf dem Lande, muß man sich draußen oder im Flur auf diese Weise bemerkbar machen, wenn man nicht für einen Dieb gehalten werden will. Alles wunderte sich natürlich, wer so spät noch kommen könne, und Tonino wurde hinausgeschickt, um nachzuschauen. Er ging etwas ängstlich, purzelbaumte dann aber vergnügt wieder bis an die Schwelle.
„Draußen sind zwei Onkels, Herr“, meldete er. Die älteren Schwarzen werden nämlich von den jüngerentio, Onkel, undtia, Tante, genannt, auch wenn sie einander garnicht kennen, und ich finde, das darin ausgesprochene Verwandtschaftsgefühl dieser Paria hat etwas Rührendes; nicht wahr?
Zwei Neger? Es war kaum anzunehmen, daß ein Nachbar noch so spät eine Botschaft sende, und was konntensie sonst wollen! Dr. Rameiro ging hinaus und kam nach einer Weile zurück, sein sonst so joviales Gesicht ganz verdüstert!
„Nun?“ riefen wir alle.
„Zwei unglückliche Schwarze“, sagte er, „die mich um Jesu willen bitten, sie zu kaufen.“
„Wo kommen sie her?“
„Von Dr. Albus Pflanzung.“
„O, die Armen! Der ist bekannt dafür, daß er seine Neger quält“, sagte Madame. „Mein Mann braucht einem widerspänstigen Schwarzen nur zu drohen, ihn an Dr. Albu zu verkaufen, dann wird er gleich gehorsam.“
„Was wirst Du thun, Papa?“ fragte Dona Olympia.
„Waskannich thun, mein Kind?“ rief der alte Herr erregt. — „Er wird sie garnicht gern verkaufen wollen und mir also jedenfalls einen übermäßigen Preis stellen; außerdem ist er, wenn ich mich gegen ihn einlasse, mein unversöhnlicher Feind, und Du weißt, daß ich sehr wahrscheinlich ihm bereits den heftigen Waldbrand im vorigen Jahre verdanke, den sich niemand erklären konnte.“
„So müssen die armen Kerle zurück?“ fragte ich.
„Ich kann sie nicht im Hause behalten. Es ist Eigentum, und behielte ich sie auch nur eine Nacht unter meinem Dache, so würde das schwerlich anders als wie eine Verhehlung flüchtiger Neger ausgelegt werden. Dem kann man sich nicht aussetzen, zumal wenn man selber noch Schwarze hat und haben muß. Diese Vertrauensbeweise sind ja an sich recht schön und schmeichelhaft, aber entsetzlich peinlich! Dies ist nicht das erste Mal, daß es mir so ergeht.“
„So giebt es also wirklich Pflanzungen, wo noch die schlimmen Zustände aus Onkel Toms Hütte wiederzufinden sind?“ erkundigte ich mich.
„So arg dürfte es wohl nirgends bei uns sein und ist es wohl auch kaum je gewesen. Der Brasilianer ist gutmütiger als der Nordamerikaner, und die schwarze Race nimmt bei uns überhaupt eine andre Stellung ein. Sie sehen, sowie der Neger frei ist, wird er hier als gleichberechtigt behandelt: wir haben farbige Lehrer, Künstler, Ärzte, Abgeordnete, ja Minister, und die Prinzessin befiehlt auch Farbige zum Tanz. Die Verachtung auf der einen und demgemäß die Erbitterung auf der andern Seite ist hier nicht so groß wie bei unsern nordischen Brüdern. Freilich giebt es auch bei uns einzelne brutale Kreaturen, welche die armen Schwarzen in der That mißhandeln, wie Sie eben einen Beweis davon gehabt haben.“
„Was wird nun aus diesen beiden armen Teufeln?“ fragte ich.
„Sie werden heute Abend noch tüchtige Hiebe bekommen und nur um so strenger gehalten werden; derartige Streiche sind zu thöricht. Dann werde ich sehen, ob ich sie entweder selber freikaufen kann oder sie einer Abolitionisten-Gesellschaft empfehlen.“
„Wenn ihr Herr sie nun aber nicht verkaufenwill?“ warf ich ein.
„Das muß er, sowie ihm ein annehmbarer Preis geboten wird.“
„Warum mögen sie sich denn nicht selbst an eine solche Gesellschaft gewandt haben?“
„Das ist ihnen zu schwer gemacht, da deren Mitglieder sehr unklug wären, sich auf den Pflanzungen sehen zu lassen, und da der Schwarze nicht schreiben kann; sie haben eben gar keine Kommunikationsmittel. Aber den meisten von ihnen ist es auch nur um eine gute Behandlung zu thun und um die Freiheit erst in zweiter Linie. Ideale haben sie nicht.“
„Das habe ich mir gedacht“, rief ich, „nach dem Wenigen, was ich habe beobachten können; denn sonst mußten ja auch selbst die Gutgehaltenen stets voll Groll und Mißmut sein.“
„Ja, und das werden Sie, ich darf wohl sagen, nie finden. Auf dieser Pflanzung werden Sie keinen aufrührerischen Schwarzen antreffen, denn ich halte streng auf ihre menschliche Behandlung und gute Versorgung. Ich habe manche, besonders Negerinnen, die sich längst hätten freikaufen können.“
„Wirklich! Womit verdienen sie sich Geld?“
„Wer darum bittet, bekommt ein Stückchen Land zum Bepflanzen, und gute Gemüse kauft man ihnen dann hier im Herrenhause gern ab, auch dürfen sie sich Hühner halten, deren Eier sie dann verkaufen, wenn ich nach der Post schicke, und dergleichen mehr. Die sonntägliche und die über die gesetzliche Stundenanzahl hinausgehende Arbeit wird ihnen bezahlt, und die Hausneger und Negerinnen erhalten oft Geldgeschenke, letztere besonders, wenn sie Ammen der Kinder sind oder waren. Unsre dicke grinsende Anna da z. B. ist eine ganz wohlhabende Erbtante; sie bleibt aber, weil sie es hier gut hat und sie die Kinder liebt. Das ideale Gut der Freiheit versteht sie nicht.“
Ich freute mich über diese Erklärung, wie man sich immer über Äußerungen freut, die eigne Gedanken undSchlüsse bestätigen. So konnte ich mir die Sache vorstellen. Daß Rohheit und tierische Grausamkeit den Sklaven gegenüber oft zu sehr traurigen Vorkommnissen führen, das konnte ich mir denken; aber anderseits, die idealen Anschauungen tiefgebildeter Menschen zu suchen bei einer Race, die durch Generationen geknechtet ist, unsre Begriffe von Freiheit bei den Männern, von Ehre bei den Frauen vorauszusetzen, das, merke ich wohl, wäre eitel dichterische Illusion.
Aber ich sehe eben, daß ich Dir eine förmliche national-ökonomische Abhandlung zumute unter der Maske eines simplen Schreibebriefes — nun, Du kannst Dich ja rächen, indem Du es drucken läßt, oder — lies es im Kränzchen den Andern vor: geteilter Schmerz ist halber Schmerz.
Jetzt werde ich schlafen gehen, indem ich Betrachtungen darüber anstelle, nach welcher Richtung hin mir die Neuralgie morgen wohl das Gesicht verzogen haben wird; mein Spiegel und ich, wir wundern uns über nichts mehr!
Gute Nacht — aber bei Euch ist es ja jetzt garnicht Nacht — also Guten Morgen!
DeineUlla.