Kopfstück Seite 43

Kopfstück Seite 43

Saõ Francisco, den 1. September 1881.

Gestern sind wir von einer „Expedition in’s Innere“ zurückgekommen, d. h. von einer Reise nach der ProvinzMinas geraes, wo wir geholfen haben, eine Eisenbahn einzuweihen. Wenn ich noch daran denke, Grete, wie wir diesen Namen immer ausgesprochen haben in der Geographiestunde, zumal dasgeraes! Und gedacht haben wir uns garnichts dabei, während es doch so einfach ist:geraesist die Mehrzahl vongeral, allgemein, undMinas geraesheißt also nichts anderes als allgemeines Minenland oder minenreiches Land.

Diese Provinz ist in Südbrasilien etwa das, was ein hochmütiger Westländer bei uns meint, wenn er von „Hinterpommern“ oder „Ostpreußen“ spricht: ein etwas ursprüngliches Stück Erde, mehr Gutmütigkeit bergend als Civilisation, und im ganzen ebenso verschrieen wie unbekannt. Was Minas aber vor jenen deutschen Provinzen voraus hat, ist sein Reichtum an edlen Metallen, vorzüglich an Gold. Die Hauptstadt der Provinz trägt ihre beiden Namen:Ouro pretod. h. schwarzes (dunkles) Gold undVilla ricad. h. reiche Stadt nach diesen Schätzen ihrer Berge und Flüsse.

Es war mir hochinteressant, durch diese Gegenden zu fahren, die wieder so ganz verschieden sind von dem, wasman in der Provinz Rio sieht. Rings um Dich her siehst Du die Flanken der Berge zerklüftet und zerfleischt wie von zahllosen offengelegten Maulwurfsgängen, und durch das Fernglas erkannten wir auch die geschäftigen schwarzbraunen und weißen Männer, die dort dem edlen Metall nachspüren. Auch entlang der Flüsse, die weite, grasreiche Thäler durchschneiden, sahen wir gebückte Gestalten, die da Tage und Wochen lang geduldig das Gold aus dem Sande waschen. Manche werden reich dabei, andre quälen sich gerade für’s tägliche Brot, wie’s Fortuna jedem gönnt; ich kaufte nachher in Saõ Joaõ einem armen schwarzen Schelm einen halben Fingerhut voll Korngold für 22 Mark ab, die Frucht von 8 Arbeitstagen, wie er mir sagte!

Früher soll die Ausbeute überall gleichmäßiger und vor allem weit beträchtlicher gewesen sein, und eben dieser Goldreichtum des Landes hat denn auch wohl zuerst den Anlaß gegeben zu größeren Niederlassungen der erobernden Portugiesen in diesen damals noch ungleich mehr als jetzt unwirtlichen Gegenden, wo jegliche Beförderung, sei es von Menschen, sei es von Lebensmitteln und sonstigem Bedarf auf Eselsrücken geschah und zum größten Teil noch heute geschieht, wo man noch vor zwanzig Jahren Brot kaum kannte, und wo es ein Hotel noch heute nicht giebt.

Alle die Gäste, die sich die kleine Stadt Saõ Joaõ del Rei zur Inauguration ihrer Eisenbahn geladen, wurden daher in Privathäusern beherbergt, und es scheint mir ungemein charakteristisch für Brasilien, wo die Mißverhältnisse an der Tagesordnung sind, daß ein Städtchen von etwa 700 Einwohnern sich ca. 800 Gäste eingeladen hatte, allen voran den KaiserDom Pedro II., der sein Erscheinen auch freundlich zugesagt.

Von Dr. Rameiros Familie war auf sechs Personen gerechnet, da aber Madame (oder Dona Alfoncina, wie sie nach Landessitte genannt wird) eines heftigen Rheumatismus wegen absolut nicht fahren wollte, so forderten sie mich auf, an ihre Stelle zu treten, und Du weißt ja — wo’s was zu sehen giebt, da bin ich dabei. Lustig zogen wir los, der Doktor, das Vehmgericht, der kleine Julio und meine Wenigkeit.

Zuerst fuhren wir mit der schon bestehenden großen Eisenbahn „Dom Pedro Segundo“, an die sich dann erst in der Provinz Minas die neue Strecke anschließt, aber mit recht brasilianischer Liberalität beförderte diese ihre Gäste nicht nur im eignen Bereich ohne irgend welche Entschädigung, sondern sie hatte sich auch mit der großen Bahn arrangiert, so daß wir eine Strecke von über hundert deutschen Meilen ohne einen Heller Kosten zurücklegten.

Vier Stunden vor unserm Bestimmungsort begann das Reich der neuen Eisenbahn. „Umsteigen so schnell wie möglich“, lautete das Feldgeschrei, sowie der Zug hielt. Die Hast mußte etwas zu bedeuten haben, denn sonst heißt’s in Brasilien immer: „Paciencia“, und niemand überstürzt sich. Alles eilt daher mit ungewohnter Behendigkeit nach dem andern Perron — ah, der Grund wird hier klar! Da hättest Du die kleinste Eisenbahn sehen können, die Dir wohl je vorgekommen ist, Grete, Waggons und Lokomotive allesen miniature. Schneller als der Blitz sitzen wir darin, um dann allerdings geduldig — oder ungeduldig — ¾ Stunden warten zu müssen, bis sich das Eisenbähnchen in Bewegung setze. Natürlich maßen wir u. a. zum Zeitvertreib den Wagen aus: er war 1m.65cm.breit.

Endlich ging’s los, erst langsam, dann rascher und immer rascher, keck durch Berge und über Brücken, als wenn sich das kleine Ding vor garnichts fürchte. Und es schien auch mehr ausrichten zu können als seine schwerfälligeren Brüder. Mit Erstaunen und Bewunderung sahen wir unsern kleinen Zug sich wie eine Schlange geschickt um einen hohen Bergkegel winden, allmälig aber sicher hinaufkriechend, indem er dreimal auf derselben Seite erscheint.

Wie wir an Ort und Stelle d. h. in dem Städtchen Saõ Joaõ del Rei anlangen, ist es halb zwölf Uhr anstatt sieben, aber das thut nichts, im Gegenteil, wenn in Brasilien etwas recht pünktlich ausfällt, ist’s entschieden irgendwo nicht geheuer; jedermann war also zufrieden.

Der Bahnhof ist beflaggt und mit Guirlanden geschmückt, eine Musikbande (meist Deutsche hier zu Lande) bläst lustig drauf los, und auf dem Perron drängt sich eine kaum entwirrbare Menschenmenge, um die Gäste zu bewillkommnen, in Empfang zu nehmen oder anzugaffen. Ein wohlwollender Heiliger läßt uns einen Wagen erhaschen, der uns über das gefährlichste Straßenpflaster hinweg, das je Menschen und Gespanne bedrohte, zu meinem Erstaunen heil und glücklich vor der Wohnung unserer Wirte abliefert. Ich werde diesen vorgestellt und suche mein bestes Portugiesisch hervor, um mein ungeladenes Erscheinen zu entschuldigen, doch ihre erstaunten Gesichter und kräftiges Händeschütteln, sowie die üblichen zwei Begrüßungsküsse der Damen belehren mich, daß man eben dies Erscheinen für völlig selbstverständlich hält, was mir natürlich um so lieber ist. Es sind noch mehr Gäste da, und man quält sich noch eine Weile damit hin, im „Salon“ auf denrechtwinkeligen Stuhlreihen zu sitzen und sich zu unterhalten; dann geht’s zu Bette.

Wir sind in unserm Zimmer sechs Kameradinnen, aber nur ein einziger Waschtisch ist vorhanden, und mich friert entsetzlich in dem mehr als primitiven „Bett“, zumal durch allerlei Spalten und Ritzen im Fußboden dafür gesorgt wird, daß die frische Luft aus einer darunter befindlichen offenen Halle ungehindert hereindringe. Ich bin durchaus nicht erstaunt, als der andere Morgen mich belehrt, daß das kleine Haus unserer Wirthe in der Nacht 27 Gäste beherbergt hat. Man rühmt bei uns die brasilianische Gastfreundschaft und das mit Recht, nur darf man die Sache beileibe nicht nach europäischen Begriffen beurteilen. Der brasilianische Gast beansprucht nichts als eine Matratze und eine wollene Decke, er verzichtet auf jegliche Gemütlichkeit (von Komfort garnicht zu reden), und der brasilianische Wirt ist, wenn er ihm jenes giebt und ihn zu den Mahlzeiten an seinem Kaffee, seinen schwarzen Bohnen und dem gedörrten Fleisch teilnehmen läßt, seiner Pflichten als solcher los und ledig. Ich bin überzeugt, daß die Leute es herzlich gut meinen, aber bei uns würde man doch in solchen Masseneinladungen und in dem summarischen Verfahren bei Behandlung der Gäste eine große Rücksichtslosigkeit oder eine gewisse einfältige Unverschämtheit sehen. Aber wie gesagt, der Wille hier ist entschieden gut, und darum soll sie auch kein Undank treffen.

Am Vormittag herrschte ein buntes Leben. Alle Gäste waren auf den Beinen, um sich das Städtchen anzusehen, und jeder, auch der ärmste Einwohner war stolz und liebenswürdig, denn er fühlte sich als Wirt.

Wir besahen uns zunächst die Kirchen; der kleine Orthatte deren nicht weniger als drei große aufzuweisen, was den Europäer und zumal den Protestanten in billiges Erstaunen setzen muß angesichts der Ursprünglichkeit der übrigen Verhältnisse. Und diese Kirchen sind nicht etwa hölzerne Kapellen oder Bethäuser, sondern große, massiv steinerne Gebäude, aus portugiesischem Marmor erbaut. Ihr Styl, weder ausgesprochen byzantinisch noch im geringsten gothisch, ist meist geschmacklos und überladen, am meisten immer dem sogenannten Jesuitenstyl nahekommend, und in ihrem Interieur entsetzten mich überall die schrecklichsten Abbildungen der heiligen Trinität, die in bunten Holzfiguren von über Lebensgröße zur Darstellung kamen; auch die Gemälde boten, zumal an Perspektive, das Wunderlichste, das mir je zu Gesicht gekommen.

Und doch habe ich in größerer Bewunderung vor diesen Zeugen der Frömmigkeit eines Volkes gestanden, als ich solche je vor den ragenden Türmen des reizendes Münsters in Ulm oder dem Wunderwerke des Kölner Doms empfunden. Denke Dir mächtige, fußdicke und oft mehr als 2 Meter lange Steine, massive Pfeiler, Treppen und Wälle ringsum, und dann frage Dich, wie sie hierhergelangten! Dann sage Dir, daß jeder dieser Steine auf dem Rücken von Maultieren den Weg von der Küste in’s Innere zurücklegte, eine Strecke, die heute mit der Bahn 16–18 Stunden in Anspruch nimmt, und zu der die Thiere wohl 4–5 Monate gebrauchten; frage Dich einmal, abgesehen von dieser erstaunlichenArbeitsleistungnach denKosteneines solchen Werkes, und Du mußt billig mit mir erstaunen und den Geist der Frömmigkeit eines Volkes bewundern, das vor allem andern darandachte, seinem Gott Altäre zu bauen und seine Heiligen angemessen unterzubringen.

Der folgende Tag, der 29. August, war der eigentliche Tag der Inauguration, weil der der Ankunft des Kaisers. Schon früh am Morgen hatten sich die brasilianischen Schönen in Staat geworfen, und zwar erschienen sie zum Teil in den elegantesten Pariser Gesellschaftskleidern; wer irgend Geld und Verbindungen besaß, hatte sich eine prachtvolle Toilette wirklich aus Paris oder doch mindestens aus Rio kommen lassen und nutzte sie nun auch gründlich aus. Da konntest Du Damen, die sonst das ganze Jahr hindurch nichts wie ein Kattunfähnchen tragen, in hochroten oder kraßblauen, ja gelben und grünen[2]Seidenkleidern sehen, und die Nichte unsrer Wirte, die ein chamoisfarbenes Atlaskleid trug, das ungefähr ihrer eignen Hautfarbe Konkurrenz machte, wird mir nie aus dem Gedächtnis entschwinden. Es war mit rotem Sammet beflaggt und viereckig ausgeschnitten; die Schleppe, deren weißer Spitzenansatz halb abgerissen war, wirbelte im Staube; ihre braunen beringten Hände hielten einen der buntesten Fächer, und anstatt des Hutes hatte sie sich eine tolle Frisur gemacht, die gewiß eigens für diesen Zweck componiert war. Sie war mir am Tage vorher als ein ganz gutmütig dreinblickendes Geschöpf erschienen trotz ihres braunen pickeligen Gesichts und den unordentlich herabhängenden Zöpfen, und niemand hätte so treuherzig wie sie das „Wie geht es Ihnen, geht es Ihnen gut?“ an die Fremde gerichtet haben können, aber in diesem Costüm sah sie wirklich affreuse aus! Ob sie das doch instinctivfühlte? Wenigstens strich sie einmal plötzlich sehr respektvoll an meinem fußfreien braunen Sammetkleide herunter, dessen Wärme ich sehr gut vertrug, und sagte so recht von Herzen: „A Senhora esta muito civilisada!“

An diesem Tage wurden auch endlich die Ehrenpforten aufgerichtet, die seit dem Tage unserer Ankunft halbfertig in den Straßen umherlagen. Es waren Rundbogen, aus dem biegsamen Bambusrohr auf das einfachste hergestellt, ein größerer in der Mitte und zwei kleinere zu den Seiten. Auf dem Straßenpflaster liegend, wurden sie mit farbiger Gaze umwunden, die in Zwischenräumen von 1 Fuß mit bunten Bändern abgebunden wurde; hie und da befestigte man ein Lampion. Diese Allee von Triumphbogen, die auf das kaiserliche Logis zuführte, hätte, passend decoriert, äußerst graziös sein können. Aber in ihrer steifen Umhüllung und dürftigen Beleuchtung machten dieselben, als sie endlich am dritten Tage aus dem Straßenstaub erstanden, einen höchst jämmerlichen Eindruck; zudem blieb, wo sie eingerammt waren, das Straßenpflaster aufgerissen, und die Steine lagen wild umher. Vor dem für den Kaiser bestimmten Hause schloß ein Thor diesen Bogengang, das aus Holz und Papier construiert war und in seiner plumpen und gedrungenen Erfindung einen recht handfesten Eindruck machte. In einer andern Straße erreichte ein Thor, das fast 2 Fuß dick und aus dunkelblauem, buntbemaltem Papier, das man auf Holz gezogen, gebaut war das Menschenmögliche an Geschmacklosigkeit. Eine ganze Straße hatte sich mit gelb und grün gestrichenen Tonnen vor den Thüren patriotisch zu „schmücken“ geglaubt, aus denen hier ein zerrissen Fähnlein flatterte, dort ein wenig Palmengrün hervorsah. Nur der Weg vom Bahnhof zurStadt bot, auf beiden Seiten von leichten Säulen eingefaßt, auf denen schlankes Grün und zierliche Fähnchen standen, einen wohlthuenden Eindruck dar. Ich war ganz erstaunt über so viel Geschmacklosigkeit und Ungeschick! Was hätten wir nicht in unserm Deutschland allein schon mit diesem Reichtum annatürlichemSchmuck zu machen gewußt, über den Brasilien verfügt! Gebt uns einmal weiter nichts als diese nickenden Palmzweige, diese pomphaften Bananenblätter, diese leuchtenden Orangen in ihrem dunkeln Grün, gebt uns die entzückend feinen Tannenarten Brasiliens, diese Schlingpflanzen von oft 10–20 Meter Länge, diese großen, glühenden, sattfarbenen Blumen, diesen seidetragenden Painabaum, dessen weiße Flocken Du wie Schnee verwehen kannst, gebt uns alles das und in solchem Ueberfluß wie hier — und die kleinste deutsche Stadt würde ohne jene armseligen Tarlatanfetzen, ohne Hülfe von Holz und Papier sich ein märchenhaft Kleid anziehen. Meinst Du nicht auch, Gretel? Aber nun möchtest Du natürlich vom Kaiser hören. Also:

Abends um 7 Uhr strömte, was einheimisch und fremd war, nach dem Bahnhof, woDom Pedroankommen sollte, und da sich der Zug um fast 3 Stunden verspätete, auch kein einziger Schutzmann oder sonstiger Ordnungsbeamte die lieben Unterthanen in ihrem loyalen „Drängen“ hinderte, so hatte die Menge Zeit und Freiheit, sich zu einer ganz anständigen Mauer anzustauen.

Endlich kam der Zug. Die Lokomotive war unterwegs zerbrochen, man hatte eine andere geholt, und der Kaiser hatte zwei Stunden lang auf der StationEntere Riowarten müssen, wo man eben am Malen und Tapezieren war. Alles das hatte ihm aber, wie es schien, die guteLaune nicht verdorben: „Hat man auch für ein Konzert oder einen Ball gesorgt?“ hörten wir ihn fragen.

Er grüßte fortwährend mit dem Hute und der Hand, die Kaiserin nickte rechts und links, und dann wand sich der kleine Zug so allmälig mit Geduld und guten Worten durch die geschätzten Unterthanen aller Schattierungen hindurch, um im „Wartesaal“ (ich beleidigte einen Brasilianer durch meine Frage, ob das die Durchfahrt sei) offiziell von den Bahndirektoren empfangen zu werden. Unsere Gesellschaft benutzte diese Verzögerung, um so schnell als thunlich nach dem kaiserlichen Logis in der Stadt zurückzueilen, wo wir unserseits das hohe Paar mit „empfangen“ durften.

Man hatte mittlerweile illuminiert. Einige —entre nous, schauderhafte — Transparente waren das Bedeutendste dieser Leistung. Viele Häuser hatten sich damit begnügt, eine Art von Wagenlaternen zu beiden Seiten ihrer Fenster zu befestigen. Eine Straße hatte an einer Seite einen Bindfaden gezogen und ihn mit Lampions bereiht; die andere Seite war dunkel. Das Thor vor dem kaiserlichen Logis war durch eine Schnur kleiner Lämpchen erhellt, die beinahe gut ausgesehen hätten, aber die Lämpchen waren nicht alle angezündet, und die unterbrochene Lichterschnur war nun einfach störend. Es hat wirklich manchmal den Anschein, als würde der Brasilianer bei all seiner Neigung zumshownicht zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches leisten würde, als widerspräche es seinem Wesen, denn oft ist für die volle, gründliche Leistung garnicht einmal ein viel größerer Müheaufwand erforderlich. Odersehensie dergleichen nicht?!

Wir kommen an, werfen Hut und Plaid ab und ziehenden rechten Handschuh aus, denn die brasilianische Etiquette gestattet nicht, daß man die Majestäten mit Handschuhen anfaßt. Dann stellen wir uns im Hausflur auf — nur 12 Personen! Die Menge schien bereits abgekühlt oder ihre Neugier befriedigt.

Wir zwölf (denke Dir, Deine Ulla mit!) „machen die Wirte“. Das Haus war Privateigentum und nur „hergeliehen“ für den kaiserlichen Gast; es gehörte einer verwittweten Baronin, welche in Rio lebt, die für europäische Begriffe fast mehr als einfachen Rohrmöbel teils derselben Dame, teils andern Patrioten; wer etwas Hübsches besaß, hatte es herbeigetragen. Wir gingen rasch erst noch durch alle Zimmer; nirgend erschien es mir gemütlich außer in dem Speisesaal, wo eine kleine Tafel durch einen französischen Koch wunderhübsch gedeckt und besetzt war.

Als wir wieder hinunter kamen, wurde gerade ein Piquet Soldaten vor der Thür in mir unverständlichen Kommandos von einem Korporal angeschrieen und vollführte ein „Rechtsum“, das mich in die beste Laune versetzte. Gretele, da machen’s unsere rekrutesten Rekruten besser! Der Korporal zog einen Mann am Knopf etwas nach vorn, drückte den andern mit dem Säbel ein wenig zurück, und dann überließ er es ihrem loyalen Gutdünken, ob sie so bleiben wollten.

Jetzt aber rasselte ein Wagen über das Straßenpflaster ... „O Imperador!“ donnerte eine Stimme, und „Viva!“ schrie die allerdings nicht sehr zahlreiche Menge draußen. Neugierig streckte ich den Kopf vor. Ein hoher stattlicher Herr im weißen Bart schüttelte Dr. Rameiro, der in der Thür stand, kordial die Hand, dann tritt der stattliche Herr in den Flur, schüttelt den Damen, die sichnur leicht verneigen, die Hände und dann den Herren. Ich hatte mich wohlweislich als Letzte in die Reihe gestellt, um alles nachmachen zu können, was die Brasilianerinnen thaten. Hinter dem Kaiser kam eine sehr kleine, etwas verwachsene Dame, in einfachstes Schwarz gekleidet, und ließ sich mit wohlwollendem Lächeln in der Runde die Hand küssen. Das waren der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien! Du glaubst garnicht, Grete, wie mir zu Mute war. Es war so schrecklich einfach. Und ich hatte mir so einen Kaiserempfang bei den pomphaften Brasilianern so ganz anders gedacht — es war so garnichts zum Eindruckmachen!

Dom Pedro bietet seiner Gemahlin den Arm, und das einfache Paar steigt langsam die Treppe hinauf. Wir folgen. Oben setzt sich die Kaiserin in der salla de visita auf das Sofa, die anwesenden Damen schließen sich nach dem Beispiel der einzigen Hofdame rechts und links auf den rechtwinkligen Stuhlreihen an, und die arme alte ermüdete Fürstin quält sich für jeden noch ein freundliches Wort heraus, während der Kaiser wie ein Jüngling ohne die geringste Spur von Erschlaffung unter den Herren steht. Und denke Dir, Grete, er hat auch mit mir gesprochen! Ich erschrack zuerst so, als er mich anredete. Er fragte nach meinem New-Yorker Onkel, der lange Jahre in Brasilien gelebt hat und von Dom Pedro sehr bevorzugt wurde. Der Kaiser soll sehr gut deutsch sprechen, sprach aber zu mir französisch. Nach einem kurzen Anstandsverweilen verließen „die Wirte“ das Haus, die hohen Herrschaften waren nicht aufgelegt zu einem formellen Souper, und so wurde bald alles still und dunkel in dem Hause der verwittweten Baronin.

Aber nicht lange war den hohen Gästen Ruhe gegönnt. Des Kaisers landwirtschaftlicher Minister, Buarque de Macedo, der sich mit unter seiner Begleitung befand, war schon unterwegs von einem heftigen Unwohlsein befallen worden, und um Mitternacht meldete man dem Kaiser, der diesbezüglich Befehl gegeben, daß derselbe wohl seinem Ende entgegensehe. Sofort begab sich der Kaiser selbst an Ort und Stelle; Dr. Rameiros Bruder, der Arzt ist und auch in unserm Hause logiert, wurde hinzugerufen. Zu spät! Da war keine Hülfe mehr möglich. Noch eine Zeitlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Sterben, dann seufzte er auf: „Meine arme Familie!“ Kaum hatte der Kaiser noch Zeit, ihn über ihr Schicksal durch ein hastiges Wort zu beruhigen. Im Morgengrauen ging Dom Pedro über die geschmückten Straßen nach seinem Logis zurück; im nächsten Morgengrauen führte ihn sein Wagen wieder an den Bahnhof; alle weiteren Feierlichkeiten unterblieben.

Ich glaube aber, wir haben wenig daran verloren, denn eine Aufführung der „Glocken von Corneville“, die wir einen Tag sahen, war entsetzlich, und bei einer musikalischen Matinée, wo das Orchester nach dem Metronom, und als das auch noch nicht half, nach dem energisch tactierenden Fuße des Leiters spielte, haben wir ungezogener Weise so gelacht, daß wir uns den regsten Unwillen der andächtigen „Eingebornen“ zuzogen.

Ich fürchte übrigens nächstens den Deinigen, wenn ich diesen Brief noch länger werden lassen, darum für heute Schluß!

Deine getreueUlla.

[2]Die brasilianischen Landesfarben.

[2]Die brasilianischen Landesfarben.

[2]Die brasilianischen Landesfarben.


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