Chapter 2

Domaslav. Mir deucht, der Mann hat recht.

Lapak. Mir scheint's nicht minder.

Biwoy. So hätten wir das Rätsel denn!

Primislaus. Das Wort,Allein die Sache nicht. Sie will das Bildnis.»Hinzufügt was, indem man es verlor«Und wie es weiter heißt. Sie will die Sache.

Biwoy. Allein wie finden wir die Sache nun?

Primislaus. Ein Mittel wär' vielleicht. Was gebt ihr dem,Der euch das Bildnis schafft nach dem ihr strebt?

Lapak (leise zu ihm).Ein Kornmaß Silber, bringt er's heimlich mir.

Domaslav (ebenso).Mein Schloß in Kresnagrund, wird's mir zuteil.

Biwoy (laut).Werd' ich der Böhmen Herzog, all mein Eigen.

Primislaus. Das ist versprochen viel, gegeben wenig.Erkenntlichkeit ist ein gar schwankend Ding.Wer zielt, drückt das Geschoß an Brust und Wange,Doch wenn er traf, wirft er's verächtlich hin.Die Kette hier ist Gold, und Gold genugHat Böhmens Fürstin, habt ihr Herren auch;Mir wär's ein reicher Schatz. Gebt mir die Kette,So schaff ich euch das Bild.

Lapak. Nicht so, nicht also.

Biwoy. Wir wollen beides, Bild und Kette.

Domaslav. Ja.

Primislaus. Wer auf den Markt geht, der steckt Geld zu sich.Für nichts ist nichts. Und somit Gott befohlen!

Domaslav. So habt Ihr selbst das Bild?(Leise zu den übrigen.)Wir sind zu drei'n,Vielleicht daß mit Gewalt—

Primislaus. Wer's nun besitzt!Der Ort der es verbirgt ist mir bekannt,Und wer mich schädigt bringt sich um den Schatz.(Die Hand an ein dolchartiges Messer in seinem Gürtel gelegt.)Nebstdem daß ich nicht wehrlos, wie ihr seht.

Domaslav. Es sei darum! Doch was soll dir die Kette?

Primislaus. Vielleicht als Zeichen dessen was geschah,Als Bürgschaft auch vielleicht für euern Dank;Denn—wiederum vielleicht—geb ich sie späterFür einen Lohn der höher als sie selbst.

Biwoy. Der Handel ist geschlossen. Nun das Bild!

Primislaus (mit Erwartung erregenden Gebärden gegen die auf dem Kissen liegende Kette gewendet). Wohl denn, ihr Herrn, betrachtet mir das Kissen. Die Klugheit gilt gar oft als Zauberkraft, Und ist's auch oft.—Ihr seht—O weh, es fiel! (Während die Augen der Wladiken auf das Kissen gerichtet sind, hat er das Bild aus der Brust gezogen und in die linke Hand genommen. Jetzt stößt er, die Kette mit der rechten Hand fassend, das Kissen von dem Felsstück herab, so daß es nach rückwärts fällt, und gleichzeitig läßt er das Bild in derselben Richtung fallen.) Und hier das Bild.

Domaslav. Es ist's.

Lapak. Ich sah's zuerst.

Domaslav. Ich hab's zuerst ergriffen.

Biwoy. Nun, und ich?Man wird mir meinen Teil doch nicht bestreiten?

Domaslav. Doch ob's das rechte nun?

Biwoy. Ja wohl, laßt sehn!

(Sie stehen seitwärts gewendet, das Bild betrachtend, das sie sich wechselweise aus der Hand nehmen.)

Primislaus (die Kette in den Busen steckend).Ich nehme meinen Lohn, der mir ein ZeichenSo gut wie jenes andre. Und LibussaSie wird erinnert. Hoffnung bleibt wie vor.(Er entfernt sich nach der linken Seite.)

Domaslav (das Bild in der Hand haltend).Hier steht es: Krokus hier.

Lapak. Und hier Libussa.

(Sie wenden sich um.)

Wo aber blieb der Mann?

Domaslav. Und wo die Kette?(Ans Schwert greifend.)Verräterei!

Biwoy. Verräter? Und warum?Der Handel ward geschlossen: ihm die KetteUnd uns das Bild. Er ist in seinem Recht.Wir haben was wir suchten. Laßt uns heim;Libussa muß nun wählen unter uns,Die sie verbannt, vielleicht für immer glaubte.Und sucht sie Ausflucht etwa weiter noch,Bleibt uns das Schwert.

Lapak. Und was selbst Schwache schützt:Vereinigung.

Biwoy. Recht gut, fühlt ihr euch schwach,Ich nicht.—Du Knabe dort, komm nur herbei

(der Knabe kommt vom Hintergrunde links)

Nimm jenes Kissen auf. Und lach nicht wieder,Wie du vorerst getan.(Das Bild auf das Kissen legend.)Hier ist das Rätsel,Das auch die Lösung ist. Nun lachen wir.Es soll sich manches ändern hier im LandUnd auch in euerm Haus, geliebt's den Göttern.Der Fürstin Weisheit ehr ich; doch ein Mann,Es hat doch andern Schick!

Die beiden. Ja wohl!

Biwoy (sich mit einem verächtlichen Blick von ihnen wendend und demKnaben folgend).Nur vorwärts!

(Die beiden andern, hinter ihm hergehend, reichen sich die Hände, indem sie ihr Mißtrauen gegen ihn und ihr Einverständnis durch Gebärden ausdrücken.)

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Verwandlung

Platz vor Libussas Schlosse wie zu Anfang des Aufzuges.

Libussa kommt mit Gefolge. Auf der entgegengesetzten Seite, links imHintergrunde, haben sich mehrere Männer aufgestellt.

Libussa. Setzt mir den Stuhl heraus; ich will ins Freie.Vielmehr nur: sattelt mir das weiße Roß,Dasselbe das mich einst nach Budesch trug,In jener Nacht, als bei des Vaters ScheidenIch Herrin, Sklavin ward von diesem Land.Wer sind die Leute dort?

Wlasta. Die StreitendenVon heute morgen.

Libussa. Und sie streiten noch?Und einen Markstein gilt's, den man verrückt?

Einer der Streitenden. Hier dieser hat's getan!

Libussa. Sahst du's?

Derselbe. Ich sah es nicht.

Libussa. Und sahen's andre?

Der nämliche. Nein.

Libussa. Und zeihst den BruderDes Frevels doch? Vergleicht euch!

Der Zweite. Wohl, ich will.

Der Erste. Ich nicht.

Libussa. Und wenn ich dreifach Land dir gebeFür das was du verlierst?

Der Erste. Ich will mein Recht.

Libussa. Von allen Worten, die die Sprache nennet,Ist keins mir so verhaßt als das von Recht.Ist es dein Recht wenn Frucht dein Acker trägt?Wenn du nicht hinfällst tot zu dieser Frist,Ist es dein Recht auf Leben und auf Atem?Ich sehe üb'rall Gnade, Wohltat nurIn allem was das All für alle füllt,Und diese Würmer sprechen mir von Recht?Daß du dem Dürft'gen hilfst, den Bruder liebst,Das ist dein Recht, vielmehr ist deine Pflicht,Und Recht ist nur der ausgeschmückte NameFür alles Unrecht das die Erde hegt.Ich les in euren Blicken wer hier trügt,Doch sag ich's euch, so fordert ihr Beweis.Sind Recht doch und Beweis die beiden Krücken,An denen alles hinkt was krumm und schief.Vergleicht euch! sonst zieh ich das Streitgut einUnd lasse Disteln säen drauf und DornenMit einer Überschrift: Hier wohnt das Recht.

Erster Streitender. Doch du erlaubst, o Fürstin, daß den AnspruchWir Männern unsersgleichen legen vor.

Libussa (sich wegwendend).Wenn Gleiches sie begehren sind sie gleich,Doch Gleiches leisten, stört mit eins die Gleichheit.

(Die drei Wladiken kommen mit dem Knaben der das Kissen trägt.)

Noch mehr der Toren! Wollt ihr auch ein Recht?

Domaslav. Ja Fürstin, ja; und zwar auf deine Hand.

Libussa. Nicht mehr als das? Fürwahr ihr seid bescheiden.

Lapak. Gelöst ist die Bedingung, die du setztest.

Domaslav. Wir haben was du fordertest. Hier ist's.(Auf das Kissen zeigend.)

Libussa. So habt ihr ihn getötet?

Biwoy. Wen?

Libussa. Den MannDer es besaß.

Biwoy. Er lebt.

Libussa. Und gab's?

Domaslav. Für Gold.

Libussa. So ist er auch denn wie die andern alle:Ein Sklav' des Nutzens; nur der Neigung Herr,Um etwa mit Gewinn sie zu verhandeln,Fahr hin o Hoffnung! erste, letzte du.

Der erste der Streitenden (zu den Wladiken herüberrufend).Nehmt euch, ihr Herrn, der Unterdrückten an!

Libussa (zu ihm).Geduld mein Freund! Ich werde, will dich richten,Verhärtet wie ich bin, paßt mir das Amt.(Zu den Wladiken).Er nahm das Gold freiwillig?

Biwoy. Ja, die Kette.

Libussa. Dieselbe die ich gab? Sie fehlt.

Biwoy. Er hat sie.

Libussa. Und ihr, ihr überließt—?

Biwoy. Es war der Preis,Den er, trotz höherm, einzig nur verlangte.

Libussa. Habt Dank!—Der Mann ist klug. Wohl edel auch.Befreit mich von der Werbung dieser Toren,Erinnert mich an meinen Dank, und hatWas ihn als Gegenstand des Danks bezeichnet.Wo ist der Mann? Bringt her ihn!

Lapak. Er ist fern.Den Schiedspruch kaum getan, war er verschwunden.

Libussa. Wohl also stolz auch. Gut, ich liebe Stolz,Zumal wenn er in eigner Höhe suchtDen Maßstab, nicht in fremder Niedrigkeit.Verschmäht er meinen Dank? Ich will ihn sehn.

Lapak. Doch erst entscheide, Fürstin, unsern Anspruch.

Libussa. Wozu entscheiden was entschieden schon?Halb habt ihr nur erfüllt des Spruches Sinn.Verboten ward zu teilen, ihr teilt mitAn einen Fremden was euch ward zu hüten.Hinzuzufügen galt's was man verlor,Ihr aber, statt des Ganzen, bringt den Teil.Halb habt ihr nur erfüllt, drum halb der Lohn.Werbt wie bisher und bleibt an meinem Hof.

Domaslav. Wir sind betrogen.

Biwoy. Sagt' ich's nicht?

Der erste der Streitenden (der indessen mit seinem Gegner gehadert).Mein Recht!Ich will mein Recht. O wäre hier ein Mann,Der ernst entschiede wo es geht um Ernstes.

Mehrere (mit Domaslav und Biwoy).Ja wohl: ein Mann, ein Mann!

Libussa. Da lärmen sie,Und haben, fühl ich, recht. Es fehlt ein solcher.Ich kann nicht hart sein weil ich selbst mich achte.Den Zügel führ ich wohl mit weicher Hand,Doch hier bedarf's des Sporns, der scharfen Gerte.

Wohlan ihr Herrn, ich geb euch einen Mann.(Da die drei Wladiken näher treten.)Glaubt ihr von euch die Rede? Dermal nicht.(Wieder vor sich hin sprechend.)Du dünkst dich klüger als Libussa ist?Ich will dir zeigen, daß du dich betrogen.

Dem Fischer gleich wirfst du die Angel aus,Willst ferne stehn, belauernd deinen Köder.Libussa ist kein Fischlein das man fängt.Gewaltig wie der fürstliche DelphinReiß ich die Angel dir zusamt der LeineAus schwacher Hand und schleudre dich ins Meer,Da zeig denn ob du schwimmen kannst, mein Fischer.(Zu dem Volke.)Da gilt es denn den Mann euch zu bezeichnen,Der schlichten soll und richten hier im Land,Und nahe stehn, wohl etwa nächst der Fürstin.

Ich habe lang zu euch Vernunft gesprochen,Doch ihr bliebt taub; vielleicht horcht ihr dem Unsinn,Ob scheinbar oder wirklich gilt hier gleich.

Seht hier das Roß, denselben weißen Zelter,Der mich nach Budesch trug an jenem Tag,Da ich nach Kräutern suchend fand die Krone.

Führt ihn hinaus am Zaum zu den drei Eichen,Wo sich die Wege teilen in den Wald,Dort laßt den Zügel ihm und folgt ihm nach,Und wo es hingeht, suchend seinen StallUnd früherer Gewohnheit alte Stätte,Dort tretet ein. Ihr findet einen MannIn Pflügerart, der—da es dann wohl Mittag—An einem Tisch von Eisen tafelnd sitztUnd einsam bricht sein Brot. Den bringt zu mir.Das ist der Mann, den ihr und ich gesucht.Was jetzo leicht und los das macht er fest,Und eisern wird er sein so wie sein TischUm euch zu bändigen, die ihr von Eisen.Die Luft wird er besteuern, die ihr atmet,Mit seinem Zoll belasten euer Brot,Der gibt euch Recht, das Recht zugleich und UnrechtUnd statt Vernunft gibt er euch ein Gesetz,Und wachsen wird's wie alles mehrt die Zeit,Bis ihr für euch nicht mehr, für andre seid.Wenn ihr dann klagt, trifft selber euch die Klage,Und ihr denkt etwa mein und an Libussens Tage.

(Indem sie mit einem leichten Schlage das Pferd zum Gehen ermuntert und die übrigen zu beiden Seiten Raum machen, fällt der Vorhang.)

Dritter Aufzug

Gehöft vor Primislaus' Hütte wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Ein umgewendeter Pflug rechts im Vorgrunde.

Primislaus (rechts in die Szene sprechend).Bringt nur die Stiere zum ersehnten Stall!Der Pflug bleibt hier. Ich will darauf mich setzen.Der Tag war heiß, die Arbeit ist getan.(Er setzt sich, die Stirn in die Hand stützend.)Nun wackrer Pflügersmann, es steht dir wohlAus deinem schlichten Tun den Blick zu hebenNach dieses Lebens Höhn, vom Tal zum Gipfel.Zwar heißt's, es war in längstentschwundner ZeitIm Lande weit begütert unser StammUnd licht und hehr in seinen ersten Wurzeln.Allein was soll das mir? Ist heut doch heut,Und Gestern aus demselben Stoff wie Morgen.

Nebstdem, daß wär' ich einer der Wladiken,Ich mich nicht stellte zu so hoher Werbung.Denn wie im Bienenstock die KöniginNicht nur die höchste, einzig ist, allein,Von niedern Drohnen nur zur Lust umflattert,Indes die Arbeitsbienen Honig baun,So ist der auf dem Throne sitzt, nur sich,Sich selber gleich und niemandes Genoß.Der Fürst verklärt die Gattin die er wählt,Die Königin erniedrigt den als Mann,Den wählend sie als Untertan erhöht,Denn es sei nicht der Mann des Weibes Mann,Das Weib des Mannes Weib, so steht's zu Recht.Drum wie die Frau ist aller Wesen Krone,Also der Mann das Haupt, das sich die Krone aufsetzt,Und selbst der Knecht ist Herr in seinem Haus.(Er ist aufgestanden.)So sprichst du, prahlst, und trägst im Busen dochWas dich an jene Hoffnung jetzt noch kettet.

Man sage nicht das Schwerste sei die Tat,Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung;Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß.Mit eins die tausend Fäden zu zerreißenAn denen Zufall und Gewohnheit führt,Und aus dem Kreise dunkler Fügung tretendSein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los,Das ist's wogegen alles sich empörtWas in dem Menschen eignet dieser ErdeUnd aus Vergangnem eine Zukunft baut.Daß sie mein denkt, daß wach in ihrer SeeleMein Bild—nicht einmal das: ein Traum, ein Nichts,Das tausend Formen so wie meine kleiden,Das nicht einmal ein Name ihr bezeichnet,Kein Gleichnis, denn sie sah mich damals kaumAls uns die Nacht im Wald zusammenführte,Das weckt in mir ein gleichverworrnes Nichts,Das doch mein Glück ist, meines Lebens Säule,Und das zerstören ich nicht mag, nicht kann.

Wär' sie ein Hirtenmädchen, nicht Libussa,Und ich der Pflüger der ich wirklich bin,Ich träte vor sie hin und sagte: Mädchen,Ich bin derselbe dem du einst begegnet.Sieh hier das Zeichen. Wird's nun licht in dir,Wie längst in dieser Brust, so nimm und gib!(Die Hand hinhaltend.)Dann könnte sie nicht sprechen: Guter Mann,Stellt dort euch zu den Dienern meines Hauses,Des, wes ihr mich erinnert, denk ich kaum.

Ei wackrer Mann, setz dich nur wieder hin,Nimm Käs' und Brot aus deiner PflügertascheUnd halte Mahl am ungefügen Tisch.Ist's eignes Brot doch, das erhält und stärkt,Das Brot der Gnade nur beengt und lastet.(Er hat sich wieder gesetzt und den Inhalt seiner Tasche auf diePflugschar ausgelegt.)

Sie hat mein Roß, das etwa so viel giltAls diese goldnen Spangen die ich trage,Und so sind sie mein Eigentum zu Recht.

Ich wollte, sie bestieg' einmal den ZelterUnd in Gedanken ihm die Zügel lassend,Trüg' sie das Tier hieher.Doch welch Geräusch?Täuscht mich mein Aug? Das ist mein Roß; doch leerUnd ohne Reiter, rings von Volk umgeben.Bin ich im Land der Märchen und der Wunder?Doch folgen die Wladiken, seh ich nun,Die sich erdachten etwa solchen FundUm zu ergänzen was nur halb in ihrerUnd halb in meiner Hand. Kommt immer, kommt!Ich fühle mich als Herr in meinem Haus,Und so brech ich mein Brot. Ist doch der Pflüger,Indem er alle nährt, den Höchsten gleich:Wie Wasser und wie Luft, die niemand kauft,Doch mit dem Leben zahlt, entbehrt er ihrer.

(Die drei Wladiken kommen, von Volk begleitet, von der linken Seite.)

Biwoy. Hier blieb der Zelter stehn, hier ist der Ort.

Domaslav. Und hier der Mann, der, wie Libussa sprach,An einem Tisch von Eisen sitzt, sein BrotAuf einer Pflugschar mit den Händen teilend.

Biwoy. Derselbe ist's, es ist der nämliche,Der unsern Streit geschlichtet.

Lapak. Mir wird's hell.

Primislaus (aufstehend).Glück auf ihr Herrn! Was führt euch her zu mir?

(Man hat das Pferd gebracht. Primislaus hinzutretend und es streichelnd.)

Ha Prischenk, du mein Roß, du wieder heim?

Lapak. Sein Roß?

Primislaus. Noch einmal denn: was führt euch her?

Domaslav. Der Fürstin Wort.

Primislaus. Libussas?

Lapak. Sie befahlAn ihren Hofhalt dich mit uns zu führen.

Primislaus. Galt mir auch, euch zu folgen, der Befehl?

Lapak. Das nicht.

Primislaus. Doch, wenn ich's nun verweigerte,Kommt ihr mit Macht, mich nöt'genfalls zu zwingen.Seid unbesorgt, ich folg euch ohne Zwang.Was aber war der hohen Ladung Grund?

Domaslav. Wir wissen's nicht.

Lapak. Vielleicht doch ward ihr kund,Daß du ein schlauer Richter bist zu eignem Nutzen,Und wünscht als Richter dich zu nutz dem Volk.Zum mindsten lag ein Fall vor, der verwirrte.

Primislaus. Ich richte niemand als mich selber etwa,Und täusche nicht, als wer sich selbst getäuscht.

Domaslav. Besteig das Roß denn und folg uns nach Hof.

Primislaus. Dies Tier, das meine Fürstin hat getragen,Besteige niemand, der nicht eignen Rechts,Nebstdem daß es das ihre, und ich wünsche,Daß es das ihre bleibe, nach wie vor.Dann, sollt' ich mit der Arbeit Staub beladenMich nahn dem Ort, wo Arbeit nur ein Gast,Nicht der Bewohner ist? Ich geh ins HausUnd schmücke mich wie sich der Landmann schmückt.Auch, da man Höhern naht mit Ehrengaben,Bring ich von Früchten und von Blumen ihr,Wie sie der Armut eignen, ein Geschenk.So lang, ihr Herrn, zerstreut euch im Gehöft.Man reicht euch Met und Milch und nährend Brot,Auf daß gestärkt wir gehn, wo Stärke not.

(Er entläßt sie mit einer Handbewegung und geht in die Hütte.)

Lapak. Hast du gehört?

Domaslav. Wie stolz.

Biwoy. Nun um so besser.Stolz gegen Stolz, wie Kiesel gegen Stahl,Erzeugt, was beiden feind, den Feuerstrahl.

(Alle nach der linken Seite ab.)

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Verwandlung

Tiefes Theater. Im Hintergrunde auf einem Felsen das Schloß der Schwestern.

Wlasta und Swartka vom Hintergrunde nach vorn kommend.

Wlasta. So weigern mir die Schwestern, deine Fraun,Den Eintritt denn?

Swartka. Sie sind nicht gern gestört.

Wlasta. Und wissen sie: ich komme von Libussen.

Swartka. Sie wissen es.

Wlasta. Und doch—?

Swartka. Und doch.—Verzieh!Sie steigen nieder von dem jähen Abhang,Den Weg vom Schloß ins Freie.—Tritt zurück!Wenn sie vorübergehen, sprich sie an.

(Kascha und Tetka sind von der Höhe herabgekommen.)

Kascha. Ich sage dir: die Wasserwaage zittert,Der Boden hebt, die Zeit gebiert ein Neues.

Wlasta. Erlauchte Frau.

Kascha. Ah, Wlasta, sei gegrüßt!Willkommen hier im Freien, denn im SchloßWar's nicht gegönnt.

Wlasta. Und wer verbot's?

Tetka. Wir selber.Wer aufmerkt, der gebeut selbst und gehorcht.

Wlasta. Die Fürstin, meine Frau—

Kascha. Wir wissen es.Libussa will zurück in ihrer Schwestern Mitte,Empört von ihres Volkes wildem Trotz.Sag ihr, das kann nicht sein.

Wlasta. Du meinst wie ich.

Kascha. Vielleicht nicht ganz. Allein,—und sag ihr das—Wer gehen will auf höh'rer Mächte SpurenMuß einig sein in sich, der Geist ist eins.Wem's nicht gelungen all die bunten KräfteIm Mittelpunkt zu sammeln seines Wesens,So daß der Leib zum Geist wird, und der GeistEin Leib erscheint, sich gliedernd in Gestalt,Wem ird'sche Sorgen, Wünsche und das schlimmsteVon allem was da stört,—Erinnerung,Das weitverbreitete Gemüt zerstreun,Für den gibt's fürder keine Einsamkeit,In der der Mensch allein ist mit sich selbst.Die Spuren ihres Wirkens, ihres Amts,Sie folgen künftig ihr wohin sie geht.Wozu noch kommt, daß in der letzten ZeitDie Neigung, scheint's, die Neigung zu dem Mann,In ihrem edlen Innern Platz gegriffen;Zum mindsten war das Kleinod das du brachtest,Als Zeichen deiner Sendung, nicht mehr strahlend,Gewesen war's in einer fremden Hand.Sie kann nicht mehr zu uns zurück, denn störendUnd selbst gestört, zerstörte sie den Kreis.

(Sie tun ein paar Schritte. Wlasta tritt ihnen in den Weg.)

Wlasta. Doch gebt ihr Rat der Fürstin, wie sie bändigtDie Meinungen des Volks, mit sich im Kampf.

Kascha. Kennt einen Weisern sie im Volk als sich,So steige sie vom Stuhl und gönn' ihn jenem.Doch ist die Weisre sie, wie sie's denn ist,So gehe sie den ungehemmten Gang,Nicht schauend rechts und links was steht und fällt.Der Fragen viel erspart die feste Antwort.Ich sehe rings in weiter Schöpfung KreisenUnd finde übrall weise Nötigung.Der Tag erscheint, die Nacht, der Mond, die Sonne,Der Regen tränkt dein Feld, der Hagel trifft's,Du kannst es nützen, kannst dich freuen, klagen,Es ändern nicht. Was will das MenschenkindDaß es die Dinge richtet die da sind.

Tetka. Das Denken selbst, das frei sich dünkt vor allen,Ist eigner Nötigung zu Dienst verfallen.Hat sich der Grund gestellt, so folgt die Folge,Und zwei zu zwei ist minder nicht noch mehrAls vier, ob fünf dir auch willkommner wär'.Wer seine Schranken kennt der ist der Freie,Wer frei sich wähnt ist seines Wahnes Knecht.

Kascha. Hoffst du durch Überzeugen dich geschützt?Es billigt jeder das nur was ihm nützt.Ein einz'ges ist was Meinungen verbindet:Die Ehrfurcht, die nicht auf Erweis sich gründet.Der Sohn gehorcht, gab sich der Vater kund,Den Ausspruch heiligt ihm der heil'ge Mund.Daß einer herrsche ist des Himmels Ruf,Weil zum Gehorchen er die Menschen schuf.Wir selbst, als Schwestern deiner Fürstin gleich,Gehorchen ihr, weil ihrer ward das Reich.Und fällt's zu widerstreben jemand ein,Mag er versuchen erst kein Mensch zu sein.

(Indem die Fürstinnen ihren Weg fortsetzen, und Wlasta, wie zu neuenVorstellungen ihnen zur Seite folgt, gehen alle nach links ab.)

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Saal in Libussas Schlosse. Zur rechten Seite ein Thron auf Stufen.

Dobromila (kommt von der rechten Seite, zurücksprechend).Der Erker hier reicht weiter in das Feld!(Sie tritt an ein Fenster das sie öffnet.)

Libussa (von derselben Seite kommend).Und siehst du hier auch nichts?

Dobromila. Wie vor noch immer,Ringsum von den Wladiken keine Spur.

Libussa. Ich sagte dir du sollst nach Wlasta sehn,Die ich gesandt zu meinem Schwesterpaar,Und die, halb Mann sie selbst, nach MännerartDie Zeit mit Vielgeschäftigkeit zersplittert.Sagt einer Frau: Tu das! sie richtet's aus;Der Mann will immer mehr als man geheißen.Liebt sie zu sprechen, lüstet's ihn zu hören,Und was er seine Wißbegierde nennt,Ist Neugier nur in anderer Gestalt.Wenn nicht zu träg, er spräche mehr als sie.

Ich will zu meinen Schwestern auf Hradschin!Zur Gnade leben trotzigen Vasallen,Die alles was Gewicht weil es Gehalt,Erst auf der Waage eignen Zweifels wägen,Der nur bezweifelt was ihm nicht genehm.Das soll nicht sein mit Krokus' Fürstentochter.Sie mögen sich bestreiten, sich bekriegen,Vielleicht wird sie die Not, doch nie das Wort besiegen.

Fast reut es mich, daß ich die Toren sandteNach jenem andern Toren, wie es scheint,Der trotzig so wie sie und stolz dazu,Dort zögert wo die Eile noch zu langsam.Wenn ich gewürdigt ihn noch sein zu denken,Wenn unter dieser Stirn, in dieser BrustDie Spuren noch lebendig jenes EindrucksDen gebend ich empfing, was hält ihn abHervorzutreten aus der DunkelheitDes Ohres und der Nacht ans Licht des Auges,Den Dank zu holen, ob auch nicht den Lohn?

Und unter solchen wär' mein Los zu weilen?Wohl etwa gar, wie die Wladiken meinen,Mein Selbst geknüpft an einen ihrer Schar?Die Glieder dieses Leibes, die mein eigen,Zu Lehen tragen von der Niedrigkeit?Der Hand Berührung und des Atems NäheErdulden, wie die Pflicht folgt einem Recht?Mich schaudert. All mein Wesen wird zum: Nein.

Es soll sich Wlasta einem Mann vermählenUnd ihre Kinder folgen mir im Reich.

Dobromila. Ich sehe Staub.

Libussa. Nun Staub ist eben nichts.

Dobromila. Allmählig doch entwickeln sich Gestalten.Ha, die Wladiken sind's.

Libussa. Und Wlasta nicht?

Dobromila. Der Zug umgibt dein zügelfreies Roß.

Libussa. Das keinen Reiter trägt?

Dobromila. Ich sehe keinen.Vor allen her nur geht ein einzelner,Geschmückt mit Blumen wie—

Libussa. Ein Opfer etwa?Ich will des Schrittes Unlust ihm ersparen,Und schien die Frau ihm nicht des Kommens wert,Soll ihm die Fürstin wert der Achtung scheinen.(In die Hände klatschend.)Herbei ihr Diener, Mägde dieses Hauses,Umgeht die euch gebeut in voller ScharAuf daß, wer Hohes sonst nicht kann erkennen,Zum mindsten mit dem Aug es nehme wahr.

(Von der rechten Seite ist Libussens Gefolge eingetreten und hat sich in Reihen gestellt. Sie selbst besteigt den Thron.—Primislaus kommt von der linken Seite. Hinter ihm die Wladiken und Volk. Er trägt einen Kranz von Ähren und Kornblumen auf dem Kopfe, in der rechten Hand eine Sichel, mit dem linken Arme hält er einen Korb mit Blumen und Früchten.)

Primislaus. Auf dein Geheiß erschein ich, hohe Fürstin,Mit Landmanns Gaben und in Landmanns SchmuckUnd dir zu Füßen leg ich meine Habe.Den Kranz von Ähren, die der Fluren KroneUnd minder nicht von Gold als Fürstenschmuck,Ich neig ihn vor der Fürstin Diadem.Die Sichel, die mein Schwert, der Waffen beste,Denn sie bekämpft der Menschen ärgsten Feind,Des Name schon ein Schreckensbild: die Not,Ich strecke sie, von höhrer Macht besiegt.Und dies mein Schild, bemalt nicht nur mit Zeichen,Geschmückt mit Inhalt und mit Wirklichkeit,Das Wappen meines Standes, meines Tuns,Ich biet es dir als ärmliches Geschenk,Wie es dem Höhern wohl der Niedre beut,Der sich als niedrig weiß, obgleich nicht fühlt.Und so aus meinem Haus, das meine Burg,Komm ich zu Hof und, neigend dir mein Knie,Frag ich, o Fürstin: was ist dein Gebot. (Er kniet.)

Libussa. Es scheint du sprichst als Gleicher zu der Gleichen.

Primislaus. Dir neigt sich nicht mein Knie nur, auch mein Sinn.

Libussa. Doch wenn sich beide nicht aus Willkür beugten,Erreichten sie wohl etwa doch mein Maß?Steh auf!

Primislaus. Wenn meine Gaben du erst nahmst,Der Geber sieht in ihnen sich verschmäht.

Libussa. So nehmt sie denn! Ich liebe diese Blumen,Weil sie als Meinung gelten ohne Wert.

(Man hat den Korb zu ihren Füßen gesetzt.)

Du nennst sie deinen Schild. Ein einfach Wappen!Doch wär' ein Wahlspruch etwa beigefügt,Was gilt's? er wäre stolz, so wie sie einfach.

Primislaus (der aufgestanden ist).Ein Wahlspruch auch fehlt meinem Schilde nicht,Demütig aber ist er wie die Zeichen.Du liebst in Rätseln auszusprechen dichUnd knüpfst daran die höchsten deiner Gaben.Dich selbst. Erlaube, daß ich ähnlich spreche.(Den Korb aufnehmend und ihr darreichend.)

Unter Blumen liegt das RätselUnd die Lösung unter Früchten.Wer in Fesseln legte trägt sie,Der sie trägt ist ohne Kette.

Libussa (die Blumen betrachtend).Das ist nun wohl des Ostens Blumensprache,Die träumend redet mit geschloßnem Mund,Und diese Rosen, Nelken, saft'gen FrüchteSind wohl geordnet zu geheimen Sinn.Bei beßrer Muße findet sich die Deutung.(Den Korb abgebend.)Doch Rätsel geben ziemt nur der Gewalt,Die Rätsel lösen eignet dem Gehorsam.Drum offen, da geheim nur was vertraut:Sahst du mich irgend schon?

Primislaus. Wer sah dich nichtAls dich das Land mit seiner Krone schmückte?

Libussa. Und sprach ich je zu dir?

Primislaus. Zu mir, wie allen,Die als dein Wort verehren dein Gesetz.

Libussa. Der Zelter den ich sandte, ohne Leitung,Er blieb in deines Hauses Räumen stehn.War er je dein?

Primislaus. Und wär' er's ja gewesen,Wenn ich ihn gab, war er nicht mehr mein eigen.Ein Mann geht zögernd vorwärts, rückwärts nie.

Libussa. Ein Mann, ein Mann! Ich seh es endlich kommen.Die Schwestern mein sie lesen in den Sternen,Und Wlasta führt die Waffen wie ein Krieger,Ich selber ordne schlichtend dieses Land;Doch sind wir Weiber nur, armsel'ge Weiber:Indes sie streiten, zanken, weinerhitzt,Das Wahre übersehn in hast'ger TorheitUnd nur nach fernen Nebeln geizt ihr Blick,Sind aber Männer, Männer, Herrn des All!Und einen Mann begehrt ja dieses Volk;Das Volk, nicht ich; das Land, nicht seine Fürstin.Du giltst für klug, und Klugheit ist ja dochEin Notbehelf für Weisheit wo sie fehlt.Sie wollen einen Richter, der entscheide,Nicht was da gut und billig, fromm und weise,Nein, nur was recht, wieviel ein jeder nehmen,Wieviel verweigern kann, ohn' eben DiebUnd Schelm zu heißen, ob er's etwa wäre.Dazu bist du der Mann, wie's mindstens scheint.Allein der Richter sei vor allem freiVon fremdem Gut, soll er das fremde schützen.Drum sag nur an: ist nichts in deinen HändenWas mir gehört und du mir vorenthältst?

Primislaus. Dein bin ich selbst und all was ich besitze,Was ich besaß ist nicht in meiner Hand.

Libussa. Mir widert dieser Reden Doppelsinn,Die nichts als Stolz, als schlechtverhüllter Hochmut.Drum frag ich offen dich zum letztenmal—

Doch regt sich auch der Stolz in dieser BrustAusweichen den zu sehn den ich begrüßt,Den zu bemerken nur ich mich gewürdigt.

So höre du auch eine Gleichnisrede,Sie soll mir zeigen ob du weise bist.(Vom Throne herabsteigend.)

Ein König hatte sich verirrt beim JagenUnd fand bei einem Landmann Dach und Schutz.Des andern Tags, zur Hofburg heimgekehrt,Vermißt er—einen Ring, ihm wert, ja heilig,Den er bei Nacht, man weiß nicht wie, verlor.Da läßt verkünden er auf allen Straßen,Daß, wer das Kleinod, seines Vaters Erbteil,Ihm wiederbringt, belohnt mit reichen GabenIhm nächst soll stehen, hoch in seiner Gunst.Was hättest du getan, warst du der Landmann?

Primislaus. Vielleicht fühlt' ich mich durch die Tat belohnt,Und jener Ring, als Ausdruck des Bewußtseins,War teurer mir als selbst der höchste Lohn.

Libussa. So tat er auch, der Tor. Er gab ihn nicht.Doch bald darauf brach aus in jener GegendEin Aufstand, den veranlaßt—was weiß ich?—Vielleicht des Königs Güte, wie so oft.Doch jener Fürst, der nicht nur milder Vater,Auch strenger Richter, sammelt rasch ein Heer,Zieht gegen die Empörer und besiegt sie.Ein Teil fällt durch das Schwert, der Überrest,Er harrt gefangen eines gleichen SchicksalsDurch Henkershand. Da läßt der Fürst verkünden:Der allgemeinen Strafe sei entnommenDer einzige, der das vermißte KleinodIhm wiederbringt; als Lohn für jenen Dienst,Den er, ob Pflicht, doch seinem Herrn erwiesen.

Primislaus (lebhaft).Nun weiß ich die Geschichte, hohe Frau!

Libussa. Was also tat der Mann, wenn's dir bekannt?

Primislaus. Er warf den Ring am Weg in einen Busch.Unschuldig, sprach er, soll mich Unschuld schützen,Wenn schuldig, sei die Strafe mir der Schuld.Auf alle gleich der Fürst den Zorn entlade,Dem Zufall dank ich nichts, noch eines Menschen Gnade.

Libussa. Weißt du was nun geschah?

Primislaus. Ich weiß es nicht.

Libussa. Der Fürst gab alle gleich dem Schwerte hin.Verloren war der Ring, doch auch der Mann.

Ich habe mich getäuscht, du bist nicht klug,Du kannst nicht Richter sein in diesem Land.

Es sinkt der Tag. Gönnt ihm für heut die Herberg.Zeigt ihm das Schloß mit allen seinen Schätzen,Damit er sehe was ein Herr und Fürst.Am nächsten Morgen mag er heimwärts reisenUnd tafeln an dem selbstgewählten Tisch,Vom selben Stoff, wie seine Worte weisen:Der Kopf, das Herz, so wie sein Tisch, von Eisen.

(Indem sie mit einer geringschätzigen Handbewegung sich abwendet undPrimislaus tiefverneigt dasteht, fällt der Vorhang.)

Vierter Aufzug

Auf den Wällen von Libussas Burg. Im Hintergrunde durch ein zinnenartigesSteingeländer geschlossen. Rechts und links halbrunde Türme mit Eingängen.Dobromila sitzt im Hintergrunde am Geländer und liest. Wlasta und Primislaustreten aus dem Turme links.

Wlasta. Komm hier heraus! Dort rechts ist deine Wohnung.Hast du betrachtet dir das Schloß genau,Und sahst du je im Leben solche Pracht?

Primislaus. Ich nicht.

Wlasta. Ward manch ein Wunsch dabei nicht rege?

Primislaus. Wer wünschte sich auch Flügel wie der AdlerUnd Flossen wie der Fisch? Sie mögen's haben.Das höchste, wie beschränkt auch, ist der Mensch,Im König selbst der Mensch zuletzt das beste.Auch, sah ich eure Betten gar so weich,Dacht' ich: ihr Schlaf ist schlecht wohl, weil so wählich.Und die Geräte in den Küchenräumen,Verfälschend das Bedürfnis mit der Kunst,Zu sagen schienen sie: Hier fehlt der Hunger,Der beste Koch und auch der beste Gast.In meiner Hütte ißt und schläft sich's wohl;Der Überfluß ist schlechtverhüllter Mangel.

Wlasta. Da dich die Kunst so widersetzlich findet,Wird Feld und Flur vielleicht dich mehr erfreun.Komm hier und sieh hinaus in die Gefilde,Die endlos sich dem Horizonte nahn.Das alles, Berg und Tal und weite Flächen,Das alles ist Libussas, meiner Frau.

Primislaus. Und sie die Seele denn so vieler Glieder?Ich möchte nicht mein Selbst so weit zerstreun,Aus Furcht nichts zu behalten für mich selbst.(Kopf und Hände bezeichnend.)Hier ist mein Rat und hier sind meine Diener,Die Füße meine Boten, und das HerzEs ist mein Reich, weit bis zum Sitz der Götter,Und eine Spanne groß nur in der Brust,Daß Raum für mich und alle meine Brüder.Wär' ich ein Fürst, erschräk' ich vor mir selbst,So wie ein Bild erschreckt das gar zu ähnlich.(Dobromila bemerkend.)Doch halt! wir stören hier.

Dobromila. Ich war vertieft,Da merkt' ich nicht was rings um uns geschah.

Primislaus. Dein Buch ist weise wohl?

Dobromila. Komm selbst und lies!

Primislaus. Ich kann nicht lesen, Frau!

Dobromila. Nicht lesen, wie?

Primislaus. In Büchern nicht, allein in Mienen wohl.Da les ich denn: du willst mich, Frau, beschämen.

Dobromila. Vielleicht nur wundr' ich mich, daß du von LändernUnd Fürsten sprichst, und weißt noch nicht was nötig:Den Gang der Zeit von Anfang, die Geschichte.

Primislaus. Was heut, war gestern morgen,—und wird morgenEin gestern sein. Wer klar das Heut erfaßt,Erkennt die Gestern alle und die Morgen.

Dobromila. Was aber war das erste in der Welt?

Primislaus. Das Letzte, Frau! Im Anfang liegt das Ende.

Dobromila. Die Sterne kennst du nicht?

Primislaus. Ich sehe sie,Und sehen sie nicht mich, bin durch mein SehenIch besser denn als sie.

Dobromila. Was ist das Schwerste?

Primislaus. Gerechtigkeit.

Dobromila. Du irrst mein rascher Freund!Das allerschwerste ist: den Feind zu lieben.

Primislaus. Halb ist das leicht, und ganz vielleicht unmöglich.Allein bei allen Kämpfen dieses LebensDen Anspruch bändigen der eignen Brust,Nicht mild, nicht gütig, selbst großmütig nicht,Gerecht sein gegen sich und gegen andre,Das ist das Schwerste auf der weiten Erde,Und wer es ist, sei König dieser Welt.

Doch laß die toten Lehren deiner Blätter!Die Wahrheit lebt und wandelt wie du selbst,Dein Buch ist nur ein Sarg für ihre Leiche.(Zu Wlasta hinzutretend, die von zwei hingelehnten Schwertern einesergriffen hat und es prüfend beugt.)Was schaffst du hier?

Wlasta. Du siehst, ich prüfe Waffen.

Primislaus. Was soll dem Weib das Schwert?

Wlasta. Hier ist ein zweites,Versuchen wir, gefällt's dir, einen Gang?

Primislaus. Ich kann nicht lesen und ich kann nicht fechten.Was soll das Spiel? Der Ernst erst macht die Waffe.Allein bewehre drei und vier und fünfMit solchem Tand, und laß sie nachts versuchenZu dringen in die Hütte, meine Burg,Bewehrt mit meines Vaters breiter Axt,Tret ich entgegen ihnen, und der MutMag dann entscheiden wer ein beßrer Krieger.

Ich bin ermüdet, zeige mir die StätteWo man zu Nacht die Herberg mir bestellt.

Wlasta (auf den Turm rechts zeigend).Sieh, dort!

Slawa (hinter der Szene).Ihr sollt nicht, sag ich euch!

Primislaus. Was nur des Neuen?

Slawa (aus dem Turme links kommend).O schützet mich!

Primislaus. Du bist das erste WeibAn diesem Wunderort, das Schutz begehrt,Die andern sind vielmehr geneigt zu meistern.

Slawa. Ja Schutz vor dir und deinesgleichen, Mann.

Primislaus. Vor mir?

Slawa. So denn vor deinesgleichen.Sie bilden sich nun ein mich schön zu finden,Obgleich ich es nicht bin, ja sein nicht mag.Da folgt mir denn der überläst'ge SchwarmUnd tritt entgegen mir auf allen Pfaden.Der eine faßt die Hand mir mit der seinen,Der andre dreht die Augen quer im KopfWie ein Verscheidender, schon halb Verstorbner,Der dritte kniet und schwört beim hohen Himmel,Ich sei das Kleinod dieser weiten Welt,Von meinem Blick erwart' er Tod und Leben.Wie jämmerlich ist aber das Geschlecht,Das alles was den Menschen ehrt und adeltBlöd übersieht und nur nach äußern Gaben,Nach Weiß und Rot, nach Haar und Zahn und Fuß,Den Abgott wählt, das Letzte sich des Strebens.

Primislaus. Mein Kind, was dich die Männer heißt verachten,Birgt etwa wohl Verachtung für dich selbst.Wer nach dem Äußern seine Wahl bestimmt,Bezweifelt, fürcht ich, sehr den Wert des Innern.Man sucht den Diamant läg' er im Staube,Geschliffnem Glas gibt erst der Glanz den Wert,Ist all sein Wesen Glänzen doch und Scheinen.Dein Weg führt dich zurecht, hier bist du sicher.Mir ist das Weib ein Ernst, wie all mein Zielen,Ich will mit ihr,—sie soll mit mir nicht spielen.

Sagt das der Fürstin als den letzten GrußAm Morgen, wenn ich fern schon meiner Wege.(Er geht in den Turm rechts.)

Wlasta. Ich folg ihm nach, so lautet der Befehl.(Sie geht in denselben Turm.)

(Libussa kommt aus dem Turme links.)

Libussa. Wie ist's mit jenem Mann?

Dobromila. Er ist von Stahl.

Libussa. Es brach wohl auch ein Schwert schon im Gefecht.Was spröde ist zerbrechlich.(Zu Dobromila.)Folg du ihnen.Der Abend dämmert schon, es ziemt sich nicht,Daß er und sie allein in solcher Stunde.

(Da Dobromila geben will.)

Vielmehr gebt einen Schleier mir. Ich selbstWill Zeuge sein wie weit sein Starrsinn geht.

Gehorchen soll er und dann mag er ziehn.Ich fühl' es fast wie Haß im Busen quellen.(Ab in den Turm links.)

————————

Gemach im Innern des Turmes. Links im Vorgrunde ein Teppich-behangenerTisch.

Primislaus und Wlasta treten ein.

Wlasta. Hier denn ist dein Gemach.

Primislaus. Ich danke dir.Und da ich morgen mit dem Frühsten scheide,So nimm schon heut ein doppelt Lebewohl.

Wlasta. So willst du fort?

Primislaus. Mein Haus ist unbestellt,Auch gab mir meinen Abschied schon die Fürstin.

Wlasta. Und hast du ihr, Libussen, nichts zu sagen?

Primislaus. Was nur?

Wlasta. Sie glaubt in dir denselben zu erkennen,Der einst im Walde hilfreich ihr genaht.Auch haben die Wladiken ausgesagt,Daß du es warst, der Kleinod gegen KetteMit schlauer List umwechselnd ausgetauscht.

Primislaus. Wenn ihr es wißt, warum nur fragt ihr noch?

Wlasta. Vielleicht fühlt sich der Fürstin Stolz beleidigt,Daß du mit einem Recht auf ihren Dank,Aufgibst dein Recht, und ihren Dank verschmähst.

Primislaus. Stolz gegen Stolz, wenn's wirklich also wäre.

Wlasta. Allein der Stolz des Pflügers und der Fürstin!Zudem ist jenes Kleinod hoch ihr wert,Als ihres Vaters deutungsvolle Gabe.Durch Zufall nur geriet's in deine HandUnd blieb ein Eigen meiner hohen Herrin.Drum gib was eines andern, nicht das deine.

Primislaus. Ich gab es schon.

Wlasta. Wann aber, wo und wie?

Primislaus. Ich sagt' es auch, ob etwas rätselhaft,Schon als ich kam, doch ihr verstandet's nicht.

Wlasta. Hier aber will man Rätsel nicht, Gehorsam.

Primislaus. Auch weiß ich, daß den werbenden WladikenSie auferlegt, ihr ganz und ungeteiltDas Kleinod auszuliefern, das sie hochhält.Vielleicht, wär' erst die eine Hälfte da,Fügt' ich die zweite bei, besäß' ich sie.

Wlasta. Erfüllst du deinen Teil, tatst du genug.

Primislaus. Ich bin hier in dem Wunderschloß der Weiber,Und alle weibliche VollkommenheitHat man mir vorgeführt mit etwas Prangen;Nur mit den Fehlern, scheint mir, des GeschlechtsHielt man zurück, bedächtlicher als billig.Da ist nun Neugier, die man Schuld euch gibt.Wie wär' es, holde Wlasta, wenn nur NeugierDir diese Fragen in den Mund gelegt?Sprichst du zu mir im Auftrag deiner Frau?

Wlasta. In ihrem Auftrag nicht.

Primislaus. Nun also denn!Das Recht auf Antwort nur gibt Recht zur Frage.

Wlasta. Doch weiß wovon ich spreche meine Frau.

Primislaus. Das soll ich glauben eben weil du's sagst?

Wlasta. Als Zeichen denn, daß nicht die Neugier bloß,Daß mich ein höhrer Wink dazu berechtigt,Sieh hier das Kleinod, dessen eine HälfteDu vorenthältst, und das man ganz begehrt.(Das Mittelkleinod des Gürtels aus dem Busen ziehend.)

Primislaus. Das schöne Bild! Die glänzend reichen Steine!Derlei sah ich in meinem Leben nicht.

Wlasta. Verstell dich nicht, es war in deiner Hand.

Primislaus. Wie käme derlei in die Hand des Pflügers?O gib es mir, o laß es mich betrachten!

Wlasta. Halt ab die Hand!(Das Kleinod auf den Tisch ihr zur Seite hinlegend.)Hier leg ich es denn hin.Du aber nun erfülle was dir Pflicht.Die Fürstin will nicht länger, kann's nicht dulden,Daß was ihr wert und teuer, heilig selbst,In niedrer Hand, als offenkundig ZeugnisVon einer halb vertraulichen Begegnung,Zum Anspruch stempelnd was ein Zufall war.Du sollst, du mußt, die Fürstin will es so.

(Dobromila kommt, hinter ihr Libussa, eine Fackel tragend, vom Kopf bis zu den Füßen mit einem dichten Schleier bedeckt.)

Dobromila. Wollt ihr nicht Licht? Der Abend dämmert schon.Ich laß euch hier der Dienrin helle Fackel.Du aber Wlasta fördre dein Geschäft.

(Sie geht. Libussa bleibt, die Fackel emporhaltend, im Mittelgrunde gegen die linke Seite.)

Wlasta (da sie Libussa erblickt, vor sich hin).Sie ist es selbst!

Primislaus. Scheint Wlasta doch beklommen!Wär' sie's? O still mein ahnungsvolles Herz!

Wlasta (zu Primislaus).Was not tut ward gesagt. Gehorche nun!

Primislaus. Ihr setzt so schnell voraus, was erst bewiesen,Ein Unrecht bildete das auch ein Recht.Nimm an: ich war es selbst, der einst bei NachtBegegnet eurer Fürstin tief im Walde,Nimm an: daß aller Unterscheidung bar,Sie mir erschien als Königin der Weiber,Nicht als das Weib das selber Königin.Der Glieder holder Reiz, der Stirne Thron,Das Aug' das herrscht, die Lippen die befehlen,Selbst wenn sie schweigen, ja im Schweigen mehr;Sie riefen in die Seele mir ein Bild,Das mich umschwebt seit meinen frühsten Tagen,Und all mein Wesen es rief aus: sie ist's!Ich wußte nichts von ihrem Rang und StandUnd nichts verbot zu hoffen und zu werben.Sie schied, es kam der Tag. Des Kleinods Pracht,Das in der Hand statt ihrer mir geblieben,Bezeichnete sie wohl als hoher Abkunft;Doch ist auch Primislav nicht niedern Stamms,Ein Enkelsohn von Helden, ob nur Pflüger.Erst als die Sage von Libussas UnfallDas Land durchzog, da war es plötzlich hell,Und ich nur noch ein hoffnungsloser Tor.Doch aus den Trümmern meines äußern GlücksErbaute sich im Innern mir ein neues.Wie Trauerfaltern kreisen um das Licht,Umflogen meine Wünsche nun das Kleinod,Was früher Zeichen, ward jetzt Gegenstand.Ich trug's mit mir auf meiner warmen Brust,Ich drückt' es an das Herz, an meinen Mund,Das Eigentum verwechselnd mit dem Eigner—

Heiß deine Freundin still die Fackel tragen,Wir sind im Dunkeln wenn verlöscht das Licht.

Wlasta. Laß die Erzählung denn und komm zur Sache!

Primislaus. Ein Traum ist ja Erzählung und sonst nichts.Zerstört war nun, für immer schien's, mein Hoffen.Da taucht's auf einmal wieder blinkend auf.Zu meiner Hütte kamen die WladikenGeführt von meinem Gaul, der führerlos,Den Weg gefunden zu der frühern Heimat.Da sprach es still in mir: Sie denkt noch dein,Entschwunden ist ihr ganz nicht die ErinnrungAn jene Nacht, die holde Wunderzeit.Nicht daß ich glaubte, meine NiedrigkeitErhöhe je mich zu der Hoheit HöheNicht daß ich glaubte, die Bedingung,Die sie gesetzt den werbenden Wladiken,Sie würde je zum Anspruch für mich selbst;Allein den Schatten eines flücht'gen Eindrucks,Den müßigen Gedanken: wenn's nicht so,Wenn's anders wäre in der Welt der Dinge,Wenn dieser Umstand fort und jener da,Wenn niedrig wäre hoch und wenig viel,Dann möcht' es sein, dann könnt' es wohl geschehn!So viel, ein Nichts, ein schwebendes Atom,Dacht' ich mir wach in eurer Fürstin Seele.

Die Freundin dort wird ungeduldig, scheint's.Wir müssen eilen, denn sie will von dannen.

Mit solcher Hoffnung kam ich schwindelnd her,Das Herz trat mir in Ohr und Aug' und Lippe,Doch kalter Spott und rücksichtsloser HohnKam mir entgegen auf des Hauses Schwelle.

Wlasta. Du dachtest dir das Weib und fandst die Fürstin.

Primislaus. Es ist die Herrschaft ein gewaltig Ding,Der Mann geht auf in ihr mit seinem Wesen,Allein das Weib, es ist so hold gefügt,Daß jede Zutat mindert ihren Wert.Und wie die Schönheit, noch so reich geschmückt,Mit Purpur angetan und fremder SeideDurch jede Hülle die du ihr entziehst,Nur schöner wird und wirklicher sie selbst,Bis in dem letzten Weiß der Traulichkeit,Erbebend im Bewußtsein eigner Schätze,Sie feiert ihren siegendsten Triumph.So ist das Weib, der Schönheit holde Tochter,Das Mittelding von Macht und Schutzbedürfnis,Das Höchste was sie sein kann nur als Weib,In ihrer Schwäche siegender Gewalt.Was sie nicht fordert das wird ihr gegebenUnd was sie gibt ist himmlisches Geschenk,Denn auch der Himmel fordert nur durch Geben.Doch mengt der Stolz sich in die holde Mischung,Ein scharfer Tropfen in die reine Milch,Dann lösen sich die Teile; stark und schwachUnd süß und bitter treten auseinander,Der Schätzung unterwerfend und VergleichungWas unschätzbar und unvergleichlich ist.

Selbst Wlasta du, als du noch Waffen bogst,Mit rauher Stimme fordertest zum KampfWarst du nicht du, zum wenigsten kein Weib;Doch seit die Freundin dort ins Zimmer trat,Hat holde Scheu begeistert all dein Wesen,Die Hand, die ich erfasse, zittert fast;Du bist nicht stolz, wie jene Freundin scheint,Die mit unwill'gem Fuße tritt den Boden;So bist du schön, dein Auge, nicht mehr starr,Es haftet milden Glanzes an dem BodenDie Wange färbt ein mädchenhaft Erröten.

O weh! dein Haar ging los aus seinen Banden,Als strebt' es, schamhaft selber, zu verhüllenDen holden Wandel aus dem frühern Trotz.Ich streich es dir zurück. Nun wieder rein,Erkenn ich dich im Spiegel deiner Seele,Und wäre nicht mein Herz auf andern Pfaden,Ich sagte: Wlasta, kannst du fühlen weich?Begreifst du daß ein Innres schmelzen mußUm eins zu sein mit einem andern Innern?Hoffst du, entfernt von diesem stolzen Schloß,Zu finden wieder Demut, Milde, Schwäche?Ist eine Hütte dir ein Königsbau,Bewohnen Herrscher sie im eignen Hause?Sag ja, sag ja! und stelle dich mir höherAls deine Fürstin steht, trotz Glanz und Pracht.

(Sich niederbeugend um ihr in die Augen zu sehen. Libussa hat einigeSchritte nach vorn gemacht, wie um zu sprechen, jetzt wirft sie dieFackel weg und geht.)

Die Fackel fiel. Laß mich!

Wlasta (die die Fackel aufgehoben hat).Die Fürstin zürnt.

Primislaus. Wie weiß die Fürstin was wir hier beginnen?Du schuldest Antwort mir auf meine Frage.Ich laß dich nicht, du mußt mir Rede stehn!Ich lösche dir die Fackel, dann im stillenVertraust du das Geheimnis meinem Ohr.(Indem er wiederholt nach der Fackel greift und dadurch die Widerstrebendenach rückwärts drängt.)

Wlasta. Verwegener und Spötter auch, zurück!Ich fühle mich gelähmt zum Widerstand,Denn Übermut und Dreistigkeit vernichtet.

(Er hat ihr die Fackel entrissen und am Boden ausgelöscht.)

Wir sind im Dunkeln.

Von außen. Wlasta!

Wlasta. Sieh mich hier!(Durch die Türe ab.)

Primislaus (das auf dem Tische liegende Kleinod ergreifend und in denBusen steckend).Ich hab's, ich hab's! Wohl mir, die List gelang!Dort seh ich einen Ausgang. Fort ins Freie!

(Indem er einer im Hintergrunde befindlichen Türe zueilt, erscheint Libussa mit zurückgeschlagenem Schleier in der Türe links und winkt mit gehobenem Arme. Eine Falltüre im Boden bewegt sich.)

Der Boden weicht, ich sinke!(Nach vorn gewendet.)Ha, Libussa!(Er versinkt.)

(Libussa zieht sich durch die Türe zurück.)

————————

Verwandlung

Der Thronsaal wie im dritten Aufzuge, im Mittelgrunde durch einen Vorhang abgeschlossen. Es ist dunkel.

Primislaus' Stimme (hinter dem Vorhange).Beschützen mich die Götter! Fort die Hände!

(Er kommt hinter dem Vorhange hervor, gefolgt von mehreren schwarz gerüsteten Männern.)

Primislaus. Laßt ab!—Der Boden schwankt, die Sinne schwindeln.Aus steiler Höhe rasch herabgeglitten,Schlägt noch die Erde Wellen unter mirUnd die Bewegung setzt sich fort ins Innre.Ich könnte sagen, tun, was fremd mir selbst.

Nun ist es wieder gut. Nun kommt nur an!Was wollt ihr und was fordert man von mir?

Ihr schweigt? Sind eure blanken Schwerter Worte?Und heischt mein Leben eure milde Frau?O Güte, Güte, himmelsgleiche GüteWie preist dich hochentzückt ein ganzes Land!Ich aber nenn es Willkür, Weiberlaune,Die nur geleitet durch ein blind GefühlHier ausgießt ihres Füllhorns ÜberflußWeil der Empfänger nah, weil er genehm,Weil ihm ein dunkles Etwas Gunst verleiht,Dort wieder nimmt, weil doch parteiisch GebenEin Geben und ein Nehmen ist zugleich.Es ist die Welt kein traumgeschaffner GartenWo Duft und Farbenglanz den Platz bestimmt,Die Rose Königin und Raute, LattichDas Unkraut, das man austilgt mit dem Fuß.Ein Ungefähr verlieh mir Wert und Huld,Doch beides nimmt ein launisch Zürnen wieder.Und wenn Freigebigkeit aus HimmelshöhnHernieder stiege zu der armen Erde,Sie müßte stehen menschlichem ErmessenUnd Antwort geben, wenn gefragt: warum?Ich will gewogen sein mit gleicher Waage,Wie hoch mein Anspruch und wie tief mein Fehl.Der Willkür fügt kein Freier sich, kein Mann.

Ich sehe Ketten dort in euern HändenHier sind die meinen, legt mir Fesseln an!In Turmesnacht, von Lebenden geschiedenWill ich das Loblied singen eurer Frau,Mich selber richten, daß ich ihr vertraut.

Dir scheinen Ketten zu gelinde Strafe,Ich seh's, du zückst das Schwert auf meine Brust.Wohl weiß ich was ihr wollt, was ihr begehrt;Ich aber sagte: nein, und sag es noch.War's auch ein Spiel nur, ein verwegner Scherz,Den Übermut zu bändigen durch List,Den Anspruch mir zu wahren, der mein Recht,Auf eurer Fürstin Dank und Anerkennung.Hab ich's verweigert, so verweigr' ich's noch,Mein Leben setz ich ein für meinen Willen.Stoß, Mörder, zu! ich bin in eurer Macht,Der Götter Schutz vertrau ich meine Seele.

(Er sinkt auf ein Knie und verhüllt die Augen mit der Hand.—Libussa ist von der linken Seite eingetreten. Auf ihren Wink haben sich die Gewaffneten hinter den Vorhang zurückgezogen. Sie klatscht in die Hände und von den Seitenwänden schieben sich Armleuchter mit brennenden Kerzen vor. Es ist licht.—Primislaus emporblickend.)

War das das Zeichen blutigen Vollzugs?

Du selber bist's? So traf mich schon der StoßUnd wall ich jenseits in den sel'gen Fluren,Wo uns der Wunsch erfüllt entgegenkommt?Wo dieser Erde Druck und bittres LeidenAls Kranz sich windet um der Sel'gen Haupt?Du bist es nicht, du bist dein eigner Schatten,Sei mir, dem gleichen Schatten, denn gegrüßt.

Libussa. Du lebst, doch leb auch ich. Ich bin LibussaUnd rühme mich Gerechten als gerecht.Du hast mich schwer beschuldigt und ich kommeDir Rede stehen, zu verteid'gen mich.

Primislaus. Verteid'gen dich? Bist du denn nicht die Hohe,Die Himmlische, den hohen Göttern ähnlich?So wie die Sonne, wenn sie Wolken zogUnd Blitz auf Blitz den Horizont durchschneidet,In Finsternis sich hüllt die bange Welt;Kaum daß durch eine Spalte des GewölksSie vortritt in der ewig gleichen Schöne,Das All die holde Dienstbarkeit erkennt,Vergessen fast im Segen der Gewohnheit—Bist du am offenbarsten wenn verhülltUnd trägst die Krone wenn du sie verleugnest.

Libussa. Nun sprichst du so, nachdem du lang verweigert.

Primislaus. Dem kränkenden Befehl.

Libussa. Nun denn: ich bitte.

Primislaus. Hört ihr's ihr Mauern? Hörst du's laue Luft,Die Wärme nimmt von ihrer Glieder Wärme?Wir waren, o verzeih, setz ich dich gleich,Wir waren wie die Kinder wenn sie schmollen,Wegweisend was der Wunsch zumeist begehrt.

Nun fort auch jeder Anspruch, jedes Recht,All was nicht Demut ist und Unterwerfung.Womit ich binden wollte deine Huld,Nimm es zugleich mit dem Gebundnen hin.(Er hat das Kleinod aus der Brust gezogen und bietet es dar.)O wären diese Hände Purpurkissen,Um würdig dir zu bieten was das Deine.

Libussa. Die Hälfte deines Anspruchs wahrst du doch.Es fehlt ein Teil, der voll erst macht das Ganze.Ich muß dich klug, muß dich verständig nennen,Doch minder edel deucht mich was du tatst.Sprich, ist es zart, wie's gegen Frauen ziemt,Vorzuenthalten was ihr Wunsch begehrt,Und sich durch List zu sichern was nur Gunst,Nicht Recht noch Schlauheit eignet zum Besitz?

Primislaus. Ich gab es ja, gab's schon bei meinem Eintritt.

Wir sind am selben Ort der mich empfing.Hier stehn die Blumen, meiner Armut Gabe,Die man als wertlos nicht vom Ort verrückt.So kommt denn ihr, gebt Zeugnis meinen Worten!(Er hat den Korb aufgenommen.)Den Sinnspruch hast du dennoch nicht erraten!Unter Blumen liegt das RätselUnd die Lösung unter Früchten.(Er stürzt den Korb zu ihrenFüßen auf den Boden.Die Kette liegt obenauf.)Wer in Ketten legte, hat sie,(zurücktretend)Der sie trägt, ist ohne Kette.Und nun erlaube, daß gleich einer MagdIch wieder füge was der Zufall trennte.(Er setzt sich auf die unterste Stufe des Thrones, indem er die Kettetrennend, das Mittelkleinod einfügt.)Wer mir die Kette teilt,Allein sie teilt mit keinem dieser Erde,Vielmehr sie teilt, auf daß sie ganz erst werde;(mit erhobener Stimme)Hinzufügt was, indem man es verlor,Das Kleinod teurer machte denn zuvor.O wüßtest du was mir bei diesem WortFür Hoffnungen durch meine Seele stürmten!Ich war ein Tor!—Dein Auftrag nun erfüllt,Leg ich mein Werk zu deinen Füßen niederUnd kann nun scheiden ohne Schuld und Fehl.(Er legt das Geschmeide auf die Blumen am Boden.)

Libussa. Noch einmal nenn ich klug dich und auch edel.Bleib hier! Es will das Volk bestimmte Sprüche.Was mir der Geist, in Ahnungen verhülltUnd in Erinnrung an des Vaters Weisheit'Mit unbewiesner Sicherheit verkündet,Sie wollen's prüfen, wollen es begreifenUnd ihres eignen Richters Richter sein.Sei du der Übertrager meiner Worte,Kleid ihnen ein wie's ihrer Fassung ziemt,Was ich errate mehr, als faßlich denke,Und erst als heilsam sich als wahr bewährt.

Primislaus. Du bist umworben von des Landes Höchsten,Bald steht ein Gatte, Fürstin, neben dir.Mein Leben und mein Blut sind dir erbötig;Doch dien ich keinem Mann.

Libussa. So glaubst du wirklich,Die Toren träfe jemals meine Wahl?

Primislaus. Doch wenn das Land nun unterstützt die Werbung?

Libussa. So wirb auch du, ob hoffnungslos wie sie.

Primislaus. Sie sind, noch einmal, dieses Landes Beste.Ich bin der Letzten einer, ohne Schutz.

Libussa. Du bist so machtlos nicht als du wohl glaubst.Weißt du?—Und eben deshalb kam ich her,Trotz jenes Scherzes, erst im Turm, mit Wlasta.Ich weiß es war nur Scherz, doch war er frechUnd er verdiente wohl ein längres Zürnen.Doch kam ich her ob wirklicher Gefahr.Weißt du? Das Volk steht draußen vor den Toren,Sie glauben dich in Haft, bedroht dein LebenUnd fordern dich zurück mit Wut und Trotz.

Primislaus. Ist hier kein Schwert? Wo sind die Waffenmänner,Die kurz vorher sich feindlich mir genaht?Ich will hinaus! ich will den Aufruhr lehren,Daß rohe Macht nur Macht ist im GehorsamUnd Niedres sich vor Höherm willig beugt.

Libussa. Da wäre ja der Schützer den ich brauche!Du bist ein Mann, dir folgen sie wohl willig,Sehn sie in dir das Bild doch des Geschlechts.Hartnäckigkeit hat dich als Mann bewiesen.

Primislaus. Wenn du Beharrlichkeit statt dessen sagst,Hast du genannt vielleicht den einz'gen VorzugIn dem die Frau nachsieht dem festen Mann.


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