The Project Gutenberg eBook ofLibussa

The Project Gutenberg eBook ofLibussaThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: LibussaAuthor: Franz GrillparzerRelease date: October 1, 2005 [eBook #9049]Most recently updated: January 2, 2021Language: GermanCredits: Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LIBUSSA ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: LibussaAuthor: Franz GrillparzerRelease date: October 1, 2005 [eBook #9049]Most recently updated: January 2, 2021Language: GermanCredits: Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau

Title: Libussa

Author: Franz Grillparzer

Author: Franz Grillparzer

Release date: October 1, 2005 [eBook #9049]Most recently updated: January 2, 2021

Language: German

Credits: Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LIBUSSA ***

Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.

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von FRANZ GRILLPARZER

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Personen:

Kascha, Tetka und Libussa, SchwesternPrimislausDomeslav, Lapak und Biwoy, WladikenWlasta, Dobromila, Swartka, Slawa und Dobra, Dienerinnen der SchwesternEin Weib mit einem KindeLandleuteGewaffneteDiener

Erster Aufzug

Offner Platz im Walde. Rechts im Vorgrunde eine Hütte. Daneben brennt ein Feuer.

Primislaus (an der Tür der Hütte horchend).Bist du schon fertig?

Libussa (von innen).Nein.

Primislaus (nach vorn kommend).Ihr Götter!Ist es denn wahr? und ist es wirklich so?Daß ich im Walde ging, längshin am Gießbach,Und nun ein Schrei in meine Ohren fällt,Und eines Weibes leuchtende Gewande,Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken.Ich eile hin und fasse sie, und trageDie süße Beute, laue Tropfen regnend,Hierher; und sie erholt sich, und ich löseDie goldnen Schuhe selbst ihr von den Füßen,Und breit ins Gras den schwergesognen Schleier,Und meine Hütt' empfängt den teuern Gast.Glückselige, ihr meiner Schwester Kleider,Die sie getragen und mir sterbend ließ,Ihr werdet dieser Hohen Leib umhüllen,Und näher sie mir zaubern, die so fern.

Libussa (in ländlicher Tracht aus der Hütte tretend).Hier bin ich, und verwandelt wie du siehst.Des Bauern Kleider hüllen minder warm nichtAls eines Fürsten Rock; insoweit, merk ich,Sind sie sich gleich.

Primislaus. Du Hohe, Herrliche!Wie zierst du diese ländlich niedre Tracht!Das Bild der Schwester, die mir kaum entschwand,Es tritt in dir neu atmend mir entgegen,Dasselbe Bild, doch lieblicher, gewiß.

Libussa. Auch für die Kleider Dank! du mein Erretter!Wenn Rettung ja wo die Gefahr nicht groß.Ich half mir selbst, glaub nur! erschienst du nicht.Doch nun erfülle ganz dein schönes WortUnd bring mich zu den Meinen wie du wolltest.

Primislaus. Dein edler Leib, bedarf er nicht der Ruh?

Libussa. Ich hab geruht, nun ruft mich ein Geschäft.

Primislaus. Bei dem ein Helfer dich nicht fördert?

Libussa. Nein.

Primislaus. Du hast den Ort bezeichnet, der dein Ziel.Geleiten sollt' ich zu drei Eichen dich,Die auf dem Hügel stehn am Weg nach Budesch.Ist dort dein Haus?

Libussa. Dort nicht.

Primislaus. Vielleicht von da ausErkennst du selbst den Weg?

Libussa. So ist's.

Primislaus. Und ichSoll dort dem Ungefähr dich übergeben,Das niemals wohl uns mehr zusammenführt?

Libussa. Der Menschen Wege kreuzen sich gar vielfachUnd leicht begegnet sich Getrennter Pfad.

Primislaus. Du bist kein Weib um das man werben könnte?

Libussa. Du hast's erraten.

Primislaus. Und, verbeut's dein Stand,Sind's andre Gründe, die's verbieten?

Libussa. Beides.Nun noch einmal: gedenke deines WortsUnd führe mich aus dieses Waldes SchlündenZum Ziele meines Weges, das du kennst.

Primislaus. Wohl, du gebeutst und ich muß dir gehorchen.Dort angebunden steht mein wackres Roß,Gefällt's dir, so besteig es, und ich leiteAm Zügel es den Trennungs-Eichen zu.Den Trennungs-Eichen! Wohl für immer. Sei's denn!Dein Schmuck liegt hier im Grase rings verstreut.Der Schleier da, die goldnen Schuhe hier,Des Gürtels reiche Ketten aufgesprengtUnd in zwei Stücken ein so schönes Ganze.Ich samml' es dir und trag es dienend nach,Bis an dem Ort der Trennung du's erhältst.Und kehr ich wieder in die heim'sche HütteIst deines Daseins jede Spur verweht,Das Gras selbst wo du tratest, es ersteht,Und wie ein Träumender nach seines Traums Entschwinden,Frag ich mich selbst: wie war's? und weiß mich nicht zu finden.Komm denn!

Libussa. Noch eins vorerst, das ich vergaß.(Sie geht in die Hütte.)

Primislaus. Ich will ein Zeichen nehmen meiner Tat,Daran ich sie, sie mich dereinst erkennt,Denn sie verhehlt, ich seh's, mit Fleiß ihr edles Selbst.Des Gürtels goldnen Ketten eingefügtSeh ich ein Kleinod, wohl nicht reich zumeist,Allein beprägt mit Bildern und mit Sprüchen;Das lös ich los und wahre mir's als Pfand,Das Namen mir enthüllt und Stamm und Haus und Stand.(Er steckt das Kleinod in den Busen und sammelt Libussens übriges Geräte.)

(Libussa kommt zurück, ein Körbchen mit Kräutern tragend.)

Libussa. Sieh mich zurück!

Primislaus. Und mich bereit.

Libussa. Wohlan!Wo ist dein Pferd?

Primislaus. Sieh, dort!

Libussa. So komm!

Primislaus. Mit Gott!

(Sie gehen. Primislaus Libussas Gewande tragend.—Pause. Dann kommtWlasta mit einem Jagdspieße bewaffnet, von der linken Seite.)

Wlasta. Und nirgends Menschen?—Doch! Hier eine Hütte.(An die Türe schlagend.)Ihr drin im Hause!—Keine Antwort?(Nachdem sie die Türe geöffnet.)Leer!Und wieder keine Spur und keine Kunde.

(Dobromila tritt im Hintergrunde auf.)

Wlasta. Wer schreitet dort?

Dobromila. Hallo! Libussas Mägde!

Wlasta. Libussas Mägde hier!

Dobromila. Bist du's, o Wlasta?

Wlasta. Ich bin's. Suchst du die Fürstin?

Dobromila. Wohl, Libussa.

Wlasta. Und keine Spur?

Dobromila. Noch keine. Einsam ging sie,Nach Kräutern suchend für den kranken Vater,Von Psary aus, dem Schloß, gen Budesch zu,Und ward nicht mehr gesehn.

Wlasta. Wie lebt der Fürst?

Dobromila. Er lebt wie einer, der zu leben aufhört,Ich fürchte bald, er stirbt.

Wlasta. Ei, seine Töchter,Gar hoch erfahren in geheimer Kunst,Sie hindern wohl sein Ende.

Dobromila. Ach, die Kunst,Sie endet auch, oft eh' man noch am Ende.Komm, laß uns jetzt nach Budesch, und im GehnErheben wir die Stimme Zeichen gebend,Vielleicht vernimmt's die Fürstin und erscheint.

Wlasta. Hier läuft ein Pfad. Du rechts, ich links ins DickichtUnd ausgeruft: Libussas Mägde, ho!

Dobromila (schon außer der Szene).Libussa!

(Beide ab.)

————————

Schloß der Schwestern auf Budesch.

Innerer Hof. Links ein Teil der Wohngebäude mit einer Pforte. DerHintergrund durch eine wallartige Terrasse geschlossen mit einem großenEingangstor. Oben sitzt Swartka. Links nach vorn Dobra an einem Tische,auf dem ein aufgeschlagenes großes Buch liegt. Ein großer ehernerLeuchter mit brennendem Licht steht neben ihr.

Dobra. Was ist die Zeit?

Swartka. Längst Mitternacht vorüber.Die Sterne gehen scharenweis zur RuhUnd ein Gebilde schwindet nach dem andern.Den Reihen führt der flammende Arktur,Die Krone sinkt am Himmel und der AdlerLenkt nach den Bergen seinen müden Flug.

Dobra (in dem Buche nachsehend).O weh, o weh!

Swartka. Was klagst, was jammerst du?

Dobra. Wenn Mars und Jupiter sich so begegnenIst das die Stunde, die dem Leben droht.Weh, Herzog Krokus, wenn du ja noch lebst.Welch Sternbild glänzt zuhöchst?

Swartka. Ob meiner ScheitelSpannt seine Flügel aus der helle Schwan,Ein Erbe recht der Sterne, welche gingen,Und wie geschlagne Saiten zitternd klingenKommt an mein Aug' der Leier Strahl heran.

Dobra. O mög' es gute Vorbedeutung seinFür meiner Frauen Zukunft. Doch davonSchweigt dieses Buch.

Swartka. Fuchs, Fisch und Eidechs drängenDie niedre Form dem edlen Vogel nach,Die kluge Schlange droht mit fahlem Blinken,Und auf dem Pfad der königlichen SterneFolgt namenloses Volk zu weiter Ferne.

Dobra. Laß nun genug sein, Swartka! Komm herab!Es wachen Kascha noch und Tetka obenIn ihrer Kammer. Laß zu ihnen uns,Sie werden ihrer Diener Eifer loben.

Swartka. Ich komme. Harre noch!(Sie steigt herab.)

(Es wird ans Tor geschlagen.)

Von außen. Macht auf! Macht auf!

Dobra. Wer lärmt?

Von außen. Macht auf um aller Götter willen!

Dobra. Geh Swartka hin und öffne nur das Tor!Der Lärm tut's an Gewicht dem Anlaß wohl zuvor.

(Durchs geöffnete Tor dringen Domaslav, Biwoy, Lapak herein.Volk hinter ihnen.)

Domaslav. Wo sind die Fürstinnen? bring mich vor sie!

Dobra. Sie wachen noch, doch zeigen sie sich nie.

Lapak. Auch nicht dem Bringer wichtig schwerer Kunde?

Dobra. Das Wicht'ge wiegt nicht gleich in dein', in ihrem Munde.

Domaslav. Doch frommt es uns, es frommt dem ganzen Land.

Dobra. Ob's ihnen selber frommt, blieb dir wohl unbekannt.

Biwoy. So hebt die Stimme, schlaget an die Schilde,Sie müssen uns vernehmen, sei's mit Zwang.

Dobra. Am Tor der Einsicht tobt und lärmt der Wilde,Hört er am liebsten doch der eignen Worte Klang.

Lapak. So wisse denn: der Fürst, der uns gebot,Der Böhmen Herr und deiner Frauen Vater,Fürst Krokus lebt nicht mehr.

Dobra. Ihr Götter! tot?

Lapak. Des Landes Hort, sein Schirmer und BeraterStarb diese Nacht.

Dobra. So ist sie wahr gewesenDie Kunde, die mein Aug' in Sternenschrift gelesen?Fürst Krokus tot!

Biwoy. Du siehst, der Grund genügt,Daß man den Schlummer stört, in dem ein Weib sich wiegt.

Dobra. Sie schlummern nicht, doch wenn in Schlaf versenket,Ihr Träumen acht ich mehr als was ihr andern denket.

Biwoy. Nun wohl, so rüttl' ich selber an der Tür,Wenn sie zu uns nicht, wohl, komm ich zu ihr.

(Er geht auf die Türe zu. Diese öffnet sich und Tetka und Kascha treten heraus. Erstere eine offene Rolle in der Hand, die zweite das Haupt nachdenklich gesenkt. Alle weichen ehrerbietig zurück.)

Kascha. Ich sage dir: es war um MitternachtDa ging er heim und segnete das Leben;Hätt' ich der Zeichen Widerstreit bedacht,Vielleicht war's Zeit ihm Fristung noch zu geben.

Tetka. Libussa war bei ihm.

Kascha. Fast glaub ich: Nein.Ihr Platz ist dunkel in den sonn'gen Kreisen.

Tetka. Wo blieb sie sonst?

Kascha. Bald wird mir's klarer sein.Die nächste Stunde muß ihr Handeln weisen.Gab sie ihm jenen Trank, den du wohl kennst,Gepreßt von Kräutern, die die Wälder bieten,Vielleicht starb er noch nicht.

Tetka. Daß es nicht möglich ist,Die Krankheit aufzuhalten, ja den TodDurch Vorsatz und Entschluß! Kann einer sterbenWeil er nicht leben will; warum nicht lebenWeil er dem Tod sich weigert? Könnte SchwächeSo viel, und Stärke nichts? Stand ich am BetteDes Vaters, und erinnerte ihn dranWie vielen fromme, daß er länger lebe,Er sah dem Tod ins Aug' und starb noch nicht.

Kascha. Wie gerne bot sich heilend meine Kunst.

Tetka. Ich ehre deine Kunst, weil du sie denkest,Doch hilft sie dem nur der wie du gedacht.Wenn du den Kranken mit dem Besten tränkest,Er stirbt, hält er für Gift was du gebracht.Als Krücke mag es sein daß sie noch leisteFür schwache Seelen, die am Willen krank,In Wahrheit hilft doch nur der Geist dem Geiste,Er ist der Arzt, das Bette und der Trank.Wenn ich mich über unsern Vater neigteUnd ihm die Sprüche alter Weisheit las,Der Seinen Not, der Feinde Scheelsucht zeigte,Er faßte neuen Mut und er genas.

Kascha. Nun aber ist er tot, wir sind verwaist.

Tetka. Bist du verwaist? ich nicht. Ich seh ihn noch,Nicht wie zuletzt in seiner Schwachheit Banden.Ehrwürd'ger Greis, war Greis er immer doch,Mir ist er als ein Jüngling auferstanden.

Lapak (näher tretend).Erhabne Fürstinnen!

Kascha. Was ist?

Tetka. Was sucht, was wollt ihr?

Domaslav. Die Nachricht euch zu bringen sind wir da—

Kascha. Wir haben es gewußt, bevor es noch geschah.

Tetka. Als ihr noch hofftet, zagtet, dies und das gemeint,Da war es uns bekannt, da haben wir's beweint.

Lapak. Wenn nun der Tod den besten Fürsten schlug—

Kascha. Zu gut für euch, für uns nicht gut genug.Denn sorgt' er nicht um euch, und dacht' er an die Seinen,Ihr lebtet wüst wie vor, wir brauchten nicht zu weinen.

Tetka. Weil euer Trutz vergällt ihm jeden Tag,Gab er dem Kummer sich und welkte hin, erlag.

Domaslav. Wenn's nun auch so, und wenn die Sorg' um unsBeschwert sein Leben, gar es ihm geraubt,Laßt das uns nicht entgelten, hohe Frauen,Belohnt, mit dem wir nahn, das kindliche Vertrauen,Vollendet was begann des Vaters hohes Haupt.

Lapak. Die Krone die er trug, dies Land, sein ReichVerschmäht sie nicht und nehmt, wählt eine unter euch.

Domaslav. Ihr stammet, wissen wir, von höhern Mächten,Wir sind ein dunkles Volk, unkundig in den Rechten;Der Stab, der in Fürst Krokus Händen lag,Wer, als sein eignes Blut, zu halten ihn vermag?

Alle (auf die Knie sinkend).Nehmt unsre Krone! Wählet! Kascha, du!

Kascha.Unter Sternen schweif ich,In der Tiefe walt ich;Was Natur vermag und kannIst mir willig untertan.Das Leblose lebt,Des Lebend'gen Dasein ist Tod.Ich mag nicht herrschen über Leichen,Geht zu andern mit euern Reichen,Was ist mir gemein mit euch?

Lapak. So nimm denn Tetka du dich unser an!

Tetka.Was sein soll ist nur Eins,Was sein kann ist ein Vieles,Ich aber will sein einig und Eins.Nutzen und Vorteil zählen,Aus Wahrheit und Lüge wählen,Recht erdenken das kein Recht,Dafür sucht einen Sündenknecht.Mein sonnig Reich strahlt hellres Licht,Von mir! Ich mag eure Krone nicht!

Lapak. So laßt ihr uns denn hilflos und verwaist!Wo ist Libussa eure jüngste Schwester?

Tetka. Sie ist nicht heim. Allein, wenn auch zu Hause,Sie folgt euch nicht.

Domaslav. Laßt uns es doch versuchen.

Tetka. Ich sag euch, sie verweigert's.

Lapak. Gut. Doch hören,Anhören soll sie uns. Erlaubt zu harren.

Kascha. Seht ihr so gern noch einmal euch verschmäht,So wartet bis sie naht. Geht dort hinein!Ihr aber gebt was sie am meisten lockt,'Gebt ihnen Speis' und Trank, und damit gut.

Domaslav. Wir nehmen unsern Urlaub, hohe Frauen.

Kascha. Gehabt euch wohl! Und, wenn nicht eure Fürstin,Bin ich euch Freundin doch.

(Die Abgeordneten werden durch eine Pforte links abgeführt.)

Nun aber ihr!Stellt euch ringsum, senkt eure düstern Schleier,Und feiert still und trauernd das GedächtnisDes edlen Manns, der unsern Kreis verließ.Nacht um uns und Dunkel,Damit in uns es Licht!

(Alle verhüllen sich, die Szene verwandelt sich.)

————————

Kurze Waldgegend. Es ist noch dunkel.

Primislaus tritt auf, ein weißes Roß am Zügel führend, auf demLibussa sitzt.

Primislaus. Hier ist der Ort, den du mir hast bezeichnet.Der Weg nach Budesch dies, dies die drei Eichen,Gelöst hab ich mein Wort.

Libussa. Sei drum bedankt.

Primislaus. Nun soll ich von dir scheiden, dich verlassen,Dich nie mehr wiedersehn vielleicht?

Libussa. Vielleicht.

Primislaus. Du bist kein Weib um das man werben könnte?

Libussa. Ich hab es schon verneint.

Primislaus. Träf' ich dich wieder,Je wieder, glaub, ich würde dich erkennen,Wär's unter Tausenden. Doch du auch mich?Im Dunkel fand ich dich, im Dunkel scheid ich.Gib mir ein Zeichen dran du mich erkennstWenn ich dich wiederseh.

Libussa. Es ist nicht nötig.

Primislaus. Doch wenn rückkehrend ich in meine HütteEin Kleinod fände das dir angehört?

Libussa. Bring es hierher, ich werde darnach sendenUnd lös es gern um Gold und jeden Preis.

Primislaus. Für mich ist Gold kein Preis. So laß uns scheiden!Dein Schleier und die schimmernden Gewande,In denen ich den Fluten dich entriß,Hier eingebunden trägt's des Pferdes Rücken.Nur eine Kette noch, es war dein Gürtel,Der unter meiner Retterhand zerstückt,Doch fügt' ich neu die goldnen Hakenglieder,Neig mir dein Haupt und trag den neuen Schmuck.

(Libussa senkt ihr Haupt, er hängt ihr die Kette um den Hals.)

So zier ich dich du Schöne, Hehre, Hohe;Für wen? ich weiß nicht; ist's doch nicht für mich.Und so leb wohl!

Libussa. Auch du!

Primislaus. Nur noch drei Schritte.Dort teilt, von selber kennbar, sich der WegUnd leicht gelangst du wieder zu den Deinen,Wenn du den Waldpfad rechts nur sorglich meidest,Die du, ein Märchen, kamst, und eine Wahrheit scheidest.(Das Pferd leitend.)Vertrau dem Pferd, es trägt dich gut und sicher.

(Beide ab.)

————————

Vorhof auf dem Schloß der Schwestern.

Kascha, Tetka und ihre Jungfrauen in derselben Stellung wie am Schluß der vorletzten Szene.

Kascha. Das Totenopfer ist nach Recht vollbracht,Nun laßt uns sorgen für die Lebenden.

(Alle erheben sich.)

Libussa ist nicht hier. Auch war sie, scheint es,Bei unsers Vaters Tode nicht.

Swartka. So ist's.

Kascha (zu Tetka).Was sagt der Geist in dir?

Tetka. Er schweigt. Nur dunkelErtönt es wie von Not und Fährlichkeit.

Kascha (die starr auf den Boden gesehen hat.).Sie ist in jener Lagen einer, spricht's mir,Aus denen Glück und Unglück gleich entsteht,Am Scheideweg von Seligkeit und Jammer.Horch! Spricht ein Mann?

Tetka. Wo?

Kascha. Nein, Libussa spricht.Allein sie ist begleitet.

Tetka. Wie auch immer!Sie sei gefunden und ihr Heil bewahrt.Die Diener sendet aus, die Männer alleMit Leuchten, Fackeln in den dunkeln Wald.Ihr andern aber steigt dort auf die Zinnen!Die Opferpauke tön', ein fernes Zeichen,Dem Ohr der Irrenden bekannter Schall.Und alle ruft: Libussa. Auf!

Die Mädchen (zum Teile den Wall hinaneilend).Libussa!

(Der Ton eines fernen Horns wird gehört. Alle stehen unbeweglich.)

Dobra. Das sind sie; ja, Libussens Mägde. WlastaUnd Dobromila auf der Herrin Spur.

Tetka (heftig).Libussa, hier!

(Der Ton des Horns etwas näher.)

Sie ist's. Tut auf die PfortenUnd eilt entgegen ihr mit Licht und Beistand.

(Man öffnet. Einige gehen hinaus, andere bleiben in der Brüstung desTors stehen, darunter Swartka.)

Swartka. Sie kommt, und hoch zu Roß. Und Wlasta, DobromilaBegleiten sie und blasen in ihr Horn.

(Libussa wird in der Torbrüstung sichtbar. Sie hat einen weißen Mantel übergeworfen und ein Federbarett auf dem Kopfe. Wlasta und Dobromila gewaffnet hinter ihr.)

Libussa. Führt nur das Pferd zurück zu den drei Eichen,Und trefft ihr einen Mann, stellt's ihm zurück.

(Eine Jungfrau geht.)

Wart ihr besorgt?

Tetka. Wie sehr!

Kascha. Ich nicht, ich wußteDu kamst.

Libussa. Doch lag einmal die Sorge nah.Im Wald verirrt, nicht Wegesspur, noch Führer,Ein Gießbach wollte sich das Ansehn gebenAls sei er fürchterlich. Da kam mir Hilfe.(Vor Tetka tretend und ihr ins Auge blickend.)Doch unser Vater, gelt!

Tetka. Ja wohl.

Libussa (an ihrem Halse).O meine Schwester!Und ich war fern!

Tetka. Wie kam's?

Libussa (sich aufrichtend).In all der ZeitAls ich an seinem Bette saß und wachte,Da schwebte vor den Augen des Gemüts,Hatt' ich's gehört nun, oder wußt' ich's sonst,Das Bild mir einer Blume, weiß und klein,Mit siebenspalt'gem Kelch und schmalen Blättern;Die gib dem Vater, sprach's, und er genest.In feuchten Gründen, schien es, wachse sie,Das Tal von Budesch mußt' ich immer denken.Da nahm ich Korb und Griffel und ging hin.Ich suchte und er starb. Solang ich lebeWill büßen ich die unfreiwill'ge Schuld,Und dies mein Aug', es sei vom heut'gen TagGeweiht den Tränen um den Edlen, Guten.

Tetka (sie umarmend).Ja wohl Libussa, Trauer sei und KlageGeschäft uns und Erholung allen Drei'n.

Kascha. Sag Zwei'n.

Libussa (gereizt).Warum? Wen schließest du nur aus?

Kascha. Die, welcher obliegt mehr als ihn beklagen:Zu folgen ihm in seiner harten Pflicht.Des Czechenvolkes Erste sind im Schloß;Sie fordern von Fürst Krokus Töchtern eineAls Herzogin für das verwaiste Land.

Libussa. Nehmt ihr's, ich nicht!

Kascha. So sprachen wir schon beide.Doch sähe gern der Vater unvollendetWas er für dieses dunkle Volk getan?Und heißt es sein Gedächtnis hoch nicht ehren,Fortsetzen, wenn auch schwach, was er begann?

Libussa. Doch welche nimmt's?

Kascha. Laßt denn das Los entscheiden.

Libussa. Wie nur?

Kascha. So hört was ich mir ausgedacht.Uns jeder gab der Vater, der nun tot,Am Jahrestag von unsrer Mutter ScheidenEin kostbar Kleinod mit der Eltern BildIn halberhobner Arbeit dargestellt,Als Gürtel eingefaßt in goldne Spangen.Und da die Zierde gleich, so sagt der NameDer Eignerin mit Sorgfalt eingeprägt:Libussens bin ich, Tetkas oder Kaschas.Die Gürtel nun, des Vaters letzte GabeUnd geistiges Vermächtnis noch dazu—Sprach er doch ja: so oft ihr sie vereint,Will ich im Geist bei euch sein und mit Rat—Laßt legen uns in diese Opferschale.Tetka, die Ernste, trete dann hinzuUnd deren Namen, blind sie greifend, faßt,Die ist befreit, und also auch die Zweite.Der Dritten Gürtel wird zum DiademSie folgt, ob ungern, in die Fürstenwohnung.Seid ihr's zufrieden?

Libussa (Barett und Mantel abgebend und in Bauerntracht dastehend).Wohl.

Tetka. Libussa, du?Wie sonderbar gekleidet.

Libussa (sich betrachtend).Sonderbar?Vergaß ich's doch beinah! Je, gute Tetka,Der Zufall kommt und meldet sich nicht an,Auftauchend ist er da; und wohl uns, wenn beim ScheidenEr äußerlich verändert nur uns läßt.Das Kleid ist warm, und also lieb ich es.

Tetka. Doch wir—?

Libussa (das Geschmeide vom Halse nehmend).Hier ist mein Gürtel.

Tetka (ihren Gürtel ablösend).Hier der meine.

Kascha (Libussens Geschmeide nehmend).Am Hals?

Libussa. Und doch er selbst, wie ich dieselbe.

Kascha. Das ist dein Gürtel nicht.

Libussa. Wie wäre das?

Kascha. Die Ketten wohl; allein der Mutter Bildnis,Das Mittelkleinod fehlt mit deinem Namen,O Unbesonnene!

Libussa. Was schmähst du mich?

(Die abgesendeten Jungfrauen kommen zurück.)

Dobromila. Wir waren, hohe Frau, bei den drei Eichen,Wie du befahlst, und suchten jenen Mann.Doch kam er nicht und war nicht aufzufinden.

Libussa. Nun, es ist gut. (Vor sich hin.) Das hat mir der getan!

(Die Jungfrauen ziehen sich zurück.)

Kascha. Die Nacht im Wald, in Bauerntracht gehüllt,Verloren deines Vaters Angedenken.

Libussa. Mein Vater lebt, ein Lebender, in mir,So lang ich atme lebt auch sein Gedächtnis.

Kascha. Die Liebe knüpft sich gern an feste Zeichen,Der Leichtsinn liebt was schwankend so wie er.

Libussa. Mit einem Wort löst' ich die Rätsel leicht,Doch würdet ihr's entstellen und verkehren.Drum halt nur was du weißt, mein sichres Herz!

Kascha (Libussas Geschmeide hinwerfend).Der Kreis getrennt. Du kannst mit uns nicht losen.

Libussa (auf deren Wink eine Jungfrau das Geschmeide aufhebt).Nicht losen? Und wer weiß, ob ich's auch will?Ein Schritt aus dem Gewohnten, merk ich wohl,Er zieht unhaltsam hin auf neue Bahnen,Nur vorwärts führt das Leben, rückwärts nie.Ich soll nicht losen? Und ich will es nicht.Wo sind die Männer aus der Czechen Rat?Den Vater will ich ehren durch die Tat,Mögt ihr das Los mit dumpfen Brüten fragen:Ich will sein Amt und seine Krone tragen.

Tetka. Libussa, oh!

Kascha. Hör erst auf mich, Libussa!Wenn ich gekränkt dich mit zu raschem Wort—

Libussa. Du kränktest mich nicht mehr, ich seh's, als dich.Doch was ich sprach, es bleibt. Mein Wort ein Fels.Und mag ich's nur gestehn! Denk ich von heutMich wieder hier in eurer stillen WohnungBeschäftigt mit—weiß ich doch kaum womit—Mit Mitteln zu den Mitteln eines Zwecks,Mit Mond und Sternen, Kräutern, Lettern, Zahlen,Dünkt's allermeist einförmig mir und kahl.Dies Kleid es reibt die Haut mit dichtern FädenUnd weckt die Wärme bis zur tiefsten BrustMit Menschen Mensch sein dünkt von heut mir Lust,Des Mitgefühles Pulse fühl ich schlagen,Drum will ich dieser Menschen Krone tragen.

Heraus Wladiken! Czechenvolk heraus!

Die Jungfrauen (rufen).Libussa Herzogin! Der Böhmen Fürstin!

(Domaslav, Biwoy, Lapak und die übrigen Abgeordneten aus der Pforte links.)

Domaslav. Täuscht unser Ohr und hörten wir genau?Erkürt der Böhmen Fürstin, unsre Frau?Und welche will—?

Libussa. Hier ist von Wollen nicht,Von Müssen ist die Rede und von Pflicht.Und da nun eine muß aus unsrer Zahl,So will ich und begebe mich der Wahl.

Lapak. Libussa, du?

Libussa. Die Jüngste aus dem KreiseUnd minder gut vielleicht als sie und minder weise,Auf ihnen würde Hohes gut beruhn;Doch handelt sich's um irdisch niedres Tun,Wo zu viel Einsicht schädlich dem Vollbringen,Fernsichtigkeit geht fehl in nahen Dingen.Wenn nun des Vaters Geist auf mir beruht,So fügt sich's wie es kann und, hoff ich, gut.Seid ihr's zufrieden?

Die Abgeordneten (kniend).Hoch Libussa, hoch!Der Böhmen Herzogin, der Czechen Fürstin!

Libussa. Steht auf! sind's diese nicht und dieser OrtWas euch zu Boden zieht. Doch hört mein Wort.Es hielt euch fest des Vaters strenge RechteUnd beugt' euch in heilsam weises Joch.Ich bin ein Weib und, ob ich es vermochte,So widert mir die starre Härte doch.Wollt ihr nun mein als einer Frau gedenken,Lenksam dem Zaum, so daß kein Stachel not,Will freudig ich die Ruhmesbahn euch lenken,Ein überhörtes wär' mein letzt' Gebot.So wie ich ungern nun von hinnen scheide,Lenkt' ich zurück dann meinen müden LaufUnd träte bittend zwischen diese beide;Ihr nähmet, Schwestern, mich doch wieder auf?

Kascha. Wenn du's noch kannst, von Irdischem umnachtet.

Tetka. Wer handelt geht oft fehl.

Libussa. Auch wer betrachtet!

Domaslav. Nicht fruchtlos sollst du, zweimal nicht uns mahnen,Nimm unsern Schwur darauf und unsrer Untertanen.

Libussa. Dies letzte Wort, es sei von euch verbannt,In Zukunft herrscht nur eines hier im Land:Das kindliche Vertraun. Und nennt ihr's Macht,Nennt ihr ein Opfer das sich selbst gebracht,Die Willkür, die sich allzu frei geschienenUnd, eigner Herrschaft bang, beschloß zu dienen.Wollt ihr als Brüder leben, eines Sinns,So nennt mich eure Fürstin und ich bin's;Doch sollt' ich zwein ein zweifach Recht erdenken,Wollt' eher ich an euch euch selbst als Sklaven schenken.Seid ihr's zufrieden so?

Alle. Wir wollen!

Libussa. Nun so kommt.Allein vergäßt ihr was uns allen frommt,(auf ihre Schwestern zeigend)Da diese hier den Rücktritt mir versagen,So ging' ich hin es meinem Vater klagen.

Lebt, Schwestern, wohl! Auf Wiedersehn, und bald!Ihr andern folgt und jubelt durch den Wald.Ihr Mädchen mir voraus, und stoßt ins Horn,Bis jetzt mir nächst, steht billig ihr nun vorn.Und so, gehobnen Haupts, mit furchtlos offnen Blicken,Entgegen kühn den kommenden Geschicken.

Die Männer. Libussa hoch! der Böhmen Herzogin!

(Man hat Libussa wieder den Mantel und das Federbarett gegeben; sie geht, die Mädchen vor ihr her, die Männer schließen. Alle mit Fackeln und Jubel durch das mittlere Tor ab.)

Kascha. Hast du gehört?

Tetka. Ja wohl.

Kascha. Nun?

Tetka. Ich bedaure sie,Sie wird's bereun, und früher als sie denkt.

Kascha. Die Roheit kann des Höhern nicht entbehren,Doch hat sie's angefaßt, will sie's in sich verkehren,Wer nicht wie Menschen sein will, schwach und klein,Der halte sich von Menschennähe rein.Komm mit!

Tetka. Wohin?

Kascha. An unser täglich Werk.Ihr aber reinigt mir so Hof als Hallen,Was hier geschehn, es sei in Traum zerfallen.

(Die Schwestern mit Begleitung ab.)

Dobra. Nun wir denn auch ans Werk und gib mir KundeOb gutes Zeichen eintritt diese Stunde.Welch Sternbild herrscht?

Swartka (auf der Höhe der Mauer).Die Jungfrau blinkt, doch nein,Ich irrte mich, es ist des Löwen Macht,Der auf sein Böhmen schaut.

Dobra (gen Himmel blickend).Hältst du auch sichre Wacht?

Swartka (mit halbem Leibe über die Brustwehr gelehnt und laut ausrufend).Der Osten graut, dem Tage weicht die Nacht!

Zweiter Aufzug

Ebene an den Ufern der Moldau. Rechts ein Teil von Libussas Wohnung. Auf derselben Seite nach vorn ein kleines Gebüsch, vor dem ein Weib mit einem etwa vierjährigen Kinde sitzt. Links gegenüber ein Tisch mit plaudernden und zechenden Gesellen. Zwei darunter spielen eine Art rohes Brettspiel. Im Hintergrunde wird zu einer Zither getanzt.

Das Weib (ihren Knaben emporhebend).Nun, Tomyn, spring!

Einer der Spielenden. Ei ja, der schwarze Stein,Er stand erst hier.

Zweiter. Dir fällt wohl gar noch ein,Daß ich betrüg im Spiel?

Erster. Wer denkt an das;Sei mir nicht bös und zieh!

(Sie spielen weiter.)

Ein Alter. Ja, laßt euch sagen:Fürst Krokus war ein Held in seinen Tagen.Der schlug, wenn's etwa galt, auch einmal losUnd ließ den Mann am Herde nicht vertöffeln,Da saßen wir die Hände nicht im SchoßUnd suppten Frieden aus mit breiten Löffeln.

Ein Jüngerer. Je nun, der Löffel hat noch keinen Mund zerrissen,Des Krieges Messer schneid't mitunter harte Bissen.Der Großen breiter Schlund mag derlei noch vertragen,Den Kleinen stumpft die Zähn' er und verdirbt den Magen.Ich lobe mir den Frieden.

Alter. Je, was denkst du?Versteh mich recht.(Den Becher hebend.)Libussa hoch!

Alle am Tische (ebenso).Libussa!

(Ein Gewaffneter und Wlasta mit Brustharnisch und Helm an seiner Seite haben, wie beaufsichtigend, die Menge durchschritten.)

Gewaffneter (zum Tische tretend).Ist's hier so laut?

Alter. Wir sprachen von Libussen,Und wenn auch laut, wer spricht da laut genug?

Wlasta. Doch horcht! Der Arbeit Ablösstunde schlug.

(Man hört Gesang von Männerstimmen. Mehrere Feldarbeiter kommen, sich paarweise umschlingend, die Jacken über die Schultern gehängt. Sie singen:)

Ruh' nach der ArbeitWird wohler tun,Denn wer nicht müdeKann auch nicht ruhn.

Einer von denen am Tische. Willkommen! Schon zurück?

Einer der Gekommenen. Was denkst du, Lieber?Der Teil des Tags, der uns traf, ist vorüber,Nun kommt's an euch.

Der Erste (aufstehend).Wir sind auch schon bereit.Zur Arbeit, ho!

(Mehrere am Tische stehen auf und nehmen die abgelegten Jacken auf.)

Kamt ihr im Pflügen weit?

Der Andere. Zum Rain.

Der Erste. Macht's heiß,

Der Andere. Je nu, es sengt die Matten(Den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirne wischend.)Doch der die Sonne gibt, der gibt zuletzt auch Schatten.

Der Erste. Macht's euch bequem.(Zu den andern vom Tische Aufgestandenen.)Ihr kommt!

Einer von ihnen (zum Schenken).Noch einen Trunk!

Schenke. Was meinst du auch? Ich denk du hast genung,Sonst gibt es eitel Zank, wie jüngst beim Frühlingsfeste.Die Fürstin liebt das nicht. Halt's wie die andern Gäste!

Der Vorige. So wart ich bis zum Quell.

Schenke. Tu das, es kühlt den BrandUnd heiter bleibt der Kopf und rührig Fuß und Hand.

Wlasta (die gewaffnet ab und zu gegangen ist, ohne Strenge).Zur Arbeit!

Der letzt Zurückgebliebene. Wohl! Das ist ja was ich meine.

(Er und die übrigen Aufgestandenen nach der rechten Seite ab. Die neuGekommenen setzen sich.)

Der Erste von ihnen (zum Alten).Wir pflügten heut dein Feld.

Alter. Ging's gut?

Der Pflüger. Ei, gar viel Steine,Doch hielten wir darum nur doppelt fest.

Alter. Habt Dank!

Erster Spieler (einen Zug machend).Verloren!

Zweiter (nachdem er das Spiel übersehen, dem andern Geld hinschiebend).Nun, hier ist der Rest.

Erster. Du hörst wohl gar schon auf?

Zweiter (auf eine Figur des Brettspieles zeigend).Fraß alles doch der Reiter.

Erster (einen Teil des Geldes zurückschiebend).Nimm von dem meinen da und spielen wir nur weiter.

Wlasta (hinzutretend).Spielt ihr um Geld?

Erster Spieler. Es gilt kein großes Glück,Wir zahlen nur zum Scherz und geben's dann zurück.

Wlasta. Ihr tut ganz recht, wollt ihr die Fürstin euch gewogen.

Erster Spieler. Wer will das nicht?(Noch eine Handvoll Geld dem andern hinlegend.)Da nimm! und ausgezogen!

(Sie spielen weiter.)

Das Weib im Vordergrunde (das sich unterdessen mit dem Kinde beschäftigthat, zu demselben).Wenn nun die Fürstin kommt, küß ihr den Saum.

(Von den Tanzenden im Hintergrunde löst sich ein Paar los, das jetzt, gegen die Mitte zu, hervor tanzt.)

Einer der Sitzenden. Seht wie der Janek springt, der nimmt sich RaumTanzt er mit Ilsen doch.

(Mehrere stehen auf, dem Tanze zuzusehen.)

Ein Alter (von der linken Seite kommend).Laßt ab, ihr beiden!Wie oft ward's euch gesagt: ich will's nicht leiden.

Einer der Zusehenden. Ei, Alter, trenn es nicht das hübsche Paar!

Der Alte. Zuletzt nennt ihr noch Weib und Mann sie gar.

Der Vorige. Warum auch nicht?

Der Alte. Warum? Ich will's euch sagen—Mein Mädel da ist reich und er hat kaum zu nagen.

Der Vorige. So lebt ihr Alten stets denn in vergangner Zeit?Was gestern fest und wahr ist's darum nicht auch heut.Der Reichtum letzter Zeit kam etwas stark zu Falle,Sonst hatten die und der, nun aber haben alle.Was kaufst du um dein Geld da wo nichts käuflich ist,Das Land ein breiter Tisch, an dem, wer hungert, ißt.Deshalb des Burschen Not, der Tochter dich erbarme,Er hat was ewig reich: ein Herz und rüst'ge Arme.

Das Mädchen. Mein Vater!

Der Alte (zum Gehen gewendet).Ei, ja doch!

Der vorher gesprochen. Geht, folgt ihm auf dem Fuß!Zuletzt sagt er doch ja, und wär's aus Überdruß.

(Musik von der linken Seite.)

Schon wieder Sang und Klang? Das hat nicht Langeweile!

Weiber und Kinder (hüpfend und in die Hände schlagend).Ei schön! Die Knappenschaft des Bergwerks aus der Eule!

(Bergknappen mit Musik von der linken Seite. In der Mitte auf den Schultern von vier Männern eine Tragbahre mit glänzenden Stufen, Erzstücken und Gefäßen voll edlen Metallen.—Die Anwesenden drängen sich betrachtend und bewundernd nach dem Hintergrunde.—Lapak von der linken Seite kommend und Domaslav mit Biwoy rechts auftretend, begegnen sich.)

Lapak. Seid mir gegrüßt!

Domaslav. Und du!

Lapak (auf das Volk weisend).Das freut sich.

Domaslav. In der Tat.

Lapak. Man ist redet glücklich hier.

Domaslav. Und jedermann ist satt.

Lapak. So Herr als Knecht.

Domaslav. Der Knecht nun wohl am meisten.

Lapak. Das möcht' ich mir zu sagen nicht erdreisten.Wir sind doch Herrn.

Domaslav. Und satt so gut als die.(Auf die Menge weisend.)Zwar satt sein ist nicht viel.

Lapak. Zu viel macht doch nur Müh.Libussa—

Domaslav. Ah, sie ist der Frauen Zierde!

Lapak. Gerecht.

Domaslav. Und weise.

Lapak. Mild.

Domaslav. Und doch voll Würde.Nur—

Lapak. Meinst du?

Domaslav. Ich?—Sie ist wie du gesagt.

Lapak. Und wer im ganzen Land zu widersprechen wagt?Zwar wenn—

Domaslav. Erkläre dich!

Lapak. Was ist da zu erklären?Das Land ist segensvoll, und mög' es ewig währen!

Domaslav. Die Dauer freilich—

Lapak. Wohl. Das Schöne währt nur kurz.Und wer die Höhe wählt—

Domaslav. Der wagt zugleich den Sturz.

Lapak. Die Dauer, ja; und, wag ich's anzudeuten—?Siehst du dort Wlasta durch die Männer schreiten?Da Tadeln nun ein Menschenfehler doch—Die Weiber, dächt' ich, stellt sie allzuhoch.Zwar wird sie wissen wohl—

Domaslav.—In ihrer Weisheit Fülle—

Lapak. Warum sie also tut.

Domaslav. Gewiß! Und dann—Doch stille!

Lapak. Was ist?

Domaslav. Mir schien als käme wer.—Dann noch zumeist,Die Niedern find ich werden allzudreist.

Lapak. Man sieht die Achtung doch nicht gerne sich versagen.

Domaslav. Und braucht man nun sein Recht—

Lapak. So eilt das gleich zu klagen.

Domaslav. Ja dies, und daß die Weiber sie so hoch gestellt,Sonst ist ihr Reich—

Beide. Das beste in der Welt.

Domaslav. Und, Biwoy, du schweigst still?

Biwoy. Was bleibt mir über?Hör ich die Klugen sprechen als im Fieber.Verkehrt ist all dies Wesen, eitler Tand,Und los aus seinen Fugen unser Land.Weiber führen Waffen und raten und richten,Der Bauer ein Herr, der Herr mitnichten.Und all dies Tändeln mit sanft und mildGibt höchstens 'ne Sangweis', ein feines Bild;Doch wie's entstand unter einer Stirn,Hat's nirgends Raum als im Menschenhirn.Und fiel' ein Feind in unsre Gauen,Wir würden des allen die Früchte schauen.

Lapak. Wie kurz und rasch.

Domaslav. Fürwahr, er übertreibt.Zwar etwas ist daran—

Lapak. Das etwa übrigbleibt.

Domaslav. Daß ich's denn grad heraus nach meiner Einsicht deute,Dem Ganzen fehlt ein Mann, ein Mann an ihrer Seite.

Lapak. Vielleicht. Zu all den Gaben, die der Fürstin Zier,Ein ruhig sichres Aug'—

Domaslav. Gleich, weiser Lapak, dir.

Lapak. Weis' ist Libussa selbst. Sag: Domaslav der reiche.

Domaslav. Der reiche Domaslav? Sind wir nicht längst denn gleiche?Der starke Biwoy wär' dem Land ein starker Schild.

Biwoy. Mag sein. Doch frägt darnach das zarte Frauenbild?

Domaslav. Wozu noch mehr? Laßt uns zum Werk vereinen!Wir werben ohne Neid. Sie wähle von uns einen.Und wer das Los erhält, gedenke dankbarlichDes Brüderpaars, und stell' als Nächste sie nach sich.

Lapak. Wenn nur—

Wlasta (rufend).Die Fürstin naht.

(Der Tanz hört auf.)

Laßt euch nicht stören!Sie wird in eurer Lust den schönsten Willkomm hören.

(Libussa kommt von der rechten Seite von mehreren begleitet. Sie bleibt betrachtend stehen. Die Tanzenden machen noch einige Schritte, dann hören sie zugleich mit der Musik auf, wobei einige Weiber Blumensträuße zu Libussens Füßen legen.)

Libussa. Habt Dank ihr Leute! Für die Blumen auch,Mich freut es wenn ihr sie, die Frommen, liebt,Und ihnen gleich auch bleibt an stillem Blühn.Was euch die Gärtnerin mit nächster Sorge,Verteilend hilfreich Naß und Wärm' und Schatten,Kann nützlich sein, das ist euch ja gewiß.Die Freude, hoff ich, stört nicht das Geschäft?

Wlasta. Die Pflüger, kaum gewechselt, sind im Feld.

Libussa. Mir schmerzt die Stirn; das zielt auf feuchte Zeit.Sie sollen eilen, daß sie heut vollenden.Doch wird der Sommer heiß. Das Jahr ist gut.Wer sind die Leute dort?

Wlasta. Die KnappenschaftDes Bergwerks aus der Eule. Reiche BeuteDir bietend sind sie da. Willst du sie sprechen?

Libussa. Nicht jetzt. Mich ekelt an der anspruchsvolle Tand.(Einen der Blumensträuße in der Hand haltend.)Die Butterblumen hier sind helles GoldUnd reines Silber nickt in diesen Glöckchen.Hat jemand Lust an ihrem toten HortZu Schmuck und zu Gerät, sei's ihm gegönnt.

Ah, Brom! Wie lebst du und wie lebt dein Weib?Seid ihr versöhnt und streitet ihr nicht mehr?Demnächst komm ich zu dir mich des zu überzeugen.Nicht immer von Gehorsam sprich zu ihr,Sie wird dir um so williger gehorchen.Das heißt: wenn du im Recht; denn hast du unrecht,So seh ich nicht warum sie weichen sollte.Ich blicke rings um mich und finde nirgendsDen Stempel der Mißbill'gung, den NaturDer offnen Stirn des Weibes aufgedrückt.Sieh, deine Fürstin ist ein Weib, und braucht sie Rat,Geht sie zu ihren Schwestern, und hier Wlasta,Sie wacht in Waffen und gebeut statt mir.Fühlt sich dein Knecht als Mensch dem Herren ähnlich,Warum soll sich dein Weib denn minder fühlen?Kein Sklave sei im Haus und keine Sklavin:Am wenigsten die Mutter deines Sohns.

(Zu dem Weibe mit dem Kinde.)Ah, Gute! und dein Kind! Ist's nun gesund?Und machten jene Kräuter es genesen?Doch eine Narbe noch, hier nächst der Stirn!Nimm Pfeilwurz, wie es auf den Wiesen wächstUnd drück ihms an die Stirne wiederholtUnd sag dazu: in Gottesnamen.—Gut!

Auch gibt's hier eine Hochzeit sagt man mir.(Das Tänzerpaar von vorher und der Vater treten näher.)Ei, alter Risbak, fühlst du dich erweichtUnd nennst sie Mann und Weib das hübsche Paar?Du tust sehr wohl, sie sind einander wert.Denn was du immer sprachst von arm und reichDa ist nicht Sinn dabei. Wohl denn, Glück auf!Kehrt nur zu Spiel und Tanz, und froh zur Arbeit.

(Das Volk zieht sich zurück. Sie kommt gegen den Vorgrund.)

Sieh da ihr Herrn, so vornehm abgesondert?Wie unzufrieden oder doch erstaunt?

Domaslav. Vielleicht erstaunt; daß du, den Göttern ähnlich,Die Gaben spendest, die du selbst nicht teilst.

Libussa. Leih deinen scharfen Sinn mir weiser Lapak,Daß ich verstehe was dort jener meint.

Domaslav. So stiftest du nicht Ehen, hohe Fürstin,Und bist der Ehe doch, der Liebe feind.

Libussa. Du hältst mich wohl für rasend, guter Mann?Wie sollt' ich hassen was so menschlich ist?Allein zu Lieb' und Ehe braucht es zwei;Und, sag ich's nur, mein Vater, euer Fürst,War mir des Mannes ein so würdig Bild,Daß ich vergebens seinesgleichen suche.(Sich von ihnen entfernend.)Zwar einmal schien's, doch es verschwand auch schnell.

Lapak. Du willst Geprüfte, doch du willst nicht prüfen.

Libussa (vor sich hin).Stellt er sich denn der Prüfung? wollt' ich auch.

Domaslav. Was man entfernt wünscht, hüllt man gern in Dunkel.

Libussa. Nun weiser Lapak denn und starker BiwoyUnd mächt'ger Domaslav, die ihr euch teiltIn das was ich im Mann vereint mir denke,Hört denn ein Rätsel, und als halbe LösungFüg ich ein Zeichen bei nach Seherart.War doch die Kette stets der Ehe Bild.(Sie nimmt ihren Halsschmuck und legt ihn auf ein Kissen, das einPage hält.)

Wer mir die Kette teilt,Allein sie teilt mit keinem dieser Erde,Vielmehr sie teilt, auf daß sie ganz erst werde;Hinzufügt was, indem man es verlor,Das Kleinod teurer machte denn zuvor:Er mag sich stellen zu Libussas Wahl,Vielleicht wird er, doch nie ein andrer ihr Gemahl.

Domaslav. Wer mir die Kette teilt.

Biwoy. Und wieder doch nicht teilt.

Domaslav. Hinzufügt was—

Libussa. Müht euch nicht ab!Der weise Lapak, sah ich, schrieb sich's auf.Verbirg es nicht und teil es diesen mit,Er soll für alle. Nun mit Gott! ihr Herrn.Sucht auf die Lösung; aber hört zugleich:Bis ihr's gefunden meidet meine Nähe.—Libussa ist kein Ziel, das gar so nah.(Zum Pagen.)Geh nur voran! Ihr folgt! Glück auf den Weg!

Biwoy (im Abgehen leise).Sie narrt uns, sagt' ich euch.

Lapak (ebenso).Wart ab das Ende.

(Die drei samt dem Pagen ab nach der linken Seite.)

Libussa. Wer einsam wirkt spricht in ein leeres All,Was Antwort schien ist eigner Widerhall.

Ha Wlasta komm! Ist irgendein Geschäft,Ein Mühen, eine Sorge, eine Qual,Daß ich bevölkre meines Innern Wüste?

(Die im Hintergrunde Stehenden drängen sich nach der linken Seite.)

Was dort?

Wlasta. Zwei Männer streiten wie du siehst.Sie fassen sich am Bart.

Libussa (in die Szene blickend).Schlägst du den Bruder?Gebt mir ein Schwert, er soll des Todes sterben!Und doch, schelt ich den Zorn und fühl ihn selbst?Trennt sie!

(Einige gehen nach der linken Seite.)

Und ist das Tier erst Mensch geworden,Bringt sie, auf daß ich schlichte ihren Streit.Ei Streit und Streit!(Die Hand auf die Brust gelegt.)Ist's hier denn etwa Friede?

(Ab nach der rechten Seite. Die übrigen zerstreuen sich.)

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Verwandlung

Kurze Gegend mit Felsen und Bäumen.

Die drei Wladiken kommen, vor ihnen der Knabe mit dem Kissen.

Domaslav. Setz nur das Kissen ab, dort leg es hin,Indes wir uns beraten was zu tun.

(Der Knabe setzt das Kissen auf ein niedres Felsstück links im Vorgrunde und geht.—Domaslav dem Knaben nachblickend.)

Mir dünkt ich sehe Spott in seinen Augen.

Biwoy (der sich rechts im Vorgrunde zur Erde niedergeworfen hat, mit seinem Schwerte spielend). Hat er nicht recht und sind wir nicht genarrt?

Lapak (im Hintergrunde, die Hände auf dem Rücken, auf und ab gehend).Das frägt sich noch!

Biwoy. Ei ja, dann klügle du!

Domaslav (der links im Vorgrunde auf das Felsenstück gestützt, unverwandtdie Kette betrachtet)Wer mir die Kette teilt—

Biwoy. Allein—Wie heißt's?

Lapak (unwillig hervorsprechend).Allein sie teilt mit keinem dieser Erde.(Er geht wieder auf und nieder.)

Biwoy. Sie teilt, allein mit niemand. Guter Schwank!(Aufstehend.)Ich hab es satt. Ich sag euch, es ist Unsinn.Der Widerspruch, ja die UnmöglichkeitGeknüpft in Reimwerk um uns zu verspotten,Und uns zu bannen fern von ihrem Hof,Weil sie uns scheut und unsre Nähe fürchtet.Wenn nicht der Sinn von Rätsel und von KetteIn jener Knechtschaft liegt, die uns ihr VaterVor Jahren auferlegt, und die sein SprößlingMit zarten Händen gern verdoppeln möchte.

Drum ist mein Rat: Geh' jeder auf sein Schloß;Du Lapak, du bist weise, DomaslavBist reich, hast Diener, Schreiber, die dir helfenUm auszuklügeln was vielleicht der Sinn.Ich bin ein Mann des Schwerts. Gebt mir das Kleinod,Ich will es hüten, daß, gelingt die Lösung,Nicht einer ernte wo gesät für drei,Und sich allein das Ziel der Werbung eigne.

Domaslav. Das darf nicht sein!

Biwoy (die Hand am Schwert).Es darf nicht?

Lapak. Nein und nein!

Biwoy. So laßt das Los denn zwischen uns entscheiden.Wir werden doch nicht wie die Blinden wandelnUns wechselseits umklammernd mit den Händen?Geführt von jenem Gold als unserm AugeUnd jenem Knaben—Ruft den Knaben her!Er soll entscheiden, werfen uns das Los.

Domaslav. Damit er rückgekehrt, am Hof LibussasUns ihren Weibern schildre zum Gespött?

Biwoy. Da hast du recht!

Lapak. Dort geht ein Wandersmann,Des Weges scheint's hierher. Er kennt uns nicht;Sei unser Los sein unbestochnes Wort.

(Da Biwoy sich nach der bezeichneten Seite wendet.)

Tritt du nicht vor! Des Menschen Sinn ist rasch,Zuerst gesehn ist ihm zuerst gekannt.Er soll uns gleich, mit einem Male schaun.

(Sie ziehen sich zurück.)(Primislaus tritt im Vorgrunde von der linken Seite auf.)

Primislaus. Sowie der Wolf rings um die Herde kreist,Halb Hunger und halb Furcht, schleich ich im stillenHer um das Haus, das jene Hohe birgt.Und in der Brust trag ich das reiche Bild,Das sie mir gab, vielmehr: das ich mir nahm,So daß, wenn's hier zur linken Seite pocht,Ich unterscheide kaum, ob es mein Herz,Ob es ihr Kleinod was so mächtig stürmt;Und beide drängen hin zu ihrer Herrin.Doch nah ich ihr, rückstattend meinen Raub,Lohnt sie mit Gold die Tat, die mich beglückt,Und bleib ich fern, so deckt ein schnell VergessenWas sie kaum weiß mehr und nur hier noch lebt.Ich sah dort einen Knaben ihres Hauses,Gekleidet in die Farben seines Diensts,Vielleicht kann ich ein Wort versteckter Mahnung,Rückrufender Erinnrung ihm vertraun,Daß sie gedenkt des Vorfalls jener Nacht.

(Indem er sich nach rückwärts wendet, treten die drei Wladiken vor.)

Lapak. Erschrick nicht, fremder Mann!

Primislaus. Erschrak ich denn?

Domaslav. Du kennst nicht uns, wir dich nicht.

Primislaus. Also scheint's.

Lapak. Zum Schiedsmann bist du demnach wie erlesen.

Primislaus. Was ist zu scheiden und was ist getrennt?

Lapak. Etwa die Kette hier.

Primislaus (für sich).Libussas Kette.

Domaslav. Sie gab uns eine hohe Frau.

Primislaus. Libussa!

Lapak. So weißt du—?

Primislaus.—Nichts, als nur, daß es die ihre.

Domaslav. So sag denn kurz, wie kurz ist unsre Frage:Wes von uns dreien soll das Kleinod sein?

Primislaus. Ich bin kein Mann des Zufalls und des Glücks,Zumal wo's Richterspruch gilt und Entscheidung.Wollt ihr den nähern Sinn mir nicht vertraun,So bleibt mit Gott, ich ziehe meines Wegs.

Lapak. Soll ich?

Biwoy. Tu's immerhin, der Mann scheint klug,Vielleicht verhilft er etwa uns zur Lösung.

Domaslav. Nun also denn: Wir drei, die du hier siehst,Sind mächtige Wladiken dieses Landes,Als mächtig eben, stark und reich, berufenZu werben um der Fürstin hohe Hand.Als heute nun wir solcher Absicht nahten,Gab uns die Fürstin dieses HalsgeschmeidUnd sprach dazu—Wie heißt's?

Primislaus. Laßt mich es hören.

Lapak (lesend).Wer mir die Kette teilt—

Biwoy. Doch teilt mit keinem.Es klingt wie Wahnsinn.

Primislaus. Jedes Wort, ich bitte.

Lapak (lesend).Wer mir die Kette teilt,Allein sie teilt mit keinem dieser Erde—

(Während die Wladiken neben Lapak stehen und in die Schrift blicken, hat Primislaus die Kette ergriffen, die hakenförmigen Glieder getrennt und rasch wieder zusammengefügt.—Lapak fortfahrend.)

Vielmehr sie teilt auf daß sie ganz erst werde;

Domaslav (lesend).Hinzufügt was, indem man es verlor,Das Kleinod teurer machte denn zuvor—

(Bei diesen Worten fährt Primislaus schnell nach der linken Seite derBrust, wo er das Kleinod verborgen.)

Biwoy (ebenfalls lesend).Er mag sich stellen zu Libussas Wahl;Vielleicht wird er, doch nie ein andrer ihr Gemahl.

Primislaus. Ich will zu ihr!

Domaslav. Was ficht Euch an? Ihr geht?

Primislaus. Das Rätsel ist gelöst.

Lapak. Wie nur?

Primislaus.—Es schien so,Doch decket neue Nacht das kaum Erhellte.

Sie sprach's zu euch als Werbern ihrer Hand?

Domaslav. So war's.

Primislaus (von ihnen wegtretend).Und überließ dem Zufall dennOb sie des Rätsels Lösung dennoch fänden?Und der es fand, er war ja ihr Gemahl!

Fahr hin, mein Glück, dein Flug war allzurasch!Doch blieb ein Stachel, scheint's, in ihrer Brust.Laß mich's versuchen denn: ich drück ihn fester,Ob ihn die Zeit vertieft, ob sie ihn heilt.(Laut.)Nun denn: ob des das Kleinod oder jenesIst nicht die Frage, scheint's, zu dieser Zeit,Nicht einen wollte sie vorerst bezeichnen,Ihr alle sollt zur Werbung euch berecht'gen,Den einen wird bestimmen ihre WahlWeshalb, da sie zu »teilen« euch gebotUnd »mitzuteilen« doch so streng verpönte,Sie in Gesamtbesitz euch wünscht zugleich:Gemeinsam haben heißt als Freunde teilenGebt acht, ob ich die Wahrheit näher treffe.Fürst Krokus gab der Töchter Dreizahl, jeder,Der Mutter Bild umringt von edlen SteinenIn Gürtelspangen künstlich eingefügt;Die Spangen sie sind hier, das Bildnis fehlt.Wie sie's verlor, die Fürstin, wer kann's wissen?Doch daß es fehlt, und damals schon gefehlt,Als jene Fraun um Böhmens Krone losten,Sagt das Gerücht in jedes Mannes Mund;Wie auch, daß durch den Abgang jenes BildesBezeichnet ward als Herzogin Libussa,Und in der Tat »durch das was man verlor,Das Kleinod reicher wurde als zuvor«Denn es trug ein der Böhmen Herzogskrone.


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