LII.Lips Tullians Befreiung.

LII.Lips Tullians Befreiung.

So folge mir zur Freiheit und zum Leben —Beginn es neu an meiner Hand.Sei nur dem Glück, der Freude hingegeben,Du, dem der Tod allhier am nächsten stand!. . .

So folge mir zur Freiheit und zum Leben —Beginn es neu an meiner Hand.Sei nur dem Glück, der Freude hingegeben,Du, dem der Tod allhier am nächsten stand!. . .

So folge mir zur Freiheit und zum Leben —Beginn es neu an meiner Hand.Sei nur dem Glück, der Freude hingegeben,Du, dem der Tod allhier am nächsten stand!. . .

So folge mir zur Freiheit und zum Leben —

Beginn es neu an meiner Hand.

Sei nur dem Glück, der Freude hingegeben,

Du, dem der Tod allhier am nächsten stand!

. . .

Wir kehren zurück in das Gefängniß, wo ganz unvermuthet Josephine ihrem Philipp erschien[38].

Josephine öffnete ein Fläschchen, rieb Philipps Schläfe, flößte ihm einige Tropfen ein, und bald kehrte das Bewußtsein zurück.

„Fasse Dich. Ich bin Josephine, Dein treues Weib, das gekommen ist, Dich zu retten. Laß uns von dannen eilen!“ — flüsterte sie dem Zitternden zu, der seine Sinne noch nicht ganz gesammelt und noch nicht klar aufgefaßt hatte, was da geschehe.Josephine wiederholte ihre Worte, sie beschwor ihn, keinen Augenblick zu versäumen; mit kräftiger Hand zog sie ihn von der Erde empor, und als der Morgen anbrach, waren beide schon viele Meilen vom gräflichen Schlosse entfernt und eine Gebirgsschlucht, von himmelhohen Tannen dicht umgürtet, gab für den ersten Augenblick den Flüchtigen eine sichere Freistätte.

Von Josephinen erfuhr er über ihre Schicksale seit seiner gewaltsamen Entführung aus dem gräflichen Schlosse in Polen Folgendes:

Nachdem die Dienerschaft den Grafen Philipp in den Kerker abgeführt hatte, ließ der Gerichtsbeamte Josephine in ihrem Hause streng bewachen.

Schon nach einigen Stunden herrschte wieder laute Freude in dem Schlosse; der Arzt hatte den Ausspruch gethan, des Grafen Wunde sei nicht tödtlich, selbst nicht gefährlich, und nach einigen Tagen die vollkommene Genesung mit Zuversicht zu erwarten.

Die Verwundung war nicht mächtig genug, in dem strömenden Blute die Flamme der Begierde nach Josephinens Besitz zu vernichten. Kaum hatte der Graf das Krankenlager verlassen, als sein Erstes war, Josephinens Wache zu entfernen, und zu ihr zu gehen. Er fand sie sehr leidend, kaum kräftiggenug, ihm entgegen zu wanken, zu seinen Füßen niederzusinken und um Gnade für ihren Gatten zu flehen.

Rasch hob der Graf die Knieende empor, trug sie unter den süßesten Schmeichelworten auf das Sopha, setzte sich an ihre Seite, und bot nun alle Macht der Beredtsamkeit, alle Künste der Verführung auf, sie für seine Wünsche geneigt zu machen. Er überreichte ihr eine Urkunde, worin Josephine als die Herrin einer beträchtlichen Besitzung erklärt wurde, und betheuerte mit einem feierlichen Schwure, Philipp aus dem Gefängnisse zu entlassen und mit einer sehr reichen Summe nach dessen Vaterlande zu senden, wenn sie nur einige Jahre mit ihm als seine vertrauteste Freundin leben wolle. Die edle tugendhafte Frau wies jedes Geschenk, jede noch so lockende Zusicherung mit strengem Ernste zurück; sie flehte nur um die einzige Gnade, sie mit Philipp ohne alle Habe im allerdürftigsten Zustande dahin ziehen zu lassen, da sie an der Seite des geliebten Gatten das erbettelte Brod freudiger genieße, als die leckersten Gerichte im verbrecherischen Wohlleben.

Vom Widerstande noch mehr entflammt, entschloß sich der Graf, seinen Gerichtsbeamten, den er als einen höchst schlauen Menschen kannte, in das Vertrauen zu ziehen, und diesen für sich handelnzu lassen. Sogleich nachdem dies geschehen war, wurde Josephine aus ihrer freundlichen Wohnung in ein dunkles, schauerlich einsames Gefängniß geführt, wo sie nur eine Strohschütte, und Wasser und Brod fand.

Sie wurde vor den Gerichtsbeamten zum Verhöre geführt, und schon nach dem dritten erklärte ihr der rauhe Richter mit zermalmender Kälte, daß der Tod durch Henkershand das Loos ihres Gatten, jahrelanges, hartes Gefängniß das ihrige sei, und nur Leben und Freiheit in der Hand des gebietenden Grafen ruhe.

Vom tiefsten Schmerze ergriffen, von Leiden gefoltert, die ihre zerfleischte Seele zu gewaltig niederdrückten, lag Josephine auf ihrer Strohschütte, die Hände wund ringend, durch keine lindernde Thräne aus dem erlöschenden Auge erquickt, da öffnete sich zur ungewöhnlichen Stunde ihre Kerkerthüre, der Wächter trat ein, brachte einen Korb mit reiner Wäsche und bat Josephinen mit freundlichen Worten, sich dieser Wäsche zu bedienen und seiner baldigen Rückkehr zu harren. Es war das erste Wort, das Josephine aus dem Munde ihres gefühllos-stummen Wächters hörte; zum ersten Male seit ihrer Verhaftung empfing sie reine Wäsche. Unter sanftem Weinen kleidete sie sich um, und einganz besonderes Gefühl bewegte ihr Inneres, als der rückkehrende Wächter sie mit freundlichem Lächeln einlud, ihm zu folgen.

Ueber den langen, gewölbten Gang hin wankte sie an seiner Seite in ein helles, reinliches, mit Geräthen für die Bequemlichkeit wohleingerichtetes Gemach. Von einem kleinen Tischchen am hohen Bogenfenster winkten ihr feine Gerichte und ein Krystallbecher mit Wein entgegen. Auf die Bitte des Wächters erquickte sie sich mit Speise und Trank, und in diesem Augenblicke über die zu heftigen Anforderungen der Natur ihre Lage vergessend, seit so vielen Tagen, bei fast ungenießbarem Brod und übelriechendem Wasser, fast dem Verschmachten nahe, würde sie Mahl und Wein mit Heißhunger verschlungen haben, wäre nicht gerade, als sie am Tischchen sich niederließ, der Gerichtsbeamte eingetreten, und seine Aufmerksamkeit dahin gerichtet gewesen, die Entkräftete nur mäßig und in kleinen Zwischenräumen die lang entbehrte Erquickung genießen zu lassen.

Der Gerichtsbeamte tröstete sie und machte ihr für ihre und ihres Gatten baldige Begnadigung die süßesten Hoffnungen; aber schon am andern Tage rückte derselbe mit seinen schimpflichen Anträgen deutlicher heraus.

Mit Abscheu bebte die Tugendhafte vor demKuppler des lüsternen Gebietes zurück, doch schauderte sie zusammen, als der Gerichtsbeamte aus dem Tone der feinsten Schmeichelei in den einer kalten Härte überging, ihr schonungslos eine Bedenkzeit nur bis zum folgenden Tag zugestand und im Falle ihrer hartnäckigen Weigerung, die Rückkehr in eine vieljährige Gefangenschaft bei Wasser und Brod, ein gräßliches Leben bei Grabesstille, auf faulendem Stroh, in Gesellschaft von Unken und Gewürme, ankündigte.

Der Morgen erschien, und mit ihm der Gerichtsbeamte. Josephine hatte die ganze Nacht hindurch gebetet, und im Gebete sich neue Kraft zum Kampfe für Tugend und Reinheit erholt. Als der Gerichtsbeamte in das Gemach trat, erklärte sie ihm mit aller Würde ihrer tugendhaften Seele, bereit zu sein in ihr Gefängniß zurück zu kehren. Schweigend hatte sie der Beamte angehört. Auf einen Wink folgte sie ihm in einen fernen, fast nächtlich dunkeln, grauenvollen Kerker. — „Dieses sei von nun an deine Wohnung, und ein Blick durch jenes Fenster überzeuge Dich, mit der Ruhestätte Deines Mannes in recht nachbarlichem Verein zu leben!“ — sprach der Gerichtsbeamte mit eisiger Kälte und führte sie an das kleine, dicht vergitterte Fenster des Gefängnisses. Ein Blick durch das Gitter, und Josephine sank mit einem gräßlichenSchrei in die Arme des Gerichtsbeamten, und kreischte mit dem gellenden Laute des Wahnsinns: „Für sein Leben gebe ich mich dem Grafen hin!“ Bewußtlos wurde sie hinweggetragen.

In dem engen Hofraume vor dem Gitterfenster stand ein Mann von gräßlicher Gestalt, die Arme nackt bis an die Schultern, ein blinkendes Beil schwingend über Philipps Haupt, welches von einem Henkerknechte auf einen Block niedergedrückt wurde; nahe an dem Blocke war ein offenes Grab.

Das hatte Josephine gesehen, und den Knieenden, der einer von des Grafen Leuten und zu diesem grausamen Trugspiele in Philipps Kleidung vermummt war, für ihren zum nahen Tode bestimmten Gatten gehalten.

Josephine bestätigte nach Rückkehr ihrer Sinne, was sie in dem schauderhaftesten Momente ihres Lebens gelobt hatte. Ihr wurde dagegen Philipps Freiheit, seine Entfernung aus Polen und eine reiche Schenkung für ihn zugesichert. Der Gerichtsbeamte zeigte ihr die Summe, die für Philipp bestimmt war, und sie hatte Gewandtheit genug, jenen Zettel an Philipp dem Golde unbemerkt beizufügen. —

Der unerschütterliche Entschluß, sich zu tödten, ehe sie die Beute des Wolllüstlings werde, erzeugte in ihr den Gedanken, noch vorher die Flucht zuversuchen. Es gelang ihr, durch mühsam erkünstelte Zärtlichkeit die Begierde des Grafen dahin zu beschwichtigen, daß er ihr eine Frist von 14 Tagen gewährte, um, wie die Listige sich äußerte, die grausen Bilder der jüngsten Vergangenheit aus ihrer zu beklommenen Seele allmählig verbannen zu können.

Selbst der leiseste Versuch einer Flucht mußte an der Wachsamkeit scheitern, mit welcher der nicht leicht zu täuschende Graf jeden ihrer Schritte umgab. Zwei Frauen, bewährte Dienerinnen des Grafen und von ihm wohl unterrichtet, wichen Tag und Nacht keinen Augenblick von Josephinens Seite.

Schon dunkelte heran der Abend des Tages, an welchem die Unglückliche geopfert werden sollte; schon hatte Josephine ein unbemerkt beseitigtes Messer in die Falten ihres Gewandes verborgen, um, wenn der schreckliche Augenblick ihrer Entehrung nahe, das scharfe Eisen sich in die keusch bewahrte Brust zu stoßen, als ein heulendes Jammergeschrei die Hallen des Schlosses durchscholl. Mit dem Tode ringend, wurde der Graf von der Reitbahn in das Schloß getragen. Trotz den Warnungen seines Stallmeisters hatte er, vom unmäßig genossenen Weine erhitzt, ein junges, ganz wildes Pferd bestiegen. Das ungezähmte Thier, noch keines Reitersund keines Zwanges gewohnt, in der riesigen Kraft ausgebildeter, tobender Jugend, schleuderte den Grafen mit solcher Gewalt an die Steinwand der Reitbahn, daß die Brust zerschmettert wurde.

Kaum mehr der Sprache so viel mächtig, nach Josephinen zu verlangen, hatte er dieser nur wenige Augenblicke vor seinem Hinscheiden noch eine Rolle von 1000 Dukaten und einen werthvollen Schmuck dargereicht, sie mit den letzten Athemzügen seiner zermalmten Brust anflehend, ihm das Geschehene zu vergeben, und seiner im Guten zu gedenken. Von Josephinens Thränen benetzt, hauchte er in einem Blutstrome sein Leben aus.

Sie verließ mit Freuden alsbald ein Land, welches sie so grenzenlos unglücklich gemacht hatte.

Beinahe ein volles Jahr hatte Josephine auf Reisen zugebracht, und jede Gegend durchstreift, wo sie hoffen durfte, ihren Philipp oder doch wenigstens Nachricht über ihn zu finden. Alle Mühe blieb ohne Erfolg; spurlos war der verschwunden, an dem die Verlassene mit ganzer Liebe hing, und ohne welchen ihr kein froher Tag blühete.

Ungeachtet Josephine auf ihren Reisen sehr haushälterisch zu Werke gegangen war, so hatte sie doch eine bedeutende Summe gebraucht; sie würde, so lange ihr Geld gereicht hätte, das Aufsuchen fortgesetzt haben, hätte es ihr nicht höchstnothwendig geschienen, den größten Theil der Summe, welche des Grafen Reue und Dankbarkeit ihr in Geld und Juwelen zugesprochen hatte, sorglich bis zu Philipps Wiederfinden zu bewahren, um, wenn er dürftig sei, ihn gleich zur Antretung irgend eines Geschäftes unterstützen zu können. Jede Ruhe, jeden langen Aufenthalt an einem Orte scheuend, da sie einmal unerschütterlich an dem Gedanken hing, ihren Philipp ununterbrochen aufsuchen zu müssen, nahm sie Dienste bei hohen Herrschaften, aber nur bei solchen, von denen sie hörte, daß sie viel auf Reisen seien.

Jetzt war sie in die Dienste der Gräfin von Freienberg getreten, da ihr kund gethan wurde, daß der Graf mit seiner Gemahlin eine Reise von längerer Dauer in sehr entfernte Gegenden machen werde. Schon sehr nahe war der Tag der Abreise, als Philipp mit seiner kleinen Bande von den gräflichen Gerichtsdienern und Jägern aufgegriffen wurde.

In der Vorhalle des Schlosses stand Josephine hinter einer Säule des hohen Gewölbes, furchtsam auf den Hof hinausblickend, und mit Grauen die fremden Gestalten betrachtend, deren wilde Gesichter aus der dunkeln Flammengluth der Fackeln noch wilder hervortraten. Sie hörte den Befehl des Grafen, den Anführer der Bande indas sicherste Gefängniß zu bringen; sie warf einen scheuen Blick auf ihn. Josephine schauderte zusammen und ein entsetzlicher Schrecken durchzuckte sie, denn das war das Gesicht ihres Philipps, das war sein Gang, seine Haltung.

Wie Philipp zum Räuber geworden, ob er schuldig oder schuldlos sei, daran dachte sie mit keinem Athemzuge, das heißliebende Weib hatte in ihrer großen, muthigen Seele nur Raum für den Entschluß, ihn zu retten und mit ihm zu entfliehen. Noch nicht mit sich selbst einig, wie dieses zu bewirken sei, eilte sie auf ihr Zimmer, packte ihr Gold, ihre Juwelen, das Nöthigste an Kleidern und Wäsche ein, schlich mit dem Bündel in die Vorhalle hinab, verbarg ihn an einem sichern Orte, und kehrte dann zu ihren Geschäften zurück, um ihre Abwesenheit nicht auffallend zu machen, und während der Arbeit die Mittel zu Philipps Befreiung und Flucht zu ersinnen, womit sie auch bald zu Stande kam. Als die Herrschaft zur Tafel ging, besuchte Josephine, wie sehr oft geschah, die Frau des Kerkermeisters, welche durch Herzensgüte und tugendhafte Gesinnungen sich Josephinens innige Freundschaft erworben hatte. Mit dieser Frau war Josephine schon oft, selbst am späten Abende, zu den Gefangenen gegangen, um ihnen ein Stück Wäsche zu schenken, oder sie mit einer Speise zuerquicken. Josephine kannte die Lage aller Gefängnisse, daher auch dessen, worin ihr Gatte verwahrt wurde. Es war jetzt darum zu thun, den Schlüssel zu diesem Gefängniß und den zur kleinen Hinterthüre des Stockhauses an sich zu bringen. Es gelang ihr, ohne daß der Kerkermeister und seine Frau es bemerkten. Mit ihrem Raube, den sie nicht für eine Tonne Goldes gegeben hätte, eilte sie, als die Zeit des Aufhebens der Tafel herankam, in das Schloß zurück, besorgte ihre Arbeit mit großem Eifer, brachte die Gräfin zu Bette, und schlich, als im Schlosse allgemeine Ruhe herrschte, ihren Bündel unterm Arme, eine brennende Leuchte sorgfältig bedeckend, der Hinterthüre des Stockhauses zu. Geräuschlos öffnete sie die selten gebrauchte Pforte, leise das Schloß und die Riegel der Kerkerthüre. Das Uebrige haben wir bereits gesehen.

L. Oeser in Neusalza.Die Befreiung.❏GRÖSSERES BILD

L. Oeser in Neusalza.Die Befreiung.

❏GRÖSSERES BILD

[38]pag.336.

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