XI.Daniel Lehmann.
Noch immer ist mir’s unbegreiflich! RudolphWagt’s, an der Grenze frei herum zu wandeln;Tausend Zechinen stehn auf seinen Kopf,In Fiume hängt sein Bildniß an dem Galgen,Und er lebt hier, als wäre nie sein DolchIn einem Menschenherzen warm geworden.Th. Körner.
Noch immer ist mir’s unbegreiflich! RudolphWagt’s, an der Grenze frei herum zu wandeln;Tausend Zechinen stehn auf seinen Kopf,In Fiume hängt sein Bildniß an dem Galgen,Und er lebt hier, als wäre nie sein DolchIn einem Menschenherzen warm geworden.Th. Körner.
Noch immer ist mir’s unbegreiflich! RudolphWagt’s, an der Grenze frei herum zu wandeln;Tausend Zechinen stehn auf seinen Kopf,In Fiume hängt sein Bildniß an dem Galgen,Und er lebt hier, als wäre nie sein DolchIn einem Menschenherzen warm geworden.
Noch immer ist mir’s unbegreiflich! Rudolph
Wagt’s, an der Grenze frei herum zu wandeln;
Tausend Zechinen stehn auf seinen Kopf,
In Fiume hängt sein Bildniß an dem Galgen,
Und er lebt hier, als wäre nie sein Dolch
In einem Menschenherzen warm geworden.
Th. Körner.
Th. Körner.
Unter allen Einwohnern des Dorfes Schönfeld galt der Häusler Lehmann für den frömmsten und thätigsten. Er war erst vor einigen Jahren, nachdem er, ein geborner Tyroler, den größten Theil seines Lebens mit Teppichhandel auf fast immerwährender Reise zugebracht hatte, in Schönfeld durch den Ankauf einer Häuslerwohnung ansässig, und durch Fleiß, Friedfertigkeit und Gottesfurcht bald so beliebt geworden, daß die reichsten Bauern des Ortes und der Umgegend ihn recht gern zum Schwiegersohne gehabt hätten. Aber Lehmann war schon verheirathet und Vater eines zehnjährigen Knaben, der mit seiner Mutter einige Zeit nach des Vaters Ansässigmachung in Schönfeld aus dem fernen Tyrol anlangte.
Daß diese Tyrolerfamilie in mancher Woche mehrere Tage nicht arbeitete, fiel der Gemeinde anfangs auf, wurde aber bald nicht mehr beachtet, als es allgemein bekannt wurde, daß Lehmann durch die Nachwehen seiner als Soldat erhaltenen Wunden oft längere Zeit an das Krankenlager gefesselt und dann immer der sorglichen Pflege seines Weibes und Sohnes höchst bedürftig werde. Auch erregte es im Dorfe anfangs Aufsehen, daß von Zeit zu Zeit, meistens nächtlicher Weile, fremde Leute, Männer, Weiber, junge Bursche und Dirnen in Lehmanns Behausung kamen, sich im Dorfe nicht sehen ließen, und bald wieder verschwanden.
Lehmann, der darüber manches ihm nachtheilige Gerede hörte, vertraute einem Nachbar, wie viele Kenntnisse er im Pflanzenreiche habe, wie er die Heilkräfte der Kräuter und Wurzeln zu benutzen wisse, schon unzähligen Todtkranken zum Lebensretter geworden, weit und breit als ein gar geschickter Arzt bekannt sei, und nun von Alt und Jung aus denfernsten Gegenden um Hilfe angesprochen werde, aber stets im Geheimen, damit die Aufmerksamkeit der Aerzte und Bader nicht erregt, und durch Brotneid ihm kein Hinderniß gemacht werde, den leidenden Menschen zu dienen. Der Nachbar gelobte mit Wort und Hand, Lehmanns vertraute Mittheilung als ein Geheimniß zu bewahren, aber schon in einer Stunde wußten alle Schönfelder, welch ein Wunderdoktor in ihrer Mitte hause. Man wünschte sich Glück zu diesem Mitbewohner, und Lehmanns Wissen und Thätigkeit wurden für Menschen und Thiere in Anspruch genommen.
Hätten die guten Einwohner von Schönfeld nur eine Ahnung gehabt, welch ein liederliches, verderbliches Gesindel die Familie Lehmann sei, so würden sie gewiß deren Ansässigmachung unter sich nicht geduldet haben. Lehmann, in der Nähe von Insbruck auf einem Weiler von liederlichen Eltern erzeugt und zur Gaunerei erzogen, wanderte schon als zwölfjähriger Knabe im Auslande umher, wo er Teppiche verkaufte, durch sein fertiges Zitterspiel und seine Nationalgesänge auf den Schlössern der Edelleute, in Gasthöfen, und besonders unter dem Landvolke sich bis zu seinem achtzehnten Jahre ein mäßiges Kapital erklimpert und ersungen hatte, bei fortschreitender Ausbildung seiner anziehenden Schönheit undrüstigen Gestalt, gerade in der herrlichsten Blüthe des Lebens, von lüsternen Weibern an sinnliche Genüsse gewöhnt, bei seinem arbeitslosen Umherschlendern mit allen, dem Müßiggange folgenden Lastern vertraut und, besonders aus innerer Hinneigung zum Bösen, so nach und nach zum vollkommenen Gauner, Dieb und Räuber sich aufschwang.
Eines Mordes wegen, den er in der Gegend von München begangen hatte, verfolgt und in Baiern nicht mehr sicher, floh er nach Oesterreich, ließ sich bei einem ungarischen Infanterieregimente anwerben und machte einen Feldzug mit, worin er verwundet und in der Folge wegen wirklich guter Aufführung und bewiesener Tapferkeit zum Unteroffizier befördert wurde.
Lehmann war einer der schönsten Männer im Regimente, dabei ausgezeichnet reinlich, sehr gewandt, schlau, und ein vorzüglicher Redner. Diese Eigenschaften veranlaßten den Regiments-Commandanten, ihn dem Offizier, der auf Werbung nach Nürnberg beordert wurde, beizugeben. Lehmann war gegenwärtig, wie der Bediente des Werbeleutenants den Koffer packte; er sah die vielen Goldrollen und Thalersäcke; er wurde von solch einer Begierde nach diesem vielen Gelde hingerissen, daß seine, beim Regimente bethätigte, aber nur auf Sand gebaute Moralität durch den Windstoß der Habsucht plötzlich eingestürzt und auf ihren Trümmern der Plan eines schweren Verbrechens gebildet wurde.
Lehmann jauchzte im Stillen, als er hörte, daß der Offizier ohne Bedienten reise. — Im nächsten Städtchen, wo sie Nachtquartier hielten, versah sich Lehmann mit Opium. Einige Tagereisen von Nürnberg stellte er sich so krank, als wäre er nicht im Stande nur noch einige Stunden zu fahren. Der Offizier, um seinen schönen, klugen, wohlberedten Werbegehülfen höchst besorgt, ließ im nächsten Wirthshause an der Landstraße anhalten und sich ein Zimmer mit zwei Betten geben, wohin Lehmann, die äußerste Schwäche erkünstelnd, getragen werden mußte. Das Wirthshaus lag ganz einsam, und der Offizier fand keine Unterhaltung, als die ihm die Flasche, seine liebste Freundin, gewährte, mit der er sich auch so innig befreundete, daß er schon bei Einbruch des Abends, seiner Sinne kaum mehr mächtig, das letzte Glas, in welches Lehmann unbemerkt eine tüchtige Dosis Opium gethan hatte, langsam leerte, und gleich darauf in todtähnlichem Zustande auf sein Lager gebracht werden mußte.
Einige Stunden nach der Ankunft im Wirthshause hatte Lehmann versichert, sich wieder besser zufühlen, und schlich im Hause umher, gute Gelegenheit zur Ausführung seines Unternehmens zu erspähen.
Kaum war der bewußtlose Officier zu Bette gebracht, als Lehmann in die Zechstube hinabstieg, sich ein reichliches Nachtessen auftischen ließ, ein Paar Flaschen Wein ausstach und vor der Rückkehr in das Schlafzimmer dem Fuhrmann gebot, nicht eher sich zur Abreise anzuschicken, als bis der Officier selbst Befehl dazu gebe, der, nach seiner Aeußerung, hier gehörig ausschlafen wolle.
Als Lehmann nach leisem Umherschleichen im Hause sich ganz überzeugt hielt nun seien alle Bewohner dieses Gasthofes im tiefen Schlafe begraben, öffnete er den Koffer des Lieutenants, bekleidete sich mit dessen bestem Civilanzug, packte in seine geräumige Geldgurte alles, was er an Gold- und Silbergeld, an Uhren, Ringen und sonstigen Kostbarkeiten bergen konnte, füllte seine Taschen mit der feinsten Wäsche, steckte die Reisepistolen des Officiers zu sich, und hing dessen Säbel um. Mit dem Raube beladen, schlich er aus dem Zimmer, verschloß es leise und sorgfältig, kroch unter den Fenstern von zwei bewohnten Gemächern dem Brettergange zur Hintertreppe zu und diese hinab, erstieg auf einem Balken, den er auf seiner ausspähenden Wanderung zu diesem Behufe unbemerkt dahin gebracht hatte, die hohe Hofmauer, schwang sich in die Aeste eines Apfelbaumes, glitt an dessen Stamme zur Erde nieder und eilte so schnell als möglich nun gerade auf der Straße nach Nürnberg fort.
Auch die Zukunft mit klugem Sinne beachtend, und sich auf unerwartete Ereignisse vorsehend, hatte er die wichtigsten Papiere über die Werbeangelegenheit des Officiers zu sich gesteckt. Er war so frech, auf der nächsten Station, die er im eilenden Gange bald erreicht hatte, den Posthalter wecken zu lassen, diesem, unter Vorlegung seiner Papiere, das Geheimniß zu vertrauen, daß er auf der Verfolgung eines mit kaiserlichen Geldern entwichenen Kriegscommissärs begriffen, sein Reitpferd aber eine Meile von da aus Ermattung niedergestürzt, und er dadurch gezwungen worden sei, den Weg hierher in größter Eile zu Fuße zu machen, um mit Extrapost Nürnberg schleunigst erreichen und dort die wirksamsten Anstalten zur Arretirung des Kriegscommissärs treffen zu können. Der Posthalter konnte in seinem Diensteifer nicht eilig genug sein, die wichtige Reise durch sein flüchtiges Gespann zu befördern.
Im Fluge ging es von Station zu Station,ohne nur einigen Aufenthalt in Nürnberg, dem Sachsenlande zu. Als der Postillon der letzten Station an der sächsischen Grenze durch das Schmettern seines Hornes den Beamten und die Diener der Grenzmauth an den Schlagbaum gerufen hatte, sah man sich vergebens nach dem Reisenden um. Lehmann war im letzten Hölzchen leise aus der Postchaise gestiegen und durch Gebüsche, über Felder und Wiesen hin, schon lange auf sächsischem Grunde, als noch immer der Postillon und das Mauthpersonal über dieses sonderbare Verschwinden des Reisenden sich die Köpfe zerbrachen.
Bald trat Lehmann in seiner Nationaltracht als Teppichhändler, als Gauner und Dieb auf, heirathete in Schwaben eine schöne Dirne aus einer Gaunerfamilie, lebte zehn Jahre theils von dem seinem Officiere geraubten Gelde, theils von den Erträgnissen verbrecherischer Thaten, und kaufte sich dann in Schönfeld an, da ihm viele Gauner diesen Ort als vorzüglich geeignet zur Diebshehlerei und zur geheimen Verbindung mit den zahlreichen, größtentheils in jener Gegend umherziehenden Räuberbanden auf das beste empfohlen hatten.
Daß Lehmann schon in seiner Jugend oft viele Monate mit reisenden Zahnärzten und Marktschreiern, die nebst ihren Quacksalbereien das Diebeshandwerktrieben, herumgezogen war, besonders, daß er mit dem Erzgauner Samuel Fritsch,vulgodem alten Zahnarzt, einem geschickten, aber wegen Liederlichkeit und Veruntreuung aus österreichischen Diensten entlassenen Spitalarzte länger als ein Jahr in vertrautester Gemeinschaft gelebt und von dessen ärztlichem Wissen sich vieles angeeignet hatte, leistete ihm jetzt wesentliche Dienste. Bald hatte er als Arzt das Vertrauen der Schönfelder und der Landleute in weiter Umgebung im höchsten Grade erworben, und es möchte demjenigen recht übel bekommen sein, der ihrem Wunderdoktor nur durch das leiseste Mißtrauen gegen seine gar hochgerühmte Rechtlichkeit verletzt hätte.
Treuherzig glaubten die Schönfelder, der gute Nachbar Lehmann liege, so oft sie ihn bei der Arbeit vermißten, an den Nachwehen seiner Wunden schmerzlich leidend darnieder. Diese vermeintlichen Leidenstage waren für Lehmann und sein eben so arbeitsscheues Weib die Tage der Erholung von den ungewohnten Anstrengungen, denen sie sich zum Scheine unterzogen, um bei den an Fleiß und Nüchternheit gewöhnten Schönfeldern nicht allerlei Argwohn zu erregen. Es mochten wohl bei sehr reichen verschwenderischen Leuten Küche und Keller nicht so wohl bestellt sein, als sie es in Lehmanns Hausewaren. Die befreundeten Gauner brachten immer nächtlicher Weile einen Vorrath der besten Eßwaaren und der besten Getränke mit. Wollte dann die Lehmannische Familie gute Tage haben, oder ein eingekehrtes Gesindel festlich bewirthen, so schloß man Fensterläden und Thüren, gleichsam um die möglichste Ruhe dem kranken Hausvater zu verschaffen, und dieser war Spitzbube genug, von Zeit zu Zeit so laut, so jämmerlich zu schreien, daß alle Dorfbewohner den Gequälten auf das Schmerzlichste bedauerten.
Es liegt in der Natur der Sache, daß Daniel, Lehmanns einziges Kind, aber auch der einzige Erbe aller Laster seines Vaters und seiner Mutter, schon früh zum Bösewichte reifte. Von seinen Eltern durch Elementarunterricht in der Gaunerei, durch Theorie und beispielvolle Ausübung zum ausgezeichneten Verbrecher aufgezogen, begann Daniel seine verbrecherische Laufbahn mit einer That, womit mancher ergrauete Räuber den Cyclus seiner Verbrechen geschlossen hätte. Daniel war noch nicht volle sechzehn Jahre alt, als er drei preußische Deserteurs verleitete, mit ihm eine abgelegene Mühle auszurauben. An der Spitze seiner Gehülfen erkletterte er auf einer schwankenden Stange ein offnes Fenster des obern Geschosses, überfiel denMüller und sein Weib, und erbrach, während seine Genossen die Müllersleute mit Stricken banden, Truhen und Schränke. Da stürzten die zwei Mühlburschen, mit Beilen bewaffnet, in die Stube. Es begann ein wüthender Kampf, der für Daniel um so gefährlicher wurde, da zwei seiner Raubgesellen aus Feigheit entsprangen. Mit überraschender Schnelle unterlief Daniel einen der Mühlburschen, stieß ihm das Messer in die Eingeweide, und riß den andern bei den Haaren zurück. Schnell war der Unglückliche von Daniels Gefährten getödtet. Mit hochgeschwungenem Beile trat Daniel vor den gebundenen Müller, und drohete, ihm den Kopf zu spalten, wenn er nicht gleich gestehe, ob sonst noch Jemand im Hause sei, und wo er die 500 Thaler verborgen habe, die ihm, den zuverlässigsten Nachrichten gemäß, erst vor einigen Tagen seien ausbezahlt worden. Der Müller versicherte aufs Feierlichste, außer seiner kranken Mutter niemand im Hause zu haben, erklärte auch die Sage von dem ihm bezahlten Gelde für eine boshafte, von feindlich gesinnten Menschen zu seinem Verderben ausgesprengte Lüge. Daniel, der sechszehnjährige Bursche, marterte nun den Müller so unmenschlich und mit solch besonnener Grausamkeit, daß dieser, der ärgste Geizhals, und für die Erhaltung seines Geldesden gräßlichsten Mißhandlungen trotzend, doch endlich, fast mit dem Tode ringend, den Ort angab, wo er das Geld verborgen hatte. Schnell war es hervor gerollt, und im Angesichte des verzweifelnden Müllers von den beiden Raubgenossen getheilt, die nun das ganze Haus durchsuchten, alles, was des Raubes werth war, in Säcke packten, diese auf einen Karren warfen, zwei stattliche Pferde des Müllers anspannten, und laut jubelnd vom Hofe fuhren. Auf die unbemerkteste Weise wurde der Raub, den der Müller bei Gericht auf 1200 Thaler eidlich angab, in Lehmanns Haus geschafft, der Karren im Walde verbrannt und der Erlös aus den Pferden dem Preußen überlassen, der sie jenseits der Grenze verkaufte, und sich bald wieder mit den andern vereinigte.
Daniels Leben war nun eine ununterbrochene Kette der scheußlichsten Laster und Verbrechen, wodurch er sich solch einen verruchten Ruhm erwarb, daß Lips Tullian den Eintritt des Daniel Lehmann in seine Bande mit einer Reihe schwelgerischer Feste feierte, und den würdigen Freund gleich zu seinem Vertrauten erhob.