XXV.Die Baugefangenen.

XXV.Die Baugefangenen.

Gott ist barmherzig! Trage deine KettenUnd trau’ auf Gott, die Liebe wird dich retten.Th. Körner.

Gott ist barmherzig! Trage deine KettenUnd trau’ auf Gott, die Liebe wird dich retten.Th. Körner.

Gott ist barmherzig! Trage deine KettenUnd trau’ auf Gott, die Liebe wird dich retten.

Gott ist barmherzig! Trage deine Ketten

Und trau’ auf Gott, die Liebe wird dich retten.

Th. Körner.

Th. Körner.

Im grauen Zuchtkittel, das Haar geschoren, mit einer langen Kette an einen Karren geschlossen, zog Philipp am ersten Morgen nach seiner Ankunft in den Festungsgefängnissen von Dresden mit zahlreicher Umgebung zur Schanzarbeit aus.

Von dem höchsten Grimme über seine Gefangenschaft beherrscht, nur auf Befreiung sinnend, keinen seiner Mitgefangenen beachtend, im wilden Brüten auf seine Arbeit hinstarrend, hatte er einige Stunden Steine geschleppt, als der Tambour der Militärbedeckung die Trommel rührte. Es war das Zeichen, daß alle Baugefangenen einige Zeit, so lange es dem Oberprofosen gefällig war, ausruhen,auch von dem Gelde, welches sie von mitleidigen Menschen zum Geschenk erhielten, sich Brod kaufen durften, womit zu dieser Stunde sich immer einige Weiber aus den Vorstädten einfanden.

Lips Tullian kannte diesen Gebrauch noch nicht, arbeitete fort und wurde durch einige derbe Hiebe eines Steckenknechts, der dieses Fortarbeiten für Trotz hielt, recht angenehm zum Ausruhen eingeladen. Vor Wuth knirschend warf er sich an seinen Karren nieder und drückte das glühende Gesicht in die gekreuzten Arme.

Kettengeklirre nahete sich ihm, er wurde leise an der Schulter gerüttelt: unverändert blieb er in seiner Lage. Es flüsterte ihm jemand in die Ohren: „Makerst Du Deine Keffer-Freier lau mehr?“[30]

Die Stimme schien ihm zu bekannt, die Anrede zu wichtig, um länger seinem Starrsinne sich hinzugeben. Er blickte auf, und hätte beinahe vor Ueberraschung laut aufgeschrien: — Sarberg, Eckold, Hentzschel, Schöneck, Lehmann und Schickel saßen um ihn her, an ihrem Brode kauend, und nach einem langen, bedeutenden Blicke wieder ruhig fort essend, ohne durch Wort oder Miene sich als seine Bekannten verrathend. Sarberg saß ihm am nächsten. Als die Trommel das Zeichen zur Fortsetzung der Arbeit gab, flüsterte ihm dieser zu, so nahe als möglich an seiner Seite zu karren. — Lips Tullian that es.

In den Augenblicken, wo die Wache oder die Steckerknechte fern genug waren, um unbelauscht sprechen zu können, erzählte Sarberg, daß er mit den übrigen Anführern in einem vertrauten Wirthshause zur Berathung wegen einiger bedeutenden Einbrüche sich eingefunden habe, daß mitten in der Nacht das Wirthshaus von einem zahlreichen Streifzuge sei umringt, und der Wirth mit allen seinen Leuten, wie auch mit seinen Gästen nach Leipzig gebracht worden. Ihn, Sarberg, habe man nebst seinen Kameraden hierher geliefert, um ein Jahr zu schanzen, da sie so glücklich gewesen, sich von irgend einer Verbindung mit der schwarzen Garde wegzuleugnen, und nur als verdächtige Leute zu einjähriger Schanzarbeit verurtheilt worden zu sein.

Am Schlusse der Erzählung gab ihm Sarberg die angenehme Nachricht, daß er mit ihm und den übrigen Freunden das nämliche Gefängniß bewohne, daß Lips Tullian schon gestern Abend, bei seinem Eintritte in den Kerker von ihnen erkannt, aber dieses Erkennen auch nicht durch ein Wort oder ein Zeichen angedeutet worden sei, indem noch einigeBaugefangene in eben diesem Gefängnisse schlafen, welchen man nicht trauen dürfe.

Lips Tullian hatte genug gehört. Die Nähe solch’ muthiger und unternehmender Freunde gab ihm Hoffnung, bald seine Fessel los zu werden. Schon nach einigen Tagen wurden die ihm und seinen Kameraden verdächtigen Mitgefangenen vom Festungsbau entlassen, und die Vertrauten waren nun allein in ihrem Gefängnisse zusammen.

Fruchtlos hatten sie Nächte hindurch sich über ihre Befreiung berathen, aber noch immer leuchtete ihnen nicht der geringste Schimmer der Möglichkeit einer Befreiung. Zum Ausbrechen fehlten ihnen Werkzeuge, und am Entrinnen während der Schanzarbeit hinderte sie die zahlreiche Militärwache, die strenge Aufmerksamkeit der Steckenknechte, und die Schwere und Stärke ihrer Ketten.

Zur gewöhnlichen Ruhezeit saß Lips Tullian eines Tages, von den Uebrigen abgesondert, auf seinem umgestürzten Karren und blickte sehnsüchtig nach einer Brodverkäuferin umher, da er äußerst hungrig und durch so eben empfangene milde Gabe in der glücklichen Lage war, sich nach langer Zeit wieder einmal satt essen zu können.

Ein altes Weib in zerlumptem Anzuge, das Gesicht beinahe bis an die Augen mit einem Tucheverhüllt, humpelte an einem Krückenstocke auf ihn zu, und bot ihm Brod an. Lips Tullian kaufte. Er reichte der Alten das Geld. Sie stieß an seine Hand, das Geld fiel zur Erde, und während beide sich darnach bückten, flüsterte das ihm zu: „In dem Brode mit einem eingeschnittenen Kreuze findest Du einen Zettel. Ich bin Mariane!“ —

Das Weib humpelte fort. Sprachlos starrte Lips Tullian ihr nach. Er hätte beinahe laut aufgejauchzt, und seinen Freunden das Wort Freiheit mit weit schallender Stimme zugerufen. Wo Mariane war, da war auch die Freiheit nicht mehr fern; er kannte die Stärke ihrer Liebe, ihren Muth, ihre Schlauheit, ihren Eifer. Wie vor Freude trunken jubelte er laut, als die Trommel zur Arbeit rief, lachte dem schlagfertig gehobenen Arme des Steckenknechts in wilder Freude entgegen, und hatte seinen Hunger und sein Elend vergessen.

Es war gerade Samstag, wo immer die Baugefangenen um zwei Stunden früher von der Arbeit entlassen wurden. Lips Tullian konnte den Augenblick seines Eintrittes in den Kerker nicht erwarten, da es ihm erst hier möglich war, das bezeichnete Brod zu erbrechen und den Zettel zu lesen.

Die Räuber als Baugefangene.❏GRÖSSERES BILD

Die Räuber als Baugefangene.

❏GRÖSSERES BILD

Er that es mit Hast, und bei dem wenigen Lichte, was nur durch eine kleine, dicht vergitterteOeffnung in den Kerker fiel, las er mit Mühe: „Auf dem Platze, wo Ihr gegenwärtig arbeitet, steht in einem Winkel der Strunk eines alten Baumes. In seiner Höhlung dicht an der Erde findest Du eine feine Säge und ein Stück Bindfaden. Mit der Säge durcharbeitest Du in der nächsten Nacht ein Paar Eisenstangen Deines Fenstergitters. Sobald die Festungsuhr die zehnte Stunde schlägt, lässest Du den Bindfaden herab, woran ich zwei Brechstangen und eine Strickleiter befestige. In längstens zwei Stunden habt Ihr die Fensteröffnung hinlänglich erweitert, um Euch durchdrängen zu können. Am Fuße der Leiter harre ich Euer, um Euch in Sicherheit zu bringen.“ —

[30]Kennst Du Deine Vertrauten nicht mehr? —

[30]Kennst Du Deine Vertrauten nicht mehr? —

[30]Kennst Du Deine Vertrauten nicht mehr? —


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