XXXVI.Die Wiedererkennung.

XXXVI.Die Wiedererkennung.

Wie viele Kämpfe mußten wir bestehn,Von wie viel Noth und Herzensangst ermatten,Wie viele Leichname hinopfern und bestatten,Eh’ wir uns hier in dieser Hütte sehn!Schiller.

Wie viele Kämpfe mußten wir bestehn,Von wie viel Noth und Herzensangst ermatten,Wie viele Leichname hinopfern und bestatten,Eh’ wir uns hier in dieser Hütte sehn!Schiller.

Wie viele Kämpfe mußten wir bestehn,Von wie viel Noth und Herzensangst ermatten,Wie viele Leichname hinopfern und bestatten,Eh’ wir uns hier in dieser Hütte sehn!

Wie viele Kämpfe mußten wir bestehn,

Von wie viel Noth und Herzensangst ermatten,

Wie viele Leichname hinopfern und bestatten,

Eh’ wir uns hier in dieser Hütte sehn!

Schiller.

Schiller.

Schon oft hatte Lips Tullian in diesem Walde theils einzeln, theils mit einigen der Bande Nächte zugebracht, aber immer nur im Durchzuge, und wußte von der Lage und dem Umfange dieses Waldes nur so viel, daß er in gerader Richtung nach Osten beinahe zwei Tagereisen weit sich ausdehne. In dieser Richtung ging er nun fort, mit ziemlicher Eile, da das volle Mondlicht für seinen Marsch sehr günstig war.

Mit Anbruch des Tages stieß er auf eine Umzäunung, und eine armselige, dunkle Strohhütte,daneben ein Meiler, sagten ihm, daß hier ein Köhler hause.

Die Nähe eines Köhlers war ihm nicht unangenehm, da Leute dieses Standes entweder größtentheils die Vertrauten der Gaunerbanden sind, oder den Erzählungen und Angaben fremder Leute solch’ einen vollen Glauben schenken, daß man von Menschen, welche alles für blanke Wahrheit nehmen, allgemein sagt: sie haben einen Köhlerglauben.

Ueberdieß glaubte er in der armseligen Hütte eine Engelswohnung zu erblicken, da er vor Hunger, Durst und Ermattung sich kaum mehr fortschleppen konnte.

Unentschlossen, ob er den Schlaf der Hüttenbewohner stören, oder deren Erwachen hier abwarten solle, lehnte er sich an die Umzäunung und musterte aus Neugierde und zum Zeitvertreib die Kundschaft des armen Handwerksburschen.

Hatte er in seiner Raub- und Mordbegierde übersehen, daß der Handwerksbursche wirklich viele Aehnlichkeit mit ihm habe, so fand er diese in der hier aufgeführten Personalbeschreibung. Die Größe der Gestalt, die Farbe der Haare, der Augen, die Gesichtsbildung waren so bezeichnet, als hätte er selbst dem Kundschaftsschreiber zum Muster gesessen; auch das Lebensalter traf auf ein Paar Jahre zusammen, und Christoph Feller mußte gerade ein Schlossergeselle sein, auf daß Lips Tullian mit dem Wenigen, was er von diesem Handwerke wußte, doch in großer Sicherheit seine Wanderung antreten konnte. Er hätte die Kundschaft nicht um eine hohe Summe hingegeben.

In der Köhlerhütte wurde es rührig. Die Thüre that sich auf, und eine hohe, schlanke Mädchengestalt im allerfreiesten Anzuge, eilte mit leichtem, zierlichem Gange, ein Wassergefäß tragend, dem Brunnen zu. Lips Tullian machte sich durch ein kleines Geräusch bemerkbar.

Das Mädchen hielt an, betrachtete ihn aufmerksam, ließ den Eimer fallen, sprang, wie ein flüchtiges Reh, über die Verzäunung, und lief mit offenen Armen auf Lips Tullian zu. Sie drückte ihn mit dem Lächeln einer sehr großen Freude an ihren üppigen Busen, sie gab ihm heiße Küsse und nannte den Ueberraschten unter den zärtlichsten Liebkosungen ihren lieben, lieben Tullian.

Der Dirne entging dieses Erschrecken nicht; sie beruhigte ihn aber schnell, als sie sich ihm nannte. Nun erinnerte sich Lips Tullian an Fräulein Margarethe, so wurde sie bei der Bande genannt, weil sie die außereheliche Tochter eines Adeligen war.

Kaum vierzehn Jahre alt, von der liederlichen Mutter zu allen Lastern gebildet, war Margarethe schon die Zuhälterin eines Mitgliedes der schwarzen Garde.

Lips Tullian, der schöne, kräftige Mann mit der stolzen, ehrfurchtgebietenden Haltung, das Haupt einer mächtigen Bande, war für Margarethe das Ideal der Erhabenheit, ein Wesen ihrer tiefsten Verehrung, ihrer innigsten Bewunderung, immer mehr ihrer heißesten Liebe. Wo sie sich ihm nahen konnte, trat sie ihm entgegen, um den Mann ihres Herzens zu sehen, um von ihm einen freundlichen Blick, ein Lächeln, ein gütiges Wort zu erhaschen.

Lips Tullian, nur reife, rüstige Gestalten für seine Sinnenlust liebend, übersah das Kind. Aber Mariane, den Geliebten immer mit Argusaugen bewachend, durchschaute die Wünsche und die Bemühungen der jungen Dirne.

Von Eifersucht gefoltert, machte sie durch ein vertrautes Weib aus der Bande Margarethens Buhlen auf die Neigung seiner Dirne zum Hauptmann aufmerksam; sie wußte Eckold in ihr Vertrauen zu ziehen und ihn dahin zu verleiten, daß Margarethe als eine geheime Kundschafterin des Gerichts angeklagt und ihre heimliche Ermordung beschlossen wurde.

Im Branntweinrausche bestätigte Lips Tullian das Todesurtheil, und Margarethe wäre das Opfer der grausamsten Eifersucht geworden, hätte sie nicht das Glück gehabt, das morsche Gitterfenster des Kellers, worin sie verwahret wurde, zu durchbrechen und unbemerkt zu entfliehen.

Der Köhler, bei welchem sie jetzt lebte, fand sie, vor Hunger, Durst und Ermattung beinahe am Rande des Grabes, kaum mehr zu flüstern fähig, in der Nähe seiner Hütte unter einem Baume. Er trug sie unter sein Dach, gab ihr Nahrung und Pflege, und nahm die Verlassene als Tochter und Wirthschafterin an, da sein Weib und seine Kinder schon lange hinübergegangen waren. Aus einer liederlichen, arbeitsscheuen, buhlsüchtigen Dirne wurde Margarethe unter der väterlichen Leitung des gutherzigen, frommen Köhlers ein arbeitsames, sittiges Mädchen, das einfache Stillleben, die Ruhe, die Einsamkeit des Waldes immer mehr liebend und den kleinen häuslichen Geschäften, der Pflege ihrer wenigen Blumen und dem schuldlosen, süßen Umgange mit der Natur sich aus voller Seele widmend.

So waren beinahe vier Jahre verflossen, aber die Erinnerung und die sehnsüchtigen Wünsche, Lips Tullian, den Gegenstand ihrer heißesten Liebe,wiederzusehen, noch immer nicht ganz ihrem Herzen entschwunden. —

Da stand der Mann vor ihr, dessen Bild sie in der Tiefe ihrer fühlenden Seele so lebendig und so treu bewahrt hatte.

Das Mädchen war so reizend, daß der sinnliche Lips Tullian kein Verlangen nach Labung, keine Schwäche fühlte. Er tauchte die begehrenden Augen in die reiche Fülle des fast unverhüllten Busens, der üppigen Formen, des blühenden Gesichtes voll Liebreiz; seine Küsse, seine Umarmungen wurden immer feuriger, und Margarethe, trunken von der Wonne des Wiedersehens, wäre schon in diesem Augenblick das willige Opfer des Aufgeregten geworden, hätte nicht die rufende Stimme ihres Nährvaters sie ihrem Sinnentaumel entrissen.

Hastig flüsterte ihr Lips Tullian die Weisung zu, ihn als einen Blutsverwandten, der von ihrem Aufenthalte in dieser Köhlerhütte gehört habe, und vor seiner Wanderung ins Ausland zum Abschiedsbesuche gekommen sei, dem Alten bekannt zu machen.

Der schlichte, treuherzige Waldmann glaubte alles, was Margarethe über ihren Vetter mit geläufiger Zunge ihm erzählte, reichte Lips Tullian wie einem alten Bekannten, mit einem herzlichen Gruße die kohlenfarbige Hand und forderte gleichmit dem gutmüthigsten Ungestüme, daß der willkommene Vetter seiner guten Pflegetochter einige Tage bei ihm weile und mit dem sich begnüge, was Armuth und guter Wille bieten könne.

L. Oeser in Neusalza.Die Wiedererkennung.❏GRÖSSERES BILD

L. Oeser in Neusalza.Die Wiedererkennung.

❏GRÖSSERES BILD

Lips Tullian wäre gern Jahre lang in dieser ärmlichen Hütte geblieben, die ihm Margarethens Nähe und die Hoffnung auf so manche süße Stunde schon jetzt zu einem Eden machten.

Es war am Morgen des dritten Tages, als der Köhler, der schon mit der Morgenröthe in den Wald gegangen war, verdrüßlich zurückkam, und Margarethen gebot, ihm seinen Sack, in welchem er jederzeit bei längerer Entfernung vom Hause Lebensmittel mit sich trug, mit Brod, geräucherter Wurst und Branntwein zu versehen. Zugleich erzählte er, auf dem Arbeitsplatze von den herrschaftlichen Jägern aufgesucht, und zum Streifzuge gegen die Tullian’sche Bande befehligt worden zu sein, mit dem Beisatze, daß längstens in einer Stunde die noch aufgebotenen Köhler, wie auch die Jäger und Gerichtsdiener sich hier zur Versammlung einfinden werden.

Erbleichend und zitternd blickte Margarethe auf Lips Tullian hin, der aber Besonnenheit genug hatte, die thätige Wachsamkeit der hochpreislichen Obrigkeit höchst lobenswürdig zu finden, zugleichaber erklärte, seines Bleibens dürfe hier nicht länger sein, weil er sonst befürchten müsse, bei dem Meister, der ihn zur Arbeit verschrieben habe, zu spät einzutreffen.

Während des Packens seiner Habseligkeiten, wobei sich Margarethe sehr geschäftig zur Hülfe anließ, flüsterte sie ihm zu, um die Hütte zu gehen, und am Holzstalle ihrer zu harren.

Lips Tullian nahm Abschied und hatte alle Mühe, dem Alten, der sich ihm zur Begleitung bis zur Martersäule, von wo aus der Weg nach der Landstraße nicht mehr verloren werden könne, aufdringen wollte, von diesem Vorhaben abzubringen.

Er ging an den bezeichneten Platz. Nach einigen Augenblicken kam Margarethe, legte eine Leiter an und bedeutete Lips Tullian durch Winke, das Bodenloch des Holzstalles zu erklettern, und sich dort bis zu ihrer Wiederkunft sehr ruhig zu verhalten. Als er oben war, verbarg sie schnell die Leiter und schlüpfte in die Hütte.

Lips Tullian hörte aus seinem Verstecke das Herankommen vieler Menschen, hörte oft seinen Namen mit den heftigsten Verwünschungen nennen und wurde sehr unruhig, als die Leute sich untereinander erzählten: es sei im Umkreise einiger Stunden solch ein Zusammenfluß von Militär, Jägern, Gerichtsdienern und Bauern, daß die ganze Gegend von Streifzügen wimmle.

Es wurde ihm wieder besser zu Muhte, als eine kräftige Stimme den Aufbruch gebot und bald hatte sich das Geräusch der Dahinziehenden in der Ferne verloren.

Margarethe gab ihm ein Zeichen, herabzukommen. Er wartete nicht das Anlegen der Leiter ab, sondern schwang sich behend von dem Balken herab. „Du mußt fliehen, auf der Stelle fliehen,“ — sagte Margarethe, zog ihn in die Hütte, riß einen Schrank auf und packte Kleider und Wäsche in einen Bündel — „aber ich fliehe mit Dir. Willst Du, daß ich bleibe, so tödte mich, denn ohne Dich wäre mein Leben ein ununterbrochener Tag der Trauer, des Schmerzes, der höchsten Sehnsucht nach Dir. Ich bettle, ich stehle, ich morde für Dich, meine Seligkeit opfere ich Dir auf, aber ich muß in Deiner Nähe sein. Ich führe Dich einen Weg, wo kein Späher Dich ersehen, kein Häscher Dich fangen wird. Ich kenne den Weg in jene Gegend, wo Du, wie Du mir gestern vertrautest, verborgene Schätze besitzest, sehr genau, da ich geradein jener Gegend schon zweimal mit meinem Nährvater war, der dort eine kleine Erbschaft erhob. Fast immer durch Wälder leite ich Dich. Da, wo man Dörfer und Weiler nicht umgehen kann, darfst Du mit deiner Kundschaft ohne Besorgnisse wandern; ich nehme, um kein Aufsehen zu erregen, andere Wege, und wir einigen uns wieder an bestimmten Orten. So, das Wenige, was ich besitze, ist nun in diesem Bündel, jetzt laß uns die Reise antreten!“ —

Schweigend hatte Lips Tullian Margarethens ihm wohlgefällige Rede gehört, es wäre ihm gar zu schwer geworden, sich von der reizenden Dirne zu trennen, und ihre Schlauheit, ihren Muth und Gewandheit recht gut erkennend, glaubte er überzeugt sein zu dürfen, daß ihre Gesellschaft für ihn einst sehr vortheilhaft werden könne.

Er wanderte fort, und fröhlich und tändelnd hüpfte die leichtfertige Dirne, aus dieser stillen, frommen Hütte, und gedachte nicht mehr der Wohlthaten ihres Nährvaters, der guten Vorsätze, denen unter seinen Lehren sich ihr Herz geweihet hatte, und schied ohne Thränen von dem Orte, wo ein großmüthiger, gottesfürchtiger Greis drei Jahre hindurch ein Vaterherz für die Verlaßne gehabt hatte.

Die Felsenschlucht in der Oberlausitz wurde erreicht, der vergrabene Schatz gehoben, und Lips Tullian beschloß, nach Böhmen zu gehen, Prag zu meiden und dann durch einen Theil von Mähren die Richtung nach Wien zu nehmen.


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