XXXXVI.Die erste Gefangenschaft.
Dem Bösewicht muß ein Kerker Hölle sein,Der Unschuld ist er nichts, als Eisen, Holz und Stein.Haug.
Dem Bösewicht muß ein Kerker Hölle sein,Der Unschuld ist er nichts, als Eisen, Holz und Stein.Haug.
Dem Bösewicht muß ein Kerker Hölle sein,Der Unschuld ist er nichts, als Eisen, Holz und Stein.
Dem Bösewicht muß ein Kerker Hölle sein,
Der Unschuld ist er nichts, als Eisen, Holz und Stein.
Haug.
Haug.
Es mochten schon vier Jahre nach dem Tode der Wittwe Lehmann verflossen sein, als Lips Tullian eines Tages in einem Weinhause überreichlich dem Weine zusprach. —
Unter den von ihm geraubten Gegenständen befanden sich Ringe mit Diamanten, goldene Uhren, goldene Ketten und ein Paar Brustnadeln mit guten Steinen.
So eitel Philipp seit einiger Zeit war, da er von vielen lüsternen Frauen und Mädchen ob seiner Schönheit sich immer mehr gefeiert sah, und so gern er sich putzte, so war er doch klug genug, nie das Mindeste der geraubten Nippes alsSchmuck an sich zu tragen, um keine Aufmerksamkeit und keinen Argwohn zu erregen. Heute hatte er reichlich gezecht; die Trunkenheit machte ihn jede Vorsicht vergessen und in übermüthiger Laune zog er eine werthvolle Repetiruhr hervor, gegen die Umhersitzenden prahlerisch sich äußernd, daß er diese Uhr um 20 Louisd’or gekauft habe, sie aber gern mit einem bedeutenden Verluste hingeben würde, da er an ihr kein Vergnügen mehr habe.
Flüchtig blickten die Weingäste darauf hin, nur einer erbat sie sich zum genauern Beschauen, um vielleicht einen Handel abzuschließen. Der Gast betrachtete die Uhr mit großer Aufmerksamkeit, bot 16 Louisd’or dafür, erklärte, nicht so viel Geld bei sich zu haben, solches aber in kurzer Zeit zu bringen, und ersuchte den Wirth, für ihn Bürgschaft zu leisten. Willig bürgte dieser und mit einem vornehmen Lächeln nickte Philipp seine Einwilligung dem Gaste zu, worauf dieser schnell mit der Uhr sich entfernte.
Bald erschien er, von einem Manne begleitet, dem er durch einen Wink Philipp bezeichnete. Der Mann näherte sich diesem und erbat sich mit gebieterischem Tone dessen Begleitung.
Erbleichend und mit bangen Ahnungen erkannte Philipp in dem unberufenen Bittsteller einengefürchteten Satelliten der Justiz. Schweigend folgte er ihm, und sah mit Entsetzen, daß er den Weg nach dem Rathhause geführt werde.
Er wurde auf die Wachstube gebracht und nach einer Stunde, die er unter aufmerksamer Bewachung und dem strengen Gebote des Schweigens zubringen mußte, ertönte eine Glocke, und auf dieses Zeichen führte ihn sein Begleiter über eine Wendeltreppe in ein Gemach, worin er sich vor der Stadt Oberrichter sah. Von diesem wurde er gefragt, wie er zu dieser Uhr, die der Ober-Stadtrichter ihm vorzeigte, gekommen sei, und wie er sie als sein rechtmäßiges Eigenthum darthun könne.
Philipp stotterte eine Erzählung hervor, die aber so lückenhaft und an Widersprüchen so reich war, daß der den Verbrecher durchschauende Richter ihm zu schweigen und den Eintritt des Angebers gebot.
Dieser erschien, und wiederholte seine dem Stadt-Oberrichter schon früher vorgetragene Aussage: „Er sei, wie allgemein bekannt, ein Uhrmacher, habe schon seit vielen Jahren die Uhren der verstorbenen Wittwe Lehmann zu besorgen gehabt, und diese erst ein Paar Wochen vor dem Absterben der Wittwe ausgebessert; auch wisse er, daß, nebst noch einigen Uhren, gerade diese von den Erbenvermißt werde, indem die Wittwe Lehmann ein genaues Verzeichniß über ihre werthvollen Effekten geführt, am Schluß jedes Monats darin jeden erkauften Gegenstand aufgeführt, übrigens aber, wie zu allgemein bekannt sei, nie eine einmal erkaufte Sache wieder verkauft oder vertauscht habe.“
Philipp war wieder so viel zur Besonnenheit gekommen, seine vorige Erzählung als unwahr zu erklären und mit hartnäckiger Frechheit zu behaupten, die Wittwe Lehmann habe ihm einige Tage vor ihrem plötzlichen Tode diese Uhr als eine Belohnung für seine treuen Dienste zum Geschenke gemacht. Der Stadt-Oberrichter erklärte, die Sache streng zu untersuchen, und gebot dem Polizeidiener, Philipp in das Gefängniß zu führen.
Der Weg dahin ging über einen langen, düstern, abgelegenen Gang. Philipp hatte wieder seine volle Besonnenheit und seinen frühern Muth gesammelt; es ward ihm klar, daß, einmal über die Schwelle des Gefängnisses getreten, er nur von dieser über die des Zuchthauses trete, daß ihn nur eine rasche That, eine schnelle Flucht retten könne. Mit scharfem Auge maß er von der Seite seinen Begleiter, er fühlte sich, ihm an körperlicher Kraft überlegen zu sein. Mit der schnellsten Bewegung und mit riesiger Stärke faßte er den Arglosen ander Kehle und warf ihn mit solcher Gewalt zu Boden, daß vom Kopfe und aus dem Munde des Hingeworfenen das Blut strömend floß.
Ohne das Innere des Rathhauses zu kennen, eilte Philipp mit beflügelten Schritten gerade zu, fand eine schmale, abwärts führende Treppe, und am Ende derselben einen hoch umbauten Vorhof mit einem verschlossenen Pförtchen.
Fest entschlossen, das Schloß des Pförtchens zu erbrechen, bückte er sich eben nach einem Steine um es damit zu zertrümmern, als das Pförtchen von außen aufgeschlossen wurde, und durch selbes eine Weibsperson mit gefüllten Wassergefäßen eintrat. So unbefangen und langsam, als habe er ein Recht zum Gange durch dieses Pförtchen, ging Philipp an der Wasserträgerin vorüber, grüßte sie freundlich und schlug das Thürchen in das Schloß. Nun eilte er im raschen Laufe dem nächsten Thore zu, erreichte glücklich die Barriere und sagte seiner Vaterstadt und seinen vortrefflichen Großeltern für immer Valet.