Der Urte — die jetzt Ortrud heißt — ist in der Kleinen Stube ein Lager bereitet, und Jons und Erdme wagen beim Aufstehen kaum, sich zu rühren — aus Angst, sie möchten die Tochter erwecken.
Aber die läßt sich nicht stören. Die schläft in Frieden bis in den blanken Vormittag. Eine Stunde dauert ihr Anziehen, und wenn der Vater zum Essen vom Felde kommt, ist sie seit kurzem erst fertig.
Die Erdme hat Kaffee gekauft, das Pfund zu zwei Mark, und läuft zwischen Herd und Stubentür hin und her, um zu horchen, wann die Zeit zum Frühstück gekommen ist. Dann trägt sie ihr alles ans Bett und sieht mit Sorgen, ob die Urte sich’s wohl schmecken läßt.
Wie ein Engelchen liegt sie da in ihrem weißen Spitzenhemd, mit dem ruscheligen Goldhaar und den Grübchen unter dem Halse, und die Ringe, die sie bloß zum Waschen abnimmt, blitzen wie rote und blaue Sonnen auf der gewürfelten Decke.
Dies ist die Stunde, in der sie was zu erzählen pflegt. Aber viel ist es nicht. Und lange Zeiten übergeht sie mit Schweigen. Daß sie weit in der Welt herumgekommen ist, weiß die Erdme schon aus den Briefen, aber was sie da überall getan hat, läßt sie im Dunkeln.
Viele Männer haben sie heiraten wollen, aber es ist nie etwas daraus geworden. Bei den Reichen und Hochgestellten haben die Eltern es nicht erlaubt, und den anderen hat sie selber den Laufpaß gegeben. Als sie in Königsberg Kellnerin war, sind alle Studenten hinter ihr hergelaufen. Viele haben sich duelliert, und einige haben sich totgeschossen. Schließlich hat sie das große Blutvergießen nicht mehr mit ansehen können und ist nach Berlin ausgerückt. Und dort hat das Leben erst recht begonnen.
Wenn die Erdme sie fragt, was sie in Zukunft zu machen gedenkt, lächelt sie mit ihren Blauaugen bloß so verschwommen ins Weite und sagt: „Mach dir keine Sorgen, Mamusze. Für eine wie mich liegt der Reichtum nur auf der Straße. Aber erst möcht’ ich mich hier noch ein bißchen ausruhen.“
Und das tut sie auch gründlich. Niemals faßt sie mit an oder kümmert sich um was. Sie sitzt bald drin im Fensterwinkel, bald draußen auf der Gartenbank, blickt nach dem Himmel und lächelt. Nur ihre Kleider hält sie in Ordnung, steckt die Schuhe auf Leisten und bürstet und bügelt, und ihre Finger, die rund und lecker aussehen wie marzipanene Würstchen, führen die Nadel schnell und mit Ruhe.
Die Erdme ist noch immer wie von einem Zauber befallen.
Was sie auch arbeitet, immer denkt sie an das heimgekommene Kind, macht sich in ihrer Nähe zu schaffen und schleicht um sie ’rum, bloß um sie still und andächtig zu betrachten. Oft ist ihr bange vor lauter Stolz, so daß sie sagen möchte: „Sei doch einmal wieder wie früher.“ Aber sie weiß, das kann die Urte nicht mehr, dazu ist sie zu lange weggewesen und hat zu viel deutsche Lehrer gehabt. Denn daß sie Schönschreiben kann und Französisch, das hat die Urte erzählt, sogar Ballettstunden hat sie gehabt. Erdme weiß zwar nicht recht, was das ist, aber es muß wohl das Feinste sein, was auf der Welt gelehrt werden kann.
Manchmal nimmt sie den Jons bei der Hand und sagt: „Ach, freu dich doch! Freu dich doch!“
Aber er freut sich nicht. Ihm ist es ängstlich, mit der Tochter zusammenzusein, und er schämt sich vor ihr. Weiß nicht, was er mit ihr reden und wie er den Löffel halten soll, und das Brot schneidet er heimlich unter dem Tisch.
Anfangs hat sie ihn zu umschmeicheln gesucht, hat ihn „lieb Väterchen“ genannt und so. Wie er aber nicht darauf einging und wegsah, ist auch sie ängstlich geworden und spricht bloß, was nottut. Es liegt noch nicht Übles zwischen ihnen, bloß fremd sind sie sich und werden sich fremder Tag für Tag.
Die Erdme sieht es mit Kummer. Das Herzwill ihr zerbrechen bei seinem stillschweigenden Abseitsstehen, aber man kann ihn doch nicht zwingen, daß er sie lieb hat.
Ganz verrückt ist die Katrike. Die will der Schwester alles nachmachen und versteht es doch nicht. Putzt an den Nägeln, bepinselt die Lippen und wäscht das Haar mit Kamillen. Aber die Nägel werden bloß noch dreckiger, der Mund sieht aus wie ein Blutfleck, und das Haar steht ab wie vertrocknetes Krummstroh.
Nur das lange Bettliegen gelingt ihr ohne Beschwerde.
Die Erdme erkennt den Unterschied wohl und macht sich ihre Gedanken. Nicht daß sie die Katrike nun weniger liebte. Im Gegenteil, es ist wie ein Vorwurf für sie, daß die so vernachlässigt dasitzt und sich in rein gar nichts mit der Schwester vergleichen kann. Denn auch, wenn sie das Hellblaue angezogen und den großen Strohhut aufgesetzt hat, ist es noch immer wie Tag und Nacht.
Und sie zerquält sich, wie ihr zu helfen ist.
Die Schwestern stehen nicht schlecht miteinander. Die Urte unterweist die Katrike in allem, was sie wohl wissen will, und schenkt ihr Kämme und Rüschen und sonst alles mögliche Kleinzeug, so daß der Neid in ihr nicht hochwachsen kann.
Aber auch die Urte sieht ein, daß es nicht länger so mit ihr geht.
„Wenn du die Ulele wärst,“ sagt die Mutter, „dann würdest du jetzt einen Mann für sie suchen.“
„Ich kann ebensoviel wie die Ulele,“ sagt die Urte.
Und da sie’s verlangt, wird eines Tages, als der Jons in die Wiesen gefahren ist, der kleine Tuleweit bestellt, der schon für hundert Vermittlungen seine Prozente gekriegt hat.
Der in seinem langen Pfarrersrock und den knallengen Hosen kommt forsch herein und denkt, er wird hier wieder einmal den spaßigen Onkel spielen; wie er aber die Urte zu sehen kriegt, die ihn in ihrer rosenfarbenen Fleischlichkeit ankuckt, da wird ihm schon ganz anders.
„Aus was für ’nem Himmel ist denndashierher geflogen?“ fragt er.
Und die Urte sagt: „Nehmen Sie Platz, Herr Tuleweit.“ Und sie, die Erdme, bringt von dem fremden, süßen Wein, von dem noch immer was da ist.
Und die Urte sagt weiter: „Sie sehen es mir vielleicht nicht an, Herr Tuleweit, daß ich aus diesen kleinen Verhältnissen stamme, aber das macht nichts.“ Und dann lobt sie ihn, weil ihr bekannt ist, daß er bei seinen Vorschlägen immer das Richtige trifft.
Er bedankt sich und dienert.
„Nun bin ich aber drauf und dran,“ sagt sie weiter, „eine große Partie zu machen. Einewirklich große Partie. Und da wär’ es mir natürlich angenehm, wenn ich durch meine Schwester nicht in Verlegenheit käme. Ein Deutscher müßte es sein, und sein Eigenes müßte er haben, so daß man sagen könnte: ‚Meine Schwester ist an einen Gutsbesitzer verheiratet.‘ Das würde dann schon den richtigen Eindruck machen.“
Die Erdme denkt: „Sie ist noch klüger als die Ulele.“ Und der ganze Herr Tuleweit schwimmt wie Öl auf Zuckerwasser.
Was an seinen bescheidenen Kräften liege, das werde sicher geschehen, aber letzten Endes sei es ja leider Sache der Mitgift.
„Natürlich, natürlich,“ sagt die Urte. Und wäre sie schon verheiratet, so würde es ihr auch nicht darauf ankommen, die Schwester reichlich auszustatten. Aber für jetzt müßte man schon mit etwas Bescheidenem vorlieb nehmen.
„Was heißt bei Ihnen ‚bescheiden‘?“ fragt der kleine Herr Tuleweit und dienert nicht mehr.
Der Erdme schlägt das Herz hoch. Was wird sie sagen?
Und sie sagt: „Nun, etwa fünftausend Mark.“
Fünftausend Mark hat der Jons auf der Sparbank. Die hat er mit ihr in zwanzig Jahren zusammengekratzt. Aber die kann die Urte nicht meinen. Die sollen ihnen ja Stütze und Zuflucht sein für das kommende Alter. Gewiß will sie aus eigener Tasche geben, was fehlt. Und esfehlt womöglich noch mehr, denn der Herr Tuleweit macht eine hängende Nase und sagt, bei einem so kleinen Anerbieten werde man leicht behandelt wie ein nichtsnutziger Schwätzer, aber er wolle schon sehen, er wolle schon Rat schaffen und hoffe auf spätere reiche Belohnung.
Damit trinkt er sein Weinglas leer und verspricht, in acht Tagen wiederzukommen.
„Willst du die Fünftausend wirklich aus Eigenem geben?“ fragt die Erdme voll Dankbarkeit.
„Sehr gern wollt’ ich sie geben,“ sagt die Urte und lächelt; „nur, wenn ich sie hätte, dann braucht’ ich sie selber.“
„Wo sollen sie denn aber herkommen?“
„Von da, wo der Vater sie hingetragen hat,“ erwidert die Urte. „Ist es nicht schon genug, daß ich auf meine Hälfte verzichte?“
Die Erdme will reden, aber ihr ist, als sitzt ihr ein Klumpen Heede im Schlund.
Alles soll hin! Alles soll weg! Bloß damit die Katrike ein Nest kriegt.
Und die, die solange in der Kammer gelauert hat, kommt begierig gelaufen.
„Wer wird es? Wer ist es? Wieviel Hufen hat er? Wieviel Pferde stehen im Stalle? Wieviel Rindvieh weidet am Ufer?“
Da kriegt die Erdme die Sprache wieder. „Wenn es umdenPreis geht, dann schlagdir die Heirat nur aus dem Kopf. All sein Gespartes gibt der Vater dir nie.“
Und die Katrike heult und wälzt sich am Boden. Ihren Besitzer will sie nicht lassen. Der ist ihr versprochen, seit sie ein Kind war. Der kommt ihr zu. Der gehört ihr zu eigen.
Der Erdme dreht sich das Herz im Leib um. Ihr Kind ist im Recht. Nie ist von was Anderem die Rede gewesen. Nie hat sie selbst es sich anders gedacht.
Sie hebt die Katrike auf und liebkost sie und verspricht ihr das Blaue vom Himmel.
Der Jons kommt aus den Wiesen, sieht die dickgeweinten Gesichter und wundert sich. Aber fragen tut er nichts. Das hat er sich lange schon abgewöhnt.
Die Erdme, deren Gewissen nicht das reinste ist, geht ihm aus dem Wege, so viel sie nur kann, aber begegnen muß sie ihm doch, und schließlich versucht sie’s mit Vorwürfen.
„Du hast kein Herz für deine Töchter,“ sagt sie, „und du achtest sie wie einen Strick um den Hals.“
Er fragt: „Wer hat dir das zu wissen getan?“
Und sie sagt: „Das ersieht man aus deinem Benehmen. Schon die Katrike hast du nicht leiden mögen, und seit die Urte wieder da ist, ist es noch schlimmer. Du bist eben ein Kúmetis“ — ein gemeiner Mann — „und bleibst ein Kúmetis, und alles Hochgeborene ist dir zuwider.“
Er sagt: „Ich habe nie erfahren, daß du von besserer Herkunft wärest als ich. Als wir anfingen, Pracher waren wir da alle beide.“
„Ich habe doch wenigstens meine Betten gehabt,“ entgegnet sie drauf, „und sechsundsechzig Mark hatt’ ich auch, aber du hattest so gut wie gar nichts.“
Und er sagt: „Zu meinem bißchen habe ich zwei Jahre Arbeit gebraucht, aber wo du deine Reichtümer herhattest, darüber weiß man nichts Rechtes.“
Ihr ist, als schlägt ihr einer mit der Axt vor die Stirn. „Ich habe dir vorgerechnet auf Heller und Pfennig,“ sagt sie, wie mit Blut übergossen, und wendet sich ab.
Sie ist nun so wütend auf ihn — sie könnt’ ihn beinahe vergiften.
Acht Tage später ist der kleine Tuleweit wieder da. Er hat einen, der wäre nicht abgeneigt. Schmidt heißt er, ist aber nicht verwandt mit dem Kaufmann in Heydekrug. Sein Vater hat eine verschuldete Wirtschaft nicht weit von Mineiken, und er ist der Dritte von Fünfen, hat eben gedient und hält bereits Umschau unter den Töchtern der Gegend. Ob man nach deutscher Art sich mit ihm treffen wolle. Aufdem Markt oder auf dem Gericht oder sonst irgendwo, als käm’ es durch Zufall.
Die Erdme versteht von diesen Sachen nichts, aber ihre Tochter, die Urte, will alles schön in die Hand nehmen.
Beim nächsten Pferdemarkt soll es geschehen. Dort wird der junge Herr Schmidt einen Schimmel seines Vaters am Halfter führen, und die Schwestern sollen herzutreten und ihn bewundern. Und was dann folgt, wird Herr Tuleweit bestens besorgen.
Das wird von nun durch und durch geredet, stundenlang, tagelang. Für die drei Frauensleute gibt es rein nichts mehr sonst auf der Welt. Kaum daß die Hausarbeit notdürftig besorgt wird zwischen all dem Getuschel.
Der Jons geht still nebenher wie ein Fremder. Wenn er nicht einen neuen Freund bekommen hätte, wäre er im Leben noch nie so mutterseelenallein gewesen.
Und dieser Freund ist Urtes weißer, vornehmer Hund. Du glaubst es nicht, wie sich das langsam gemacht hat. Zuerst hat er auf dem Hof gestanden und ist still zur Seite gewichen, wenn ihn einer hat anrühren wollen. Keinen hat er angeknurrt oder gar angefletscht, aber wer ihn zu streicheln meinte, der griff in die Luft. Ins Haus hat ihn keiner ’reinholen können, selbst seine Herrin, die Urte, nicht, und wenn sieihn am Halsband hereinzog, dann ist er wohl mit ihr gegangen, aber beim nächsten Wupp war er schon draußen. Einen Schlafplatz hat er sich ausgesucht dort, wo in dem offenen Abschlag die Arbeitswagen stehen und etwas Heu immer verstreut liegt. Dorthin hat die Urte ihm auch sein Fressen gebracht, und da lag er und blickte still um sich.
Der einzige, der nie versucht hatte, ihm mit Locken und mit Betatschen zu nahe zu kommen, war der Jons. Dazu schien ihm der Hund zu fein und zu herrschaftlich. Aber siehe da! Eines Frühmorgens, wie der Jons als erster aus dem Hause trat, um zur Arbeit auf das Moor zu gehen, wer ist da in etlicher Entfernung vorsichtig hinterhergeschlichen und hat sich zukuckend auf die Grabenkante gelegt? Und wer ist da stillschweigend geblieben ohne Trunk und ohne Frühstück, bis der Jons zum Mittagessen nach Hause ging? Und wer ist allmählich näher gekommen und hat sich mit leisem, langem Bisse das Brot aus den Fingern geholt? Und wer ist schließlich sogar, wenn der Jons in die Wiesen fuhr, mit kugelnden Sprüngen dem Wagen vorausgetollt und hat bei ihm Wache gehalten stundenlang, bis er beladen zurückkehrte?
Die Urte wundert sich des Todes, aber Windhunde sollen ja immer untreu sein, sagen die Leute. Und darum läßt sie ihn ruhig dem Vater;nur wenn sie spazieren geht auf der Chaussee nach Heydekrug oder nach Ruß hin, dann nimmt sie ihn mit sich, damit die Begegnenden etwas zum Staunen haben.
Bis Heydekrug ist es fast eine Stunde, aber das macht nichts. Denn dort sieht man doch Menschen, die stehen bleiben und aufgeregt hinterherraten, weil sie das plötzliche Wunder nicht zu fassen vermögen. Und Urte fühlt sich als Ortrud und als Botin der größeren Welt, die erst mit Berlin ihren Anfang nimmt und auf die alle sehnsüchtig hinstarren, denen im Hinterwalde zu hausen bestimmt ist.
Bisweilen trifft man auch junge Männer mit Schmissen, die sicherlich in Königsberg studiert haben und denen man vielleicht einmal auf dem Schoße gesessen hat.
Denen wirft man gelegentlich einen lockenden Blick zu und bringt sie zum Rasen. Denn irgend eine Kleinigkeit fürs Herz muß man doch haben in der torfschwarzen Öde.
Nur an dem Hause des Moorvogts geht man ungern vorbei. Man weiß es nicht, aber man spürt’s in den Gliedern, daß dort hinter den Fensterscheiben zwei Augen forschend und unbestechlich sie und ihr Leben durchmustern. — —
So kommt der große Vieh- und Pferdemarkt heran, auf dem die Besitzer von weit und breit zu Kauf und Trunk sich treffen.
Der Jons hat in der ersten Frühe eine Kuh hingebracht, die demnächst stehen soll und die darum eingetauscht werden muß.
Die Schwestern melden sich erst, als er weg ist, denn mit dem Vater zusammen einzuziehen, hätte die Hochachtung der anderen nicht sehr gefördert. Wenn alles gut geht, gleitet man im Gedränge an ihm vorbei und braucht ihn nicht einmal anzureden.
Die Katrike wird heute von der Urte extra zurechtgemacht. Sie darf die Haare nicht brennen und die Lippen nicht färben, und das Miesekatzchen faucht, die Schwester sei nichts weiter als neidisch. Aber die lächelt nur und ist nicht einmal böse, wie zwei Paar ihrer schneeweißen Handschuhe auf den Pranken der Schwester zerplatzen.
Dann ziehen sie los, und die Erdme weint und betet hinter ihnen her.
Der Vormittag vergeht in Arbeit und Bangen.
Gegen zwei kommt der Jons zurück. Er hat einen guten Handel gemacht. Die neue Kuh gibt laut Bescheinigung zehn Liter, und kaum einmal zuzahlen hat er dürfen.
Aber in freundlicher Stimmung ist er nicht. Er schlingt finster sein Mittagbrot und fragt mit keinem Wort nach den Töchtern.
Dann geht er hinaus zu der Petruschka, die heute früh hat angebunden werden müssen, weilsie bei dem Kuhhandel durchaus zugegen sein wollte.
Erdme sieht, wie er den langen, spitzen Kopf in seine Arme nimmt und leise zu ihm herniederredet.
Das will ihr das Herz abdrücken. Sie geht hinter ihm her und sagt: „Mit dem unvernünftigen Tier sprichst du, aber mir, deiner Frau, gönnst du kein gutes Wort.“
Und er sagt: „Ich habe die beiden Marjellen getroffen, ausgeputzt und mit fremden Männern. Als sie mich sahen, haben sie den Kopf zur Seite gedreht. Ist das nicht etwa genug?“
Sie nimmt natürlich die Töchter in Schutz. „Wer kann seine Augen überall haben?“ sagt sie.
Aber er bleibt dabei. Sogar umgekehrt hätten sie sich, ob er nicht endlich schon weg sei.
„Undwennauch,“ sagt sie. „Was kannichdafür?“
Da läuft ihm die Galle über, und alles, was er in sich verborgen hat seit Jahren, kommt ans Tageslicht.
„Was du dafür kannst?“ schreit er. „Du hast zwei Faulenzerinnen erzogen, zwei Rumtreibersche hast du erzogen, die kein Verlangen tragen nach Arbeit, die bloß Pyragge essen wollen und sich den Rücken wundschlafen bis Mittag — die es mit den Deutschen halten und ihren Vater achten, als wär’ er ein Schnodder. Soviel kannstdu dafür, wie die Stute kann, daß ein Fohlen aus ihrem Leibe kommt und nicht eine Ziege!“
Die Erdme denkt an das, was sie neulich heruntergeschluckt hat. Eine so zornige Rede darf sie nicht ohne Antwort lassen.
„Schon einmal hast du mit mir Hader gesucht,“ sagt sie, „aber da kommst du gerad’ an die Rechte.“ Und dann wirft sie ihm vor, daß sie es war, die den ganzen Wohlstand geschaffen hat, daß er nichts Anderes gewesen ist als ihr Knecht, der nach ihren Anordnungen gearbeitet hat fünfundzwanzig Jahre lang und den jeder andere Knecht ersetzen kann, wenn es ihr paßt, ihn zu mieten.
Die Augen schwellen ihm zu und glupen nach rechts und glupen nach links, als sucht er was und kann es nicht finden.
„Was du sagst, mag wohl so sein,“ sagt er, „nur in einem könnt’ er mich nicht ersetzen, nämlich dir jetzt eine gehörige Tracht Prügel zu geben.“
Und da er nichts Anderes sieht, reißt er den Pfahl aus der Erde, an dem die Petruschka angebunden ist, und schlägt damit die Erdme über den Rücken.
Sie schreit und fällt in die Knie und nimmt die flachen Hände als Stütze. Die Jette, die grienend zugehört hat, schreit auch und springt auf ihn zu, ihm den Arm hochzuhalten, dennder Pfahl ist zu dick, als daß menschliche Glieder unter ihm ganz bleiben könnten.
Darum wirft er ihn auch weg und holt aus dem Stalle die Peitsche. Die Petruschka läuft winselnd neben ihm her und leckt ihm bittend die Hände, aber er achtet ihrer nicht, schlingt die hanfene Schnur um den Stiel und läßt ihn im Bogen durch die Luft hinpfeifen.
So kommt er zurück; dorthin, wo die Erdme noch kniet.
Aber da steht mit einem Male der Nachbar Witkuhn vor ihm da — bleich und zusammengefallen wie immer — umpusten könnte man ihn —, aber in seiner rechten Hand hält er das Teschin, mit dem er sich sonst die Spatzen vom Kirschbaume schießt.
Ihm das Gewehr zu entreißen, wär’ leicht, aber was dann? Wie kann man sein Weib noch bestrafen, wenn zweie dazwischenstehen?
Drum bleibt er ruhig und sagt: „Nachbar, hast du mal was von Hausfriedensbruch gehört und Bedrohung mit tödlichen Waffen?“
Der Nachbar Witkuhn antwortet nicht und stellt sich so vor die Erdme, daß er sie mit dem Leibe deckt.
„Ich fordere dich also auf, meinen Grund und Boden zu verlassen — zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male.“
Der Nachbar Witkuhn rührt sich nicht. Sein rechter Zeigefinger liegt dicht vor dem Abzug.
„Gut,“ sagt der Jons, „ich geh’ jetzt zum Rechtsanwalt, der wird die Anzeige erstatten. Aber die Peitsche nehm’ ich mit, und treff’ ich unterwegs die beiden Marjellen, dann werden sie die Prügel kriegen, die ihrer Mutter noch zustehen.“
Die Erdme schluchzt hell auf und sinkt dann völlig zu Boden. Er aber kehrt sich nicht daran und geht seiner Wege ...
Er ist bei keinem Rechtsanwalt gewesen, und die beiden Marjellen hat er auch nicht getroffen. Er hat mit der Petruschka auf einem Heuhaufen geschlafen, und wie er morgens um die Abfutterungszeit zu Hause angelangt ist, da hat er das Nest leer gefunden. — Keine Frau, keine Töchter, keine Magd.
Die sitzen alle drüben beim Nachbar. Man kann ihre Stimmen hören über den Weg hin.
Und das Sparkassenbuch ist auch weg.
Von allem, was gestern zu ihm gehörte, ist bloß der fremde Hund da, der aus traurigen Menschenaugen zu ihm aufblickt, als wolle er die Übeltat gutmachen, die man ihm angetan hat und die im Grunde genommen seine eigene Übeltat ist.
Dreiundzwanzig Jahre hat der Nachbar Witkuhn auf die Erdme gewartet.
Und nun sie da ist, ist er ein alter Mann.
Er sitzt und sieht sie an und sieht sie wieder und wieder an. Sie ist die Schönste, die Jüngste, die Kräftigste geblieben, aber er ist ein alter Mann.
Ihre Töchter läßt er lachen und laufen und schwatzen, wie sie nur mögen, und achtet ihrer nicht. Sie sind ihm wie zwei fremde Tiere, die die Erdme mitgebracht hat und denen er Obdach geben muß, weil sie nun einmal zu ihr gehören. Und die Jette wirtschaftet draußen mit seiner Magd.
Die Urte und die Katrike haben gestern Großes erlebt, und das erzählen sie immer von neuem: Kaum daß der junge Herr Schmidt sie gesehen hat, da ist er gleich ganz hingenommen gewesen. Zuerst hat er freilich gedacht, die Urte sei ihm als Zukünftige bestimmt, und da hat er sich zurückziehen wollen, denn er ist sich nicht gut genug erschienen für sie; wie er aber gehört hat, daß die Katrike es ist, da hat er um so freudiger zugegriffen und hat mit ihnen beiden und dem Herrn Tuleweit in der „Germania“ gesessen bis in den späten Nachmittag. Herr Tuleweit weiß auch schon eine Wirtschaft für ihn, die mit Fünftausend Anzahlung wohl zu haben wäre, nur das Viehzeug müßte beschafft werden, denn sein Vater gibt ihm rein gar nichts.
Wie vom Viehzeug die Rede ist, da horcht die Erdme hoch auf, denn von ihrem Eigenenher kommt kläglich das Brüllen der Kühe, die nicht gemolken, vielleicht auch nicht gefuttert sind in der Frühe.
Darum sagt sie der Jette, sie soll mit einem Eimer hinübergehen. Die wehrt sich erst, denn sie glaubt, sie kriegt Prügel, aber schließlich tut sie’s doch, und wie sie zurückkommt, erzählt sie, der Wirt habe auf der Häckselbank gesessen, den Kopf in die Hände gestützt, und die Petruschka vor ihm, und keines habe sich auch nur nach ihr umgesehen.
Und die Urte erzählt weiter: Um drei nachmittags habe der junge Herr Schmidt weggemußt, aber am Nebentisch — da hätten ein paar vornehme junge Herren gesessen mit Schmissen und goldenen Kneifern, die wären schon lange bemüht gewesen, sich mit ihnen bekannt zu machen, und hätten ihr zugeprostet und so. Und schließlich wären sie alle zueinander gerückt und hätten fröhlich getrunken bis an den Abend. Den kleinen Herrn Tuleweit hätten die fremden Herren erst für den Vater gehalten; als sie aber hörten, daß er bloß ein Heiratsvermittler sei, da wäre des Neckens kein Ende gewesen, so daß er nichts Besseres zu tun gewußt habe, als bald zu verschwinden. Und von nun an sei es erst recht hoch hergegangen.
Und sie kichern und blinzen sich zu und kommen mit Heimlichtun nicht zu Ende.
Die Erdme will dem Nachbar Witkuhn den Haushalt besorgen, aber das Kreuz ist ihr wie gebrochen von dem Streiche des Pfahls. Darum redet die Urte ihr auch zu, sich beizeiten ein Attest zu beschaffen wegen der künftigen Scheidung.
Um vier Uhr nachmittags wird drüben der gute Wagen angespannt, und Jons fährt weg, ohne das Gesicht nach ihr hinzudrehen.
Nun ist die Zeit da, herüberzuholen, was gestern zur Nacht nicht mitgebracht werden konnte.
Vor die Haustür, deren Schlüssel die Erdme bei sich trägt, hat der Jons zum Schutze vor Einbruch ein paar Bretter genagelt. Mit zwei Fingern kann man die losreißen. Es ist wahrhaftig zum Lachen.
Die Urte, die Katrike packen rasch ihre Sachen, und auch sie selber gibt an, was sie für Sonntags wohl braucht. Ebenso muß jeder sein Bettzeug haben, denn wie kann der Nachbar Witkuhn soviel Gäste versorgen?
Mag der Jons sehen, womit er sich zudeckt! Die Federbetten gehen mit, und so noch vieles andere, so daß der Handwagen des Nachbars viermal hochbeladen den Knüppelweg überquert.
Schwer wird der Abschied von den Kühen, die die Erdme nicht einmal melken kann, so weh tut ihr das Kreuz. Sie streichelt sie nur und wirft ihnen Heu hin und denkt: „Wie gut wär’s, wenn ich sie drüben hätte!“ Auch die Neue istihr bereits ans Herz gewachsen, und doch hat sie sie kaum schon gesehen.
Dann kriegen noch die Schweine ihr Futter, und dann geht es heim.
Gegen Mitternacht erhebt sich vor dem Hause des Nachbars ein furchtbarer Lärm. Schwere Schläge fallen gegen die Läden, und des Jons betrunkene Stimme schreit: „Ihr Diebe! Ihr Räuber! Kommt ’raus! Ich schlag’ euch tot, ihr Räuber! Das verhurte Weib zuerst! Und dann ihren“ — „Liebhaber“ sagt er nicht, es ist ein viel schlimmeres Wort, das er sagt. Und ebenso beschimpft er die Töchter und die Magd und droht, sie alle zu erschlagen.
Die Urte und die Katrike knien im Hemd an der Mutter Bett und kreischen bei jedem Schlage, der das Ladenholz zersplittern will. Und vor der Stubentür steht der Nachbar Witkuhn und ruft durchs Schlüsselloch, sie möchten ganz ruhig sein, er halte das Teschin in der Hand, und wenn der draußen einbräche, so sei es um ihn geschehen.
Aber schließlich entfernt sich der Wüterich, und auch das Winseln und Heulen Petruschkas verstummt nach und nach.
Am nächsten Morgen gibt es ein langes Gespräch zwischen dem Nachbar Witkuhn und der Erdme.
„Gestern dachte ich noch, du würdest zurückkönnen,“sagt der Nachbar, „aber heute seh’ ich ein, daß die Brücke zerbrochen ist. Nun tu, was du für richtig hältst. Ich werde dir in allem zu Diensten sein, was dein Wunsch ist.“
„Ich weiß nicht aus, nicht ein,“ sagt die Erdme.
Und der Nachbar sagt: „Ich habe es mein Lebenlang für das größte Glück auf Erden gehalten, daß du einmal meine Frau würdest. Aber nun mir plötzlich die Möglichkeit gegeben ist, daß es so werden könnte, da seh’ ich ein, ich bring’ es nicht übers Herz. Denn jeder wird sagen, wie Er es ausschrie heute nacht, daß wir in Buhlschaft gelebt haben alle die Jahre.“
„Beinahe wär’ es ja so gewesen,“ sagt die Erdme.
„Wenn es so gewesen wäre,“ erwidert der Nachbar, „dann hätten wir längst kein Gewissen mehr und keine Scham und würden lachen, wenn die Leute mit Fingern auf uns zeigen. Aber nun schreck’ ich schon zurück bei dem Gedanken, Ihm auf dem Weg zu begegnen.“
„Ich dränge mich niemandem auf,“ sagt die Erdme gekränkt.
„Und ich bin ein alter Mann,“ sagt der Nachbar. „Ich möchte nicht, daß du mir fluchst, wenn du mich auf den Kirchhof trägst.“
„So bleibt mir als einziges,“ sagt die Erdme, „daß ich in Ausgedinge zu der Katrike zieh’, wenn die jetzt heiratet.“
„Ist es denn schon so weit?“ fragt der Nachbar.
„Wenn ich alles hergebe,“ sagt die Erdme und drückt die Hand gegen das Sparkassenbuch, das sie auf nackigem Leibe trägt, „dann ist es so weit.“
„Er wird das Geld schon gesperrt haben,“ sagt der Nachbar.
„Vielleicht auch nicht,“ sagt die Erdme, und weil sie sowieso nach Heydekrug muß wegen des Doktorattestes, wird sie auch gleich die Fünftausend abheben, die ihr nicht weniger gehören als ihm.
Der Nachbar beschafft ein Fuhrwerk, denn er selber hat immer noch keins, und wie sie aufsteigen will, muß sie von zweien gehoben werden, so verschwollen ist alles.
Als der Doktor sie untersucht hat, macht er ein ernstes Gesicht und sagt: „Schlimm genug sieht es aus, und schlimm wird auch, was ich schreiben muß, aber ich rat’ euch trotzdem: Vertragt euch!“
Bisher ist der Erdme noch alles gewesen wie ein ängstlicher Traum, und oft hat sie gedacht: „Wenn er jetzt käme und sagte: ‚Laß gut sein‘ — weiß Gott, ich ginge zurück.“ Wie der Doktor aber sagt: „Es sieht schlimm aus,“ da wird ihr Sinn wie von Stein, und sie denkt bloß, daß sie sich Recht verschaffen muß vor Gott und den Menschen.
Der Beamte der Sparkasse kennt sie seit langem und zahlt ihr das Geld ohne Bedenken. „Ja ja,“ sagt er, „wenn man Töchter verheiraten will.“
Und da hat sie’s auch schon in den Händen.
Die Katrike, die mitgefahren ist, denn sie selber kann sich nicht an- und nicht ausziehen, weiß sich vor Liebe gar nicht zu lassen. Sie nennt sie „Mamusze“ und „Mammelyte“, was sonst nur die Urte sagt, und „Mane Baltgalwele“ — mein Weißköpfchen — nennt sie sie, wie die alten Mütter in den Liedern heißen, ob auch ihr Haar noch fast braun ist.
Auf dem Heimweg denkt die Erdme immerzu, jetzt wird sie dem Jons begegnen, aber sie begegnet ihm nicht. Doch auf ihrer Wiese, die wohl fünfhundert Schritt weit auf der anderen Seite der Chaussee gelegen ist, sieht sie was Helles. Das ist die Petruschka. Die sitzt und bewacht ihn, denn er ist wohl wieder betrunken.
Von weitem schon hört man das Brüllen der Kühe. Die müssen verkommen, wenn man sie da läßt.
„Hast du Platz im Stalle für sie?“ fragt die Erdme.
„Ich habe Platz für alles, was dein ist,“ sagt der Nachbar.
Darum schickt sie auch gleich die Jette und die Witkuhnsche Magd hinüber, die Kühe zu holen.
Und die Katrike tanzt herum wie eine Besessene. — Das Geld und das Vieh — alles ist da. Nun kann geheiratet werden.
Und noch am selben Abend macht sie sich auf, zum kleinen Tuleweit zu gehen, damit er so rasch wie möglich alles in Ordnung bringt.
Die Urte will sie begleiten, um einen Abstecher nach Heydekrug zu machen, wo irgendwo am Spazierweg die jungen Herren von gestern schon warten. Sie ärgert sich bloß, daß die Petruschka nicht bei ihr ist — dann wäre ihr Anblick zehnmal so vornehm gewesen. Und darum bleibt sie schließlich zu Hause.
Die Erdme liegt und zittert vor Angst, daß der Spektakel von voriger Nacht heut wegen der Kühe noch einmal losgehen wird.
Aber nichts regt sich fortan.
Sie muß im Bette bleiben wohl eine Woche lang, und wenn sie sich aufrichten will, kriegt sie ein Handtuch anzufassen, woran sie sich hochzieht.
Die Marjellen aber nützen die Zeit und holen herüber, was für die Aussteuer irgend von Wert ist — den großen Ecktisch und den buntblumigen Schrank und noch vieles andere.
Niemand hindert sie dran, denn morgens fährt er weg, und mit der Dunkelheit kommt er wieder, und die Petruschka läuft nebenher. Was er macht und wo er sich aufhält, weiß keiner.
Am fünften Tage von Erdmes Bettlägerigkeit tritt ein junger Mensch in die Kammer. Der hat einen deutschen Backenbart und schiefe, ängstliche Augen. Und hinterher schiebt sich mit heißem Gesicht und frisch gebranntem Strohhaar die Katrike. Sie ist fast einen Kopf größer als er und sieht aus, als möcht’ sie ihn auf den Arm nehmen.
Das ist der junge Herr Schmidt, ihrer Tochter künftiger Bräutigam.
Er spricht die Erdme in stolprigem Litauisch an, und sie richtet sich auf und sagt auf Deutsch:
„Was Sie sich wohl denken, Ponusze! Wir reden das Deutsche genau so wie Sie. Und im Bett liege ich nur, weil ich das Gliederreißen habe. Gewöhnlich arbeit’ ich wie sonst nur die Jüngste.“
Die Katrike und der junge Mensch sehen sich verstohlen an, woraus sie schließen muß, daß ihm die Tochter schon alles gesagt hat. Und noch etwas Anderes will sie daraus schließen, aber das drängt sie sofort von sich ab.
Er möchte am liebsten das Geld gleich mit sich nehmen, aber sie weiß, daß es ihr wohlgeborgen unter dem Leibe liegt, und erst müßte man sie totschlagen, ehe sie es hergäbe.
„In dem Kontrakt soll stehen,“ sagt sie, „daß ich eine Altsitzerstelle bekomme mit so und so viel Korn und Kartoffeln und dem Recht, Hühnerzu halten, und noch anderen Rechten, die ich alle bezeichnen werde. Sonst wird aus dem Kaufe nichts.“
Die Katrike fängt sofort an zu weinen und klagt sie an, sie steh’ ihrem Glücke entgegen. Der junge Herr Schmidt aber sagt: „Eswirdauch alles in dem Kontrakte stehen, aber das ist ein ganz anderer Kontrakt als der, den ich mit dem Besitzer abschließen werde. Denn den geht es nichts an, was wir miteinander ausmachen wollen.“
Da sieht sie ein, daß der dumme Deutsche klüger ist als sie selbst, und schickt sich in das, was verlangt wird.
Aber erst will sie gesund sein und mit aufs Gericht gehen und alles bewachen können bis in das kleinste.
Die Katrike und der junge Herr Schmidt sehen sich schon wieder an. Dann aber geben sie sich die Hand und knien am Bette nieder und bitten um ihren Segen.
Sie weint und küßt und segnet die beiden, aber in ihrem Innern denkt sie dabei: „Ich will doch erst den Rechtsanwalt fragen.“
Der Moorvogt sitzt über seinen Schreibereien, und wenn einer am Chausseehaus vorübergeht,sieht er zum Fenster hinaus. Das ist seine Art, über die Leute, die ihm anvertraut sind, ins klare zu kommen. Aus ihrem Aussehen, ihrem Gang und der Stunde, die sie sich aussuchen, und den Lasten, die sie tragen, kann er genau erkennen, wie er mit ihnen dran ist, ob sie vorwärts kommen oder ob sie ins Lüdern geraten sind.
Der Moorvogt ist nun auch kein Jüngling mehr, und die dreißig Jahre, die er dem Moor geopfert hat, fangen an, seine Haare zu bleichen. Aber sein Auge sieht noch so scharf wie je, und noch immer hält er zweitausend Schicksale straff an der Leine.
Eines schönen Sommerabends sieht er den Jons Baltruschat zu Fuß nach Hause gehen, und doch ist er des Morgens im Leiterwagen vorübergefahren. Der Jons Baltruschat ist ihm schon seit einiger Zeit auffällig gewesen. Morgens macht er sich auf nach der Wiese, und abends fährt er betrunken zurück. Und der fremde weiße Hund, der dem Weibsbild von Tochter gehört, läuft nebenher.
Aber heute kommt er zu Fuß. Auch schwanken tut er. Aber seine Gangart ist mehr wie die eines Kranken als die eines Betrunkenen.
Darum macht der Moorvogt das kleine Fensterchen auf, durch das früher die Stange mit dem Lederbeutel geschoben wurde, und ruft ihm nach: „Jons, komm doch mal ’rein!“
Der Jons erschrickt und tut, als hat er nichts gehört, doch wie der Moorvogt nicht nachläßt, da muß er sich wohl bequemen, kehrt um und tritt in das Zimmer. Die Petruschka mit ihm. Sie läuft sofort zu dem Moorvogt, steckt die Schlangenschnauze in seine Hand und schlägt die nassen Augen zu ihm auf, als will sie sagen: „Wenndunicht hilfst!“
Der Moorvogt braucht nureinenBlick, um zu sehen: Der Jons ist so gut wie ein verlorener Mann; aber er weiß, große Worte verschrecken bloß und verschüchtern, darum sagt er gleichsam so nebenher: „Mir war doch, als bist du heut früh mit Fuhrwerk gewesen. Hast du das irgendwo stehen gelassen?“
„Ja,“ sagt der Jons, „das hab’ ich stehen gelassen.“
„Na, wo denn?“
„Auf — der — Chaussee.“
„Aber warum denn?“
„Ja — na.“ Mehr ist nicht aus ihm ’rauszukriegen.
„Dann wollen wir’s doch gleich einmal holen gehen,“ sagt der Moorvogt und greift nach der Mütze.
Aber der Jons will nicht. „Wenn es ’n Zweck hätt’,“ sagt er.
„Warum hat’s keinen Zweck?“
„Weil das Pferd gar nich mehr da is.“
„Wo ist es denn?“
„Wer kann wissen?“
„Ach so,“ sagt der Moorvogt. „Du bist betrunken gewesen, hast dich in’n Chausseegraben gelegt, und unterdessen hat’s dir einer ausgespannt.“
„Wer kann wissen?“ sagt der Jons.
„Und da gehst du hier vorbei und machst keine Anzeige? Möchtest du den hübschen Braunen gar nicht mehr wiederhaben?“
„Is ja alles egal,“ sagt der Jons.
„Sonst war dir sowas durchaus nicht egal.“
„Da waren auch noch die Kühe da.“
„Sind die dennnichtmehr da?“
„Nichts is mehr da. Die Schweine werden sie heute auch wohl geholt haben.“
„Wer denn?“
„Na, die Erdme und die Marjellen.“
„Und das läßt du dir ruhig gefallen?“
„Is ja alles egal.“ Und dabei bleibt er.
Die Petruschka sieht immer zum Moorvogt auf, wie der Mensch zum rettenden Herrgott. Der streichelt ihr den hohlen Rücken, dessen Fell verfilzt ist und verschorft von Wunden und schwarzgrau. Und er sagt: „Wie kommt’s, daß der fremde Hund sich an dich gewöhnt hat?“
„Das is so gekommen,“ sagt der Jons.
„Weißt du, was deine Tochter für eine ist?“ fragt der Moorvogt.
„Ich will es auch gar nicht wissen,“ sagt der Jons.
Damit geht er.
Der Moorvogt telephoniert an alle Amtsvorsteher wegen des Braunen und hat dann eine schlaflose Nacht.
Am nächsten Morgen läßt er sich den Smailus kommen. Der bibbert am Krückstock, und seine Augen sind ganz und gar wie verglast, aber das kühne Polengesicht hat er noch immer, und sein Schnurrbart wölbt sich forsch, als will er den Moskauern demnächst eine Schlacht ansagen.
Doch Schlachten schlägt der nicht mehr. Dafür hat seine Vierte reichlich gesorgt. Wenn es Gott will und sie stirbt, die ist imstande und verleidet ihm vorher die Fünfte.
„Was ist also mit den Baltruschats los?“ fragt der Moorvogt. Und nun erfährt er das Nötige.
„Warum bist du nicht freiwillig zu mir gekommen und hast es erzählt?“
Seine Frau hat es nicht gewollt.
„Warumhat deine Frau es nicht gewollt?“
Der Jons hat ihr einmal eine Ziege gepfändet, und dafür muß sie sich rächen.
„Und was hat sie ihm gepfändet?“
Der Smailus lacht schadenfroh. „Das ist gar nicht zu zählen,“ sagt er. ÜberhauptdasWeib! Aber davon will der Moorvogt nichts wissen.
„Glaubst du, daß die Erdme mit dem Witkuhn mal was vorgehabt hat?“
Diese Frage ist ihm zu schwer. Daß seine eigenen vier Weiber ihm treu gewesen sind, das weiß er, bei den anderen kann man niemals drauf schwören.
„Aber bemerkt hast du nichts?“
Nein, bemerkt hat er nichts. Und darum wird er entlassen. — — —
Der Moorvogt ist sich noch ungewiß. Soll er die Erdme in dem Witkuhnschen Hause besuchen oder soll er sie zu sich bestellen? Da sieht er sie eben vorbeigehen. Sie lahmt zwar noch, und Kreuz und Kopf trägt sie bewickelt, aber kriechen kann sie doch schon.
„Du — komm mal ’rein!“
Sie steht da und sieht ihn böse an.
„Schöne Geschichten hör’ ich von dir.“
Sie schweigt und sieht ihn böse an.
„Nach fünfundzwanzigjährigem Leben — schämst du dich nicht?“
Da legt sie los: mit dem Zaunspfahl hat er sie geschlagen — beinahe das Rückgrat hat er ihr gebrochen — mit Schmutznamen hat er sie belegt — ihren ehelichen Wandel hat er bekotzt — die ehr- und tugendsamen Töchter hat er mißhandeln wollen, und was das Schlimmste ist, das Vieh hat er verhungern lassen, so daß sie es nur durch Rüberholen mit knapper Not errettet hat.
Der Moorvogt sieht sofort: die Sache liegt schlimm für den Jons, undsieist eine Furie geworden. Mit gut Zureden wird der nicht beizukommen sein. So versucht er es also mit böse: „Weißt du, was ich jetzt tun werde? Ich werd’ dich durch den Gendarm in die Kaluse bringen lassen.“
Aber sie lacht ihn nur aus. „Das können Sie ja. Bloß morgen werd’ ich schon wieder bei Ihnen vorbeigehen.“
„Wenn du dich nur nicht irrst.“
„Warum soll ich mich irren? Er hat ja keinen Antrag gestellt. Und er wird auch gar keinen stellen. Denn hier unter der Wiste hab’ ich das Doktorattest. Darin steht geschrieben, wie schlimm es gewesen ist und daß ich nur durch ein Wunder am Leben bin. Wenn einer in die Kalus’ fliegt, dann ist er es. Und ich zieh’ jetzt zu meiner älteren Tochter. Die wird eine reiche Besitzersfrau. Und morgen wird sie das Aufgebot bestellen kommen. Und wenn ich erst hier ’raus bin, dann kann man mir sonst was.“
Das ist nicht Trotz mehr, das ist offene Auflehnung. Im Laufe der Jahre haben nur wenige ihm so entgegenzutreten gewagt.
„Was du eben gesagt hast, Erdme Baltruschat, das will ich nicht verstanden haben. Aber eins prophezei’ ich dir: der Tag wird kommen, und er ist gar nicht weit, da wirst du dich glücklichpreisen, bei dem Jons noch einmal unterkriechen zu können. Wir wollen hoffen, daß er dich dann auch aufnimmt.“
Sie beißt die Zähne zusammen und schwört bei Gott dem Allmächtigen: „Eher geh’ ich und ertränk’ mich im Torfloch.“
Und damit humpelt sie wieder hinaus nach Heydekrug zu, wo der Rechtsanwalt ihr raten soll, wie sie sich sichert, wenn Tochter und Schwiegersohn, denen sie alles opfert, sie übervorteilen wollen.
Das Geld muß hergegeben werden. Da ist nichts zu machen. Denn ohne Anzahlung kommt das Grundstück nicht in ihren Besitz. Es wird aus Vorsicht auf den Namen der Tochter geschrieben, damit der junge Herr Schmidt vor der Hochzeit nicht etwa noch abschnappt.
Die Kühe und die Schweine und alles, was vom Hausrat herübergetragen ist, sollen mit in die Wirtschaft kommen, denn es fehlt ja nicht weniger als alles.
Der Kontrakt wird unterschrieben, und das Geld ist weg — so schnell, wie man eine Fliege in der Hand sterben läßt. Den Kauftrunk spendiert die Erdme, aber gemütlich ist er nicht. Der bisherige Besitzer behauptet, er hätte sein Hab und Gut wegwerfen müssen, und der junge HerrSchmidt ist der Ansicht, die Hälfte des Preises wäre auch noch reichlich gewesen. Daß es zum Prügeln nicht kommt, daran ist nur die Urte schuld, die nach beiden Seiten schöne Augen macht und dadurch das Schlimmste verhindert.
Hierfür belohnt sie sich, indem sie hernach noch ein bißchen spazieren geht, wobei sie alsbald die jungen Herren mit den Schmissen trifft, die ihr vorsichtig folgen, bis man sich auf der leeren Chaussee freundschaftlich einigen kann.
Die Katrike will mit dem jungen Herrn Schmidt über Nacht zu den Schwiegereltern fahren, was ihr nicht zu verdenken ist, und darum geht die Erdme allein nach Hause.
Nach Hause? — Als ob sie ein „Zuhause“ hätte — das soll erst morgen kommen. Denn für morgen hat der Rechtsanwalt den Ausgedingevertrag bereitgelegt. Darin steht aufs genaueste geschrieben, was ihr bis zu ihrem seligen Tode zukommen wird — ja sogar für die Zeitnachdem Tode hat sie gesorgt. Nicht weniger als zehn Fladen und sechs Achtel Bier müssen den Begräbnisgästen vorgesetzt werden, und das Kreuz auf ihrem Grabe muß aus Gußeisen sein.
So ist alles aufs beste geordnet. Aber wohl ist ihr doch nicht zumut. Wenn jetzt zum Beispiel der Jons des Weges käme, wie könnte sie ohne ein Wort an ihm vorübergehen?
Da ist nun die lange Brücke, die über dieSumpfniederung führt! Und sie muß des Frühlingstages gedenken, an dem sie vor fünfundzwanzig Jahren mit Jons zum Moor hinauszog. Da kuckten die Kuhblumen vergnügt aus dem blauen Stauwasser, und sie sagte zu ihm: „Wie die Blumchen da vorwärts kommen, ohne zu ertrinken, so werden auch wir vorwärts kommen.“
Genau so sagte sie. Ihr ist, als wäre es gestern gewesen.
„Aber was hilft das Vorwärtskommen,“ denkt sie, „wenn einem zuguterletzt alles wieder zunichte wird.“
In ihrer Unwissenheit hat sie gemeint, sie seien längst über den Berg, und Hader könnt’s gar nicht mehr geben; da ist er mit einmal da gewesen wie der Dieb in der Nacht und hat alles — aber auch alles — zunichte gemacht.
Übrigens: eine Wut hat sie auf die Katrike, die ihr das Geld aus den Händen riß! Kaum einmal warten konnte die Kröt’, bis sie die Wiste aufgehakt hatte!
„Aber morgen,“ denkt sie, „morgen wird alles festgemacht werden.“ Aus dem Hause wird sie keiner fortekeln können, dafür hat der Rechtsanwalt schon gesorgt, und das Brautpaar hat wohl oder übel seine Zustimmung geben müssen.
Bloß daß die Unterschrift fehlt. Morgenum elf werden sie sich wieder in Heydekrug treffen, und übernächsten Sonntag kann dann die Hochzeit sein.
Wie sie beim Nachbar anlangt, ist ihr zumut, als muß sie sich wieder krank hinlegen, so zerschlagen fühlt sie sich. Aber das kommt nicht vom Rücken her, das ist das Herzweh, weil sie alles hergeben muß.
Der Nachbar erkennt ihren Zustand wohl und redet ihr Trost zu. Aber was kann er viel sagen?
Zwei Stunden nach ihr kommt die Urte. Sie hat heiße Backen und sieht verjucht und verjachert aus. Sie ist dem Moorvogt begegnet, und der unverschämte Kerl hat sie angehalten und verlangt, sie soll ein Führungsattest beibringen. Was der sich wohl denkt?
Sie macht sich viel an ihrem Koffer zu schaffen, aber zu der ermatteten Mutter ist sie voll Zärtlichkeit und besteht darauf, daß der Nachbar einen Wagen besorgt und sie morgen selber nach Heydekrug fährt. Denn der weite Gang zwei Tage gleich nach einander könnte zu viel für sie sein.
Spät abends kniet sie noch vor der Mutter Bett und streichelt und küßt ihr die Hände und bittet ihr alles ab, was sie ihr Böses getan hat und weiter noch tun muß. Die Erdme weiß zwar nicht, was sie meint, aber von solcherWeichherzigkeit ist sie heut, daß sie den Kissenbezug ganz naß weint.
Und morgens, wie sie mit dem Nachbar davonfährt, fängt die Urte von neuem an, gerade so, als wär’ es ein Abschied für immer.
Heut achtet sie nicht darauf. Sie hat nur Augen für drüben. Ob nicht der Jons sich irgendwo sehen läßt. Aber drüben ist alles leer und still. Auch keine Petruschka blitzt irgendwo auf. Freilich, blitzen tut die nicht mehr, denn die ist jetzt dreckig, wer weiß wie.
Pünktlich um elf hält der Wagen vor dem Rechtsanwaltshaus. Sie denkt, die Brautleute schon lauernd zu finden, aber keiner ist da. Auch um halb zwölfe noch nicht und um zwölfe ebensowenig.
Der Rechtsanwalt hat auf dem Gerichte Termin und sagt im Vorbeigehen, jetzt müßte sie warten bis zwei, denn früher käm’ er nicht wieder.
Und wie er um zwei wiederkommt, sind die Brautleute noch immer nicht da.
„Jetzt ist Büroschluß bis um halb vier,“ sagt er. „Inzwischen können sie immer noch kommen.“
Der Erdme, die auf der Schwelle sitzt, tut seit langem das Kreuz weh, und der Nachbar redet ihr zu, in die nächste Schenke zu gehen. Dort kann sie sich wenigstens ausstrecken. Aber sie will nicht. Sie könnte das Brautpaar am Ende verfehlen.
Der Nachbar kauft ihr Semmel und Schnaps, und dann geht es ja wieder.
Wie die Uhr sechs schlägt, kommt der Bürovorsteher heraus und sagt, für heute sei es nun leider zu spät, aber der Schriftsatz liege ja da und der Herr Rechtsanwalt werde morgen oder auch sonst wann zur Beglaubigung gerne bereit sein.
So fahren sie wieder zurück. Die Erdme hat das Kopftuch um Mund und Backen gebunden und redet kein Wort. Was soll sie auch reden? Man muß sich ja fürchten zu denken — um wieviel mehr noch zu reden!
Auch dem Nachbar ist die Kehle erfroren. Und so kommen sie an.
Was sie da finden, glaubt keiner. Ich kann es euch zehnmal erzählen, ihr glaubt es mir doch nicht.
Die Kühe sind weg. Die Schweine sind weg, die Betten sind weg. Auch der andere Hausrat von drüben ist weg. Die Urte ist ebenso weg. Und selbst die kröt’sche Marjell, die Jette, ist weg.
Dem Nachbar Witkuhn Seine, die ein ordentliches Mädchen ist, sieht die erschreckten Gesichter und fängt hell zu weinen an. Sie haben gesagt, es geschehe im Auftrag der Erdme, sonst hätte sie den Nachbar Smailus gerufen oder sonst wen — und sie schielt hinüber nach Baltruschats Haus.
Was bei Jesu Namenistalso geschehen?
Bald nach elfe ist ein Leiterwagen vorgefahren. Darauf haben die Brautleute gesessen und haben erklärt, sie wollten jetzt alles überführen, was in die künftige Wirtschaft gehört. Und die Mutter wäre schon dort, um einzurichten, und käme nur später noch einmal, die eigenen Sachen zu holen.
Und dann haben sie vorne das Hausgerät aufgeladen und hinten die Schweine. Und die Kühe haben sie angebunden, und so sind sie davongefahren. Und die Urte hat ihr noch fünf Mark geschenkt für die gute Bedienung.
Ja richtig! Zwei Briefe haben sie auf den Tisch gelegt. An wen die sind, weiß sie nicht, denn Aufschrift hat keiner.
Der Erdme wird das Kreuz ganz steif und gefühllos. Der Nachbar und die Magd müssen sie in die Stube tragen.
Da liegen die Briefe.
Die Katrike schreibt so:
„Mein geliebtes Mütterlein!
Es bereitet mir einen großen Schmerz, mich von Dir zu trennen. Mein Bräutigam, der junge Herr Schmidt und seine Familie wollen es aber so. Die Deutschen sagen, es ist bei ihnen nicht Sitte, daß gleich die Mutter als Altsitzerin in die Wirtschaft mitgeschleppt wird. Und sie sagen, sie wollen dann lieber zurücktreten. Die Hochzeitwird in kleinstem Kreise gefeiert werden, und darum kann ich Dich nicht dazu einladen. Was mir auch gewißlich einen großen Schmerz bereitet. Das Vieh und die anderen Sachen habe ich gleich mitgenommen, denn mein Bräutigam, der junge Herr Schmidt, hat es schriftlich. Eine Klage würde also nichts nutzen. Ich bedanke mich auch sehr für alles, womit Du mich beschenkt hast, und werde Dich lieben in Ewigkeit.
Deine treue Tochter Katrike.“
Und die Urte schreibt so:
„Meine Mamusze!
Ich weiß, ich habe schlecht an Dir gehandelt, aber die Katrike bestand darauf. Darum habe ich Dich gestern und heute auch immerfort um Verzeihung gebeten. Bei der Katrike bleibe ich nicht, sondern fahre von Jugnaten aus gleich nach Berlin. Wenn ich trotz meiner schönen Kleider nicht arm wäre wie eine Kirchenmaus, noch weit ärmer, als die Ulele einst war, dann würde ich Dich jetzt mit mir nehmen. Aber so würden wir uns beide gegenseitig nur hinderlich sein. Darum rate ich Dir, laß Dich rasch scheiden und heirate den Nachbar Witkuhn, der Dich ja immer geliebt hat. Wenn man daran denkt, scheint es einem wie ein trauriges Buch, und das muß doch wenigstens einen befriedigenden Schluß haben. Zu dem bösen Vater kannst Duja doch nicht zurück. Die untreue Petruschka mag bei ihm bleiben. Ich will sie nicht mehr. Lebe wohl, meine Mamusze, und sei mir nicht böse. Ich schicke Dir bald etwas Schönes.
Deine Urte.“
So lauten die Abschiedsbriefe der beiden Töchter.
Die Erdme will sich ins Bett legen, denn die Beine tragen sie nicht.
Da tritt der Nachbar Witkuhn zu ihr in die Kammer. Er hat seinen Mantel auf dem Arme und sagt: „Bis heute waren die Töchter da. Ich könnte ja jetzt die Magd bei dir schlafen lassen, aber vor Gericht glauben sie ihr am Ende nicht, weil sie doch von mir abhängig ist. Und wenn ich auch ein alter Mann bin, da ich nun einmal mit dir im Verdacht stehe, so möchte ich dir das künftige Leben nicht erschweren, indem ich mit dir zur Nacht allein unter einem Dache verweile. Oder doch so gut wie allein. Ich werde darum den Nachbar Smailus um eine Schlafgelegenheit bitten und darin fortfahren, solange dein Ruf es verlangt.“
Da sieht die Erdme ein, daß sie kein Dach mehr über dem Kopfe hat, denn den Nachbar aus seinem Hause vertreiben, das kann sie nicht.
Weil sie aber weiß, daß er von seiner Meinungnicht abzubringen sein wird, so willigt sie zum Scheine darein, gibt ihm auch ihre Danksagung mit auf den Weg und sagt, sie wird gleich zur Ruhe gehn.
Sowie er aber weg ist, ergreift sie den Stock, auf den sie sich stützen muß, — und siehe da! jetzt tragen die Beine sie wieder.
Der Magd sagt sie, sie will an die frische Luft, und damit verläßt sie den Hof.
Es ist ein lieblicher Abend, nur — Gott sei’s geklagt — sie weiß nicht, wohin.
Dem Moorvogt hat sie geschworen: ins Torfloch. So ein Schwur ist leicht gegeben, will man ihn aber erfüllen, dann fällt es einem recht schwer.
Trotzdem wird es ja wohl das Torfloch sein müssen, denn was bleibt ihr sonst übrig?
Auf dem Knüppelweg hält sie an und blickt noch einmal nach ihrem Eigenen hinüber.
„Es ist merkwürdig,“ denkt sie, „daß man nie etwas von ihm sieht oder hört.“ Seit sie ihm das Pferd gestohlen haben, kann er nicht mehr wegfahren. Und zu Fuß kommt er auch nicht vorbei. Selbst die Petruschka ist wie in die Erde gesunken.
Sie wirft einen Blick auf die Quitschenbäume, deren Beeren schon halb und halb rot sind, und auch den Garten besieht sie von ferne. Viel erkennt sie nicht mehr, denn die Dunkelheit istschon im Fallen, aber daß die Sonnenblumen im Aufblühen sind und daß der Wind die Stangen der Zuckerschoten umgeschmissen hat, das bemerkt man auch von dem Weg her.
„Wenn ich nicht so kreuzlahm wäre,“ denkt sie, „so würd’ ich nachher über den Zaun klettern und sie noch aufrichten.“
Und dann macht sie sich auf — nach dem Torfloch.
Die Ziegel, die schwarz und wie mit Fett übergossen an seinem Rande stehen, hat sie noch selber gestochen. Aber nicht mehr allein wie einst in den Jahren der Jugend. Mit der Magd waren sie drei, so wie es die Regel verlangt. Und der Jons hatte den schwersten, den Stechplatz.
Der Abendschein liegt feuerrot auf dem Wasser.
„Wenn ich jetzt hier ’reinspringe,“ denkt sie, „dann wird er sein Lebtag glauben, ich sei mit dem Nachbar Witkuhn im Verschwiegenen einig gewesen. Denn wer soll es ihm sagen? Will der Nachbar ihn anreden, so schlägt er ihn tot.“
Und dabei fällt ihr auf, daß das Totgeschlagenwerden gar nicht so schlimm ist. Hier ’reinzuspringen ist schlimmer.
„Wie wär’s,“ denkt sie weiter, „wenn ich vorher noch mit ihm spreche und alles ins klare bringe? Mehr als mich totschlagen kann er ja auch nicht.“
Und so froh wird ihr dabei zumut, als wenn das noch ein Segen wär’. Bloß hier nicht ’reinspringen müssen!
Darum macht sie sich gleich auf den Rückweg.
Um die weggelaufenen Töchter klagt sie schon gar nicht mehr, nur daß das Vieh weg ist, erfüllt sie mit Kummer.
„Hätt’ ich bloß eine einzige Kuh an die Leine zu nehmen,“ denkt sie, „dann könnte ich mich schon vor ihm sehen lassen. Aber so ganz als Bettlerin auf seiner Schwelle zu stehen, fällt doch recht schwer.“
Und nun möchte sie wieder lieber ins Torfloch. — — —
Wie sie von neuem am Quitschenweg steht, ist es schon Nacht, aber richtig Nacht wird es im Juli ja doch nicht.
„Find’ ich ihn nicht zu Hause,“ denkt sie, „so setz’ ich mich an die Feuerstelle und warte, bis er zurückkommt.“
Und so geht sie langsam den Zufahrtsweg hinauf und bis an das Hoftor. Der Kettenhund rührt sich nicht. Ja richtig, den hat er vergiftet, weil er sich losgemacht und die Petruschka zerbissen hat. So hat es der Magd die Smailene erzählt.
Das Tor steht offen. Warum auch nicht? Das Vieh ist längst fort, das hat sie ja selber gestohlen.
Ob er wenigstens die Haustür verschlossen hat?
Aber wie kann er? Sie selber hat ja den Schlüssel.
So drückt sie also die Klinke auf zum Vorflur.
Da kommt aus dem Finstern was Helles gesprungen und riecht an ihr hoch und riecht und riecht und stellt sich dann vor sie hin und fängt zu heulen an, wie ein Mensch heult.
Heult er vor Freude? Heult er vor Jammer? Wer kann es wissen?
Ihre Augen haben sich schon an das Dunkel gewöhnt, und wie der Jons in seinen Kleidern aus der Stubentür tritt, erkennt sie ihn deutlich. Sie sieht auch gleich, daß er nüchtern ist. Bloß verschlafen scheint er zu sein.
Und wie er fragt, wer da ist, gibt sie gar nicht erst Antwort, sondern fällt vor der Feuerstelle zusammen. Sie denkt, nun wird er die Schaufel nehmen oder die Axt.
Aber was tut er?
Er macht die Haustür weit auf, damit er sie besser besehen kann, und dann stellt er sich neben sie hin und fragt: „Ist es noch immer das Kreuz, daß du nicht aufkannst?“
Nein, das Kreuz ist es nicht mehr, auch die Angst ist es nicht mehr, jetzt sind es die Tränen, daß sie nicht aufkann.
Und sie kniet vor der Feuerstelle und legt dieStirn auf die Kante und weint und weint, weil sie da ist und weil er die Axt nicht nimmt oder die Schaufel.
Wie wird sie’s ihm aber bloß beibringen von dem Sparkassenbuch und dem Vieh? Und dann auch, wie sie mit dem Nachbar steht und gestanden hat, treu nach der Wahrheit?
Und weil sie nicht weiß, was sie reden soll, liegt sie da und weint.
Da sagt der Jons: „Die Marjellens sind ja, Gott sei Dank, auch weg.“
„Das weißt du?“ sagt sie und richtet sich auf.
„Ich hab’ ja alles aufladen sehen heute mittag,“ sagt er.
„Und du hast sie nicht zuschanden geprügelt?“
„Ich hab’ schon eine zuschanden geprügelt,“ sagt er und setzt sich neben sie auf den Herd.
Da hebt sie den Kopf und legt ihn ihm zwischen die Knie, und er legt die Hand auf ihr Haar, und so sitzen sie lange.
Aber endlich muß sie es ihm doch sagen — das mit dem Nachbar zuerst.
Sie druckst und druckst, doch es will nicht recht losgehen. „Der Nachbar —“ sagt sie, „der Nachbar —“ und dabei bleibt es.
„Is ja alles egal mit dem Nachbar,“ sagt er, „wenn du bloß da bist.“
Nun weiß sie, daß er ihr alles verziehen hat, wenn es auch noch so schlimm wäre. Aber siewill es nicht auf sich sitzen lassen — nicht eine Stunde mehr.
Und da kann sie mit einem Male ganz fix in die Höhe und setzt sich neben ihn und erzählt ihm von dem Gesangbuch — wie wundertätig sich das in der Jugend an ihr erwiesen hat. Nun aber sind sie längst angejahrt und drüber hinweg. Und daß der Nachbar heut für die Nacht zum Nachbar Smailus gegangen ist, erzählt sie ihm auch.
Er sagt: „Wenn du bloß da bist.“ Und sonst sagt er nichts. — — — — —
Nun wollen sie schlafen gehen. Doch es sind keine Betten da.
„Ich lieg’ sonst auf dem Stroh,“ sagt er, „und bedecken tu’ ich mich mit dem Woilach.“
Das Pferd ist weg, aber sein Woilach dient weiter.
„Wie wir anfingen,“ sagt sie und schämt sich, „da hatten wir wenigstens Bettzeug.“
„Ach Gott,“ sagt er, „das Vieh ist ja weg und viel von dem Hausrat und alles Gesparte“ — wie er sagt „alles Gesparte“, da schluckt er doch, und ihr zerreißt es das Herz —, „aber die schönen Gebäude sind da, und die Wiese haben wir auch, und die Kartoffeln gedeihen — und der Moorvogt sagt: ‚Das Pferd wird sich finden,‘ und fürs übrige leiht er. Wir fangen eben noch einmal von vorne an, das ist alles.“
Wie er das sagt, da kommt die Erdme sich wieder ganz jung vor.
Und dann kriechen sie still in das kahle Bett und decken sich zu, so viel die kurze Pferdedecke nur hergibt. Und sie frieren auch nicht, denn die Nacht ist ja mild, und sie können sich gegenseitig erwärmen.
Wie die Erdme da liegt, denkt sie: „O Gott, o Gott, wie liegt es sich schön hier!“ Und ihr Kreuz wird bald heil sein, und dann wird sie arbeiten wieder für dreie. Und der Segen wird kommen, wie er das erstemal kam. Nein, eristschon gekommen, denn der Jons liegt ja bei ihr und sagt halb im Schlaf: „Wenn du bloß da bist.“
Die Petruschka hat den Kopf zwischen die Pfoten gesteckt und träumt von einer Wanne mit lauwarmem Seifenwasser und einem tüchtigen Schrubber.
Und wie ich die Erdme kenne, wird der Traum sich morgen erfüllen. — — — — — — — — — — — — — — — — — — —