Die Magd
1
Es war am ersten Juli und schon Feierabend, als die Marinke Tamoszus im Dorfe einfuhr. Der Vater hatte sie in seinem Wagen selber gebracht. Trotzdem kam sie nicht aus dem Elternhause. Sie kam von dem Gute des Herrn Westphal, wo sie erst ein Jahr im Haushalt gedient und dann zwei Jahre lang die Meierei verwaltet hatte.
Dort war sie dem alten Enskys aus Ussainen in die Augen gefallen. Er hatte beim Milchabliefern die fleißige Wirtin in ihr erkannt und erst seine Frau und dann auch seinen Sohn, den Jurris, auf sie aufmerksam gemacht. Hierauf, als beide freudig Ja sagten, hatte er sich mit ihrem Vater verständigt, und das Ende vom Liede war, daß sie dem Herrn Westphal kündigte und vom alten Enskys den Mietstaler nahm.
Aber nein doch, das Ende war es nicht! Es sollte vielmehr ein glücklicher Anfang sein.
Denn wenn man sich gegenseitig gefiel, so konnte nach den letzten Kartoffeln, um Mitte Oktober etwa, die Hochzeit gefeiert werden.Wenigstens war es mit dem Vater so abgemacht worden. Und sie, die Marinke, hatte sich nicht gewehrt. Denn nach Hause konnte sie nicht, weil dort eine böse Stiefmutter schaltete, und ewig auf dem großen Gute zu scharwerken, hatte erst recht keinen Zweck. Man kam schließlich bloß ins Gerede.
Sie saß in ihren Sonntagskleidern mit gründurchflochtenen Zöpfen und brauner Taftschürze, blond und rund und schüchtern neben dem dürrgearbeiteten Vater, der auf seine Gäule losprügelte, denn er wollte forsch vorgefahren kommen.
Er kannte die Enskyssche Wirtschaft schon, sie hingegen war noch niemals dort gewesen und fuhr ins neue Leben hinein, wie man aufs Meer hinausfährt.
Sie blickte nicht vorwärts und nicht in die Runde, und von freudiger Erwartung stand wenig auf ihrem Gesichte zu lesen. Sie fragte auch nicht: „Ist es hier? Ist es dort?“ Aber wenn der Wagen an einem neuen Zugangswege vorbeifuhr, atmete sie erleichtert auf, weil ihr noch eine Galgenfrist blieb.
Endlich bog er doch um die Ecke, und im Abendschein lag die künftige Heimat vor ihr. Vier schwarz-weiße Kühe weideten im Roßgarten. Daß die tüchtige Milchgeberinnen waren, das wußte sie schon von der Meierei her. DerGarten mit Blumen voll. Der Hofraum gepflastert. Der Stumpf einer Dreschmaschine vor der massiven Scheune. In ihrem Herzensbangen fiel ihr sonst nicht viel auf. Nur die braunen Netze, die zum Trocknen über den Staketen hingen, gewahrte sie mit etlichem Staunen, denn noch nie war sie in einer Fischergegend gewesen.
Vor der Tür standen die Alten mitsamt dem Jurris. Auch ein Knecht war da und eine Taglöhnerfrau. Um derentwillen durfte der Willkomm nicht allzu herzlich sein. Aber sie dachten sich doch ihr Teil, denn sie grieflachten heimlich zusammen.
Wenn ein junger Sohn im Hause ist und die Magd kommt zweispännig angefahren, und der eigene Vater kutschiert!
Der Jurris war ebenso schüchtern wie sie. Man hätte es nicht von ihm glauben sollen, denn er war unlängst von den Kürassieren nach Hause gekommen, und die blau-weiße Mütze saß ihm noch auf dem linken Ohr. Aber als er ihr kaum die Hand gegeben hatte, machte er sich schon eifrig an dem Kasten zu schaffen, den er mit Hilfe des Knechts über die Sprossen hob. Nur um nicht mit ihr reden zu müssen.
Eigentlich wie ein Kürassier sah er nicht aus. Nach seiner Gestalt hätte man ihn eher bei den Ulanen vermutet. Lang und biegsam und vonsinkendem Schulterbau. Die Augen blau und still. Viel von Bart noch nicht auf den Lippen.
Das Ausspannen verbat sich der alte Tamoszus. Denn bis nach Piktaten, wo seine Wirtschaft lag, sind es mehr als drei Meilen, und er wollte nachts schon zu Hause sein. Aber einen Bissen geräucherten Aal aß er doch und trank den Himbeer dazu, der nicht im mindesten kratzte. Er fühlte es mit Zufriedenheit: die Marinke kam in ein gutes Haus, und die fünfhundert Taler, die er ihr mitgeben konnte, würden gut angewandt sein.
So fuhr er also von dannen, und die Marinke saß in der Kammer und weinte.
Aber da man bei fleißiger Arbeit eher ans Lachen als ans Weinen denkt, so war sie am nächsten Morgen schon wieder ganz fröhlich. Die Kühe standen über dem Melkeimer so still, als hätte sie sie schon seit Wochen geliebkost, und der Schweinetrank schwippte in weitem Bogen gerade unter die hungernden Rüssel.
Die Enskene ging ihr nach auf Schritt und Tritt, aber so, daß sie von ihr nicht gesehen werden konnte, und als das Frühstücksbrot kam, sagte sie leise zu ihrem Mann: „Wir haben gut gewählt. Sie ist eine Gesegnete.“
Der alte Enskys faltete die rissigen Hände und sagte noch zweifelnd: „Geb’ Gott!“
Und beide dachten daran, wie sie nun imHerbste sich zur Ruhe setzen könnten, waren dabei aber erst um die Funfzig.
Die Marinke tat, als merke sie nichts von dem Beobachtetwerden und dem Getuschel, und machte ihre Arbeit als eine, die das Arbeiten liebt und nicht nach rechts und nach links sieht.
Die Schwiegermutter gefiel ihr. Bequem und gütigen Herzens und nicht gewillt, sie ihre Herrschaft fühlen zu lassen.
Aus dem Schwiegervater war vorderhand noch nicht klug zu werden. Bescheiden im Wesen, als wär’ er ein Instmann, aber pfiffigen Blicks und im kleinen ein Quengler. Denn er gemahnte sie zwei-, dreimal an etwas, was sie noch gar nicht wissen konnte. Aber das mochte auch Unvernunft sein.
Der Jurris saß steif neben ihr da und sprach sie nicht an. Und so blieb es Tage und Tage lang, so daß der Knecht und die Taglöhnerin ihren Verdacht bald wieder fahren ließen.
Der Marinke war es recht so, denn ihre Gedanken weilten ganz, ganz wo anders als bei dem Jurris. Nur neugierig war sie auf ihn und wollte wissen, wie er es anfangen würde. Aber er fing es lieber gar nicht an. Und mit der Zeit begann sie zu fürchten, sie könnte wieder heimgeschickt werden. Und noch etwas Schlimmeres fürchtete sie, doch daran ging das Denken gerne vorüber.
Um ihre Milch am besten zu verwerten, hatten die fünf größten Wirte des Dorfes mit Herrn Westphal einen Pachtvertrag abgeschlossen und lieferten ihm so und so viel Liter täglich für seine Meierei. Im Hinfahren wechselten sie sich allwöchentlich ab, und daher kannte die Marinke sie alle. Und besser noch kannte sie ihre Frauen und Kinder, denn die Besitzer spielten den Kutscher meistens nur dann, wenn sie in Augustenhof sonst noch zu tun hatten.
In der Woche nach Marinkes Ankunft war der Jozup an der Reihe. Der Jozup Wilkat, der mit seiner Mutter die Wirtschaft führte. Ein dunkler junger Mensch von Dreiviertelgröße mit buschigem Schnurrbart und zusammengewachsenen Brauen, die ihm ein finsteres und fremdartiges Aussehen gaben. Den Hof, der übrigens wohlhabend und gutgehalten war, nannte man in der Gegend die „Wilkija“, das Wolfsnest. Zuerst natürlich des Namens wegen, denn Wilkat heißt im Deutschen der „Werwolf“. Dann aber auch, weil die drei Söhne, die vaterlos herangewachsen waren, sich von früher Jugend an in den Haaren gelegen hatten, bis die Mutter, deren Liebling der Jozup war, die beiden Älteren herausbiß, so daß sie nun in Berlin auf Beförderung dienten. Der Jozup aber wartetenur auf eine passende Frau, um dann die Wirtschaft zu übernehmen.
In Augustenhof waren alle Mägde hinter ihm her, aber er kümmerte sich wenig um sie. Selbst die Marinke hatte er immer bloß stumm angeglupt, hatte seine Milch aufschreiben lassen — und weg war er.
Man sagte von ihm, er sei ein „Bedraugis“, das ist einer, der keinen Freund hat, und das mochte früher vielleicht gestimmt haben; wenn er jetzt aber abends die Milch abholen kam, machte er sich lange im Stall bei dem Jurris zu schaffen, rauchte eine Zigarre mit ihm und versäumte womöglich die Abfahrt. Denn bis Augustenhof sind es im Schritt immerhin doch anderthalb Stunden. Es schien, als wären sie Herzensfreunde immer gewesen.
Am vierten Abend mochte es sein, da trat er zu der Marinke, die eben die Milchkannen auflud, und redete sie mit den Worten an: „Gestern hat mich der Herr Westphal halten lassen und hat gesagt, ich möchte dir sagen, du möchtest doch bei Gelegenheit einmal nach Augustenhof kommen.“
Die Marinke wurde rot und sagte: „Was soll ich in Augustenhof? Ich bin nicht mehr in Dienst dort.“
Und der Jozup entgegnete: „Es ist noch etwas abzurechnen, hat er gesagt.“
Die Marinke antwortete: „Ichhabeabgerechnet,“ und ging ihrer Wege.
Aber am Sonnabend kam er noch einmal und sagte: „Der Herr Westphal ist gestern auf der Meierei gewesen und hat gesagt, er würde aus einem Posten nicht klug und er müsse durchaus mit dir reden. Morgen am Sonntag ist mein letzter Abend. Vielleicht erweist du mir das Vertrauen und fährst mit mir.“
Der Marinke gab es einen Stoß gegen das Herz. Sie sah den Jurris an, der still nebenbei stand, und sagte: „Wenn ich durchaus fahren muß, so fahr’ ich doch lieber, wennwiran der Reihe sind. Die acht Tage wird der Herr Westphal sich wohl noch gedulden.“
Der Jozup zog die Brauenhaare noch finsterer zusammen, stieg auf und fuhr vom Hofe herunter.
Der Jurris stand da und sah ihm nach, und die Marinke grämte sich, daß er noch immer nicht zu ihr sprach. Schließlich war sie doch „auf Prob’“ hier. Was sollte werden, wenn es so blieb?
Darum tat sie etwas, was ihrem schüchternen Sinne ganz zuwider war und wozu sie bisher den Mut noch nie gefunden hatte. Sie stellte sich neben ihn und sagte: „Vielleicht bistduso gut und nimmst mich dann einmal mit.“
Hätte er nun eine kurze und unwirsche Antwort gegeben oder ihr sonst sein Mißfallen gezeigt,dann hätte sie gewußt, daß sie ihren Kasten bald würde packen müssen. Aber was tat er?
Er drehte sich nach ihr um; ein gutes, man konnte sagen, ein glückliches Lächeln ging über sein ganzes Gesicht, und er entgegnete: „Wirst du dann auch einmal mit mir fischen kommen?“
Nun wußte sie, wie sie mit ihm dran war und daß sie mit ihrem Kasten würde hierbleiben können für ihre ganze Lebenszeit. Am liebsten wäre sie gleich davongelaufen und hätte im Winkel geweint, aber sie bezwang sich und lächelte nur und sagte: „Duhastja bisher noch gar nicht gefischt.“
„Ich habe immer auf dich gewartet,“ entgegnete er.
„Wenn du die Mutter gebeten hättest, hätte sie mich wohl freigelassen,“ sagte sie.
„Ja, das hätte ich eigentlich tun können,“ entgegnete er, „aber ich dachte immer, du hättest zu viel zu tun.“
„Zu tun habe ich wohl genug,“ war ihre Antwort, „aber wie man fischt, das sähe ich gar zu gerne.“
Da führte er sie vor die braunen, nach Teer riechenden Netze, die über die Stakete gehängt waren, und erklärte ihr alles.
Sie hörte ihm zu und hörte doch nichts. Vor lauter Glück hörte sie nichts. Das Schwere, dasDunkle, das sonst über ihr Denken gebreitet war, löste sich auf.
Nichts war um sie und in ihr als ein milder Sommerabend mit braunen Netzen und grünen Staketen und vielen Blumen dahinter, und Vögelchen, die sie ansangen, und einem Hofhund, der sie anwedelte, und einem lieben, guten Menschen, der fortan der Ihre war.
Sie ging neben ihm hin wie ein seliger Geist, und hätte er ihre Hand gefaßt und wäre mit ihr in den Himmel geflogen, sie hätte sich nicht im geringsten gewundert.
Daß sie nun auch gemeinsam den Garten besuchten, geschah wie von selbst. Er zeigte ihr den Goldlack und den Reiherschnabel, und sie zeigte ihm den Ehrenpreis und die Studentennelke, und nur an dem Rautenbeet gingen sie schweigend vorüber.
Zwei Tage später am frühen Morgen sagte der Jurris zur Marinke: „Die Mutter hat erlaubt, daß wir zusammen fischen dürfen.“
Sie fragte: „Wer wird die Kühe melken?“
Und er erwiderte: „Sie wird es selber tun.“
Als sie mit ihm das Netz auf den Handwagen lud, schämte sie sich sehr vor den Blicken, die sie auf sich gerichtet fühlte. Sie nahm sich auch nichtszu essen mit und sagte zu keinem: „Ich geh’ nun.“ Wie eine Übeltäterin machte sie, daß sie davonkam.
Er zog den Handwagen, und sie schob nach. Aber zu schieben war eigentlich nichts, denn die Räder drehten sich wie von selber.
Bis zum Haff geht man quer durch die Felder mehr als eine halbe Stunde. Zuerst war nichts davon zu sehen als ein rötlicher Nebel, wie er morgens wohl auf den Wiesen liegt, dann aber brach das blaue Wasser durch, hoch über dem Rohr und dem Buschwerk, und zwischen Wasser und Himmel blänkerten in der Ferne die Sandberge der Nehrung, anzusehen wie ein Gürtelband von weißgelber Seide.
Marinke dachte: „Wie schön wird meine Heimat sein!“ Sie wollte was sagen, aber sie traute sich nicht, denn er, der vor ihr ging, drehte sich nie nach ihr um.
Und so kamen sie dem Ufer immer näher.
Dort standen Schuppen errichtet, um die Kähne aufzunehmen, wenn die Zeit der Stürme drohte. Jetzt aber, bei stillem Sommerwetter, waren sie nicht einmal auf den Strand gezogen und schaukelten sich, an Pfähle gebunden, zwischen Grasbank und Röhricht.
Keiner von den andern, die die Fischgerechtsamkeit haben, war am Ufer zu sehen. Denn jetzt bei beginnender Ernte gab es zu viel auf den Feldern zu tun.
Und Marinke fühlte in beklommener Seele, daß auchseineAusfahrt nur ihr zuliebe geschah.
Nun lud er das Netz aus dem Wagen, und sie half ihm dabei, obgleich es auch hier nichts zu helfen gab. Erst wie sie schon draußen waren, weit draußen im Blauen, wo nur die Ruder klatschten und die Kielwellen schälten, da forderte er sie auf, ihm beim Auswerfen zur Hand zu gehen.
Und sie verstand auch gleich, was zu tun war, so daß alsbald die „Pluden“ — das sind die leichten Hölzer, die das Netz obenhalten — in schönem Bogen rings um sie herschwammen.
Nun kam eine Zeit der Ausruhe, und die Sonne fing etwas zu stechen an.
„Du hast kein Tuch,“ sagte er, „du wirst Kopfschmerzen kriegen.“ Und er holte eine Ölkappe hervor, die sollte sie aufsetzen. Aber sie wollte nicht, denn sie fürchtete, er werde über ihr Aussehen lachen müssen. Und das sagte sie ihm auch.
Aber da begann er schon im voraus zu lachen und rief: „Hundertmal reichen nicht, daß ich dich in der Ölkappe sehen werde.“
Und ohne sich zu besinnen,wassie da sagte, entgegnete sie: „Aber dann werden wir auch verheiratet sein.“
Noch wie das Wort kaum heraus war, da schämte sie sich schon so sehr, daß sie sich am liebstenins Wasser gestürzt hätte. „O Gott, o Gott,“ dachte sie, „jetzt wird er mich für dreist und für zudringlich halten.“ Und weil sie fühlte, daß sie ganz glutrot geworden war und immer noch röter wurde, drehte sie ihm den Rücken und machte sich klein.
Er — vom Steuer her — sagte: „Marinke, dreh dich doch um.“
Aber sie vermochte es nicht. Denn plötzlich stieg der Gedanke in ihr auf: „Es wird nicht sein — es kann nicht sein. Es ist zu schön für mich — und ich bin es nicht wert.“
Wie ein Herzbruch kam es über sie, so daß sie bitterlich zu weinen begann.
Der Jurris stand von seinem Platze auf und setzte sich neben sie, so dicht, daß ihr Rücken an seine Brust stieß.
Und er fragte sie, ob sie ihn denn wirklich nicht wolle, da sonst ja die Heirat kein Grund zu solchen Tränen sei.
Aber sie weinte nur um so heftiger.
Da schlang er von hinten her die Arme um ihren Hals, so daß ihr Kopf auf seine Schulter zu liegen kam. Sie drehte sich ein wenig nach ihm um, damit sie ihr nasses Gesicht nicht dem hellen Tage preiszugeben brauchte, und so lag sie an seine Jacke gedrückt und wurde wieder ganz still.
„Ach wenn er mich doch küssen möchte!“ dachte sie.
Aber er küßte sie nicht.
Und dann war es Zeit, nach dem Netze zu sehen. Viel brachte der Fang nicht. Ein paar Bleie, ein paar Plötze. Das war alles. Aber sie kümmerten sich nicht darum, und schließlich lachten sie gar darüber.
Als sie den Wagen heimwärts fuhren, schob sie nicht mehr wie in der Frühe, sondern schritt an seiner Seite und zog mit ihm. Aber da es beim besten Willen auch jetzt nichts zu ziehen gab, legte er seinen freien Arm um ihre Hüfte, so daß er ihren Arm von der Deichsel abdrängte. Und darum gab es des Lachens kein Ende.
Doch zu Hause taten sie wieder ganz ernst, und als die künftige Schwiegermutter ihnen das Frühstück auftischte, wollte sie es nicht dulden und küßte ihr Ärmel und Rocksaum.
Da sagte die Enskene mit einem freundlichen Lächeln: „Was ihr gefischt habt, ist ja nicht viel, und doch hat mein Jurris einen guten Fang gemacht.“
Der alte Enskys aber ging mit mißtrauischen und ängstlichen Blicken um beide herum, so daß auch der Marinke wieder ganz angst ward.
„Ob er was weiß?“ dachte sie.
Aber dann hätte er wohl nicht gewollt, daß sie „auf Prob’“ ins Haus kam.
Und darum ging sie wieder beruhigt an ihre Arbeit.
In dieser Woche hatte der Jozup Wilkat eigentlich nichts mehr auf dem Hofe zu tun, denn das Milchabholen besorgte ein anderer. Aber trotzdem sah man ihn morgens und abends. Einmal hatte er sich einen Bohrer geborgt, den er zurückbringen mußte, ein andermal war ihm die Wagenschmiere ausgegangen, und schließlich kam er ganz ohne Grund, setzte sich neben den Jurris auf eine Deichsel und rauchte manchmal drei Pfeifen aus.
Daß man den jemals einen „Bedraugis“ genannt hatte, war zum Verwundern.
Der Jurris wußte nicht recht, wie er zu der neuen Freundschaft gekommen war, die eigentlich schon seit zwanzig Jahren hätte bestehen müssen, aber da sie ihm plötzlich vom Himmel fiel, ließ er es sich gefallen. Der Jozup, den alle für störrisch und abstoßend gehalten hatten, war gar nicht so schlimm. Er wußte Geschichten und Lieder die Menge, und wenn man die Auflösungen seiner Rätsel erfuhr, konnte man sich vor Lachen den Bauch halten.
Darum kamen auch die beiden Alten häufig dazu, und nur die Marinke machte sich ungern in seiner Nähe zu schaffen. Nicht daß er ihr einen Widerwillen eingeflößt hätte. Wenn sie ihn kommen und gehen sah mit seinen strammenBeinen und seiner pröpschen Kopfhaltung, gefiel er ihr immer ganz gut, aber die Herzbeklommenheit, die sie schon in Augustenhof manchmal befallen hatte, wenn er auf dem Milchwagen vorfuhr, verließ sie auch jetzt nicht.
Zuweilen dachte sie: „Der wird mir gewiß einmal ein Leid antun.“ Aber ein bißchen Angst vor den Männern hatte sie ja wohl immer, seitdem sie erfahren hatte, wie wenig ein armes Mädchen vor ihrem starken Willen vermag.
Und sie brauchte auch nur nach dem Jurris hinüberzublicken, um zu wissen, wie gut geborgen sie war und daß jener ihr niemals würde zu nah kommen können.
Eines Spätabends beim Weggehen blieb der Jozup am Gartenzaun stehen und rief zu ihr herein: „Du, richt dich mal auf!“
Sie wollte erst nicht, denn sie zog gerade Mohrrüben aus der Erde für morgen Mittag, aber sie mußte es doch tun.
„Warum hältst du dich so weit ab von mir?“ war seine Frage. „Ich beiß’ dich nicht. Ich beiß’ bloß in Rindfleisch.“
„Ich bin die Magd hier,“ gab sie zur Antwort, „und ich habe zu tun.“
„Wenn du von Magd sprichst,“ sagte er, „dann lachen die Hühner. Ich weiß am besten, wie bald du hier Herrin sein wirst.“
„Wenn du das weißt,“ entgegnete sie, „dannwart hübsch, bis ich das Recht hab’, mit dir zu reden.“
„Ich glaube nicht, daß dir Stummheit auferlegt ist,“ sagte er, „und ich habe auch eine Bestellung an dich.“
Sie erschrak, aber sie nahm sich zusammen. „Wenn es wieder von Herrn Westphal ist,“ entgegnete sie, „dann sag ihm nur, sobald die Reihe an uns ist, würde ich kommen — und früher nicht!“
Aber diesmal war es was Anderes.
„Meine Mutter leidet an der Knochenkrankheit,“ sagte er. „Sie hat gehört, daß du eine heilkräftige Hand hast, und bittet dich, sie ihr einmal aufzulegen. BeiderGelegenheit könntest du dir gleich unsere Wirtschaft besehn.“
Ihr wurde ganz heiß von dem allen.
„Wer das gesagt hat von meiner Hand,“ entgegnete sie, „der erfindet sich Lügen, denn ich weiß nichts davon. Und was ich an eurer Wirtschaft zu sehen hätte, das weiß ich noch weniger.“
Damit bückte sie sich nach dem Gelbrübenbeet hinunter und sah ihn nicht mehr an.
Er stand noch eine kleine Weile, und ihr war, als fühle sie seine Blicke auf ihrer Haut; dann wünschte er „Guten Abend“ und ging von hinnen.
„Mein Gott, mein Gott!“ dachte sie. „Trachtetder auch nach mir?“ Aber das konnte nicht sein! Würde er sich alsdann den Jurris zum Freunde ausgesucht haben?
Nach einer Weile hörte sie dessen Schritte den Mittelsteg herabkommen, und ihr Herz flog ihm entgegen. Sie dachte: „Wie kann man einen bloß so rasch liebhaben!“ Aber sie blickte nicht auf und beklopfte die Möhren nur um so fleißiger.
Er blieb hinter ihr stehen und sagte: „Kannst du dir denn gar nicht genug tun? Es ist halbdunkel und Schlafenszeit, und du arbeitest noch immer.“
Sie stand auf und wischte das Schrapmesser an ihrer Schürze ab. „Du mußt nicht glauben,“ sagte sie, „daß ich mich zeigen will vor dir oder den Eltern. Aber wenn ich daran denke, daß es vielleicht auch baldmeineErde ist, auf der ich da kniee, dann wird mir der Abend zum Morgen und die Arbeit zum Spiel.“
Er sagte: „Wir haben uns immer noch nicht richtig miteinander versprochen.“
„Nein,“ sagte sie, „das haben wir noch nicht.“
Und sie schickte sich an, den Korb mit den Gelbrüben ins Haus zu tragen.
Aber er nahm ihn ihr aus der Hand und führte sie den Mittelsteg weiter zu dem Eschenbaum, unter dem die Bank stand für Mittagsruh’ und für Feierabend.
Dort unter den hängenden Zweigen war es fast Nacht, und wer einen auffinden wollte, den sah man schon lang’ auf dem helleren Stege daherkommen.
Der Jurris stellte den Korb auf die Erde und setzte sich neben sie. Ihre Hand ließ er nicht los und nahm auch die andere dazu.
„Weißt du, was der Jozup heute gesagt hat?“ begann er das Gespräch. „Wenn wir Hochzeit machen, möcht’ er Brautführer sein.“
Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie Angst vor dem Jozup hatte, denn ihr war ja nichts Böses von ihm geschehen, und darum meinte sie nur: „So weit ist es ja noch nicht.“
Er antwortete: „Warum nicht? Wenndumich willst,ichwill dich. Ich hab’ dich schon immer gewollt.“
Und sie erwiderte: „Ich will dich gern.“
Nun saßen sie eine Weile ganz still. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, und er lehnte die Backe an ihren Kopf. Und sie dachte: „Warum küßt er mich immer noch nicht?“
Nicht daß sie unzufrieden gewesen wäre oder ihn für linkisch gehalten hätte, aber sie hatte so große Sehnsucht nach ihm. Darum schob sie auch den Kopf sachte, ganz sachte immer weiter nach hinten, so daß erst ihre Backe auf seiner Backe und dann ihr Mund fast ganz auf seinem Munde lag.
Da mußte er es wohl tun, und es war wie ein Schaudern und wie ein Schlag. Und wie eine ängstliche Erinnerung war es und auch wie eine neue Angst.
Aber dann kam um so stärker die Seligkeit. Sie wußte nicht mehr, wieviel von ihrer Seele und ihrem Leibe noch ihr selbst gehörte, sie wollte ihm immer noch mehr von sich schenken und immer noch mehr die Seinige sein.
Doch da schien es ihr, als höre sie irgendwo rings ein Geräusch, und es war doch niemand den Steg heruntergekommen.
Darum sprang sie auf und sagte: „Komm. Es ist nicht mehr sicher hier.“ Und wünschte ihm rasch „Gute Nacht“ und lief stracks nach der Klete, wo ihre Kammer gelegen war.
Aber schlafen konnte sie nicht, denn sie dachte, es würde nicht lange mehr dauern, dann würde er nachgefolgt sein. In dem Nebenraum schnarchte die Taglöhnerfrau. Derentwegen hätte er es ruhig auf sich nehmen können.
Sie horchte und horchte nach der Türklinke hin, aber die rührte sich nicht. Statt dessen war es ihr, als ob draußen im Hofe leise, ganz leise Schritte sich regten, die zwischen Wohnhaus und Klete unaufhörlich hin und her liefen.
„Der Arme!“ dachte sie. „Er traut sich nicht. Ich muß es ihm leichter machen.“
Und darum stand sie auf und öffnete sachtden oberen Teil der Tür nur eine Handbreit weit. Gott sei Dank, daß der Spalt nicht größer geriet! Denn als sie den Kopf für einen Augenblick durchgesteckt hatte, wurde ihr gleich offenbar, daß der, der da draußen im Sommernachtschein ruhelos umging, nicht etwa der Jurris, sondern sein Vater war, der wider Recht und Gewohnheit lauerte, damit, was sich liebte, nicht zueinanderkam.
Wider Recht und Gewohnheit! Gewiß. Denn wenn eine Braut, die „auf Prob’“ ist, sich mit dem Bräutigam einig geworden ist, dann ziehen sie womöglich in eine Kammer, und keiner kümmert sich drum.
Aber hier geschah folgendes: Als am nächsten Vormittag der Jurris vom Felde kam, um kaltes Braunbier zum Trinken zu holen — denn draußen beim Mähen und Binden starben sie alle vor Durst —, da fand er, als er den Rückweg antreten wollte, den Vater, der sich schon gern die Ruhe gönnte, wartend im Hausflur stehen.
„Komm doch mal ’rein,“ sagte er.
Der Jurris stellte den Topf in den Schatten, und als er in die Stube trat, was sah er da?
Der große Tisch war mit einem weißen Handtuch bedeckt. Darauf standen zwei brennende Lichter, und zwischen ihnen lag das Gesangbuch.
Der Alte war barhaupt und hatte die Schlorren nicht an und sah furchtsam und heimlich aus.
„Nimm deine Mütze ab,“ sagte er.
Der Jurris tat verwundert, wie ihm geheißen war.
Und der Vater fuhr fort: „Als die Marinke ins Haus kommen sollte, sagte ich zu dir: kennen lernen müssen sich die Menschen, die beieinander bleiben wollen ein Leben lang. Aber erst verlangte ich von dir das Versprechen, daß du ihr nicht zu nahe kommen wollest, solange die Hand des Pfarrers nicht auf eurem Kopfe gelegen hat. Und das gabst du mir auch.“
„Ich wußte nicht, wie das ist, Vater,“ fiel ihm der Jurris ins Wort, „wenn die Braut einem so dicht nebenbei wohnt.“
„Und die Herren vom Gericht wissen es noch viel weniger,“ gab der Vater zur Antwort, „denn es sind Deutsche. Und die Deutschen haben von Gott eine andere Vernunft bekommen als wir. So hat es sich vor etlicher Zeit auf dem Tilsiter Schwurgericht zugetragen, daß ein alter, ehrbarer Besitzer, der sein Lebtag nicht um Haaresbreite vom Pfade der Tugend gewichen war, ein Jahr Zuchthaus — nicht Gefängnis, mein Sohn, sondern Zuchthaus — gekriegt hat, weil sein Sohn und die Braut, die auch auf Prob’ war, genau wie die Marinke, unter seinem Dachezusammen geschlafen haben. Er hat geweint und geschworen, es sei alles in Ehren geschehen, denn im Herbst sollt’ ja die Hochzeit sein, und zu der Aust könnt’ man zwei fleißige Händ’ nicht entbehren; aber unbarmherzig, wie die Deutschen sind, haben sie dem alten Mann die Ehre genommen und haben ihn eingesperrt zusammen mit Räubern und Mördern.“
„Das kann nicht sein!“ rief der Jurris voll Empörung. „Das wär’ ja die schlimmste Gewalttat!“
„Die Deutschen nennen’s Gerechtigkeit,“ sagte der Vater, „und unter einander strafen sie sich genau so. Nun möchte ich aber auf meine alten Tage nicht auch in das Scheuchhaus kommen, denn Aufpasser gibt es ja überall. Und weil ich gestern abend gesehen habe, daß es so weit mit euch ist, weiß ich nur zwei Wege, mich vor Angst und Unglück zu retten: entweder ich schick’ sie solang’ zu den Eltern zurück —“
„Das geht ja nicht, Vater,“ rief der Jurris entsetzt, „das würde aussehen, als wollten wir sie nicht haben.“
„— oder du schwörst mir hier auf das heilige Gotteswort, daß du dich ihrem Leibe fernhalten wirst bis zu dem Tage der Hochzeit. Und niemand, selbst deine Mutter nicht, wird davon wissen.“
Das kamden Jurris hart an, aber was sollte er machen? Und er schwor zwischen den Lichtern,die Hand aufs Gesangbuch gelegt, was der Vater verlangte. Und daß, wenn er den Eid verletze, Gott ihn mit Drangsal und Tod heimsuchen wolle, das schwor er auch, genau wie der Vater es vorsprach.
Und dann brachte er das warm gewordene Braunbier aufs Feld hinaus.
Die Marinke, die in Rock und Hemde schwer atmend dastand, griff nach dem Krug, als ob er ein Glückstopf gewesen wäre. Aber ihm war, als tränke sie Trübsal daraus.
Nachher zur Mittagspause, als die Mäher alle im kargen Schatten zweier Weidenstümpfe lagen, rückte er so weit von ihr ab, daß sie sich erstaunt nach ihm umsah; aber sie dachte, daß es der Leute wegen geschehe, und darum beruhigte sie sich wieder.
Auch beim Nachhausegang schritt er nicht etwa an ihrer Seite, sondern machte sich mit den kleinen Steinen zu schaffen, die in den Wagenspuren lagen.
Und immer und immer wich er ihr aus, so daß sie schließlich ganz krank war.
Aber sie hatten sich ja miteinander versprochen. Darum zweifelte sie auch nicht an seiner aufrichtigen Meinung, und nur die große Sehnsucht nach ihm war es, die sie krank machte.
So kam der Montagabend heran, an dem der Enskyssche Wagen zum ersten Male wiederdie Milch der fünf Wirte nach Augustenhof zu bringen hatte. Seit langem war ausgemacht worden, daß Marinke mit dem Jurris mitfahren solle, um dem Verlangen ihres früheren Brotherrn nicht länger entgegenzustehen.
Sie könne mit leichtem Herzen fahren, sagte sie zu ihrer künftigen Schwiegermutter, denn sie habe die Bücher aufs genaueste geführt, und nur ein Irrtum des Schweizers, der ihr Nachfolger war, könne schuld daran sein, daß etwas nicht stimmte.
Aber in Wahrheit war das Herz ihr schwer — wenn auch nicht wegen der Bücher.
Sie schmückte sich mit Sorgfalt, flocht bunte Bänder durch die Zöpfe und legte ein seidenes Gürtelband an, dessen Sprüche sie selber eingewebt hatte. Und wenn sie daran dachte, daß sie nun zwei Stunden lang in der roten Dämmerung mit dem Jurris allein durch die Welt fahren sollte, so verschwand alles andere, wovor ihr wohl bangte.
Aber siehe da! Als die Stunde des Einsammelns kam, war der Jurris nirgends zu finden. Die Milchgefäße der Wirtschaft standen aufgeladen, und auch die der anderen Wirte warteten sicher schon lange, aber alles Rufen nach ihm blieb vergeblich.
„Dann wirst du wohl allein fahren müssen, mein Täubchen,“ sagte die Schwiegermutter.
Sie erschrak sehr und weigerte sich. Und viel mehr Tränen weinte sie, als die kleine Fahrt wert war.
Da kam auch der Alte herzu, und wie er nun einmal war, fing er sogleich zu quengeln an. „Was machst du für ein Wesen?“ sagte er. „Es scheint, daß du dich fürchtest, weil du mit Pferden nicht umzugehen verstehst.“
Das kränkte die Marinke natürlich aufs tiefste, denn den Litauer oder die Litauerin möchte ich sehen, die die Pferde nicht wie ihre Gespielenbetrachten. Das Reiten und Fahren können sie alle womöglich noch früher, als sie das Gehen gelernt haben.
Darum erwiderte die Marinke auch nicht ein Wort, sondern biß nur die Lippen zusammen, stieg auf und fuhr vom Hofplatz herunter.
Der Schwiegermutter tat es leid, daß ihr Mann so häßliche Reden geführt hatte, und deshalb ging sie hinter dem Wagen her, um, wenn es sich machte, der Marinke was Tröstliches mit auf den Weg zu geben.
Aber sie holte sie nicht mehr ein, und nur von weitem konnte sie sehen, daß, als der Wagen bei den Wilkats hielt, die Alte trotz ihrer gichtbrüchigen Glieder flink auf die Achse stieg und die Marinke abbutschte, wer weiß wie sehr.
Und sie ärgerte sich noch, denn sie dachte:„Was hat die alte Wölfin ihr Maul an der Marinke abzuwischen?“
Eine Stunde später sah sie den Jurris wieder zum Vorschein kommen. Er sei auf dem Haff gewesen, nach den Aalreusen zu sehen, sagte er zu seiner Entschuldigung. Und als sie ihm Vorwürfe machte und weiter in ihn drang, erwiderte er nur noch: „Frage den Vater.“
Aber der wußte von gar nichts. Und beide Männer gingen zur Ruhe.
Sie hingegen konnte nicht schlafen, ehe die künftige Tochter wieder zu Hause war.
Darum bereitete sie das Abendbrot, setzte sich unter den Lindenbaum, ließ auch die Lampe brennen am Herd und schloß nur die Tür gegen die Mücken.
Der Mond ging auf, und der Nachtwind streichelte sie gleichwie ihr Slinka, der alte Kater. Sie wartete und wartete, aber die Marinke kam nicht.
Endlich gegen halb zwölfe hörte sie einen Wagen langsam, langsam näher knarren. Die Räder mahlten, und dieAchsen schlackerten.
„Sie wird eingeschlafen sein,“ dachte sie, „und die Pferde machen es sich zunutze.“
Aber als sie sie auf dem Sitzkasten sah, mit großen Augen nach dem Mond hinstarren, und dann absteigen ohne „Wie geht’s?“ und „Guten Abend“, da wußte sie, sie hatte nicht geschlafen, sondern ihr war etwas geschehen.
Sie liebkoste sie und sagte: „Du bist müde, mein Tochterchen, darum iß einen Bissen und lege dich nieder. Ich selbst werde ausspannen statt deiner.“
Und die Marinke ließ es auch zu.
Als die Mutter hereinkam, saß sie am Herde und kaute. Aber es war, als täte sie’s nur, weil man es ihr befohlen hatte. Jetzt, da das Lampenlicht auf ihr lag, ließ sich erkennen, daß sie von Gesicht ganz weiß war, bloß daß unter den Augen zwei Flecken brannten.
Die Mutter umarmte sie und sagte: „Gestehe, was dir begegnet ist.“
Und sie erwiderte immer ins Leere hinaus: „Es hat nicht gestimmt.“
„Um wieviel hat es nicht gestimmt?“ fragte die Mutter.
Sie besann sich einen Augenblick und erwiderte dann: „Mehr als funfzig Mark sind es, die fehlen.“
Da lachte die Mutter und sagte: „Die schick’ ich noch in der Frühe und lege funfzig als Zinsen dazu. Die kann sich der Wieszpatis sauer kochen.“
Und die Marinke entgegnete heftig: „Um das Geld ist es nicht. Das hat er mir gleich geschenkt. Der Verdacht ist es — die Schande ist es, daß der Schweizer nun sagen wird: ‚Eine lüderliche Kröt’ ist vor mir im Amte gewesen.‘ Oder er sagt gar noch Schlimmeres.“
Die Mutter schalt sie, daß sie sich mit so unnützen Sorgen abgab, aber in ihrem Innern freute sie sich darüber, daß Gottes Gnade ihrem Jurris eine so rechtschaffene Frau hatte bescheren wollen.
Und sie sagte: „Morgen fahr’ichmit der Milch, und wenn ich deinen Herrn Westphal seh’, dann sag’ ich ihm ordentlich die Meinung, weil er ein ehrliches Mädchen in schändlichen Ruf gebracht hat. Ja, das werd’ ich tun und fürcht’ mich nicht im geringsten.“
Als sie das sagte, hatte die Marinke zuerst ein sehr erschrockenes Gesicht gemacht. Dann aber lächelte sie ein weniges, wie man zu Kinderworten wohl lächelt. Dem Herrn Westphal trat kein Mann und keine Frau mit Vorwürfen unter die Augen. Dem nahte man höchstens mit einer Bitte im Munde.
Nicht ohne Grund nannten die Leute ihn weit und breit den „Wieszpatis“. Das heißt auf deutsch „König und Herrscher“. Und der liebe Herrgott heißt auch so.
Am nächsten Morgen benahm sich die Marinke fast wieder so wie gewöhnlich.
Sie küßte der Mutter den Ärmel und gab dem Jurris die Hand. Aber warum er sichgestern versteckt hatte, danach fragte sie nicht. Sie fragte überhaupt nichts mehr, sondern ging still an die Arbeit.
Die Tage verflossen. Der Roggen kam trocken herein, und Erbsen und Gerste nicht minder. Es war ein Jahr, gesegnet, wie wenige sind. Keine Trespe und kein Brand, nichts Ausgewintertes und nichts Enthülstes.
„Die Laumen meinen es gut mit uns,“ sagte die Mutter, „seit das Kind bei uns wohnt.“
Und der Vater sagte: „Wenn nur nicht —“ Aber das weitere verschwieg er.
Zwischen der Marinke und dem Jurris wurde es nie mehr so, wie es gewesen war. Sie gingen wohl freundlich nebeneinander her und sprachen auch, was der Augenblick brachte, aber zusammen allein zu sein, das suchte der eine nicht und auch nicht der andere.
Und jeder grämte sich auf seine Art.
Wenn die Marinke sich unbeobachtet glaubte, dann hing sie mit fragenden und ängstlichen Blicken an seinem Angesicht, und er wieder ging um sie ’rum wie ein Dieb und scheute sich, sie zu berühren.
Auch von der kommenden Hochzeit war nie mehr die Rede. Höchstens daß die Mutter einmal von der Aussteuer sprach und zu wissen begehrte, was das Elternhaus ihr wohl mitgab.
Der Jozup kam Tag für Tag. Wenn der Feierabend nahte, dann war er da. Und beide Freunde saßen vorm Pferdestall und rauchten oder aßen unreife Äpfel.
Einmal, als die Marinke das Rindvieh von der Weide heimtrieb, tauchte der Jozup neben ihr auf und begann ein Gespräch.
„Hast du auch schon den Schwiegereltern das Stück Brautleinwand geschenkt,“ sagte er, „und Rautenblüte hineingelegt?“
„Warum sollt’ ich das?“ fragte sie. „Ich bin die Magd hier und sonst nichts.“
„Das hast du mir schon einmal gesagt,“ erwiderte er. „Es ist Zeit, daß du freundlicher zu mir wirst, denn ich bin drauf und dran, dir die Hochzeitsgäste zusammenzubitten.“
„Ich weiß von keiner Hochzeit,“ erwiderte sie.
Er stieß ein Gelächter aus. „Aber im Leibe sitzt sie uns schon, als hätten wir Tollwasser gesoffen. Ich lieg’ bis zum Morgen und denk’ an die Braut und die Brautnacht und soll doch bloß der Brautführer sein. Vom Jurris red’ ich nicht, der schwitzt Öl vor Angst, wenn er daran denkt, die Junggesellenschaft zu verlieren, aber du, mein Tausendschönchen, du siehst mir nicht danach aus, als ob dir sehr davor graute, über ein Heunetz geworfen zu werden. Bloß er tut es nicht, der ehrbare Bräutigam. Vielleicht nimmt er sich einen Vertreter.“
Der Weg war schmal, darum mußte sie das lästerliche Gerede anhören, und als sie es ihm gerade verweisen wollte, da kam ihr mit eins der Gedanke: „Vielleicht weiß er mehr von mir, als mir gut ist; sonst könnte er gar nicht so dreist sein.“
Und sie fürchtete sich so sehr vor ihm, daß sie nur den Kopf senkte und ihn reden ließ, was er wollte.
Auch dem Jurris sagte sie nichts, obwohl sie innerlich wünschte, er möchte ihn mit der Peitsche vom Hof hinunterjagen.
Und bald darauf kamen Tage voll neuer Herzensangst. Die drückten noch härter als alles, was vordem gewesen war.
Sie lief von der Arbeit weg und versteckte sich in der Scheune, um in den Garben nach Brandkörnern zu suchen, sie irrte im Dorfe umher, ob nicht irgendwo ein Sadebaum sich über den Zaun hinstreckte, und ihre Füße waren verbrüht von kochendem Wasser.
Nachts lag sie auf den Knieen und betete, aber bei Tage machte sie freundliche Augen. Mit denen täuschte sie alle, nur die Schwiegermutter täuschte sie nicht.
Die legte eines Tages die Arme um ihren Hals und sagte: „Mein Täubchen, du bist nun bei uns schon bald sechs Wochen, und ich habe dich wohl geprüft. Wenn ich dir sage, daß ich demJurris nichts Besseres wünsche als dich, so weißt du, wie ich gesonnen bin. Aber uns Frauensleuten spielen die Männer oft so schlimme Streiche, daß wir ins Unglück kommen und wissen nicht wie. Darum, sollte es dir vielleicht ebenso gehen, nimm deinen Mut zusammen und suche gutzumachen, was sich noch gutmachen läßt. Auf etwas Täuschung kommt es dabei nicht an, nur muß man den Knaben liebhaben, wenn man ihn täuscht.“
Wie die Mutter diese Worte gemeint hatte, vermochte Marinke nicht zu ergründen, aber gute Wirkung taten sie doch. Denn nun hörte sie auf, in Verzagtheit am Boden zu knieen, und sann darüber nach, wie sie dem Jurris wieder nahkommen könne. Leicht war das nicht, denn in den Garten ging er zum Feierabend nie mehr, und nie mehr wollte er einen Gang mit ihr machen.
Am nächsten Sonntag, so um die Dämmerstunde, hörte sie, wie er zum Alten sagte: „Ich bin schon lange nicht mehr am Ufer gewesen, ich muß einmal nach dem Kahn und dem Schuppen sehn.“
Wäre alles zwischen ihnen gewesen wie früher, so hätte er jetzt zu ihr gesagt: „Komm mit!“ und wäre mit ihr an der Hand durchs Hoftor gegangen. Aber statt dessen schlich er sich um die Scheune herum und kroch durch die Zäune undblickte verstohlen zurück, ob es auch niemand bemerke.
Da sagte sie sich: „Ich tu’s.“ Und ging ihm nach. Aber sie ließ eine weite Entfernung, so daß seine scharfen Augen sie nicht erkennen konnten, sonst hätte er womöglich einen anderen Rückweg genommen.
Als sie wohl eine Viertelstunde gegangen war, setzte sie sich auf den Grabenrand und wartete.
Die Dunkelheit fiel herab, und rings um sie sangen die Heimchen.
Da schämte sie sich sehr, daß sie mit schiefen Gedanken im Kopfe hinter ihm herlief. Wäre es wie früher aus großer und reiner Liebe geschehen, so hätte sie sich kein Gewissen gemacht, aber nun die Not sie zwang, kam sie sich als eine Betrügerin vor. Dabei fühlte sie wohl, daß ihre Liebe zu ihm nur noch größer und reiner war. Aber es hätte ihr keiner geglaubt. Und auch sie selber glaubte es kaum.
So verging eine geraume Zeit, da hörte sie seine Schritte näherkommen. Beinahe wäre sie jetzt noch weggelaufen, aber sie zitterte so sehr, daß sie die Kraft zum Aufstehen nicht finden konnte.
Er blieb vor ihr stehen und fragte: „Wer ist da?“
Und sie fragte: „Wie kommstduhierher?“
Da erkannte er sie und sagte: „Es wird dirzwar keiner was tun, aber Sitte ist es nicht, daß die Mädchen am Sonntagabend allein in den Wiesen herumlaufen.“
Sie erwiderte: „Was soll ich machen? Eine Freundin habe ich nicht, und der, der sich um mich kümmern sollte, der unterläßt es.“
Er fragte: „Meinst du mich?“
Und sie erwiderte: „Nein, ich meine den Jozup.“
Da setzte er sich neben sie und sagte: „Du hast Recht, Marinke, daß du mir Vorwürfe machst. Ich weiß, ich habe nicht gut an dir gehandelt, aber was sollte ich tun? Der Vater verlangt es so und hat mir einen schweren Eid abgenommen.“
Sie zuckte die Achseln und sagte: „Was ist ein Eid? Für dich schwör’ ich fünftausend, und wenn sie zufällig falsch sind, dann lach’ ich.“
Er antwortete: „Dies war kein gewöhnlicher Eid, wie man ihn etwa vor Gericht schwört. Der ging ummeinenTod und umdeinenTod, und zwei Lichter brannten rechts und links vom Gesangbuch.“
Sie sagte: „Dein Vater könnte auch was Besseres tun, als zwei Liebesleute zu ängstigen.“ Und dann fragte sie ihn, ob es darum gewesen war, daß er sich bei jener Fahrt nach Augustenhof vor ihr versteckt hatte.
Er sagte: „Ja“, und sie legte den Kopf auf seine Kniee und schluchzte. Sie dachte nicht mehran das, was sie mit ihm vorhatte, nur sattweinen wollte sie sich.
Den Jurris kostete es große Mühe, sie wieder in die Höhe zu kriegen, und dann küßte er ihr die Tränen von den Backen und weinte mit ihr.
Sie wollte ihm wehren, denn sie dachte: „Ich taug’ ja nichts mehr,“ aber sie war so glücklich, wieder bei ihm zu sein, daß sie den Mut dazu nicht fand.
Als sie heimgingen, hatte jeder den Arm um des anderen Hüfte gelegt, und der Jurris sagte: „Jetzt ängstige ich mich nicht mehr vor dir, denn ich weiß, eskannnichts Böses geschehen.“
Das gab ihr einen Stich durch die Brust, denn esmußteja was Böses geschehen. Heut’ oder nächstens. Und ob es auf Tod oder Leben ging — gleichviel.
Von neuem hub sie an, den Eid ins Lächerliche zu ziehen. Diesmal aber tat sie’s mit guter Berechnung. Und sie küßte ihn wieder und wieder und merkte mit Freuden, daß er schwindlig wurde und wankte.
Als sie auf den Hof gelangten, war alles schon dunkel und still.
Er konnte sich nicht von ihr trennen, und sie dachte bereits, er würde bitten, ihn mit sich zu nehmen in die verschwiegene Stube, aber da riß er sich los und floh ins Haus, als säße der Böse ihm auf den Hacken.
Sie kniete vor ihrem Bette nieder, wie sie schon manche Nacht gekniet hatte. Und betete und rang mit sich und horchte ab und zu, ob die Klinke sich nicht bewegte.
Die Taglöhnerfrau schlief fest, aber selbst wenn die sie hörte, was tat ihr das noch?
Und dann stand sie auf. Und da er noch immer nicht kam, trat sie den schweren Gang an nach seiner Kammer.
Das war am Sonntag. Am Sonnabend darauf kam der Jurris zu dem Alten in die Stube und sagte: „Ich möchte dich in Gehorsam bitten, Vater, daß die Hochzeit etwas frühzeitiger stattfinden kann.“
Der Alte blickte von der Bibel auf, in der er las, und sagte: „Du hast wohl deinen Eid gebrochen?“
Und der Jurris erwiderte: „Ja, ich habe meinen Eid gebrochen.“
Da geriet der Alte in großen Zorn und rief: „Dafür strafe dich Gott!“
Der Jurris senkte den Kopf und sagte: „Gott wird mir vielleicht vergeben, denn es war gar zu schwer.“
Der Alte aber schrie: „Nein, Gott wird dirnichtvergeben. Ebenso wenig, wieichdir vergebe,daß du mich in so große Ungelegenheit gebracht hast.“
Und er lief auf seinen Schlorren umher wie ein Rasender.
Nach einer Weile sagte er weiter: „Natürlich muß die Hochzeit früher stattfinden. So früh als möglich muß sie stattfinden, damit nicht vielleicht hinterher ein Stein auf mich geworfen wird. Aber das sage ich dir: Kummer und Drangsal werden mit euch zu Tische sitzen, und der Tod wird hinter euch stehen, weil du den Willen Gottes so wenig geachtet hast, und den Willen deines Vaters noch weniger.“
Da ging der Jurris traurig hinaus und sprach mit keinem ein Wort, nur daß er zur Marinke, die in Ängsten stand, im Vorübergehen sagte: „Er hat es erlaubt.“
Und alsbald erhob sich im Hause ein großes Rumoren, denn die Vorbereitungen zur Hochzeit sollten sogleich beginnen.
Das Aufgebot war bestellt beim Standesamt sowohl wie beim Pfarrer, und der Jozup erschien am hellen Vormittag auf einem mit Bändern geschmückten Pferde und selber mit Bändern geschmückt an Achseln und Hutrand. Dem reichte die Mutter eine lange Liste hinauf in den Sattel von allen den Gästen, die zu der Hochzeit zu laden waren.
Und die Marinke wurde geschickt, ihm den Festtrunk zu zapfen.
Als sie das Glas zu ihm hochhob, packte er es so gierig mit seinen Händen, daß sie die ihren nicht lösen konnte. Und so hielt er sie fest und sagte: „Wenn ich nun losreite, dann mußt du mit und kommst nicht mehr frei bis ans Ende der Welt.“
Und sie sagte erschrocken: „Dann wärst du ein schlechter Hochzeitsbitter.“
Er trank und sprengte lachend davon, sie aber fühlte seine Hände brennen bis gegen Abend.
Es war gerade die Zeit der Hafereinfuhr und des ersten Pflügens, aber beides mußte hintangestellt werden, weil es im Hause soviel zu tun gab.
Und die Leute im Dorf wunderten sich und sagten: „Die Marinke ist doch erst so kurze Zeit hier; sollten die beiden schon vorher miteinander gekramt haben?“
Es war ein Glück, daß der Alte durch keinen erfuhr, daß er gerade das Gegenteil davon erreichte, was seine Absicht gewesen war; er hätte sich sonst vielleicht den Schlag an den Hals geärgert. Der Jurris aber erfuhr’s. Dem steckte es der Jozup nur allzubald.
Und obgleich im Grunde ja nichts dabei war, so grämte er sich doch immer noch mehr unddachte in seinem Herzen: „Sollte so das Unglück bereits beginnen?“
Und der Jozup bestärkte ihn noch und warf immer neue Kohlen ins Feuer.
Die Marinke hingegen tröstete ihn und sagte: „Wenn zweie sich liebhaben, für die gibt es kein Unglück und kein Verschulden, denen steht Gott zur Seite und nimmt den Eidbruch von ihrer Seele und noch viel Schlimmeres.“
Sie war nun wieder ganz obenauf, und wenn sie ihn heimlich im Arm hielt, vergaß sie alles, auch daß sie vor kurzem noch so große Angst gehabt hatte. Dabei arbeitete sie für dreie, und Töpfe und Eimer und Garben und was sie zu fassen bekam, flog wie Spielzeug durch ihre dankbaren Hände.
Der Jurris aber hielt’s mit dem Müßiggang. Sie mochte ihm noch so viel zureden, seine Arbeit wurde nur halb getan, und wäre nicht glücklicherweise ein Scharwerker zu mieten gewesen, wer weiß, ob der Hafer nicht ins Faulen gekommen wäre. Dafür trieb er sich um so mehr auf dem Haffe herum. In einer Zeit, in der keiner, der Landwirtschaft hat, ans Fischen nur denken kann, machte er sich morgens und abends draußen zu schaffen.
Der Frühherbstregen setzte ein, und oft kam er naß bis auf die Knochen vom Ufer nach Hause.Aber im Käscher hatte er nichts. Nur auf das Draußensein kam es ihm an.
Die Marinke küßte ihm beide Hände und sagte: „Jurris, Jurris, es tut dir ja keiner was.“ Aber auch das half nicht viel.
Eines Morgens wehte stark der „Aulaukis“, der Südwest, den die Fischer nicht mögen, besonders wenn Regen als Zugabe kommt.
Als die Marinke hinaussah, dachte sie: „Nun, heute wird er wohl nicht gefahren sein,“ aber wen sie zum Frühstück nicht finden konnte, weder im Hof noch auf dem Felde, das war der Jurris.
Die Vormittagsstunden vergingen, und sie dachte: „Um Gottes willen, wo bleibt der Jurris?“
Und als er zum Mittagbrot noch nicht da war und auch die Mutter das Fürchten bekam, da hielt sie sich nicht länger, sondern sprang von der Mahlzeit auf und rannte hinaus und dem Strande zu.
Schon als sie quer durch die Wiesen lief, erkannte sie: das war kein Wind mehr, das war ein Sturm. Und der Regen bohrte wie Hagelschlacken.
Die Tür des Schuppens schlug auf und zu, und der Handkahn war weg.
Vom Haffwasser ließ sich nicht viel erkennen, denn die Regenwolken strichen ganz niedrig darüber hin, aber die Strandwellen gingen so hoch, als wollten sie jeden auffressen, der ihnen zu nahkam, und das Rohr schrie, als hätte es eine Menschenstimme bekommen.
Die anderen Kähne waren alle zurückgeschoben, so weit, daß die Wellen sie nicht erreichen konnten, und die Marinke dachte bei sich: „Jetzt muß ich hinausfahren — muß ihm entgegenfahren.“
Aber wenn sie einen Kahn bis an das Wasser herangebracht hatte, dann schlugen die Wellen ihn sofort zur Seite, so daß er beinahe kieloben lag.
Da sah sie ein, daß ihr Wille voll Unvernunft war und daß sie davon nur den Tod haben würde.
Und sie warf sich im nassen Sande auf die Kniee, wie sie es jüngst vor ihrem Bette oft getan hatte, und dachte es durch Beten zu zwingen.
Aber kein Kahn kam aus den Regenwolken gekrochen, und keine Menschenstimme rief: „Da bin ich.“
Ja,eineMenschenstimme war da. Ganz plötzlich schallte sie ihr in die Ohren und sagte: „Was machst du?“
Und diese Stimme gehörte dem Jozup.
Da vergaß sie alles, was sie gegen ihn auf dem Herzen gehabt hatte, und hob die gefalteten Hände zu ihm auf und flehte ihn an, er möchte mit ihr hinausfahren. Für sie allein sei es zu schwer. Aber zusammen würden sie ihn schon finden.
Der Jozup fragte: „Seit wann ist er fort?“
Und sie erwiderte: „Seit in der Frühe.“
Da lachte er bloß und sagte: „Dann ist er längst wieder an Land und sitzt verschlagen wer weiß wo.“
Aber sie glaubte ihm nicht. Und er fuhr fort: „Denkst du denn, daß Menschen sich acht Stunden lang in so ’nem Wetter draußen herumtreiben können? Oder sich erst den Platz aussuchen zum Landen? Da ist es jedem egal, wo ihn der Sturm an den Strand wirft. Du aber komm ins Trockene, denn dir klappern ja alle Glieder.“
Und er führte sie in den Schuppen und schlug die Tür hinter sich zu, so daß sie fortan im Halbdunkel waren.
An den Wänden hingen die Netze, und über das Heu, das im Winkel lag, war der Mantel des Jurris gebreitet. Da hielt er sich wohl öfters versteckt, wenn alle ihn suchten.
Und sie streichelte den Mantel mit ihren erklammten Fingern und küßte den Saum und sagte: „Komm doch wieder! Komm doch wieder!“
Aber weinen konnte sie nicht mehr, denn sie hatte schon all ihre Tränen verschüttet.
Der Jozup stand daneben und biß sich die Lippen. Und dann sagte er: „Warumsoll er eigentlich wiederkommen? Es sind ihrer genug da, die bloß auf dich warten.“
Da drehte sie sich um und spie nach ihm.
„Warum speist du mich an,“ sagte er, „da ich doch einstmals dein Mann sein werde?“
Und sie sagte: „Laß mich hinaus. Ich habe schon lange gewußt, was du für einer bist.“
Aber er drückte sie auf den Mantel zurück, und indem er ihre Hände hielt wie in Klammern geschroben, sagte er folgendes: „Du betest da immerzu, er möchte doch wiederkommen, aber wenn ich jetzt als sein Freund mein Gebet mit dem deinen vereinigen wollte, dann würde es lauten: er sollnichtwiederkommen. Und erwirdauch nicht wiederkommen. Wenigstens als Lebendiger nicht. Und darum gehörst du schon mir, und das will ich dir gleich beweisen.“
Sie rang mit ihm und schrie: „Vergreife dich nicht an mir, denn ich trage ein Kind von ihm.“
Aber er lachte sie aus: „Du willst ein Kind von ihm tragen? Hat er mir doch oft genug von dem Eid vorgeklagt, den er dem Vater hat ablegen müssen. Der Schlappschwanz kehrt sich an Eide! Ich aber kehr’ mich an nichts und will tausend Tode sterben, wenn ich dich kriegen kann.“
Und sie rang weiter mit ihm und schrie: „Ich trage ein Kind von ihm!“
Und er sagte mitten im Ringen: „Wenn es die Wahrheit wäre, daß du ein Kind trägst, dann ist es nicht von ihm. Gott wird schon wissen, von wem es ist.“
Da brachen ihr die Arme mit einmal entzwei, und sie fiel hintenüber und wußte von nichts mehr.
Als sie sich wieder aufrichtete, stand die Tür offen, und niemand war da außer ihr.
Unter ihr lag noch immer der Mantel des Jurris. Den streichelte sie von neuem und küßte den Saum, aber sie dachte dabei: „Mir ist ganz recht geschehen.“
Und sie betete nun auch nicht mehr, er möchte wiederkommen. Hätte sie ein Gebet gehabt, so würde es gelautet haben wie das von dem Jozup: „Er sollnichtwiederkommen.“
So ohne Mut und so voll Scham war ihre Seele.
Im nächsten Frühling bekam die Marinke einen Knaben. Der sollte einmal die Enskyssche Wirtschaft erben, denn außer weitläufiger Verwandtschaft war keiner als Erbe da.
Die Marinke war den Winter über im Hause geblieben und durfte um den Ertrunkenen trauern, als ob ihn der Pfarrer ihr angetraut hätte. Und niemand in der Gegend nahm Anstoß daran, denn die Hochzeit war ja bestellt gewesen. — Bloß daß nun ein Begräbnis daraus wurde.
Und die Enskene, die beinahe ihre Schwiegermutter geworden wäre, ehrte sie wie ihresSohnes leibliche Frau, ja selbst der Alte war immer gut zu ihr, aber das geschah um des Enkelsohnes willen, den er von ihr erwartete.
Vor den Gerichten hatte er keine Angst mehr, denn er fühlte sich durch den Eid, den er dem Sohne abgenommen hatte, hinreichend gesichert auch über dessen Tod hinaus.
Der Jozup war während des ganzen Winters nur dann im Hause zu sehen gewesen, wenn er die Milch abholte, und Marinke hatte sich wohl gehütet, ihm zu begegnen.
Aber einmal geschah es doch. Sie kam gerade vom Melken, da stand er breit in der Stalltür. Hinter ihr ging mit den Eimern die Magd. Um derentwillen mußte sie tun, als ob nichts vorgefallen war.
Er bot ihr die Hand und sagte: „Ich halte mich fern von dir, aber wenn die Zeit gekommen ist, wirst du ja wissen, wo du hingehörst.“
Und ohne Widerspruch ging sie an ihm vorüber, denn daß sie ihm verfallen war, daran zweifelte sie nicht.
Und so sehr hatte sie sich an den Gedanken gewöhnt, daß sie die alte Wilkene, die das Haus bisweilen besuchte, bereits als zukünftige Schwiegermutter betrachtete.
Aber freundlich war die durchaus nicht mehr.
Wenn sie an ihrem klappernden Stock über den Hof gehumpelt kam, gab es der Marinkestets einen Stich durch das Herz, und sie dachte in ihrem Innern: „Bin ich erst in dem Wolfsnest drin, dann werde auch ich das Hemd auf den Schultern mit meinen Tränen waschen.“ Denn so heißt es in dem alten Liede.
Manchmal kam ihr wohl der Gedanke, sich nach der Entbindung ins Elternhaus zurückzubegeben; aber wie man sie aufnehmen würde, wenn sie mit dem Kinde auf dem Arm um Unterkunft bat, daran gab’s nicht den mindesten Zweifel. Im übrigen wäre auch das vergebens gewesen. Der Jozup hätte sie auch von dorther geholt.
So neigte sie sich also in Demut vor dem kommenden Schicksal, und nur die bösen Augen der Alten machten ihr Angst.
Eines Tages sagte die Mutter zu ihr: „Was will die alte Wölfin immer von dir? Du willst ja nichts von ihr.“
Aber was der Jozup wollte, davon ahnte sie nichts.
Und eines späteren Tages — der kleine Jurris mochte acht Wochen gewesen sein — da kam er in Sonntagskleidern zu ungewohnter Stunde und setzte sich neben die Wiege, die gerade ohne Aufsicht neben der Haustür stand.
Die Mutter, die heraustrat, erschrak sehr, denn beim ersten Blicke hatte sie den Mann, dersich tief über das schlafende Kleine beugte, gar nicht erkannt.
Er richtete sich auf und sagte: „Der Tote ist mein Freund gewesen, und ich habe sein Kind bis heute noch nicht gesehen.“
Und die Mutter sagte: „So sieh es dir ordentlich an.“
Aber er tat nichts dergleichen, sondern fragte sogleich: „Habt ihr auch schon daran gedacht, ihm einen Vater zu geben?“
„Sein Vater liegt im Grabe,“ sagte die Enskene, „und einen anderen braucht es nicht.“
„Nun, da wird seine Mutter wohl auch noch ein Wort mitzusprechen haben,“ entgegnete er, „oder glaubt ihr, daß ihr sie ihr Leben lang als Magd bei euch behalten könnt?“
„Das Kind in der Wiege,“ sagte sie, „wird künftig einmal Herr auf diesem Hofe sein, und die du meinst, halt’ ich wie meine Tochter. Im übrigen glaube ich nicht, daß dich dies alles was angeht.“
„Dies geht mich nur insoweit was an,“ erwiderte er, „als die Marinke demnächst meine Frau werden soll.“
Die Enskene erkannte sogleich, wie wenig Macht ihr über die einstige Braut ihres Sohnes gegeben war. Aber sie wollte es ihm nicht zeigen, und darum sagte sie: „Deine Werbung ist mir so willkommen, daß ich Lust hätte, meinenMann zu rufen, damit er dich von dem Hofe weist.“
„Ichhabegar nicht geworben,“ entgegnete er, „denn ihr Vater wohnt ja wo anders.“
Da gab sie sich drein, setzte sich ihm gegenüber und weinte.
Und er wartete schweigend, bis die Marinke vom Felde kam.
Die Mutter ging ihr entgegen und sagte: „Schick ihn fort, so daß er nie wiederkommt.“
Sie getraute sich nicht, ihn anzublicken, wünschte ihm kaum „Guten Tag“ und nahm dann das Kind aus der Wiege, um es zu stillen.
„Da hast du ja ein schönes Kind,“ sagte er, „und ich will hinfort sein Vater sein.“
Sie neigte den Kopf und entgegnete leise: „Kannst du nicht wenigstens warten, bis die Trauerzeit um ist?“
Da rang die Mutter die Hände und schrie: „Du ermunterst ihn ja!“
Sie antwortete nichts, sondern hakte die Wiste auf und reichte dem Kinde die Brust.
„Pfleg es mir gut,“ sagte er mit einem Lachen und schritt nach dem Hoftor.
Von nun an gab es trübe Tage im Hause. Die Mutter weinte, der Alte schalt, und beide verlangten, sie solle nicht von ihnen gehen.
„Hier hast du’s wie eine Prinzessin, aberdort in dem Wolfsnest werden die Wölfe dich fressen mit Haut und mit Haar.“
So ging das Lied immerzu.
„Oder glaubst du, sie werden dir jemals verzeihen, daß das Kind dem Jurris sein Kind ist? Jetzt wird ja offenbar, warum die Alte dich anglupt, als schlepptest du ein ganzes Gehetz von Bankerts mit dir herum.“
So ging eine andere Weise.
Die Marinke sagte nur immer: „Habt Geduld, bis die Trauerzeit um ist.“
Der Alte aber war nicht faul, sondern fuhr zum Rechtsanwalt zweimal in der Woche, denn er wollte den Enkelsohn in den Händen behalten.
Als der Todestag des Jurris sich eben gejahrt hatte und sein Grab von frischen Blumen noch voll war, erschien der Jozup von neuem auf dem Hofe.
Diesmal hatte er es so einzurichten gewußt, daß er die Marinke allein sprach.
Sie kam mit einem Wäschekorb von der Bleiche und lief ihm gerade in die Arme.
„Ich habe deinem Willen nicht entgegengestanden,“ sagte er, „und Geduld bewiesen ein Jahr lang. Aber nun ist sie zu Ende, und darum frage ich dich: Wann wirst du mir das Jawort geben?“
Sie schaute um sich, wie sie der Antwort entgehen könne, aber niemand war weit und breit.
„Deine Mutter ist mir böse gesinnt,“ sagte sie. „Und du wirst zu ihr stehen gegen mich.“
„Meine Mutter ist dir böse gesinnt,“ entgegnete er, „weil sie sich ärgert, daß du ein fremdes Kind ins Haus bringen wirst. Daß es mein eigenes ist, darf sie nie erfahren, sonst würde sie’s ausschreien bis hinter Prökuls.“
„Esistauch nicht dein eigenes!“ rief sie. „Das weißt du, und wenn du es nicht weißt, dann schwör’ ich es dir.“
Aber er lachte sie aus. „Der gute Jurris ist tot,“ sagte er. „Darum will ich so tun, als hättest du Recht. Wenn du aber denkst, ich würde zu ihr stehn gegen dich, dann kennst du mich falsch. Ich bin nach dir ausgewesen wie ein Verrückter, seit ich dir auf Augustenhof die erste Kanne vom Wagen gab. Ich habe mit meiner Mutter die Sache beredet bei Tag und bei Nacht, aber die verfluchten Enskys sind fixer gewesen als ich. Ich hab’ ihnen den Hof anzünden wollen über dem Kopf, — ich habe den Jurris — na, nun ist egal, was ich wollte mit deinem Jurris. Aber hast du dir nie gedacht, warum ich da saß Abend für Abend neben ihm auf der Deichsel? Hast du geglaubt, daß ich ein Augenschmeißer bin und weiter sonst nichts? Ich hab’ kein Wort von meinem Zustand zu dir geredet, denn schaliges Bier lieb’ ich nicht, und den Bettler beißen die Hunde. Aber das hättestdu wissen müssen, daß du mich entzweischneiden kannst mit dem Hackmesser, und ich würde noch nicht den Finger heben gegen dich.Ichsollte zur Mutter stehn gegen dich? Ja, Marjell, was dachtest du von mir?“
Wie er das sagte, geschah es zum ersten Male, daß sie ihm recht in die Augen sah. Und es war, als spritze Feuer daraus, und es war, als sei eine Wendezeit gekommen und jage sie auf unbetretene Wege.
Ihre Seele wand sich vor ihm und konnte seinem Willen doch nicht entweichen.
„Die Eltern werden es nicht zugeben,“ sagte sie, um doch etwas zu sagen.
„Welche Eltern? Deine oder dem Jurris seine?“