Achtes Kapitel.
Peter Frohwalt hatte sein letztes theologisches Rigorosum mit Auszeichnung abgelegt und stand vor seiner Promotion zum Doktor der Gottesgelehrtheit früher, als er selbst vermutet hatte. Der Tag, an welchem die letztere stattfand, war für ihn ein schöner Festtag. Er hatte seine Mutter dazu eingeladen – seine Schwester dagegen nicht – und die alte Frau war auch am Vorabend bereits in Prag eingetroffen und von ihrem Sohne auf dem Bahnhofe abgeholt worden. Er brachte sie in einem einfachen, guten Gasthause in der Nähe des Klementinums unter. Gerne hätte er auch Vetter Martin hier gesehen, aber der Alte kam nicht, obwohl er wieder daheim war. Er schickte nur mit der Mutter ein Brieflein, in welchem er nach seiner ehrlichen Manier gerade heraus erklärte: die Lieblosigkeit, mit welcher bei einem solchen Anlasse Marie übergangen worden sei, würde ihm die Freude an der Feier verderben.
Das war ein bitterer Tropfen für Peter Frohwalt, der ihm nun thatsächlich Unbehagen schaffte; aber die Sache war nicht zu ändern, und zuletzt wäre es doch mehr als seltsamgewesen, wenn der Doktorand der Theologie eine Abtrünnige eingeladen hätte.
Am Morgen des Promotionstages fuhr er in einem Fiaker bei dem Gasthause vor, in welchem seine Mutter wohnte, und holte die alte Frau ab, welche aus Stolz und Ergriffenheit an diesem Vormittage nicht herauskam. Peter Frohwalt trug über der Klerik heute einen mit Seide ausgeschlagenen Talar, den er über den linken Arm gelegt hatte, und seine Erscheinung war auffallend schön und vornehm, so daß, als er mit der schlichten Frau die Stufen im Carolinum hinaufstieg, alle, die ihn sahen, ihm nachschauten. Er führte seine Mutter in dem kleinen Saal zu einem Sitze in der vordersten Reihe der hier befindlichen Stühle und ging in ein Nebengemach um dort zu harren, bis er gerufen wurde.
Der Saal hatte sich beinahe völlig gefüllt, als er wieder eintrat. Auf erhöhtem Platze saßen die Würdenträger der alten Carl-Ferdinands-Universität um den Rektor gereiht, angethan mit den goldenen Ketten, außerdem zahlreiche Doktoren der Theologie, die ihr Recht auf einen Sitz in diesem Kollegium heute ausübten, und tiefer stand der Oberpedell, sowie der Pedell der theologischen Fakultät in ihren altertümlichen Gewändern; der erstere hielt das Universitätsszepter, bei dem nachher der Eid geleistet werden mußte, in der Rechten.
Die Feierlichkeit verlief in der gewohnten Weise. Peter Frohwalt neigte das Haupt, empfing die goldene Kette und den Doktorring, und, so geschmückt, sprach er in lateinischen wohlgesetzten Worten die übliche Danksagung. Seine Mutter verstand nicht, was er sagte, aber der volle, wohlklingende Ton der Stimme, die ganze Erscheinung ihres Sohnes, auf dessen Brust das Ehrenkleinod hell aufblinkte von dem dunklen Grunde der Klerik, hatten etwas überwältigendes, so daß sie in ihr Taschentuch hineinschluchzte in Wonne, Seligkeit und Wehmut zugleich, denn sie mußte in diesem Augenblickewieder ihres verstorbenen Mannes und – ihrer Tochter denken.
Als der Rektor und die anderen Herren vortraten, um sie zu beglückwünschen, vermochte sie nur durch ein Neigen des Hauptes und durch den Druck der Hand zu danken, und sie war unendlich froh, als sie wieder mit ihrem Sohne allein in dem geschlossenen Wagen saß und durch die belebte Straße hinfuhr.
»Es wäre doch schön gewesen, wenn Marie das hätte mit ansehen dürfen.«
Das war ihr erstes Wort, und der junge Doktor fühlte, wie sich abermals ein Hauch des Unbehagens über seine Seele legte, als empfände er das Bewußtsein einer Schuld. Er antwortete darauf nicht, sondern machte seine Mutter auf einen Vorgang auf der Straße aufmerksam. Den ganzen übrigen Tag war er mit ihr beisammen, zeigte ihr die reichen Sehenswürdigkeiten Prags, und erst am Abend verließ er sie in ihrem Gasthause. Er aber schritt langsam nach dem Seminar.
In der Stille seines Zimmers ließ er die Ehren des heutigen Tages noch einmal an sich vorübergehen, und die Brust hob sich ihm von einem freudigen Stolze. Aber mitten in dieser Stimmung trat ihm mit einem Male wieder das Bild der Schwester vor die Seele und schien ihn mit freundlichen Augen traurig anzublicken. Es führte ihn, ohne daß er es wollte, zurück in die Tage seiner Jugend, da er mit ihr zusammen geweint und gelacht in dem kleinen Hause bei dem alten Thore, und er empfand, daß er sie im Grunde doch lieb hatte trotz dessen, was zwischen ihm und sie getreten: Sie war ja seines Vaters, sein Blut. Es fiel ihm ein, daß das kleine Buch vom Vetter Martin, das »Laienbrevier«, einige Verse enthielt von der Liebe zu den Seinen, und er holte es herbei und blätterte, bis er fand, was er suchte. Und beim Lampenschimmer in der tiefen Stille des Seminars las er halblaut:
Drei Dinge stehen jedwedem Menschen zu,Die niemand niemals ihm verkümmern darf:Die Gabe Gottes, daß er sei und froh sei;Die Hilfe seiner Lebensmitgenossen;Das Dritte macht ihn aber erst zum Menschen:Das Recht, den Gott zu ehren, unddie SeinenIn Not und Tod zu lieben. Ohne LiebeFällt dieses große Haus der Welt zusammen,Ein jedes kleine Haus und jedes Herz.Drum ohne dies Recht muß er lieber sterben,Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.
Drei Dinge stehen jedwedem Menschen zu,Die niemand niemals ihm verkümmern darf:Die Gabe Gottes, daß er sei und froh sei;Die Hilfe seiner Lebensmitgenossen;Das Dritte macht ihn aber erst zum Menschen:Das Recht, den Gott zu ehren, unddie SeinenIn Not und Tod zu lieben. Ohne LiebeFällt dieses große Haus der Welt zusammen,Ein jedes kleine Haus und jedes Herz.Drum ohne dies Recht muß er lieber sterben,Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.
Er las die Verse zweimal, dreimal, als ob er sie recht fest seinem Gedächtnis einprägen wolle, und dabei überkam ihn eine freundliche Ruhe. Mit dem Gedanken an seine Lieben schlief er ein, und so ging ihm der schöne Tag schön zu Ende.
Am anderen Morgen reiste seine Mutter heimwärts; er hatte sie nach dem Bahnhofe begleitet und stand mit ihr bereits auf dem Perron. Sie drückten sich noch einmal die Hände, und jetzt erst sagte schüchtern die alte Frau:
»Darf ich Marie nicht grüßen von Dir? – Es braucht's ja niemand zu erfahren. Du und ich, wir haben eine große Freude gehabt, gönne ihr auch ein Teilchen!« Frohwalt sah einen Augenblick zur Seite, that einen kurzen Atemzug und sprach dann, wieder der Mutter zugewendet:
»Ja, grüße sie von mir!« – –
Der Zug brauste pfeifend, stöhnend hinaus aus dem Bahnhofe, der Adjunkt aber ging mit leichtem Herzen und mit einer gewissen Freudigkeit heim.
Noch an demselben Vormittage fuhr er in Begleitung des Syndikus der Universität nach dem Hradschin, um sich, wie es Brauch war, als neugeschaffener Doktor dem Kanzler der Hochschule, dem Erzbischof, vorzustellen.
Sie wurden, ohne im Vorzimmer lange warten zu müssen, bei dem Kirchenfürsten vorgelassen. Der KardinalFürst Schwarzenberg war eine in jeder Weise aristokratische Erscheinung, hochgewachsen und schlank, mit einem länglichen, feinen, frischgeröteten Gesicht und klaren Augen, und seine Persönlichkeit erschien noch vorteilhafter gehoben durch die hochrote Soutane, welche in eine wallende Schleppe auslief; auf dem kurzen, silbergrauen Haare lag ein kleines, gleichfalls hochrotes Seidenkäppchen. Frohwalt war nach tiefer Verneigung zu ihm herangetreten, und küßte die feine Rechte, der Kardinal aber sprach in leutseligster, herablassender Weise mit ihm über seine Studien, zumal sein Lieblingsstudium, und befragte ihn zuletzt auch nach seiner Heimat und seinen Angehörigen.
»Ob seine Schwester verheiratet sei?«
Der junge Doktor errötete und fühlte eine Sekunde lang den Atem beengt; er hatte die Empfindung, daß der Kirchenfürst, der ihm mit seinem klaren Blicke tief in die Augen schaute, im nächsten Momente auch nach seinem Schwager fragen müsse. Es geschah nicht, im Gegenteil, die Audienz war zu Ende, aber Frohwalt war, indem er wieder nach seinem Seminar zurückfuhr, ernst und still. Er dachte daran, wie er sich im Grunde doch seiner Schwester schämen müsse, und beinahe reute ihn der Gruß, welchen er der Mutter für sie aufgetragen hatte. – –
Einige Tage später hatte sich im erzbischöflichen Palais an der Tafel des Kirchenfürsten eine besonders erlesene Gesellschaft zusammengefunden: Zwei Domherren, darunter Kanonikus Kupetz, einige Professoren der theologischen Fakultät und ProfessorDr.Holbert, der sich besonderer Beliebtheit bei dem Kardinal erfreute. Kaum minder angesehen war der gleichfalls anwesende Professor der MoraltheologieDr.Sales Meyer. Er trug das Ordensgewand der Cisterziensermönche, die weiße Tunik mit dem schwarzen Skapulier und der schwarzen Binde. Sein etwas volles, gerötetes Gesicht sprach von Geist und Klarheit, Frische und Energie, unddie Augen sahen klar und scharf durch die spiegelnden Brillengläser.
Das Gespräch hatte ein ernstes und bedeutsames Thema erfaßt. Für den 8. Dezember des laufenden Jahres, des Jahres des Heils 1869, war eine allgemeine Kirchenversammlung nach Rom berufen worden, und die Herzen der katholischen Christenheit waren bewegt, die der Kirchenfürsten und der gelehrten Theologen erregt. Man war noch im Unklaren, um was es sich handle, und der Kardinal selbst gab diesem Empfinden Ausdruck:
»Seit dreihundert Jahren hat ein solch' Ereignis nicht stattgefunden, und es ist begreiflich, daß es unsere Gemüter erfaßt, umsomehr, als eine besondere Veranlassung nicht erkennbar ist. Wir haben keine Spaltung in der Kirche und keine neue Irrlehre zu bekämpfen, auch keine großen theologischen Streitfragen, die der Entscheidung auf solchem Wege harrten.«
»Wäre es nicht möglich, Eminenz,« – nahm Kanonikus Kupetz das Wort – »daß angesichts der zersetzenden, auf Umsturz von Altar und Thron gerichteten Bestrebungen der Sozialdemokratie oder der Freimaurer der heilige Vater Gelegenheit nehmen wollte, durch eine großartige Kundgebung der gesamten Kirche dem Vordringen derselben einen Damm zu setzen?«
Der Kardinal schüttelte wie ungläubig das Haupt, und Professor Meyer sprach mit seiner klaren, ein wenig trocken lehrhaften Stimme:
»Ich erachte das für wenig wahrscheinlich, obwohl ich die Bedeutung eines solchen Vorganges auch in diesem Sinne nicht unterschätzen würde. Befremdlich erscheinen muß es jedoch, daß man mit dem eigentlichen Zweck geheimnisvoll hinter dem Berge hält – wozu in Dingen, welche alle Gläubigen interessieren müssen, sich in den Schleier des Geheimnisvollen hüllen?«
»Wozu, wenn es sich um keine Streitfrage handelt, die Geister zuvor entfesseln und durch theologische Zänkereien schon vorher die Gemüter verbittern?« fragte der Kardinal dagegen.
Jetzt nahm Professor Holbert das Wort:
»Verzeihung, Eminenz – aber ich bin vielleicht in der Lage, eine nicht unwichtige Andeutung der kommenden Dinge geben zu können. Mir ist heute früh erst eine italienische Zeitung zugegangen, ein Blatt, das in streng kirchlichem Sinne und unter dem Einfluß des Jesuitenordens redigiert wird, und da steht es ziemlich unverblümt zu lesen, daß es bei dem bevorstehenden Konzil sich um nichts Geringeres handle, als dem heiligen Vater dieUnfehlbarkeitzuzusprechen.«
Das Wort fuhr wie ein zündender Strahl durch den ganzen Kreis. Eine Falte legte sich zwischen die feinen Augenbrauen des Kirchenfürsten:
»In welchem Sinne glauben Sie, daß man eine solche verkünden wolle?«
»Ich fürchte, Eminenz, in völlig persönlichem Sinne, insofern es sich um eine der Zustimmung der Kirche nicht bedürfende Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittensachen handelt.«
»Aber, Herr Professor« – sagte der Kirchenfürst im Tone des Vorwurfs – »ist es nicht unbillig, dem heiligen Vater solch' selbstsüchtige Pläne zu unterschieben?«
»Er ist so ergeben, so milde, wie sollte er dazu kommen?« fragte der andere Kanonikus, der Professor Holbert aber blieb völlig ruhig, und erwiderte:
»Ich darf wohl annehmen, daß meine kirchliche Gesinnung, die mir Herzenssache ist, in diesem Kreise genugsam bekannt ist, ebenso wie der Freimut, mit welchem ich meine Anschauungen und Ueberzeugungen auszusprechen gewohnt bin; mit Rücksicht auf beides bitte ich Eure Eminenz umVerzeihung, wenn ich in einem derartigen Glaubenssatze nur den letzten Schluß eines seit Jahren verfolgten Vorgehens erblicken kann. Wenn ich denke, welche Fülle von Ablaßerteilungen, Heilig- und Seligsprechungen der Papst auf Anlaß seiner Berater aus dem Orden der Gesellschaft Jesu in den letzten Jahren vollzogen hat, ja wie man geflissentlich sogar die Kunde von angeblich durch ihn ausgeübten Wundern verbreitet hat, so will mich bedünken, als ob man damit nur die Voraussetzungen geschaffen zu dem Schlusse, der nun gezogen werden soll. Auch die Art, wie vor Jahren der Glaubenssatz von der unbefleckten Empfängnis Mariä entstand, hat nicht bloß mir zu denken gegeben, aber der Vorgang wird mir heute verständlicher. Etwa 100 Bischöfe, darunter circa 80 italienische, die zusammen nicht so viele Seelen vertreten, als Seine Eminenz, unser Herr Kardinal-Fürsterzbischof, haben bei einem Zusammensein in Rom durch einfachen Zuruf zu dem vom Papste vorgelegten Glaubenssatz dessen Aufstellung als Glaubenssatz bewirkt. Wo hat man sich dabei viel um die Kirche gekümmert?«
»Die Sache war ja immerhin anders,« nahm Professor Meyer das Wort. »Damals wurde etwas, was der fromme Sinn des katholischen Volkes schon lange glaubte, weil es seinem Herzensbedürfnis entsprach, zum Glaubenssatz erhoben – aber ein Glaubenssatz von der persönlichen Unfehlbarkeit des heiligen Vaters wäre eine Neuerung, welche die Gemüter verwirren müßte und schweres Unheil bringen könnte.«
»Aber, meine Herren, das ist ja Schwarzseherei! Die Sache liegt doch einfach: Entweder die Unfehlbarkeit ist eine bereits alte Lehre, oder wenn dies nicht nachgewiesen werden kann, kann sie nicht aufgestellt werden,« sprach der Kardinal.
»Ja, ein Glaubenssatz kann doch nur dann für die Kirche Gültigkeit haben, wenn die Mitglieder eines Konzils denselben einhellig oder nahezu einhellig annehmen. Das istaber in diesem Falle kaum zu erwarten,« bemerkte einer der theologischen Professoren.
»Das sollte man meinen, Herr Kollege,« erwiderteDr.Holbert, »ich fürchte aber, daß man in Rom auch vor einer Majorisierung nicht zurückschreckt, wenn es sich um einen fest vorbereiteten Plan handelt.«
»Aber da würden wir doch auch noch auf dem Platze sein,« meinte der Kardinal mit einem feinen Lächeln, undDr.Holbert senkte schweigend den Kopf.
Den sonst so ruhigen Professor Meyer schien die Angelegenheit besonders zu erregen:
»Ich kann noch nicht an solche Absicht glauben; es würde den geschichtlichen Ueberlieferungen, den geschichtlichen Thatsachen ins Gesicht schlagen und sich niemals aus Ueberlieferung und Schrift begründen lassen. Man kann aus vielen Gründen dem katholischen Volke nicht zumuten, daß es glaube, der Papst könne auf dem ganzen Gebiete des Glaubens und der Sitten der höchste Lehrer, Richter und Gesetzgeber sein, und tausend fromme und gelehrte Kirchenfürsten und Kirchenlehrer ständen auf dem Boden des Irrtums, wenn der heilige Vater, der weder gelehrt zu sein braucht, noch auch – dafür spricht ja leider die Geschichte – immer tugendhaft, für gut befindet, eine besondere Meinung zu haben.«
»Und wohin sollte das im Staatsleben führen« – sprach wieder Holbert – »wenn der jeweilige Papst mit seiner unfehlbaren Meinung in die Rechte der Staaten und der Völker eingreifen würde? Die Völker sind nicht mehr wie im Mittelalter, sie sind mündig geworden und lassen sich von Rom nicht mehr Gesetze geben, die unter Umständen der bloßen Willkür ihre Entstehung verdanken. Heute haben wir einen milden, guten Herrn auf dem Stuhle des heiligen Petrus, wer aber kann für seine Nachfolger bürgen?«
»Ich glaube, meine Herren, wir regen uns unnützer Weise auf« – sagte der Kardinal mit der Absicht, das Gespräch,das eine unbehagliche Wendung zu nehmen drohte, zu wechseln, und seine Gäste waren taktvoll genug, ihn zu verstehen. – Die Wogen der erregten Gemüter glätteten sich, man kehrte zu harmloseren Tagesfragen zurück, und Seine Eminenz verstand auch hier, den feinsinnigen, liebenswürdigen, vornehmen Wirt zu machen. Unter andern kam die Rede auch aufDr.Peter Frohwalt, der dem Kardinal nach seiner äußeren Erscheinung wie nach seinem ganzen Wesen einen sehr guten Eindruck gemacht hatte; er hörte mit Vergnügen, daß auch Professor Holbert sich lobend über den jungen Adjunkten äußerte, und sprach aus, daß er denselben im Auge behalten wollte.
Der Frühling brachte für Prag wie alljährlich das Fest des Landesheiligen Johannes von Nepomuk, der bekanntlich als Märtyrer des Beichtgeheimnisses in den Fluten der Moldau gestorben sein soll. Da, wo auf der steinernen Brücke heute sein Standbild steht, ließ ihn, wie erzählt wird, König Wenzel, der Luxemburger, in die Wellen schleudern, aber ein Kranz von sieben hellen Sternen umleuchtete noch das Haupt des Toten, dessen Leib nachher im Dome von St. Veit beigesetzt wurde, dessen Gedächtnis am 16. Mai jeden Jahres festlich begangen wird. Seine angeblich unversehrte Zunge wird in kostbarer Monstranz der Verehrung des Volkes ausgestellt.
Auch in diesem Frühling waren Tausende nach der böhmischen Hauptstadt gekommen, das Fest mitzufeiern, und über die Brücke nach der Höhe des Hradschin bewegte sich eine bunte Menge, meist Landvolk, und im Dome drängten sich Hunderte um das Grabmal des Heiligen, den massiven, schwerfälligen Sarkophag, zu welchem 27 Zentner feinen Silbers verwendet worden sind, und um welchen eine Anzahl Lampen ihr trauliches Licht ausgießen. Unter ihnen stand diesmal auch der wunderliche Heilige, Vetter Martin, der zwar Prag schon kannte, aber es bei Gelegenheit dieses Festes auch einmal sehen wollte.
Ihm behagte dies Leben und Treiben nicht, noch weniger die unvermeidlichen tschechisch-nationalen Kundgebungen, welche regelmäßig mit diesem Feste verbunden werden; diese angeputzten Banderien, diese buntscheckigen Sokolisten waren ihm nichts weniger als eine Herzensfreude, und so stapfte er am Morgen des Festes bereits wieder hinüber nach der Altstadt, um im Klementinum bei Peter Frohwalt vorzusprechen.
Der war erfreut, als der Alte bei ihm eintrat.
»Das riecht ordentlich nach Theologie bei Euch, etwas muffig, als ob schon lange kein frischer Luftzug hereingekommen wäre, so daß es sich Unsereinem auf die Brust legt – nimm mir's nicht übel, Peter! Ja so, Du hast ja jetzt eine akademische Würde, und dazu will ich Dir auch meinen Glückwunsch sagen. Ich wäre gern zur Promotion gekommen, aber mir that's leid um Deine Schwester, das arme Wurm, das nicht einmal thun darf, als ob es sich darüber freute – und sie hat sich doch gefreut mitsamt Deinem Schwager. Na, was machst Du denn auf einmal für einen schiefen Nasenwinkel … ja so, Dir ist etwas in die Schleimhäute gefahren, Du kannst Freidank nicht riechen! Aber ich sage Dir, er ist ein prächtiger Mensch und trägt Deine Schwester auf den Händen. Er weiß, daß er doppelt an Liebe geben muß, weil er auch den Bruder zu ersetzen hat. Herrgott, da schwatze ich, und weiß doch, daß ich Dir kein Vergnügen damit mache – na, wovon das Herz voll ist … und so weiter. Höre, das Prag ist ein unausstehliches Nest am Johannistage; man lebt wie in einer Heringstonne, und selbst wenn man mal ausspucken will, trifft man einen Verehrer des heiligen Nepomuk. Und wenn das Geschmeiß nur wirklich noch wegen des Heiligen herkäme! Aber das alles kommt zu seinem Pläsir. Nur die vielen Leierkästen! Aber jetzt rede Du – – während ich mich einmal in die Sophaecke setzen und, wenn Du nichts dagegen hast, ein Pfeifchen in Ruhe schmauchen will!«
Er hatte den Worten eigentlich die That schon vorausgeschickt, schmunzelte behaglich und sagte:
»Sieh, das ist der erste schöne Augenblick im goldenen Prag! Also, wie lebst Du?«
Frohwalt begann nun von seiner Tagesarbeit und von seinen Studien zu reden, von der Hoffnung auf einen Lehrstuhl an der Hochschule, und der Alte merkte, wie solche Aussichten auf die Zukunft ihn freudig bewegten. Als der Adjunkt geendet, sprach er, behaglich dampfend:
»Du bist ja tüchtig und fleißig, und ich gönne Dir von Herzen, daß Du einmal zum violetten Collare kommst, aber ein wenig Glück gehört zu dem allem auch. Dein alter Nedamitzer Pfarrer hat auch einen guten Kern gehabt und hat's wohl auch an Fleiß nicht fehlen lassen, aber ihm hat das Glück gefehlt, in die richtigen Verhältnisse gekommen zu sein. Was hörst Du von ihm?«
Frohwalt erzählte, was er wußte, und der Vetter vergaß, an seinem Pfeifchen zu saugen.
»Hm, hm, – also abgethan – in's alte Eisen – das wird er nicht lange aushalten! Höre, Peter, das ist ein elend' Leben, wie's ihm zuteil geworden ist. An der richtigen Stelle, in guten Händen, wäre er ein brauchbarer Kerl geworden, aber die Theologie allein thut's nicht. Also in der Spornergasse sitzt er mit seinem alten Zinnkrug – da will ich doch einmal zusehen, was er macht. Kommst Du mit?«
Frohwalt wurde einigermaßen verlegen.
»Ich bin heute mittag beim Kanonikus Kupetz eingeladen, der seinen Namenstag feiert, darum muß ich Dich sehr um Entschuldigung bitten, wenn ich mich nachmittags Dir nicht widmen kann. Du nimmst mir's nicht übel – bitte – morgen stehe ich dafür den ganzen Tag zu Deiner Verfügung.«
»Selbstverständlich, mein Sohn, kommt erst der Herr Kanonikus – nein, übelnehmen ist nicht! Da paßt mir'sdoppelt, wenn ich Deinen alten Parochus wiederfinde und ihn vielleicht in die freie Natur locken kann; denn in den Gassen ist mir's heute unheimlich. Ich begleite Dich über die Brücke nach der Kleinseite!« – So geschah es, und bald schritten sie selbander durch den alten Brückenturm und bewegten sich langsam im Gewühle der Menschen, welche heute mehr als je die Brücke belebten, vorwärts. Vor dem Standbilde des heiligen Johannes gab es eine kleine Stauung; der Adjunkt zog andächtig seinen Hut, Vetter Martin aber nickte dem Heiligen vertraulich wie einem alten Bekannten zu.
Vor der Wohnung des Pfarrers trennten sie sich, nachdem Frohwalt dem Alten einen Gruß aufgetragen hatte, und dieser stapfte nun langsam über den unfreundlichen Hof und die Treppe im Hintergebäude empor. Er erschrak, als er bei dem Pfarrer eintrat, über die Aermlichkeit dieser Verhältnisse, noch mehr aber, als er den Bewohner dieses Raumes auf seinem alten Sopha, bedeckt mit einem zerschlissenen Schlafrock, liegen sah. Der Mann sah elend und heruntergekommen aus mit seinem fahlen Gesicht und den breiten Säcken unter den schwimmenden Augen.
»Ach, der Vetter Martin!« rief er jetzt, sich halb emporrichtend, und eine schnelle Röte, ob der Freude oder Verlegenheit wäre schwer zu sagen gewesen, flog über das graue Gesicht.
»Na ja, da sind wir, Herr Pfarrer,« knurrte der Alte, halb fröhlich, halb gerührt, und indem er mit der Rechten die Hand des andern drückte, hielt er ihn mit der Linken davon ab, aufzustehen.
»Liegen bleiben, liegen bleiben – Sie sind krank!«
»Ja, ich bin leidend!« seufzte der andere – »schwere Beine, schweren Kopf, elenden Magen, ich wollt', ich läge auf dem Nedamitzer Kirchhofe, denn in meinem Dorfe muß es tot hübscher sein, als hier lebendig. Nehmen Sie Platz – das ist mir eine rechte Freude in meinem Elend!«
Martin saß schon neben ihm am Tische und sagte:
»Der alte Diogenes hat in einer Tonne gewohnt, und da war's wohl noch unbequemer als bei Ihnen!«
»Ja, der alte Diogenes!« seufzte der Pfarrer – »der hat's immer noch hübscher gehabt als ein alter Priester mit seiner Hungerpension. Ich setzte Ihnen gern irgend etwas vor, aber ich habe nichts zu Hause …«
Das klang so traurig und ergreifend, und Martin hatte die Empfindung, als ob der alte Herr sich schon lange nicht satt gegessen haben müßte; er sagte:
»Na, da hatte ich mich darauf gefreut, einmal mit Ihnen Mittag essen zu können; selbstverständlich sollten Sie mein Gast sein, denn in Nedamitz war ich der Ihre – aber Sie können wohl nicht ausgehen?«
»Ich bin zu elend heute, darum habe ich mir von meiner Nachbarsfrau nur eine Wassersuppe kochen lassen – –«
»Hm, eine Wassersuppe und heute, zum heiligen Feiertage – –«
»Und zu meinem Namenstage obendrein!« seufzte der alte Priester und seinem Besucher that das gute Herz weh. Er dachte daran, wie der Kanonikus Kupetz seinen Namenstag feiern werde, und der arme Teufel hier hätte sich an den Brosamen seines reichen Tisches satt essen können; er fragte:
»Haben Sie denn jemanden, den Sie fortschicken können, und der Ihnen etwas besorgt?«
»O ja, die Nachbarsfrau!«
»So – na, dann erlauben Sie mir, daß ich mir mein Mittagessen zu Ihnen holen lasse, mir paßt das Feiertagstreiben heute nicht!«
Dann ging er eilends hinaus, und der Pfarrer sah ihm mit verwunderten Blicken nach. Er erhob sich indes doch, und suchte nach einem Rock und einem alten, schmutzigen Collare, und als Vetter Martin nach kurzem zurückkam, fand er ihn in der Sophaecke sitzend.
»Das ist nichts mit Wassersuppe für Ihren schwachen Magen – glauben Sie mir, Herr Pfarrer – eine gebratene Taube ist für einen Kranken viel besser! Ich habe mir erlaubt, eine für Sie kommen zu lassen, und will Ihnen zu Liebe auch einmal meine vegetarischen Grundsätze beiseite thun. Wir wollen denken, wir säßen in der Nedamitzer Pfarrei und wollen auch den heiligen Nepomuk feiern!«
Dem Priester rannen zwei schwere Thränen über die Wangen; er streckte wortlos dem Alten die Hand hin, dieser aber begann von der Botanik und von seinen Reisen zu reden, bis die Nachbarsfrau mit einem großen Korbe anrückte. Sie deckte den Tisch mit einem sauberen Linnen, und dann begann sie auszupacken: Geflügel und Braten, Mehlspeisen und Kompott, als ob ein halb Dutzend Menschen essen sollten, und dazwischen stellte sie eine Flasche dunkelglutigen Vöslauers und zwei Gläser. Sie wünschte wohl zu speisen und ging. Der Pfarrer aber saß da, wie in einem Märchen, und atmete den Duft der Speisen ein, und vermochte noch immer nicht zu reden.
Vetter Martin war der liebenswürdigste Wirt; er legte dem andern vor und schenkte ihm ein, und sie stießen an auf den Namenstag. Die Wassersuppe schien doch nicht besonders Grund gelegt zu haben, und der alte Weltwanderer verstand auch, diese Sorte »schlechter« Mägen zu behandeln. Der Pfarrer thaute auf; er vergaß Elend, Sorge und Unwohlsein und erzählte von vergangenen schönen Tagen, Vetter Martin aber feierte ein Johannisfest, wie er es sich nicht hatte träumen lassen.
So war es um die dritte Nachmittagsstunde geworden, und der Alte forderte den Priester zu einem kleinen Spaziergange auf; dieser aber erklärte, daß er beim besten Willen nicht gehen könne, seine Beine wären zu schwach, und außerdem habe ihn der gute Wein etwas angegriffen und schläfrig gemacht. Da wollte sein Besucher nicht weiter in ihn dringen,und nachdem er ihm versprochen hatte, am nächsten Tage wieder zu kommen, verließ er ihn. Von dem Mahle aber war noch so viel vorhanden, daß es wohl noch für zwei Tage für den Pfarrer ausreichen mochte.
Es war ein herrlicher Maitag; schimmernde weiße Wölkchen zogen über den dunkelblauen Grund des Himmels hin, und die grauen Häuser der steil ansteigenden Spornergasse erschienen freundlich und festlich. Trotzdem hatte Vetter Martin keine Neigung, den Berg emporzuklimmen. Er bog unterhalb des Kleinseitener Ringes in eine Nebengasse gegen das Augustinerkloster zu St. Thomas hin ab, ging vorüber an dem umfangreichen Wallensteinschen Palais, der Prager Residenz des gewaltigen Friedländers, und gelangte endlich an der Moldau entlang zu dem neuerbauten Kettensteg, unterhalb der Franz-Josefsbrücke. Dieser Uebergang über den Fluß war ihm neu, und das lockte ihn zum Ueberschreiten.
So kam er nach oder Altstadt zurück, aber in diesem abgelegenen Teile derselben war kein festliches Gewoge, hier herrschte Stille und beinahe kleinstädtisches Behagen. Dabei fühlte sich Vetter Martin wohler, und er schlenderte langsam weiter, bis er mit einem Male hineingeriet in die engen Gäßchen des alten jüdischen Ghetto. Da fiel ihm ein, daß just in dieser Zeit, da der Flieder blühte, der alte Judenfriedhof Beth Chajim besonders stimmungsvoll und sehenswert sein müsse, und daß er dort heute zweifellos in voller Einsamkeit das wunderlichste Fleckchen der böhmischen Hauptstadt genießen könne Er kannte sich gut genug hier aus und fand auch bald sein Ziel.
Am selben Nachmittage war es, daß auch Hans Stahl von der Kleinseite, wo das Wendische Seminar sich befindet, über die Franz-Josefsbrücke hinübergegangen war, um dem Treiben zu entgehen. Der junge Theologe, der sonst sehr frisch und lebensfroh erschien, war seit einiger Zeit trübsinnig geworden. Er brachte seine Gedanken nicht mehr fort von demlieblichen Mädchenbilde in der Zeltnergasse, und die Ballade von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten, verfolgte ihn seit jenem Sonntag-Nachmittag unaufhörlich. Wie die Motte war er um das Licht geflattert und hatte sich die Flügel versengt, aber er konnte trotzdem das Licht nicht meiden. Fast jeder Ausgang führte ihn in die Nähe des Hauses des Professors Holbert, in die Zeltnergasse, und wenn er bei solchen Streifereien Therese auch nur ab und zu flüchtig begegnete, grüßen und ihren Gegengruß entgegennehmen konnte, so war er höchst beglückt.
Auch heute schien er einen guten Stern zu haben. Schon hatte er die Zeltnergasse passiert und stand auf dem Altstädter Ring vor der berühmten astronomischen Uhr, wo eben die Apostel an den offenen Fenstern vorbeischritten, während das Totengerippe die Stundenglocke zog, als ob er das alles noch nie gesehen hätte. Im Grunde aber war es weniger die Uhr, als das zahlreiche Publikum, das mit gespanntem Interesse dem Vorgang sich zuwendete, was ihn interessierte. Dabei hatte er gar nicht bemerkt, daß Professor Holbert mit seiner Tochter vorübergingen, gleichfalls flüchtig nach dem alten Prager Wahrzeichen aufschauten und sich dann nach der alten St. Niklaskirche wendeten.
Gerade als sie dort um die Ecke verschwanden, hatte er sie noch bemerkt, und wie der vom Bogen geschnellte Pfeil eilte er ihnen nach. Sie anzusprechen auf der Gasse hätte er wohl nicht gewagt, aber »errötend ihren Spuren folgen« zu dürfen, schien ihm bereits ein Glück, und sobald er beide wieder vor sich gewahrte, schritt er langsam hinter ihnen drein, die Blicke immer auf die schlanke, elastische Mädchengestalt gerichtet, die im hellen Frühlingskleide ungemein anmutig aussah.
Vater und Tochter gingen Arm in Arm, im freundlichen Gespräch und lenkten zur Verwunderung Stahls hinein in die Karpfengasse, und von da nach dem Ghetto. Ihm war esgleichgültig, was sie dort wohl suchen mochten, in den engen, düstern, schmutzigen Gäßchen, wo der Trödel daheim ist, und wo gegenüberwohnende Nachbarn sich zu den Fenstern heraus beinahe die Hände reichen können. Eine schwere, unbehagliche Luft brütet fast immer, besonders aber während des Sommers, in diesen Regionen, zwischen diesen engbrüstigen Häusern, die von bösen, gehässigen Zeiten zu erzählen wissen, in denen die Christen nicht immer die würdigere Rolle gespielt haben.
Die beiden mit ihrem lebenden Schatten hinterdrein kamen aufatmend heraus bei dem jüdischen Rathause, dessen Uhr statt der Ziffern hebräische Buchstaben weist, und deren Zeiger von rechts nach links wandern, warfen einen Blick nach der altersgrauen Altneuschulsynagoge hinüber, die schon im Jahre 590 n. Chr. erbaut worden sein soll, und an deren dunkle, wohl nie übertünchte Wände mehr als einmal das Blut gemordeter Juden spritzte. Professor Holbert beabsichtigte heute, da er für eine historische Arbeit dessen bedurfte, im Archive des Rathauses nach einem alten Dokumente zu forschen und veranlaßte seine Tochter, ihn auf dem naheliegenden Beth Chajim zu erwarten, und so gingen sie nach freundlichem Händedruck auseinander.
Das Herz Stahls schlug rascher, als er dies bemerkte, und sobald der Professor sich abgewendet, folgte er mit beschleunigtem Schritte dem Mädchen, das er auch am Eingange des alten Friedhofes ereilte und begrüßte. Sie dankte einigermaßen überrascht, aber ohne jede Verlegenheit und nahm auch die ihr angebotene Begleitung des jungen Theologen, der auch heute kein geistliches Abzeichen trug, an. Den aufdringlichen Fremdenführer, welcher seine Dienste anbot, wies Stahl zurück mit dem Bemerken, daß er genugsam hier bekannt sei, um sich selbst als Führer empfehlen zu können, und langsam trat das junge Paar in einen der seltsamsten Friedhöfe ein, die es wohl überhaupt geben mag.
Beth Chajim, Haus der Lebenden! Es ist eine schöne, symbolisch tiefe Bezeichnung – aber der Besucher fühlt, daß er in einer Stadt der Toten ist, und noch dazu in einer uralten, mit recht unregelmäßigen Gassen und Gäßchen, mit tausenden stiller Wohnungen, die bedeckt sind von ebenso vielen alten, grauen, verwitterten Steinen mit hebräischen Inschriften und alttestamentlichen Symbolen. Sie hocken neben und über einander, sehen sich über die Schultern weg, wie um sich an einander zu stützen, oder auch, als ob sie wunderliche alte Geschichten sich zuraunten. Hier liegen Geschlechter über einander geschichtet, und der Fuß berührt keinen Flecken, unter dem nicht Tote ruhen. Vom Denkmal der Sarah Katz berichten die geschwätzigen Führer, daß es aus dem Jahre 606 der christlichen Zeitrechnung stamme, und bei dem Grabe des Rabbi Löw bleiben sie stehen und rühmen die Gelehrsamkeit und Weisheit des Mannes, dessen verwitterter Leichenstein mit Eisenklammern zusammengehalten wird und bedeckt ist von größeren und kleineren Steinen und Scherben, wie fromme Pietät sie hier niedergelegt hat. Unter den Symbolen findet sich häufig ein Krug, das Sinnbild des Stammes Levi, während zwei wie zum Segen emporgehaltene Hände auf Aarons erlauchtes Geschlecht deuten. Es ist etwas eigenes um die Kinder dieses Stammes; sie kommen nach dem Totenacker nur, wenn sie gestorben sind; ein Betreten bei Lebzeiten macht sie unrein. An besonderer Stelle, dem Ephel, der eine ansehnliche Erhöhung bildet, liegen Tausende von Kinderleichen, und Jahrhunderte haben diesen Hügel getürmt.
Was aber den seltsamen Reiz dieses Friedhofs besonders erhöht, das sind die uralten Hollunderbüsche, die dicht an einander gedrängt, ihre Kronen in einander verwachsen und die verwitterten Leichenmale überdecken und umhüllen; durch ihr Gewirr führen schmale Steige über das Gras hin, Gäßchen, enger als jene im Ghetto, und ungleich anmutiger.
Und es war im Mai. Der Flieder blühte; seine blauen Dolden hingen dicht gedrängt zwischen dem grünen Blattwerk, weit herab auf die grauen Steine, und ein wundersamer, süßer Duft wob durch den Beth Chajim, berauschend und berückend. Durch Blüten und Duft gingen zwischen den Gräberreihen die beiden jungen Menschen hin, und es mochte ein liebliches Bild sein, als sie nach kurzer Wanderung sich auf einer Steinbank niederließen, im Schatten des blauen Flieders: Hans Stahl im dunklen Anzug, das Mädchen heller gekleidet; beide Gesichter voll Jugendfrische und Lebensdrang – ein seltsamer Kontrast zu dem Orte, wo sie waren!
Das ungefähr dachte auch der Vetter Martin, der ganz unfern von ihnen, ungesehen hinter einem Strauche stand, und sich an dem hübschen Stimmungsbilde so freute, daß er die Augen nicht davon wenden konnte. Warum hätte er auch gehen sollen? Er hätte vielleicht das Pärchen aufgescheucht, und Geheimnisse schienen hier nicht verhandelt zu werden, außer solche des Herzens, und die haben zu allen Zeiten denselben Ausdruck gefunden. Das wußte der Alte, er hatte auch einmal von Liebe gestammelt – es war lange her – aber ein anderer war ihm zuvorgekommen, ehe er die Liebste heimführen konnte, und seitdem war er ein einsamer Wanderer geblieben.
Daran dachte er jetzt nicht; er gönnte auch dem hübschen jungen Paar das trauliche Selbander, und wäre eigentlich erstaunt gewesen, wenn der junge Mann nicht gesagt hätte:
»Ist das nicht herrlich hier? – So losgelöst von der ganzen Welt zu Zweien zu sitzen unter blühendem Fliedergesträuch und auf Minuten alles vergessen zu können außer dem, was man zur Seite hat – das ist ein Augenblick, wie ich ihn längst geträumt!«
Der Alte sah zwischen dem Blattgewirr eine feine Röte in das Antlitz des Mädchens steigen und deutete sie in seinerWeise, aber er war wunderlich enttäuscht, als er dasselbe sagen hörte:
»Ja, es ist eigenartig schön hier; ich bin vor Jahren einmal hier gewesen, damals blühte aber der Flieder nicht, und das giebt dem fremdseltsamen Bilde einen besonderen Reiz.«
»Den schönsten Reiz aber erhält es durch Ihre Anwesenheit; Sie verschönen mit Ihrer Anmut ja alles, was um Sie her ist … o Fräulein Therese, lassen Sie mich die wenigen Augenblicke nützen, die ein freundliches Geschick mir gegönnt hat, Ihnen zu sagen, daß ich Sie unaussprechlich lieb habe …«
Fräulein Therese, lassen Sie mich die wenigen Augenblicke nützen, die ein freundliches Geschick mir gegönnt hat, Ihnen zu sagen, daß ich Sie unaussprechlich liebe (S. 158).
Fräulein Therese, lassen Sie mich die wenigen Augenblicke nützen, die ein freundliches Geschick mir gegönnt hat, Ihnen zu sagen, daß ich Sie unaussprechlich liebe (S. 158).
Das Mädchen war wie erschrocken beiseite gerückt und sagte halb verlegen, halb im Tone der Entrüstung:
»Aber Herr Stahl, wie können Sie als Theologe …«
»O, Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen, und ich bin es nicht mehr. Ich tauge ja doch nicht für den Beruf, den man mir eigentlich aufgezwungen hat, und wenn ich wüßte, daß Sie mich ein wenig lieb haben könnten, Fräulein Therese …«
»Sie versetzen mich in eine peinliche Lage, und ich bedauere eigentlich, daß Sie diese Situation, in welche ich Ihnen vertrauensvoll gefolgt bin, in solcher Weise ausnützen –«
Das klang so ernst, so abwehrend und bestimmt, daß der alte Lauscher hinter dem Hollundergebüsch ein sehr verdutztes Gesicht gesehen hätte, wenn er jetzt in einen Spiegel hätte schauen können; aber nun verdroß ihn auch die Rolle, die er hier spielte. Ein wenig Glück und Liebessonnenschein in zwei jungen Herzen hätte ihn gefreut, der Mißklang verstimmte ihn, und so schlich er sachte weiter, ohne zu hören, was Therese sonst noch dem feurigen Theologen sagte. Ihm war – er wußte selbst nicht warum – das Behagen, das er an dem Orte empfunden, vergällt, und er fühlte etwas wieErbitterung, wobei ihm nicht ganz klar war, ob sich dieselbe mehr gegen den jungen Mann richtete, der eigentlich als Theologe gar nicht von solchen Dingen zu reden hatte, oder gegen das Mädchen, das den armen Teufel, der es vielleicht ganz gut meinte, so kurz abfahren ließ.
Er ging langsam an den grauen Steinen hin, bis ein anderes Bild ihn von seinen Gedanken einigermaßen ablenkte. Zwischen den Hollunderbüschen war eine grüne Lichtung, und hier kauerten einige schmutzige, bleiche Kinder, die mit großen, dunklen Augen nach dem fremden Manne hinstarrten, ohne sich weiter in ihrem Spiele stören zu lassen. Der Sonnenschein fiel auf die Gruppe, über die die blauen Fliederdolden herhingen, die Kleinen redeten mit fremdem Accent, und der Alte glaubte sich weit weg versetzt nach fernem Südland. Langsam ging er weiter, und unfern von sich sah er nun den jungen Theologen hineilen mit geröteten Wangen und brennenden Augen, dem Ausgange zu.
Gegen Abend war Vetter Martin wieder nach der Altstadt zurückgegangen und suchte den Gasthof auf, wo er Herberge genommen hatte. Es war »zum alten Ungelt« hinter der Teynkirche, deren interessante, architektonisch hervortretenden Türme ein besonders malerisches Gepräge dem Altstädtischen Ring verleihen. Als er eintrat in die Gaststube, fand er sie heute zum Johannistage besonders gefüllt, und er suchte nach einem Platze. Nahe bei einem Fenster war ein kleiner Tisch, und dort saß nur ein einziger Gast, in welchem Martin den jungen Theologen vom Beth Chajim wieder erkannte. Das Interesse, welches er an demselben nahm, ließ ihn rasch einen freien Sitz neben ihm in Beschlag nehmen. Hans Stahl dankte nur flüchtig dem Gruße des Fremden, der dann behaglich sein Pfeifchen hervorzog, es stopfte und anbrannte und nun vergnüglich seine Wölkchen in die bereits brav durchräucherte Luft paffte.
»Prächtiges Festtagswetter heute, wie?« fragte er.
»Jawohl!« stieß der andere hervor, und that einen tiefen Zug aus seinem Glase.
»Besonders angenehm auf dem alten Judenfriedhof zu genießen,« fuhr Vetter Martin gleichmütig fort, Hans Stahl aber schielte ihn von der Seite mit einem seltsam fragenden Blicke an und wurde dabei rot; er knurrte ein verlegenes: »Möglich!«
»Sie sind doch dort gewesen, wenn ich nicht ganz irre!«
»Jawohl, aber das kann Sie doch nichts kümmern!«
»Gott bewahre, junger Herr, aber darum brauchen Sie weder hitzig noch unhöflich zu werden; ich kann doch nicht dafür, daß Sie bei der jungen Dame kein Glück gehabt haben.«
»Teufel, Herr – das verbitte ich mir!« brauste der Theologe auf – »schämen Sie sich übrigens, wenn Sie gelauscht haben.«
»Habe ich – sehr unfreiwillig, aber mit großer Teilnahme für Sie, so daß Sie gar nicht in so undankbarer Weise mich anzufahren brauchen.«
»Ich brauche Ihre Teilnahme nicht!«
»Das glaube ich, daß das Ihre Meinung ist, und betreffs Ihrer Liebesgeschichte mögen Sie recht haben; so etwas muß jeder mit sich selber ausmachen, und Sie machen mir den Eindruck, als ob Sie die Willenskraft dazu hätten. Aber etwas anderes hat mich interessiert – warum haben Sie auch nicht einen Platz für Ihre Eröffnungen sich ausgesucht, der weniger dem Publikum zugänglich ist? Sehen Sie, ich bin auch einmal Theologe gewesen, aber ich habe bei Zeiten eingesehen, daß ich dazu nicht tauge, habe umgesattelt und fühle mich wohl dabei, und darum habe ich für jeden Teilnahme, Rat, und wenn's geht, Hilfe, von dem ich höre, daß er ins falsche Fahrwasser gekommen ist. Daß Sie zu allem andern besser passen, als zum Gottesgelehrten, leuchtet mir ein.«
Hans Stahl sah den Alten beinahe verdutzt an, und seltsam umgewandelt frug er:
»Mit wem habe ich die Ehre?«
»Sehen Sie, da schlagen Sie schon einen andern Ton an, und mir ist, als sollten wir noch gute Freunde werden. Im übrigen heiße ich schlechtweg Martin – derDr.der Theologie Peter Frohwalt pflegt mich auch Vetter Martin zu nennen – und bin meines Zeichens Privatgelehrter und Weltbummler aus Vergnügen, und nun sagen Sie mir einmal ehrlich, wie Sie mit Ihrem heißen Herzen und Ihren schönheitsbegeisterten Augen unter die Kirchenväter geraten sind. Apropos, Sie haben ja nicht einmal ein geistliches Abzeichen?«
Hans Stahl hatte merkwürdiges Vertrauen fast mit einmal gewonnen zu dem wunderlichen alten Herrn mit dem verwitterten, gutmütigen Gesichte, und er brauchte gerade an diesem Tage jemanden, dem er dies Vertrauen schenken konnte. So that er denn allmählich sein junges Herz weit auf und erzählte von den Verhältnissen, welche ihn auf die theologische Laufbahn gebracht hatten, sowie zuletzt auch von der heißen Neigung, welche ihn zur Tochter Professor Holberts erfaßt hatte. Die Mitteilsamkeit schien ihm wohl zu thun, und auch der Alte hörte ihm, ruhig sein Pfeifchen rauchend, zu, nickte einigemale verständnisinnig mit dem grauen Haupte und sagte, als er schwieg:
»Da sind Sie wohl ein Sohn von dem Leinenfabrikanten Bruno Stahl in ** in der Lausitz, der früher in Görlitz lebte, und Ihre Mutter war eine geborene Wildung aus Lauban?«
Der junge Theologe starrte einige Sekunden mit weit offenen Augen und geöffneten Lippen den Alten an, ehe er dessen Fragen bejahte.
»I, sehen Sie doch, was man für wunderliche Geschichten erlebt! Das ist ja, als ob mich der liebe Herrgott gerade Ihretwegen jetzt nach Prag und ins »Alte Ungelt« geschickt hätte und nach dem alten Judenfriedhofe. Und Ihre Geschichte ist mir interessanter als die des Rabbi Löw und deralten Sarah Katz zusammengenommen. Wissen Sie, Ihren Vater kenne ich, und Ihre gute Mutter habe ich gekannt mitsamt deren Familie. Wir sind einmal im Riesengebirge mit einander gereist, haben herrliche Tage verlebt, und Ihr Vater und ich, wir haben uns verwachsen wie zwei gute alte Freunde, und ich bin später auch in Görlitz gewesen. Damals hatten Sie die ersten Höschen an, und darum nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich Sie heute nicht wiedererkannt habe. Mit Ihrem Vater habe ich auch Briefe gewechselt, bis er nach ** übersiedelte, aber ich bin ein schlechter Briefschreiber, und so ist die Sache ins Stocken geraten. Aber nun will ich einmal das Versäumte nachholen, und Sie sollen sehen, daß ich Sie aus dem theologischen Fangeisen heraushole.«
»Auch das würde ich Ihnen ewig danken, lieber Herr –«
»Na, sagen Sie ruhig: Vetter Martin! Das bin ich gewöhnt, und ich habe meine Neffen beinahe in allen Kulturstaaten sitzen, da kommt's auf einen mehr bei meiner Erbschaft nicht an. Aber ohne Scherz: Sie sind mir um Ihres Vaters willen wie ein lieber Verwandter, und ich helfe Ihnen. Top! Und wenn wir Sie erst heraushaben aus dem Seminar, dann besuchen Sie die Kunstakademie, vorausgesetzt, daß Sie Talent haben – ich will mir morgen einmal die Dilettantenleistungen Ihres Pinsels ansehen – und wenn Sie was Rechtes sind, dann gehen Sie wieder zu Therese Holbert – –«
»Nein, Vetter Martin,« seufzte Stahl mit kläglicher Miene – »sie hat mich in einer Weise abfahren lassen, daß ich fürchten muß, es sitzt wirklich schon ein anderer im Herzen –«
»Dann lassen Sie ihn sitzen, mein Junge! Theresen giebt's noch mehr!«
»Aber nureineTherese Holbert.«
»Darüber reden wir erst in den nächsten Kapiteln. Fürserste – haben Sie denn heute Urlaub, so lange auszubleiben?«
»Nein, ich habe mich eben in meinem Unmut hier festgesetzt, bereit, es auch auf eine Ausschließung aus dem Seminar ankommen zu lassen, nur um frei zu werden.«
»Nur ruhig' Blut, junger Freund! So geht das nicht; Sie müssen mit Ehren abgehen. Ich begleite Sie jetzt nach Hause, erzähle Ihrem Rektor, daß Sie einen guten Bekannten Ihres Vaters getroffen, und bitte für Ihre Versäumnis nachträglich um seine Entschuldigung. Und dann findet sich das Weitere!« – –
So kam Vetter Martin an diesem Tage noch einmal nach der Kleinseite herüber, und nachdem er im Wendischen Seminar glücklich seine Absicht erreicht hatte, schritt er langsam und trotz des Menschengewühls auf der Brücke doch mit einer stillen Befriedigung in der Seele wieder nach dem »Alten Ungelt« zurück.
Am nächsten Morgen holte ihn Frohwalt beizeiten ab, und nachdem sie zuerst im Kinskyschen Garten auf dem Smichow, der im ersten Frühlingsschmucke ungemein freundlich war, einige Zeit zugebracht hatten, gingen sie wieder nach der Kleinseite, um den alten Pfarrer zu besuchen. Zuvor aber gedachte Martin, sich über die künstlerische Befähigung Hans Stahls zu unterrichten, und während er Frohwalt nach der Spornergasse vorausschickte, ging er nach dem Wendischen Seminar.
Der junge Theologe erwartete ihn mit einer gewissen Aufregung; er hatte seine Zeichnungen und Malereien zusammen gesucht und legte sie nun dem Alten vor, der, behaglich in seinem Stuhl lehnend, sie aufmerksam betrachtete. Er besaß auch dafür einen geschulten Kennerblick, und Hans Stahl atmete auf, als er sagte:
»Es steckt etwas drin, und in guter Schule kann aus Ihnen etwas werden. Zum Domherrn sind Sie verdorben,Hans, aber es ist zur Seligkeit nicht gerade notwendig, daß Sie die violette Halsbinde kriegen. Also es bleibt dabei: Ich lege mich bei Ihrem Vater ins Mittel, wenn's notthut, persönlich, und es wäre das erste Mal, daß ich mein Pulver umsonst verschossen hätte, wenn er nicht zur richtigen Erkenntnis der Sachlage gebracht werden könnte. Bis dahin treiben Sie noch ein Weilchen Ihre Dogmatik und Moral, denn seine Pflichten muß man unter allen Umständen thun. Jetzt Gott befohlen – ich habe noch einen Patienten zu besuchen.«
Er ging, und bald darauf trat er bei dem alten Pfarrer ein. Der fühlte sich heute seltsam wohler, und Vetter Martin ließ sich's nicht nehmen, ihn sowohl als Frohwalt für diesen Tag als seine Gäste zu betrachten. Sie aßen zusammen Mittag in einer freundlichen Restauration der Kleinseite und nachmittags mietete der Alte, weil dem Pfarrer das Gehen doch ein wenig sauer wurde, einen Wagen, und sie fuhren hinaus nach dem Baumgarten, dem Lieblingsvergnügungsorte der Prager. Die herrlichen Bäume waren freilich noch wenig belaubt, aber der Rasen und das Strauchwerk grünte, und der Lenz hatte seine duftenden Blüten ausgestreut über den schönen Flecken Erde, über dem ein herrlicher blauer Himmel sich ausspannte. Der große Restaurationsgarten war sehr besucht, die milde, warme Luft ermöglichte den Aufenthalt im Freien, eine Militärkapelle spielte fröhliche Weisen, und als der greise Kaiser Ferdinand der Gütige, zusammengebeugt, aber fortwährend grüßend und nickend in seinem mit zwei Braunen bespannten Wagen vorüberfuhr, als bei den Klängen der schönen Haydnschen Volkshymne sich alles von den Sitzen erhob, da wurde dem alten Pfarrer die Seele weit und froh, und er warf auf einige Stunden alles von sich, was ihn drückte und quälte.
Vetter Martin sah seine feuchtflimmernden Augen aufleuchten mit einem fremden Glanze des Glücks und fühltesich selber ergriffen. Er lud den alten Herrn für den Herbst in seine Heimat ein, denn für's erste gedachte er noch einige Zeit auf Geratewohl ins Bayernland und durch das Fichtelgebirge, den Rhön- und Thüringerwald zu streifen – und jener sagte freudig zu.
Es war ein Nachmittag, mit welchem alle drei, als sie abends heimkehrten, zufrieden waren, und als Vetter Martin mit der nächsten Morgenfrühe aufbrach, und mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem derben Stocke in der Hand durch die kühlen, stillen Gassen schritt, hatte er das Bewußtsein, hier zwei Menschen glücklich gemacht zu haben, den Theologen Hans Stahl und den ehemaligen Pfarrer von Nedamitz.