Dreizehntes Kapitel.
In der Nähe der Piazza Colonna steht ein kleines, freundliches Haus mit seinem Gärtchen, in welchem dicht und wirr Taxus und Lorbeer wuchert und dunkle Pinien hinwegschauen über die nicht hohe Mauer. Es gehörte der Witwe eines wenig bekannten Bildhauers, und die unteren Räume, die zum Teil als Atelier eingerichtet waren, bewohnte zur Zeit ein deutscher Maler, Heinrich Quandt, mit seinem jungen Frauchen.
Es war noch früh am Morgen; hell blinkte der Sonnenschein durch die Fenster, und das Paar saß am Frühstückstische. Es war eine prächtige deutsche Erscheinung, die in ihrem ganzen Wesen mit dem blondlockigen Haarwuchs und den lebhaften, leuchtenden Augen den Künstler nicht verleugnete, und die Frau paßte zu ihm wie eine liebliche Ergänzung. Sie hatte braune, sammtweiche Augen, dunkles Haar um die weiße Stirn und sah so kernfrisch und heiter drein, daß es ein prächtiges Bild bot, die beiden in dem ziemlich einfach eingerichteten Raume sitzen zu sehen.
Sie waren aus den sogenannten Flitterwochen lange heraus und nun das vierte Jahr verheiratet, und er hatte seinen Schatz schon immer einmal nach Rom führen wollen, aber immer mußte es verschoben werden. In diesem Herbste machte er ernst und gedachte das Angenehme mit dem Nützlichenzu verbinden: Sein Frauchen sollte die ewige Stadt sehen, und er gedachte einige Studien zu machen.
Er hatte sie auf seinen Schoß gezogen und hielt sie mit dem linken Arm umschlungen, und sie lehnte sich leicht an ihn, indes er plauderte:
»Ist Dir's denn nicht wie ein Traum, Fritzel – er pflegte Friederike so abzukürzen – daß wir hier in Rom beisammen sitzen und während der Herbst daheim alles entblättert und in graue Nebelschleier hüllt, hinaussehen nach einem tiefblauen Himmel und eine Fülle grünender Gärten in der Nähe haben? Das ist ja heute ein köstlicher Tag und herrliches Wetter und geeignetere Stimmung, Dich mit Deinem blühenden Leben zwischen den Ruinen des alten Rom herumzugeleiten, kann es nicht geben. Ist Dir's recht, wenn wir heute gleich dem Forum und was drum und dran hängt, unsern Besuch machen?«
»Ich lasse mich von Dir führen, und wo Du bei mir bist, ist's hübsch; aber Du darfst Deinem dummen Weibchen nicht übelnehmen, wenn es ab und zu einmal eine ungeschickte Frage thut und auf die gütige Nachsicht seines Führers sündigt!«
»Gott bewahre, Schätzchen; frage nur nicht mehr, als ich beantworten kann. Also mache Dich fertig, das Heute gehört den alten Göttern und den Cäsaren, und morgen fangen wir an, das Atelier einzurichten.«
Er küßte sie auf die braunen, lieben Augen und schob sie sanft von sich, und schon kurze Zeit später schritt das Pärchen, Arm in Arm, quer über den Corso, durch dessen glänzende Häuserreihen die junge Frau erstaunt die Augen gleiten ließ, und durch die Via de Muratte, bis sie vor der herrlichen Fontana di Trevi stehen blieben.
Erstaunt, mit glänzenden Augen schaute Friederike zu dem gewaltigen marmornen Meergott auf, der auf seinem von Seepferden gezogenen Muschelwagen thront, während unter seinem von Tritonen geführten Gespann die Wasserflutenspielend hervorbrechen zwischen Klippen und Blöcken, und sich in das weite Becken ergießen, aus dessen ruhigem Spiegel das Bild des blauen Himmels schaut.
»Das ist der Quell, aus dem man nicht trinken darf, wenn nicht seine Wassernymphe uns mit allgewaltiger Sehnsucht hieher zurücklocken soll, Fritzel.«
Die junge Frau lehnte sich inniger auf den Arm des Gatten.
»Du hast wohl daraus getrunken, Heinrich?«
»Gott bewahre, und wenn auch, mich lockt keine Wassernymphe, seitdem ich Dich kenne.«
Dann schritten sie weiter, zwei glückliche Menschen, schön, schlank, träumerisch – echte Deutsche, daran blieb den braunen Römern und Römerinnen, an denen sie vorüberkamen, kein Zweifel. Heinrich Quandt kannte sich hier gut aus. Er lenkte nach dem Platz des Kapitols. An der Rückseite des Senatorenpalastes führte er seine Gattin nach dem alten Tabularium, und von seinem offenen Thorbogen aus ließ er sie einen Blick thun über die in Trümmer gesunkene Herrlichkeit des alten Rom. Da lag das Forum Romanum mit all den Resten einer großen vergangenen Zeit, und schweigend, an einander gelehnt, schauten sie beide darüber hin. Derselbe Sonnenschein, der einst hier den Volksversammlungen geleuchtet, der die Festzüge auf der »heiligen Straße« zum Kapitol heranziehen sah, bei dessen Glanz von der menschenumwogten Bühne her kühne Redner zum Volke sprachen, welche auf den Bauten Julius Cäsars und den Tempeln und Triumphthoren der Kaiser flimmerte, er schien ihnen jetzt noch eben so mild und warm, und die beiden träumerischen Kinder des Nordens sahen mit ihrer lebhaften Phantasie die Ruinen sich beleben von den Bildern der Geschichte, die ihnen hier erst anfingen verständlich zu werden.
Endlich gingen sie weiter – für diesmal sollte es nur ein flüchtiges Wandern sein – vorüber an dem in mehr alseiner Beziehung bedeutenden Triumphbogen des Septimus Severus, über dessen Travertin-Unterbau sich schöne Marmorsäulen erheben, zwischen welchen drei Durchgänge hinführen; sie betrachteten darnach die schönen weißen, kannelierten Marmorsäulen des Vespasiantempels, sowie die Reste des auf Granitsäulen sich erhebenden Saturntempels, die Basilika Julia, den Dioskurentempel, und der Künstler konnte es sich nicht versagen, wenigstens einen Blick in die S. Lukas-Akademie zu thun, und seinem Weibe einige besonders schöne Reliefs von Canova und Thorwaldsen zu zeigen, sowie im Salone di Raffaeli sie auf einen seiner Lieblinge: Lukas malt die Madonna und Raffael sieht ihm zu – aufmerksam zu machen.
Sie war so dankbar, so verständnisvoll und glücklich bei seinen Erläuterungen, daß er gar nicht hätte aufhören wollen, sie von einem Schönen zum andern zu geleiten, aber er wußte sich zu beherrschen – es durfte nicht zu viel werden, damit keine Uebersättigung eintrete, und so mahnte er daran, endlich auch an den Leib und seine Bedürfnisse zu denken, und sie wandten sich wieder dem neuern Rom zu, um irgend ein Speisehaus aufzusuchen. Quandt war eine Erinnerung an ein solches mit Garten geblieben, das nicht weit von Aracoeli lag, aber er wußte es doch nicht wieder zu finden und hielt eben Umschau, wen er wohl fragen könnte, als sein Blick auf einmal auf einer Erscheinung haften blieb, so plötzlich, so gebannt, daß er auch den Arm seiner Frau fester an sich zog und mit dem Finger ihr Auge nach jener Richtung lenkte.
Ein gebräunter, armselig aber bunt gekleideter Junge von etwa zwölf Jahren mit nackten Beinen kauerte auf einer Schwelle und sah mit leuchtenden Blicken zu einem andern auf, der zu ihm redete und dabei ein kleines Aeffchen, das ihm auf die Schulter geklettert war, und dessen Fesselkettchen der erstere in der braunen Hand hielt, liebkoste. Der andere aber war etwa vierzehnjährig und trug einen braunen,hübschen Tuchanzug, wie vermögender Leute Kinder, ein spitzes Filzhütchen auf den dunklen Locken und hatte ein prächtiges Gesicht, als ob er aus dem Rahmen eines Bildes von Murillo herausgeschnitten wäre, und dieser andere war Sisto Brenta.
Das Ganze aber bot ein Genrebildchen von köstlichem Reiz für das Malerauge, und Heinrich Quandt, der jetzt sogar den Arm Friederikens freiließ, trat, einem schnellen Antriebe folgend, an die Gruppe heran.
»Du willst ihm wohl sein Aeffchen abkaufen?« fragte er Sisto. Dieser sah einen Augenblick groß und ernst den Fremden an, dann zog er höflich sein Hütchen und sprach:
»Nein, Signor – den würde Beppo auch nicht hergeben, denn er muß mit ihm sein Brot verdienen. Aber wir sind aus einem Dorfe und ich freue mich, daß ich ihn getroffen habe. Es geht ihm schlecht, dem armen Beppo und seinem Piccolo – nicht wahr?«
Und Sisto streichelte das Aeffchen, welches ihn zu kennen schien und sich die Liebkosung gern gefallen ließ.
»Hört, Ihr Beide könntet mir eine Freude machen, und ich würde mich gern dankbar dafür bezeigen. Ich bin Maler und möchte Euch malen, so wie Ihr hier seid; wollt Ihr morgen zu mir kommen?«
Ich bin Maler und möchte Euch malen, so wie Ihr hier seid; wollt Ihr morgen zu mir kommen? (S. 242).
Ich bin Maler und möchte Euch malen, so wie Ihr hier seid; wollt Ihr morgen zu mir kommen? (S. 242).
»Darf Piccolo mit?« fragte schüchtern Beppo, und Heinrich Quandt erwiderte:
»Freilich, um Deinen Piccolo ist mir's gerade so zu thun, wie um Dich selber; also, willst Du kommen?«
»Ja Herr, gerne, wenn ich weiß, wohin.«
Der Maler nannte ihm seine Adresse und wandte sich dann an Sisto, an dessen prächtigem Kopfe ihm ganz besonders gelegen war. Er wußte nicht recht, wie er diesem beikommen sollte, denn sein feiner Anzug führte ihn einigermaßen irre.
»Und wie ist's mit Dir – mit Euch,« verbesserte er sich, »kleiner Signor?«
»O ich bin kein Signor, ich bin so arm wie Beppo, und wenn ich eine bessere Jacke habe, so verdanke ich sie dem guten Monsignore Parelli, der mich als Diener in sein Haus genommen hat. Wenn er erlaubt, daß ich zu Euch komme, Signor, so thue ich's gerne.«
»Wie, der Bischof Parelli ist Dein Herr? Derselbe, welcher in der Via di Governo wohnt? Den kenne ich, und er mich auch. Hier, nimm diese Karte mit und erzähle ihm meinen Wunsch, dann läßt er Dich gewiß kommen. Sag' ihm auch, daß ich nicht versäumen würde, ihm meinen Besuch zu machen. Also morgen, ihr Burschen - auf Wiedersehen!«
Heinrich Quandt drückte Beppo auf Abschlag ein Geldstück in die Hand, erkundigte sich dann nach dem Speisehause, welches er suchte, und ging mit Friederike weiter.
Am andern Vormittage stellte sich Beppo mit seinem Aeffchen pünktlich ein, während Sisto auf sich warten ließ. Endlich kam er, aber nicht allein, sondern der Prälat begleitete ihn. Quandt war erstaunt und erfreut über den Besuch und nahm Gelegenheit, auch seine Frau vorzustellen. Parelli mit seinen liebenswürdigen, gewandten Manieren wußte rasch die anfängliche Befangenheit Friederikens zu verscheuchen, erzählte, wie er vor Jahren bereits den jungen deutschen Maler kennen und schätzen gelernt habe und auch ein gutes Bild von ihm besitze. Er freue sich, die alte Bekanntschaft erneuern, beziehentlich erweitern zu dürfen und erklärte es als selbstverständlich, daß er das neue Gemälde, die beiden Knaben, zu erwerben wünsche. Damit Quandt seine Modelle gesichert habe, wollte er Beppo überdies, so lange der Maler seiner bedurfte, Aufnahme bei sich gewähren, eine Mitteilung, die auch den beiden jungen Landsleuten große Freude bereitete.
So war alles in schöner Ordnung. Der Maler begannsein Bild mit Lust und Behagen, doch gönnte er sich dabei auch jene Muße, die er für sein Frauchen brauchte, damit sich dasselbe nicht langweile, und Beppo zumal war mit dem langsamen Fortschritt der Malerei sehr einverstanden, weil er während desselben so gute Tage hatte, wie niemals zuvor. Im Hause des Prälaten ging es ihm vortrefflich, und auch Piccolo konnte sich nicht beklagen, da er mit seinem lustigen Wesen bald der Liebling der Diener geworden war. Sie trieben im Hofe des Palais manche Kurzweil mit ihm, bis eines Tages Frau Lucia darauf aufmerksam wurde, und jetzt überhaupt erst erfuhr, daß noch ein zweiter kleiner Campagnole das Asylrecht des Hauses erhalten hatte.
Sie machte auch diesmal dem Prälaten Vorwürfe, aber der entgegnete lächelnd:
»Nur auf einige Tage, Lucia – und er stört Dich ja nicht, der arme Teufel!«
Sie murmelte einige unwirsche Worte und damit war die Sache abgethan.
Es war an einem Nachmittage und der Prälat war ausgegangen. Giovanni der Kammerdiener hatte diese Gelegenheit benutzt, um einen Besuch zu machen, und das andere Dienstpersonal hatte sich in dem schattigen Hofe um Beppo und seinen Affen eingefunden, und dieser gab nun eine höchlich belustigende Extravorstellung, bei welcher auch Sisto, angeregt durch seinen Kameraden, mitwirkte, indem er den Dudelsack blies, welchen ein Stalljunge verschafft hatte. Signora Lucia, deren Zimmer nach einer andern Seite hin lagen, konnte kaum sich gestört fühlen, und so überließen sich alle Beteiligten rückhaltlos dem Vergnügen.
Da erschien eine neue Persönlichkeit. Man wußte nicht recht, wo sie hergekommen war, aber sie war eben mit einem Male da, mitten in der lustigen Gesellschaft, die ihn beinahe verdutzt anschaute. Er war ein vierschrötiger Bauer, seinemAnzuge nach aus dem Neapolitanischen, und er lachte über die Späße des Aeffchens so lustig und laut, als ob er ein volles Recht hätte, hier zu sein.
Da stellte ihn der Koch, welcher dem Range nach in diesem Kreise am meisten dazu berufen schien, zur Rede, und fragte, was er denn wolle?
»Ja so« – lachte der Angeredete breit und grinsend, so daß eine Reihe blanker Zähne aus dem mit großen Bartstoppeln bedeckten Munde hervorglänzten – »ich will hier einen Besuch machen!«
Jetzt sah erst Beppo, der mit seinem Piccolo beschäftigt gewesen war, auf, und gleichzeitig flog ein Strahl des Erkennens durch sein Auge.
»Vetter Gaetano!« rief er laut, und eilte auf den Mann zu.
»Ih, sieh einmal, das ist der kleine Beppo aus Castel S. Pietro! Ei, Beppo, kleine Kröte, wie kommst Du hierher?«
»O, ich suche mein Brot zu verdienen in Rom mit dem Piccolo da!«
»Ja, ja – und ich will auch mein Brot verdienen. Was macht denn Dein Vater, der Vetter Grisante?«
»Ach, der ist tot!«
»Tot! – das ist eine schlechte Sache! Hm, ich hätt' ihn gern noch einmal besucht, da ich just in der Nähe bin – aber wenn er tot ist – – heda, ihr Leute! Ich halte es mit den Lebenden – könnt Ihr mir sagen, ob ich hier in dem Hause Frau Lucia Vergani finde?«
Die Domestiken sahen den vierschrötigen Bauer erstaunt und beinahe entrüstet an, dann warfen sie sich gegenseitig fragende Blicke zu, und endlich sagte einer:
»Ich glaube, so heißt die Signora.«
»Eh – es kann gar kein Irrtum sein! Das Haus gehört doch dem Monsignore Parelli?«
Er drehte sich um und schickte sich an, nach der Freitreppe zu gehen, aber einer der Bedienten trat ihm in den Weg:
»Hoho, Freund – so schnell geht das nicht! Erst müssen wir Euch melden!«
»Melden? Hahaha, mich? Na meinethalben, meldet mich: Gaetano Vergani aus der Chiana di Sorrento! Sie wird sich freuen, mich wiederzusehen, das dürft Ihr glauben, Sie wird sich freuen! Hahaha!«
Der alte Bursche war offenbar nicht ganz nüchtern, und die Diener hatten Bedenken, ihn zu der Dame zu führen.
Der Koch aber sprach:
»Laßt ihn Sisto anmelden! Die Signora kann ihn ja nach Belieben empfangen oder abweisen!«
Und so geschah's, und während Beppo unten im Hofe erzählte, daß Gaetano ein weitläufiger Vetter sei, den er mit seinem Vater vor zwei Jahren im Neapolitanischen besucht hatte, wo er ein kleines Gütchen besaß, stieg der Bauer mit seinem jungen Begleiter die breite Treppe hinauf, über deren Marmor ein bunter Teppich lief, und er sah sich überall mit neugierigen großen Augen um.
»Hm, ich meine, sie wohnt hier recht hübsch, hübscher als wir bei Sorrent.«
»Dafür ist sie auch die Verwandte des hochwürdigsten Herrn Bischofs!« sagte Sisto.
Der Bauer pfiff durch die Zähne, blieb einen Augenblick stehen, legte den Zeigefinger an die Nase, und sagte:
»Aha, Verwandte! Auf die Art wäre ich wohl auch mit dem hochwürdigsten Herrn Bischof verwandt; das ist mir neu, aber sehr schmeichelhaft!«
Der Knabe wurde verblüfft durch diese Aeußerung:
»Wieso denn?« stotterte er beinahe verlegen.
»Na, weil ich der Bruder von Eurer Signora bin.«
Sisto traute seinen Ohren kaum; er hielt sich an derBallustrade fest, und sah mit offenem Munde den vierschrötigen Menschen an.
»Ah, nun kriegst Du Achtung vor mir, kleine Kröte – jetzt mach' aber auch, daß ich die Dame zu sehen bekomme, ich vergehe sonst vor Sehnsucht!«
Er lachte roh auf und stieg dann weiter, und Sisto ging langsam hinterdrein.
Im Vorzimmer der Signora hieß er den Bauern warten; er selbst pochte an die Thüre und trat erst nach erhaltener Erlaubnis ein. Lucia hatte, wie immer außerordentlich elegant gekleidet, auf einem Ruhebette gelegen und in einem Bande mit Bildern geblättert; sie sah nun gelangweilt und augenscheinlich verdrießlich nach dem Knaben.
»Verzeiht, Signora,« – sagte dieser – »es ist ein Mann da, ein Bauer aus der Chiana di Sorrento, welcher Euch zu sprechen wünscht; er heißt Gaetano Vergani.«
Das schöne Weib fuhr aus seiner bequemen Lage auf und starrte erblassend nach Sisto; aber sie wußte sich zu beherrschen und sprach mit kaum merklicher Erregung der Stimme:
»Ich kenne den Mann nicht; hat er gesagt, was er wünscht?«
»Nein, Signora; aber er erklärt, er sei Euer Bruder!«
Lucia stand wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil neben dem Knaben und faßte ihn hart an beiden Schultern an:
»Und Du glaubst doch solche Thorheit nicht? – Das muß ein Verrückter, ein Wahnsinniger sein! Warum hat man den Menschen ins Haus gelassen, war denn niemand zur Stelle, der ihn hinauswarf?«
Die Stimme des Weibes war kreischend und drang bis in das Vorgemach an das Ohr des Bauern. Diesem behagte das Warten überhaupt nicht, und die Worte, die er vernahm, regten ihn auf, so daß er jetzt ohne weiteres die Thür öffnete und eintrat.
Aus den Wangen Lucias war alles Blut gewichen; sie taumelte und mußte sich an der nächsten Sessellehne festhalten; der Mensch aber lachte roh:
»Das Wiedersehen greift Dich wohl zu sehr an? Nun, nun, ich wollte Dich nicht erschrecken, will auch gar nicht lange bleiben.«
Sisto huschte bei diesen Worten hinaus; er fühlte, daß er überflüssig sei, und nun erst, nachdem die Signora sah, daß der Junge verschwunden sei und nachdem sie sich durch den Augenschein überzeugt hatte, daß er auch nicht im Vorzimmer horche, wandte sie sich, noch immer nach Fassung ringend, zu dem Manne:
»Unseliger, was führt Dich her? – Habe ich Dir nicht jedes Vierteljahr geschickt, was ich Dir versprochen?«
»Ja, ja, schöne Lucia – und beim Teufel, Du bist schön – aber wie es so geht, ich habe Unglück gehabt und sie wollen mir das Häuschen verkaufen. Schreiben kann ich nicht, und so muß ich selber kommen, um Dir's zu sagen. Du mußt helfen, Du hast's ja – Du wohnst hier wie eine Fürstin –«
»Ich habe gar nichts,« stöhnte das Weib, das jetzt beinahe fassungslos auf einen Stuhl gesunken war und die Hände krampfhaft in einander verschlang.
»Abererhat,« sagte der Bauer mit frechem Ton, »und was ihm gehört, gehört auch Dir. Wenn Du mir nicht helfen kannst, wende ich mich an ihn selber!«
»Um der Madonna willen, Gaetano! … Sprich, wie viel brauchst Du?«
»Dreihundert Scudi.«8
81200 Mark.
81200 Mark.
81200 Mark.
»Und Du meinst, daß ich sie habe?«
»Aber Du kannst sie schaffen.«
»Bis wann?«
»Sogleich. Meinst Du, daß ich mich so lange in Rom aufhalten kann, bis es Dir passen wird?«
»Ich schicke Dir das Geld zu – aber geh' jetzt!«
»Daß ich ein Narr wäre. Da könnte ich lange warten und müßte zuletzt meinen Weg noch einmal machen.«
»Aber woher nehmen?« stöhnte das Weib in Verzweiflung. »Und der Prälat kann jeden Augenblick kommen – er darf Dich nicht antreffen, er darf auch nicht erfahren, daß Du hier warst …«
»Um so besser, so beeile Dich!«
Er ließ sich breit und roh in einen der Polstersessel fallen, und seine gierigen Augen schweiften die Wände entlang, indes das Weib noch immer mit gerungenen Händen vor ihm stand.
»Gaetano, ich bitte Dich, gehe!«
»Nein!«
Da atmete Lucia tief auf.
»So warte hier.«
Sie eilte hinaus, ihr Gewand rauschte auf dem Teppich, und ging in die Zimmer des Prälaten. Sie wußte, daß er in einem Fache des Sekretärs in seinem Arbeitszimmer Geld habe, auch daß er damit ziemlich sorglos umging und nicht sehr zu zählen pflegte, da er ein bedeutendes Privatvermögen besaß. Aber ihr schlug das Herz, so daß es ihr beinahe die Kehle zusammenzog und ihre Hände waren eiskalt und feucht, und obwohl die weichen Teppiche ihre Schritte unhörbar machten, schlich sie doch auf den Zehen – sie wußte, daß sie einen Diebstahl begehen wollte.
Als sie vor dem Sekretär stand, überkam sie eine Ohnmachtsanwandlung, aber mit übermenschlicher Kraft zwang sie sich, stark zu sein; sie sah um sich, als ob sie sich vergewissern wollte, ob sie niemand sähe, dann öffnete sie das Fach und sah eine Anzahl Rollen darin liegen. Sie wog sie in der Hand – dem Gewichte nach mußte es Gold sein, dann faßte sie eine derselben fester, ließ sie rasch in ihre Tasche gleiten, schob das Fach zu und eilte, wie von Furien gejagt, davon. Todbleich kam sie bei Gaetano an.
»Da – nimm!«
Der Bauer griff zu, sah das Geschenk flüchtig an, und las auf demselben: 400 neapolitanische Dukaten9. Ein breites Grinsen ging über sein rohes Gesicht.
91 neap. Dukaten – 3,40 Mark.
91 neap. Dukaten – 3,40 Mark.
91 neap. Dukaten – 3,40 Mark.
»Das genügt. Ich danke. Aber nun kannst Du mir auch noch einen Kuß geben, Lucia … Du bist noch schöner geworden, als Du damals warst … Die Tölpel mögen mich für Deinen Bruder halten … unter vier Augen …«
Er näherte sich lüstern mit funkelnden Augen dem schönen Weibe, aber das stieß ihn zurück und sagte heiser:
»Rühre mich nicht an!«
»Schade, daß Du so stolz geworden … einmal war ich Dir gut genug – und was soll ich denn Deinem Kinde sagen? …«
»Schweig, um der Heiligen willen und geh!«
»Ja, ja!« sprach er, da er ihr angstverzerrtes Gesicht schaute, »und vergiß nicht zum nächsten Vierteljahr!«
Er stolperte hinaus, Lucia aber sank in einen Sitz und schlug die zitternden Hände vor das Gesicht.
Der Bauer ging langsam, mit der Rechten mit der Geldrolle in seiner Tasche spielend, durch das Vorzimmer und auf dem Flur traf er Sisto.
»Ah, mein Junge, meine Schwester ist gut« – sagte er, eine Hand voll Goldstücke hervorziehend, von denen er dem Knaben eins reichte. Der aber weigerte sich, es anzunehmen, und in demselben Augenblicke rief ihn auch die Stimme der Signora.
Er eilte in ihr Gemach und fand sie noch immer sehr erregt, so sehr sie sich auch bemühte, ruhig zu erscheinen. Sie empfing ihn ziemlich streng:
»Der Mann, welcher eben gegangen, ist mein Bruder nicht, Sisto – verstehst Du mich? – Er ist ein ferner Verwandter von Monsignore, von welchem dieser nicht belästigtzu werden wünscht, und Du wirst Dich hüten, ihm etwas zu sagen, daß er hier gewesen sei. Das mögen auch die anderen wissen, denen er etwa den Unsinn, daß ich seine Schwester sei, vorgeschwätzt hat. Dafür sorge, und wehe dem, der gegen diese Anweisung handelt. Geh!«
Der Knabe ging, aber er fühlte mit seinem naiven Sinne heraus, daß hier im Hause nicht alles in Ordnung sein müsse, und das war ihm unbehaglich.
Einige Tage später war er im Arbeitszimmer des Prälaten und hatte diesem eine Meldung zu machen. Parelli schien verstimmt und suchte in den Schubläden und Fächern seines Sekretärs, murmelte auch unverständliche Worte vor sich hin, bis er sich zu dem Knaben wandte und ihn scharf anblickend, fragte:
»Sisto, hast Du von meinem Schreibtisch etwas fortgenommen?«
Der Junge sah mit seinen großen, treuen Augen zu seinem Herrn auf und sagte einfach:
»Nein, gnädiger Herr!«
»Mir fehlen – mir fehlt – hm … mir fehlt etwas!«
»Was ist's, Monsignore? Vielleicht ist's verlegt worden?«
»Nein, nein – aber, es ist gut, Du kannst gehen!«
Mit schnellen Schritten ging der Prälat im Gemache auf und nieder:
»Ich kann das Geld nicht ausgegeben haben, es lag gewiß hier … Sisto hat es nicht, unmöglich! Wenn er mit solchen Augen lügen könnte, müßten selbst Engel zu stehlen imstande sein. Giovanni ist mir ganz treu und sicher; er nimmt keine Stecknadel; wer könnte sonst noch? – Lucia? Pah, wozu? Ich erfülle alle ihre Bedürfnisse … sollte ich mich doch irren und die kleine Summe zu Tognola u. Co. gegeben haben? – Ich muß vorsichtiger mit meinem Gelde sein, und darf niemanden in Versuchung führen.«
Nach diesem Selbstgespräch schloß er den Sekretär, zog den Schlüssel ab und ging bald darauf aus. Er beschloß, Quandt aufzusuchen und zu sehen, wie weit er mit seinem Bilde gekommen war.
Dieser beeilte sich, wie erwähnt, nicht allzu sehr. Seinen beiden Modellen that dies nicht leid; sie kamen nur zu gern in das Atelier des deutschen Malers, wo es manchen Leckerbissen, und, was mindestens Sisto noch lieber war, manches freundliche Wort gab. Frau Friederike war in den prächtigen Jungen geradezu vernarrt. Sein treuherziges, offenes Wesen, sein frisches, schönes Gesicht mit den dunklen Locken und den blitzenden Augen hatten es der jungen, kinderlosen Frau angethan, und Sisto selbst fühlte sich bald in der freundlichen Behausung des deutschen Malers heimisch, mehr noch als im Palais des Prälaten, wo er sich doch bei aller Güte seines Herrn fremd vorkam.
Auch die Kunst fesselte ihn an Heinrich Quandt. Der Junge hatte eine schönheitsfrohe Seele, jenes feine, angeborene Kunstverständnis, wie man es in Italien auch bei ganz schlichten Leuten trifft, und wenn der Maler an seiner Staffelei ruhte, trat er manchmal leise hinter denselben und schaute über dessen Schulter nach dem Bilde, aus welchem ihm sein Ebenbild entgegenblickte.
»Gefällt Dir's, Sisto,« frug ihn einmal Quandt.
»Sehr, Herr – ich wollte, ich könnte das auch machen!«
»Hast Du denn niemals eine Beschäftigung getrieben?«
»Nein, Herr; die Ziegen habe ich gehütet und dabei den Dudelsack gespielt.«
»Aber Lesen und Schreiben hast Du gelernt?«
»Ja, Herr, bei dem Pfarrer von Subiaco.«
»Möchtest Du denn nicht ein Gewerbe erlernen?«
»Eins wohl, Herr, die Bildschnitzerei. Ich habe das auch schon versucht …«
»Weiß Monsignore davon?«
»Nein, Herr!«
»Dann will ich mit ihm reden.«
Der Knabe errötete und stammelte:
»Ach, das würde mich sehr glücklich machen, Signore.«
An demselben Tage, an welchem dies Gespräch stattfand, war der Prälat nach dem Atelier gekommen. Er freute sich an dem Bilde, das er schon als sein Eigentum betrachtete und rühmte namentlich den Kopf Sistos, der sich mit lebensvoller Schönheit von der Leinwand abhob. Da benützte der Maler die Gelegenheit, Parelli den Wunsch des Knaben vorzutragen, und dieser zeigte sich sogleich geneigt, demselben entgegenzukommen.
»Ich habe auch schon gedacht, daß der Junge etwas anderes werden soll, als ein Bedienter, und wir wollen sehen, ob er Talent hat; es soll mich freuen. Aber wissen Sie, warum ich eigentlich heute komme? Ich wollte Sie und Ihr Frauchen einladen, morgen mit mir in die Campagna zu fahren, nach Tivoli; Frau Friederike muß ja hier in Ihrem Atelier verkümmern. Was meinen Sie?«
»Sie sind zu freundlich, Monsignore … aber wenn Sie gestatten, rufe ich meine Frau, damit Sie selbst ihre Freude sehen können. O, sie ist wie ein Kind, und so leicht glücklich zu machen!«
Schon nach wenigen Augenblicken eilte Friederike herein, die lieblichen Wangen rot übergossen. Ihre Blicke sagten, daß sie schon wußte, um was es sich handle, und der Prälat war entzückt, als er solche unmittelbare, reine Freude sah. So ward alles für den anderen Morgen verabredet, und zur bestimmten Stunde hielt der bequeme und vornehme Wagen des Bischofs vor der Thüre des kleinen Hauses. Friederike setzte sich zu seiner Rechten, Quandt, ihr gegenübersitzend, hatte die besondere Freude, immerwährend ihr glückliches,rosiges Gesicht, ihre schönen, schimmernden braunen Augen zu sehen und war so doppelt froh.
Der Morgen war außerordentlich schön, etwas kühl, aber von wunderbarer Klarheit, und wie eine Glocke von Azur wölbte sich der Himmel über der ewigen Stadt, deren Gassen noch schweigend lagen. Durch die Porta San Lorenzo ging es hinaus und die alte Via Tiburtina entlang. Durch einen felsigen Engpaß zwängt sich die Straße hinab nach dem Teverone, und dann rollte der Wagen auf dem Lavaboden fort, hinein in die Campagna. Weithin dehnt sich ihr müdes Flachland, nur da und dort von einer Hügelwelle gefurcht. Vergebens sucht das Auge nach freundlichen Baumgruppen und grünen Gärten – und doch liegt ein eigentümlicher Reiz über der Landschaft.
Eine Poesie der Schwermut redet aus dieser öden Ebene, die um so ergreifender wird bei dem Gedanken, daß unfern die Blutwelle einer modernen Kultur lebensvoll in den Adern einer Weltstadt pulsiert, eine unausgesprochene Klage, wie das Leid des Weltgeistes, webt in dieser weichen, träumerischen Luft, und die da und dort auftauchenden und vom Horizont sich klar abhebenden Bauwerke reden alle eine für den Historiker und den Kunstfreund allein verständliche Sprache. Von seiner Höhe herab schaut San Angelo – das alte Corniculum – und fernher winkt das Kloster und Kastell von Monticelli, bis endlich in der Nähe von Castel Arcione das Bild der Landschaft freundlicher wird und der Wagen zwischen graugrünen Oliven und dunklen Steineichen über den antiken Brückenbogen der Ponte Lucano hinwegrollt, jenseits deren sich das Grabmal der Gens Plautia, ähnlich dem berühmten der Cäcilia Metella, erhebt.
Nun gebot der Prälat den Fahrweg einzuschlagen zur alten Villa Hadrians, des kunstsinnigen Römerkaisers, die mit ihren umfänglichen Trümmerresten aus rotem Backstein ungemein malerisch sich abhebt von dem wild und dichtverwachsenenGebüsch, über das mit ihrem ernsten Grün Cypressen und Pinien emporragen, während Lorbeer und Feige mit freundlich heller Färbung sich dazwischen zwängen.
Heinrich Quandt kannte das prächtige Landschaftsbild, und dennoch war er aufs neue entzückt, und machte auf seine Einzelheiten auch seine Begleiter aufmerksam. In der alten Kaiservilla übernahm der Prälat die Führung als ein kundiger und zugleich feinsinniger Cicerone. Er verstand es, vor dem Geiste der beiden andern aus den Ruinen das glänzende Haus des Imperators wieder aufleben zu lassen mit seinem Theater und seinem Nymphäum, von dem der cypressenbeschattete Weg nach der Poikile und den anstoßenden Räumen des Sprechsaals und des Notatoriums führt. Zuhöchst aber lag der eigentliche Kaiserpalast mit seinen säulengetragenen Prunksälen und Bäderresten. Und wie um dem ernst und trübe stimmenden Bilde einer versunkenen Herrlichkeit das Gepräge friedlichen Behagens zu verleihen, grünt auch hier um die Trümmerreste der Oelbaum, und der Weinstock umschlingt sie mit seinen grünen, beweglichen Ranken und Reben.
Die drei Reisenden fuhren nun nach der Ponte Lucano zurück und von da auf der neuen Straße langsam empor nach der freundlichen Stadt, die mit ihren weißen Mauern aus dem Grün hervorlugt, traulich und anmutig, indes um ihren Fuß die Wasserfälle des Anio brausen und rauschen. Das alte Tibur – das heutige Tivoli – ist reich an Schönheit, und die Patrizier der Kaiserzeit, die hier ihre Villen bauten, haben es ebenso gewußt, wie die modernen Künstler, welche hierher wallfahren.
Ueber die Piazza fuhr der Wagen, bis dahin, wo in der Nähe der Aniobrücke der Vicolo della Sibilla zu dem Gasthofe »La Sibilla« emporleitet. Hier hielten die Reisenden Rast, da wo hoch über dem linken Flußufer der schöne Tempel sich erhebt mit seiner runden Säulenhalle, der wie ein Asyldes Friedens über dem Brausen und Schäumen der Wasser steht. Freundliche Kranzgewinde zieren den Fries, und an den Umlaufdecken sind Kassettonen mit Rosetten. Aber das Auge wendet sich doch auch hier der gewaltigen, elementar schaffenden Natur zu. Zur Linken stürzen die Wasser des Anio von einer Höhe von etwa 100 Metern mit wildem Tosen hinab über die Uferwand in die schaumverschleierte Schlucht – ein herrlicher und erhebender Anblick!
Der Prälat wußte zu erzählen, wie im Jahre 1826 der Anio zornig über seine Ufer getreten sei und einen Teil von Tivoli in wildem Ansturm in den Abgrund gerissen habe. Beim Sibillentempel waren auf dem Felsvorsprunge noch Trümmer aus jener Katastrophe zu sehen. Damals wurde dem Flusse Gewalt angethan, und er mußte sich demütigen vor menschlicher Kraft und Kunst und seinen Weg nehmen durch zwei Gänge, die durch den Berg Catillo getrieben waren. Hierher ward der Anio im Jahre 1834 geleitet, und in Gegenwart des Papstes Gregor XVI. brausten die gestauten Wasser zum ersten Male über die Felswand hinab.
In der Nähe des Tempels, in einer herrlichen Umgebung, hatten sich die Reisenden einen Platz gesucht, um ein Mahl einzunehmen. Unfern von ihnen an einem Tische aber saß einsam ein junger Mann, dessen Collare den Priester verriet. Er war hochgewachsen und schlank, mit frischem, gerötetem Gesicht und klaren blauen Augen. Als ihn der Maler bemerkte, sprach er:
»Das ist ein Deutscher – und es will mir eigentlich nicht gefallen, daß ein Landsmann hier bei dieser Schönheitsfülle, die zur Aussprache lockt, vereinsamt sitzt. Gestatten Sie Monsignore, daß ich ihn anspreche, und, wenn er genießbar erscheint, ihn zu uns bringe?«
»Ganz gewiß, lieber Quandt!« erwiderte der Prälat, und der andere stand auch gleich darauf vor dem Tische. Einige Worte, gegenseitig gewechselt, genügten dem erfahrenenMaler, um seinen Mann zu beurteilen, und so führte er ihn gleich darauf am Arme heran und stellte ihn vor:
»HerrDr. theol.Frohwaltaus Prag.«
Parelli entfaltete dem jungen Priester gegenüber seine ganze Liebenswürdigkeit.
»Sie sind gewiß anläßlich des Konzils nach Rom gekommen.«
»Jawohl, ich gehöre zu dem geistlichen Gefolge Seiner Eminenz des Prager Fürsterzbischofes.«
»Der Kardinal Schwarzenberg. Ach, ein ausgezeichneter Herr, ein feiner, vornehmer Herr … nun, ich freue mich, Sie kennen zu lernen, und Sie verbinden uns, wenn Sie sich uns anschließen.«
»Ich bin für die gütige Aufforderung um so dankbarer, als ich eigentlich von meinen Reisegefährten treulos verlassen erscheine. Ich hatte heute morgen mit zwei jungen Franzosen, welche ich zufällig traf, einen Wagen gemietet für den ganzen Tag. Während der Fahrt zeigte sich, daß wir nach unsern ganzen religiösen und sittlichen Anschauungen nicht zusammen paßten, und als ich ausstieg, um die Villa Adriana zu besuchen, fuhren sie weiter, und wir wollten uns hier in ›La Sibilla‹ zusammenfinden. Sie sind nicht da und, wenn sich der Wirt, bei welchem ich mich erkundigte, nicht getäuscht hat, sind sie weiter gefahren nach Subiaco und haben mich hier zurückgelassen.«
»Ein Gewinn für uns,« sprach Parelli verbindlich, »und ich freue mich, Ihnen zur Rückfahrt nach Rom noch einen Platz in meinem Wagen anbieten zu können.«
»Den ich mit größtem Dank annehme, Monsignore.«
Nun wurde das Gespräch allgemeiner und heiter, und man fand immer mehr gegenseitiges Gefallen an einander. Da ließ sich nahe bei ihnen an einem Tische ein vierschrötiger Mensch nieder, seiner Kleidung und seinen Manieren nach ein Bauer. Breit und behäbig stemmte er sich auf seine Ellenbogenund sah ziemlich unverschämt nach dem Prälaten und seinen Begleitern, die sich nicht weiter um ihn kümmerten.
Als ein Kellner zu ihm herantrat, bestellte er die teuersten Gerichte und den besten Wein, und erregte dadurch zweifellos das Mißtrauen des Anfragenden. Er sah zu demselben mit einem schiefen Blick aus zusammengekniffenen Augen empor und sagte laut, daß man es weit hören konnte:
»Glaubt Ihr, weil ich den Bauernkittel trage, daß ich kein Geld im Sacke habe? Es gelüstet mich auch einmal, wie Herrenleute zu leben – und ich kann's. Ja, mein Schwager ist auch ein Monsignore, so gut wie der da drüben … mein Schwager nämlich, bei dem mein – na … meine Schwester lebt. Hier ist ein neapolitanischer Dukaten und da noch einer und noch einer – das wird wohl reichen – he?«
Er warf die Goldstücke auf den Tisch, daß sie klangen und sah mit rohem Lachen bald den Kellner, bald die ihm nahesitzenden Gäste an. Parelli aber war bleich geworden. Er erschrak, er wußte selbst nicht weshalb, bei den Worten des rohen Burschen – er dachte an Signora Lucia, und dann auch an das Gold, das ihm abhanden gekommen war: Es war dieselbe Münzsorte, mit welcher dort der Bauer um sich warf. Ihm war, als müsse er nach einem Zusammenhange suchen, aber er scheute das Aufsehen und mochte nicht an Dingen rühren, die ihm bedenklich werden konnten. Aber mit seinem Behagen war es vorüber, und mit ängstlicher Hast drängte er zum Aufbruch, zum Besuch der Wasserfälle.
Man folgte ihm, und da sie bei dem Bauer vorüberschritten, hob dieser eben sein Glas mit funkelndem Weine, hielt es ihnen entgegen und rief:
»Auf Euer Wohl und auf meine Gesundheit!«
Parelli errötete vor Unwillen, aber er ging ruhig weiter und hinter ihm und seinen Begleitern verklang das rohe Lachen des ungeschliffenen Burschen.
Sie stiegen nun abwärts zu den Kalkfelsen und gingen stromaufwärts zur Grotta della Sirene, wo ihnen ein Strahl des Falles entgegenrauschte, in dessen aufstäubenden Wasseratomen sich die schrägfallende Sonne brach und damit einen Regenbogenglanz über das Bild goß. Und wie sie weiter wanderten, wechselten die Bilder, aber überall war Anmut und Schönheit ihre Begleiterin, bis man von der Terrasse des Belvedere fast alle die Herrlichkeiten der sprühenden, blinkenden Cascatelle vor sich hatte. Hier rauschte und brandete der große Wasserfall in seiner Majestät niederwärts, und alle die kleineren Fälle dienten ihm mit ihren malerischen Einzelheiten zur köstlichen Folie.
Von da aus gingen sie, um nicht umkehren zu müssen, geradeaus weiter. Bei dem KirchleinS. Maria di Quintiliolomußten sie anhalten. Eine Prozession mit wehenden Fahnen kam herbeigezogen. Ein Kreuz wurde vorangetragen von einem jungen Mönche; ihm folgten eine Anzahl Ordensleute und dann Männer, Weiber und Kinder, singend und betend. Es war ein malerischer Anblick, aber erhebend oder andachtsvoll wirkte er nicht. Der Prälat zog vor dem Kruzifix seinen breitrandigen Hut, Frohwalt und Quandt thaten desgleichen, indes die junge Frau erstaunt, mit großen, verwunderten Augen, welche deutlich bekundeten, daß ihr der Anblick neu war, den lebhaften, singenden Zug an sich vorübergehen ließ. Als der letzte, ein zerlumpter Campagnole mit langem, grauem Bart, offenbar ein Bettler, kam, warf ihm der Prälat eine Münze in den abgezogenen, schäbigen Filzhut und fragte:
»Warum veranstaltet man diese Prozession nachS. Maria di Quintiliolo?«
»Wir bitten, daß die Madonna die Väter des Konzils erleuchten möge, damit sie die Unfehlbarkeit des heiligen Vaters annehmen.«
Damit humpelte der Alte weiter; die Reisegefährten aberwandten sich schweigend ab und schritten zwischen den alten, knorrigen Olivenbäumen abwärts gegen die Ponte dell' Aquoria, wo ihr Wagen wartete.
Jeder von den drei Männern aber hatte seine eigenen Gedanken, und die Rückfahrt nach der ewigen Stadt war im Grunde minder heiter, als die Fahrt am Morgen, nur Frau Friederike besaß ihre unbefangene Fröhlichkeit und suchte mit ihrem Plaudern eine freundlichere Stimmung herbeizuführen. Frohwalt saß ihr gegenüber. Er schaute auf den roten plaudernden Mund und in die hellen braunen Augen, die so sonnig lachten, und als ihm beim Abschiede die junge Frau die Hand reichte und die Hoffnung aussprach, ihn bald einmal als ihren Gast zu sehen, sagte er so lebhaft und rasch zu, daß er darüber unwillkürlich errötete.
Auch Monsignore Parelli hatte ihn freundlich und herzlich zu einem Besuche eingeladen. Und so ging er in träumerisch-angenehmer Stimmung über die Ponte di Ripetta hinüber an das andere Tiberufer, wo in ewiger Majestät der Dom des heiligen Petrus ragt und wo er seine Wohnung hatte.