Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Es war ein Sonntag zu Anfang des Oktober. Der Himmel machte kein besonders freundliches Gesicht, und der Wind peitschte einen Regenschauer nach dem andern durch die Gassen der böhmischen Hauptstadt. Die vielen Kirchen waren wenig besucht und ihre Hallen sahen bei dem grauen, unfreundlichen Wetter trübe drein.

Am Pořič, wo die Straße hinabführt nach der schönen Franz-Josefs-Brücke, steht das kleine Kloster zum heiligen Josef. Hier sind Kapuziner daheim, und die freundliche Kirche wird von Andächtigen besonders gern besucht, denn das Volk hat zu den bärtigen Bettelmönchen mit ihrem schlichten Wesen von altersher eine gewisse Zuneigung. Auch heute sind die heiligen Hallen trotz des schlechten Wetters ziemlich gefüllt, denn die Kunde, daß ein junger Bruder seine Profeß ablegen werde, war immerhin bekannt geworden, und so lockte neben der Frömmigkeit auch die Neugier.

Mit gelbem, müdem Lichte flackerten die Kerzen vor dem Hochaltare, rötlich schimmerte der Schein der ewigen Lampe, und die Orgel klang schwertönig und stimmungsvoll. Vor den Stufen des Altars aber lag Frater Severin in seiner braunen Kutte mit dem Angesicht zur Erde gebeugt, währendder Brüder ernster Gesang über ihn hin erklang. Dann sang er selbst mit seltsam zitternder Stimme:

»Suscipe me Domine secundum eloquium tuum et vivam et non confundas me ab expectatione mea.«5

5Nimm mich auf, o Herr, nach Deiner Verheißung und ich werde leben.

5Nimm mich auf, o Herr, nach Deiner Verheißung und ich werde leben.

5Nimm mich auf, o Herr, nach Deiner Verheißung und ich werde leben.

Im ernsten Chor erklang die Antwort und noch zweimal mit stets erhöhter Stimme sang der junge Professe. Dann erhob er sich und ging langsam die Stufen des Altars hinan, vor welchem in einem Polstersessel der Provinzial des Ordens saß. Nun verlas Severin – und seine Stimme war ungleich sicherer geworden als vorher, die lateinische Formel, mit welcher er sich dem Orden und seinen ernsten Satzungen auf Lebenszeit verband. Darauf ergriff er eine ihm dargereichte Feder und langsam schrieb er auf der Altarsplatte selbst seinen Namen unter das bedeutsame Schriftstück. Er zwang sich, ruhig zu scheinen, und nur an der Blässe des Gesichts vermochten die ihm Nahestehenden die innere Erregung zu ermessen, welche ihn ergriffen hatte.

Nun kniete er vor dem Provinzial nieder, der mit ernsten, milden Augen ihm wie in die tiefste Seele hinabsah; er legte seine gefalteten Hände in die Hände des greisen Priesters und sprach: »Promitto obedientiam!«6Dann umarmte ihn der Greis und gab ihm den Bruderkuß. Auch die andern Brüder näherten sich, und jeden begrüßte Severin in gleicher Weise mit den Worten:

6Ich gelobe Gehorsam.

6Ich gelobe Gehorsam.

6Ich gelobe Gehorsam.

»Do tibi osculum verae et sincerae confraternitatis!«7

7Ich gebe Dir den Kuß wahrer und aufrichtiger Brüderlichkeit.

7Ich gebe Dir den Kuß wahrer und aufrichtiger Brüderlichkeit.

7Ich gebe Dir den Kuß wahrer und aufrichtiger Brüderlichkeit.

Dann klang die Orgel und helle, schöne Menschenstimmen sangen von dem Chore herab. Ein freundlicher Sonnenstrahlkam wie ein tröstlicher Himmelsbote herein durch das Fenster, und Severin durchschauerte es wundersam, als ihn das himmlische Licht traf; es war ihm wie eine schöne Verheißung, daß eine höhere Macht ihm das tragen helfen wollte, was er auf sich genommen.

Niemals hatte er dem Gottesdienste in größerer Ergriffenheit beigewohnt. Nach demselben traf er im Sprechzimmer seine Eltern. Den beiden schlichten Leuten liefen die Thränen über die gebräunten Wangen, und sie drückten, ohne Worte finden zu können, den Sohn an ihre Brust. Die Mutter war besonders gerührt, und nahe daran, dem Jüngling die Hand zu küssen, welche noch nicht einmal die Weihe empfangen hatte.

Am Abend war er wieder allein in seiner kleinen Zelle, die so eng und einfach war mit dem harten Lager in der Ecke, und die im Winter nicht geheizt wurde. Das war seine Welt! Er sah an sich hinab, auf das braune, härene Gewand und den weißen geknoteten Strick, und zum ersten Male kam ihm dieser vor wie eine Fessel, mit der man ihn gebunden hatte. Die Brust wurde ihm eng, er suchte tiefer zu atmen und vermochte es kaum, so daß er mit einem Rucke das Fenster aufriß und das heiße Gesicht in den kühlenden Abendhauch hinaushielt. Aus dem trüben Regenmorgen war ein freundlicher Tag geworden. Er sah blauen Himmel und hörte von der Straße her das verhallende Geräusch der rollenden Räder, und ein leises Summen, wie es das Leben der großen Stadt verursacht. Das war die Welt, mit der er abgeschlossen hatte für immer, für die er nicht mehr vorhanden war, und die nicht für ihn dasein durfte. Was blieb ihm? – – Sein Brevier, um zu beten, seine wenigen Bücher – es waren meist kirchenhistorische Werke, die er mit Vorliebe studierte – und die Musik.

Daheim in seiner Dorfkirche hatte ihm der Lehrer Unterricht im Orgelspiel gegeben, und er hatte so schnell begriffen,daß er seinen Meister bald erreicht hatte. In Prag hatte er sich noch vervollkommnet, und in seinen Mußestunden war ihm die Orgel der liebste Freund geworden. An ihr saß er manche Stunde, indes irgend ein freundlicher Bruder, wohl auch ein Knabe, der es aus Vergnügen that, die Bälge bearbeitete. Dann klang es durch die kleine freundliche Kirche oft so weihevoll und schön, daß auch einer und der andere der Mönche herbeikam und, in einen Winkel gelehnt, lauschte. Und wegen seines Orgelspiels hatten ihn auch alle ganz besonders lieb.

An dem heutigen Tage aber trieb es ihn noch mehr als sonst, seinem Empfinden Ausdruck zu geben in Tönen, und so ging er nach dem Chore, nachdem er noch einen Laienbruder gebeten hatte, ihm den nötigen Wind zu machen. Da saß er vor dem lieben Instrument und vergaß seine Profeß und alle Welt. Die Orgelstimmen sangen so weich und so mild, aus frommen Melodieen und volkstümlich getragenen Weisen wob sich ein wundersamer Kranz von Tonbildern, und das dämmernde Abendlicht, das über dem Gotteshause lag und in welchem wie ein rotglühender Punkt das ewige Lämpchen schwankte, erhöhte den Zauber der Stimmung.

Das empfanden ganz besonders zwei Menschen, die in den hintersten Kirchenstühlen sich niedergelassen hatten. Die Kirche war wie stets des Sonntags geöffnet und der Orgelton hatte selbst manchen Spaziergänger noch gelockt, daß er durch die Pforte herein kam und das Kirchlein betrat. So waren auch diese beiden gekommen: Ein stattlicher Herr im eleganten Promenadenanzug mit geistvollem Gesichte, das ein graumelierter Vollbart umrahmte, und ein blühendes Mädchen im lichten Gewande mit dunklerem Ueberwurfe. Sie hielt den feinen, zierlichen Kopf mit den dichten braunen Flechten, die unter dem Hute reich hervorquollen, gesenkt und lauschte mit Ohr und Seele, bis endlich die Töne verklangen.

Nun erhoben sich die beiden und schritten dem Ausgangezu. In der Nähe desselben lehnte ein älterer Mönch mit wallendem Barte. Er grüßte den Herrn und dieser wandte sich zu ihm und fragte:

»Was haben Sie denn hier für einen trefflichen Orgelspieler, Herr Guardian?«

»Das ist unser Frater Severin, der heute Profeß gemacht hat, Herr Professor. Wir sind ein wenig stolz auf ihn.«

»Das dürfen Sie auch; hier ist Technik und Seele zugleich!« Der Sprecher reichte dem Priester die Hand, und schritt hinter dem Mädchen weiter, das bereits die Pforte erreichte und eben die Fingerspitzen trotz der Handschuhe in den Weihwasserkessel tauchte. Der Herr folgte diesem Beispiel und hörte wohl noch, wie hinter ihm drein ein junger Mann, der mit einem Genossen gleichfalls in die Kirche gelockt war, zu diesem sagte:

»Das istDr.Holbert, der Professor des kanonischen Rechts, mit seiner Tochter!«

»Ein reizendes Mädchen!« erwiderte der andere – was freilich der Professor nicht mehr vernahm.

Dieser schritt mit seiner Begleiterin nach der Brücke zu, um nach der Kleinseite zu gelangen. Auf dem Wege sprach das Mädchen:

»Weißt Du, Papa, um was ich Dich zu meinem demnächstigen Namenstage bitten möchte? Ich habe ja einen Wunsch noch frei.«

Der Professor lächelte freundlich, indem er seinem Kinde den Arm bot und fragte:

»Das wäre?«

»Laß mich das Orgelspiel erlernen. Es wird mir, da ich auf dem Klavier leidliche Fertigkeit besitze, keine allzugroßen Schwierigkeiten machen, und ich liebe das königliche Instrument so ungemein: Es hat Kraft und Fülle bei Weichheit und Milde und erhebt das Herz wie kein anderes. Die Macht derTöne voll entfesseln, in gewaltigen Fugen sie einherbrausen lassen zu können, hätte für mich einen wundersamen Reiz.«

»AberTherese, ich kann Dir doch keine Orgel in Deinem Zimmer aufstellen lassen,« sagte, noch immer lächelnd, der stattliche Mann. Das Mädchen aber, das sich fester an seinen Arm schmiegte, erwiderte:

»Das sagst Du doch nur im Scherz. Ich weiß, daß zur vollen Wirkung der Orgel die Räume eines Gotteshauses gehören in Rücksicht auf die Klangwirkung, wie bezüglich der ganzen Stimmung, aber Du kennst ja den Pater Guardian von St. Josef gut genug, um mir die Erlaubnis auswirken zu können, die dortige Orgel benutzen zu dürfen …«

»Aha, der junge Virtuose hat Dir's angethan. Und Du meinst, daß derselbe Dein Lehrmeister werden könnte?«

»Weshalb nicht, Papa?« fragte sie, aber es huschte in diesem Augenblick doch ein leises Erröten über das liebliche Gesicht.

»Na, es fragt sich doch, ob der Pater Guardian dazu seine Erlaubnis geben würde.«

»Dann kann's ja auch ein anderer sein, aber nicht einer, dem die bloße Technik über alles geht; ich möchte mehr lernen als das Pedal treten und die Register beherrschen – –«

»Ich kenne Dich, Kind – und wir wollen sehen, was sich thun läßt!«

Sie waren über die schöne Franz Josef-Brücke gegangen und die Höhe hinangestiegen. Dann schritten sie über das grüne Belvedere hin und sahen die alte königliche Stadt zu ihren Füßen liegen mit ihren hundert Türmen und mit dem breiten Silbergürtel der Moldau. Der Abend war für die Jahreszeit besonders mild und schön, und von den zahlreichen Spaziergängern wurde der Professor häufig gegrüßt.

Jetzt kam Peter Frohwalt ihnen entgegen. Er war eine prächtige Erscheinung, der vielfach die Augen auf sich zog, hoch gewachsen, mit klarem, geistvollem Gesicht, dessenFrische noch durch den weißen Saum des Collares um den Hals gehoben schien. Als er den Hut zog, bliebDr.Holbert einen Augenblick stehen. Er kannte den jungen Geistlichen, der ihm bei seiner Ankunft in Prag einen Besuch gemacht hatte, um ihm für die anerkennende Beurteilung seiner Schrift zu danken. Sie wechselten heute einige freundliche Worte, der Professor stellte Frohwalt seine Tochter vor, und dann schieden sie mit herzlichem Händedruck, nachdem Holbert den anderen eingeladen hatte, ihn bald einmal wieder zu besuchen.

»Ein tüchtiger Kopf!« hatte dann der Gelehrte zu Therese gesagt. »Hoffentlich behält er in der Enge seiner Verhältnisse klaren Einblick in das, was uns bei unsern Priestern notthut. Er wird jedenfalls noch im Laufe des Winters den theologischen Doktorgrad erwerben und hat Zeug dazu, eine Zierde seiner Fakultät zu werden.«

Als es anfing zu dunkeln, schritten Vater und Tochter durch die belebten Straßen heimwärts. Schon am nächsten Tage nahm der Professor Gelegenheit, mit dem Guardian von St. Josef Rücksprache zu halten wegen des Wunsches seiner Tochter. Der war gern bereit, dem berühmten Gelehrten, welcher außerdem in kirchlichen Kreisen besonders hohen Ansehens sich erfreute, gefällig zu sein; selbstverständlich sollte Therese die Orgel benützen dürfen nach Belieben – nur betreffs des Lehrmeisters –

Der alte Herr strich sich mit beiden Händen abwechselnd durch seinen wallenden Bart.

»Ich weiß, Hochwürden, was Sie meinen,« sprachDr.Holbert; »es thut nicht gut, Feuer und Zunder zusammen zu bringen, aber Sie müssen Ihren Frater Severin kennen. Für meine Tochter sage ich gut: Therese ist lediglich erfüllt von musikalischem Interesse und wird jedes Wort vermeiden, das nicht damit zusammenhängt, aber in Versuchung führen möchte ich den jungen Bruder nicht – –«

»Hm, hm – ich halte Severin für eine ernste und tüchtige Natur, die nicht leicht einen Schritt vom Wege weicht. Außerdem geht auch ihm die Liebe zum Orgelspiel über alles, und ich glaube, er würde glücklich sein, einen Schüler oder eine Schülerin zu haben. Wir wollen's versuchen – vorausgesetzt, daß er einverstanden ist; denn hier hört die Forderung des Gehorsams auf – und dabei die Vorsicht nicht außer acht lassen. Ich will, scheinbar aus Interesse am Unterricht, ab und zu dabei erscheinen, und wenn ich Unrat wittere, machen wir der Sache unverzüglich ein Ende.« Severin wurde gerufen. Anfangs war er einigermaßen verlegen, da er vernahm, um was es sich handle, aber nicht, weil es eine junge Dame war, die in Frage kam, sondern weil er seiner Begabung als Musiklehrer nicht genügend vertraute. Doch empfand er Freude bei dem Gedanken, jemanden im Orgelspiel unterrichten zu sollen, und er ging darauf ein.

Und nun kam Therese wöchentlich eine Stunde in die kleine Kirche. Als der Guardian zum ersten Male die beiden jungen Leute einander vorstellte, war Severin linkisch und schüchtern; er fühlte sich in der braunen Kutte etwas unbeholfen und hätte – er wußte selbst nicht recht warum, den Unterricht lieber in der Laientracht erteilt. Das junge Mädchen dagegen mit seinen feinen, sicheren Formen fand ohne weiteres den rechten Ton: Freundlichkeit ohne Vertraulichkeit, Anmut ohne Koketterie, klare Verständigkeit ohne Vorkehren der Ueberlegenheit in den Umgangsformen, das war es, was der Guardian für sich selbst an ihr rühmte, und was ihn um Severins willen mit großer Beruhigung erfüllte.

Für diesen aber waren es schöne Stunden, wie er sie in seinem Leben bis dahin nicht gekannt hatte, wenn er, mit voller Seele bei seinem Spiel, sah, welch' eine gelehrige Schülerin er gefunden hatte, und wenn diese schlanken weißen Finger so kraftvoll in die Tasten griffen, während er selbst, je nach der Stimmung, die Register zog, schien ihm das Instrument,dem er lange genug vertraut geworden war, immer neue Vorzüge und Schönheiten zu entwickeln.

Der Guardian war ab und zu anwesend gewesen während dieser Stunden, und überzeugte sich mehr und mehr, daß ausschließlich die Freude an der Musik die beiden jungen Herzen erfüllte, und so gab er sich selbst gern dem Genusse hin, welcher in der Beobachtung lag, wie der junge Lehrer zu geben, die Schülerin aufzunehmen verstand.

So lief der Herbst in den Winter hinein, und eines Tages erhielt Peter ein Schreiben aus der Heimat, in welchem Freidank ihm in bescheidener und höflicher Weise anzeigte, daß er noch vor der Adventszeit sich mit Marie vermählen und daß die Hochzeit in der kleinen Kirche zu **dorf in aller Stille stattfinden werde. Für den Adjunkten war es klar, daß seine Schwester bereits Protestantin geworden war, obgleich man ihm dies nicht mitgeteilt hatte, und der Gedanke daran ergriff ihn so mächtig, daß er sich der Thränen nicht erwehren konnte; es war ihm, als wäre Marie gestorben, und nach seiner Meinung war das, was sie gethan hatte, schlimmer als der Tod. Darein mischte sich zu dem Schmerze der Zorn; er zerriß den Brief Freidanks in kleine Stücke, die er in das flackernde Ofenfeuer warf und mit diesem symbolischen Thun riß er nach seiner Absicht alle Fäden entzwei, welche ihn an seine Schwester knüpften; der ihm aufgezwungene Schwager war überhaupt nicht für ihn vorhanden.

Er suchte seine Gedanken abzulenken und ging nach dem Krankenzimmer des Seminars, in welchem seit einiger Zeit Vogel nicht unbedenklich an Brustfellentzündung darniederlag. Peter Frohwalt hatte eine Zuneigung für den Jüngling, die nicht bloß auf dem landsmännischen Verhältnis beruhte, sondern in dem ganzen ehrlichen, frischen und berufsfreudigen Wesen des Alumnus begründet war, und er hatte sich deshalb während der Erkrankung seiner mit besonderer Liebe undSorgfalt angenommen, und war täglich wiederholt gekommen, um nach ihm zu sehen.

Diesmal traf er mit dem Arzte zusammen.Dr.Otto war ein kleiner, lebhafter alter Herr, immer freundlich und liebenswürdig, dessen Besuch allein schon günstig auf seine Patienten wirkte; er hatte etwas Herzliches und Ermutigendes, und so leuchteten auch die Augen Vogels frischer, und auf seinem jungen Gesichte lag Zuversicht der Genesung.

Der Arzt versicherte auch Frohwalt, den er mit warmem Händedruck begrüßte, daß es nun mit der Gesundung rasch vorwärts gehen werde, und da er sich entfernt hatte, setzte sich der Adjunkt neben dem Bette des Kranken nieder. Es war zur Zeit kein weiterer Patient im Raume, und Vogel konnte ganz dem Zuge seines Herzens folgen. Er ergriff in aufwallender Freude und Dankbarkeit die Hand des Adjunkten und küßte sie innig.

»Sie haben mir so viel Liebes und Gutes gethan, Hochwürden, wie einem Bruder – das vergesse ich Ihnen in meinem ganzen Leben nicht.«

Peter Frohwalt suchte den Erregten zu beruhigen, aber seiner eigenen gedrückten Seele that die Liebe und die Dankbarkeit des Jünglings wohl. Er verließ denselben heiterer, als er gekommen war. Aber da er langsam durch den Korridor hinschritt, klang ihm fortwährend ein Wort in den Ohren, eine mahnende Stimme, von der er nicht wußte, woher sie kam:

»Wer Liebe säet, wird Liebe ernten!«

Sollte er nicht doch auch in der Heimat Liebe säen, in den Herzen seiner Schwester und Freidanks? – Wenn ihm der Fremde so dankte, wie würden dies erst die Seinen thun! Und wieder kam das alte Unbehagen über ihn, als er sein Gemach betrat, und er griff nach seinen Büchern, um über seinem Studium zu vergessen, was seine Seele quälte.

Er wurde indessen gestört durch einen Besuch, welchen er wohl kaum erwartet hatte. An der Thüre hatte es gepocht wie mit einem zaghaften, unsicheren Finger, und auf sein »Ave!« trat der alte Pfarrer von Nedamitz ein. Frohwalt freute sich, ihn zu sehen, und war doch erschrocken. Der Mann sah nicht gut aus. Sein Haar schien in der kurzen Zeit, seit ihn der Adjunkt nicht gesehen hatte, spärlicher und bleicher geworden zu sein, die hagere Gestalt war zusammengebeugt, und die Augen lagen glanzlos und tief in dem fahlen Gesichte.

Peter hatte ihm sogleich einen Sitz angeboten. »Was führt Sie einmal aus Ihrer ländlichen Idylle in die große Stadt?« frug er.

»Es ist aus mit der Idylle, Herr Adjunkt« – sagte der alte Priester mit einem wehmütigen Lächeln – »ich bin abgesägt worden.«

Frohwalt sah den zusammengesunkenen Mann mit dem ungesunden Gesichte und den schwimmenden Augen teilnahmsvoll an, und dieser fuhr fort:

»Barbara ist gestorben, ziemlich schnell und ohne lange Krankheit; der Herr geb' ihr die ewige Ruhe; sie hat ihre Schwächen gehabt, aber sie war ein tüchtiges Weibsbild. Und nach ihrem Tode habe ich wohl wieder ein wenig mehr ab und zu getrunken, als gut war. Ihr Nachfolger war ein lebenslustiger Herr, der auch etwas leisten und vertragen konnte, und wir haben so manchmal bis in die Nacht hinein gesessen. Recht war's ja nicht, und ich hätte auch den Verstand für uns alle beide haben müssen. Wenn Sie in Nedamitz geblieben wären, wär's auch nicht so weit gekommen. Ich glaube, der Gemeindevorstand hat zuletzt den Vikar auf mich gehetzt, und da ich beim hochwürdigen Konsistorium nicht gerade gut angeschrieben war, haben sie mich pensioniert. Die Pension – zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben – ist erbärmlich klein, und wenn ich auch nicht viel brauche, so ist's doch nicht zum Auskommen. Darum komm' ich zu Ihnen,um Sie zu bitten, mir, falls Sie Gelegenheit haben, einige Meßgelder zuzuwenden.«

Der alte Mann seufzte und wischte sich mit seinem blau- und rotgewürfelten Taschentuche die feuchten Augen.

»Das thut mir leid, Herr Pfarrer, daß wir uns so wiedersehen,« sagte nun der Adjunkt, den, wenn er auch in all dem Gehörten eine gerechte Fügung erkannte, doch das Mitleid ergriffen hatte. »Ich werde mich gerne bemühen, Ihnen etwas zuzuwenden. Vielleicht gelingt es auch, Sie einem der HerrenCanonicials Vikar zu empfehlen – freilich müssen Sie Ihre Lieblingsneigung, Ihre Schwäche will ich lieber sagen, bekämpfen.«

»Mit leerem Beutel wird sich das leicht machen lassen,« sprach beinahe bitter, mit einem Lächeln um die schlaffen, herabgezogenen Mundwinkel der Pfarrer – »und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie etwas thun wollten.«

»Wissen Sie was?« sagte Frohwalt in einer augenblicklichen milden Regung, denn wiederum klang ihm das Wort vom »Liebe säen« in der Seele – »ich habe heute vormittag Zeit, wir gehen gleich jetzt mit einander zum Herrn Kanonikus Kupetz, den ich persönlich ziemlich gut kenne, und der ein freundlicher und wohlwollender Herr ist.«

»Na, wenn Sie meinen – ich bin zwar den Domherren immer lieber aus dem Wege gegangen, aber wenn ich mich vorstellen soll, ist mir's doch lieber, ich habe Sie zur Seite und Sie reden für mich.« –

Bald darauf schritten die beiden Geistlichen über die Karlsbrücke. Es war ein herrlicher Wintertag, mild und klar, und die gelblichen Wellen des Flusses rollten, frei von der Eisfessel, unter ihnen hin und brachen sich an den mächtigen Strebepfeilern. Im Sonnenglanze lag der prächtige Hradschin da mit seinem weithin gedehnten, hundertfenstrigen Königsschlosse, mit dem stattlichen Bau des adeligen Damenstifts, das ehedem der Palast des berühmten Hauses Rosenbergwar, und mit dem rötlichen Gemäuer des massiven Palais Lobkowitz, welches die schwerfälligen beiden Türme des alten St. Georgklosters überragten, über welche der mit einer unpassenden Haube versehene Turm des herrlichen St. Veitdomes noch hinwegsah. Es war ein prächtiges Bild, das scharf sich abgrenzte von dem klaren Winterhimmel, und das selbst dem Pfarrer, der lange nicht in Prag gewesen, eine Aeußerung des Wohlgefallens entlockte.

Sie schritten über den Kleinseitner Ring, an dem schönen Denkmal des Feldmarschalls Radetzky vorüber und gingen langsam die steile Spornergasse hinauf. Bei einem grauen, schmalbrüstigen Hause in der Nähe der Liguorianer blieb der Pfarrer einen Augenblick stehen und sagte: »Hier wohne ich, in dem dritten Stockwerk nach hinten hinaus – wenn Sie mich ja einmal besuchen wollten. Ich hab's nicht geräumig und auch nicht gerade freundlich – die Aussicht geht auf die Dächer – aber ein alter abgesägter Priester darf nicht viele Ansprüche machen.«

Sie gingen weiter und kamen an dem erzbischöflichen Palais vorüber nach jener stattlichen Häuserreihe, welche sich an dem freundlichen, mit grünen Anlagen versehenen Platze hinzieht, und die der Volkshumor die »Gimpel- (Dompfaff-) Allee« zu nennen pflegt. Hier wohnen die Mitglieder des fürsterzbischöflichen Domkapitels, jeder in einem besonderen Hause.

Wieder blieb der alte Pfarrer stehen, sah zu den spiegelnden Fensterscheiben der vornehmen Häuserfront, deren Eingangsthüren meist mit der Mitra geschmückt waren, und sprach seufzend:

»Sehen Sie, der Herr Domprobst bezieht jährlich dreißigtausend, ein Kanonikus etwa zwölftausend Gulden – was machen die Herren mit dem vielen Gelde?«

»Sie müssen bedenken, daß ihre Stellung im Interesse des Ansehens der Kirche höhere Einkünfte verlangt.«

»Na, die Apostel haben's aber doch auch nicht gehabt!« sagte der Pfarrer mit halb humoristischer Bitterkeit, die seinem schlaffen Gesichte einen beinahe weinerlichen Zug verlieh.

An einem der Häuser zog Frohwalt an dem Klopfer. Ein Glockenton erklang, und gleich darauf erschien ein junges, schmuckes Dienstmädchen mit weißer Schürze, das, nachdem es erklärt hatte, daß der Herr Kanonikus zu Hause sei, die beiden durch einige Zimmer bis nach einem kleinen Salon führte, wo sie einstweilen warten sollten. Hier zeugte alles von Eleganz und Bequemlichkeit; die ganze Wohnung war vornehm: Polstermöbel mit reichen Ueberzügen, hohe Spiegel, Erzeugnisse der Malerei und Bildhauerei, ausländische Pflanzen und Vögel …

Der schlichte, alte Landpfarrer sah sich um, wie in einer fremden Welt, und wagte nicht, sich in einen der sammtnen Fauteuils zu setzen. Das war anders als im Nedamitzer Pfarrhause. Er seufzte halblaut und sagte nun flüsternd zu seinem Begleiter:

»Der hier hat keine Not und keine Sorgen!«

Der Besuch Frohwalts mit dem alten Pfarrer beim Kanonikus (Chorherrn) (S. 118).

Der Besuch Frohwalts mit dem alten Pfarrer beim Kanonikus (Chorherrn) (S. 118).

»Wer weiß?« erwiderte Frohwalt, aber als ob er Lügen gestraft werden sollte, so klang jetzt nebenan helles Lachen von Frauenstimmen und das Klingen von Weingläsern. Darauf folgte das Rücken eines Stuhles, und gleich darauf kam durch die Flügelthüren der Kanonikus herein. Er war ein kleiner, wohlbeleibter Herr mit einem geröteten Gesicht, das mit seinem Doppelkinn, seinen hängenden Wangen und den kleinen, gutmütigen Augen recht wohlwollend aussah. Er trug einen schwarzen Gehrock und um den Hals das violette Collare; an der Weste waren einige Knöpfe geöffnet – er schien sich eben vom Frühstück erhoben zu haben.

Der Domherr war nicht unfreundlich; er forderte die beiden auf, sich niederzulassen und hörte mit einem gewohnheitsmäßigen Lächeln um den breiten Mund dem Adjunktenzu, der in warmen Worten ihm den Pfarrer empfahl und anfrug, ob nicht vielleicht eine Vikarstelle erledigt sei.

Der Kanonikus ließ seine Augen auf dem Gesichte des Pfarrers ruhen; er schien sich zu erinnern, warum dieser seines Amtes enthoben war; der letztere wagte übrigens selbst gar nicht zu sprechen, und so entstand eine kleine Pause. Der Herr des Hauses zog eine wertvolle Tabakdose hervor, spielte ein wenig mit derselben, nahm darauf mit zwei Fingern behäbig eine Prise heraus und bot das blinkende Gefäß leutselig den beiden andern, welche dankend ablehnten. Nun erst sagte er:

»Es trifft sich gut, und ich will einmal annehmen, daß Sie der Himmel mir schickt, Herr Pfarrer. Mein Vikar, der an meiner Stelle das kirchliche Gebet im Dom verrichtet, wenn ich verhindert bin, ist gestern vom Schlage gerührt worden und wird wohl nicht mehr werden. Ich will Ihnen seine Stelle übertragen und Ihnen dieselbe Entschädigung geben. Ich weiß, daß Sie es brauchen können. Aber« – fügte er lächelnd und mit erhobenem Zeigefinger bei – »über die kleine Schwäche, – na, Sie wissen schon – müssen Sie wegkommen!«

In das fahle, schlaffe Gesicht des Pfarrers war eine Röte gestiegen, vielleicht der Freude, vielleicht der Scham, und er stammelte einige Dankesworte. Der Kanonikus teilte ihm kurz noch das Weitere mit, und dann verabschiedete er die beiden Besucher mit dem Bemerken, daß er den Geburtstag seiner Schwester feiere.

Frohwalt schritt mit seinem Begleiter langsam über die weichen Teppiche; auf dem Flur begegneten sie einer hochgewachsenen Dame in dunklem Seidenkleide, die ihren Gruß steif herablassend erwiderte, und wenige Augenblicke später standen Sie unter den grünen Bäumen vor dem Hause.

Jetzt wurde der Pfarrer in der Freude seines Herzens gesprächig und redete von vergangenen Tagen, von seinerDankbarkeit und fragte auch nach dem »Vetter Martin«, den er gern einmal wiedersehen möchte, und dessen Adresse er sich ausbat. Die konnte der Adjunkt ihm nicht geben, denn der Alte war bereits auf einer seiner Wanderungen, wie er von Vogel erfahren hatte, und diesmal noch nicht einmal in das alte heimatliche Winterquartier zurückgekommen.

Sie gingen langsam wieder die Spornergasse hinab, und vor dem grünen Hause, in welchem der Pfarrer wohnte, sagte derselbe:

»Wollen Sie nicht einen Augenblick mit heraufkommen, damit Sie wenigstens sehen, wo ich stecke.«

Frohwalt ging mit. Durch einen dunklen Flur kamen sie auf einen schmutzigen Hof, und im Hintergebäude stiegen sie eine enge Treppe hinauf, dumpfiger Geruch erfüllte die Räume, Kindergeschrei erscholl aus einigen Wohnungen, und im obersten Stockwerk war die Behausung des Pfarrers. Er öffnete die Thür und ließ seinen Besuch eintreten.

»'s ist nicht ganz wie beim Herrn Kanonikus!« sagte er mit einem Anflug wehmütigen Humors, und der Gegensatz, den er hervorheben wollte, war allerdings groß genug. Das Wohnzimmer, an das noch ein kleiner Alkoven stieß, war klein, und trotz der beiden Fenster nicht hell, denn diese gingen nach dem Hofe. Die Möbel waren beinahe ärmlich, und das wurmstichige Kanapee mit dem geblümten Kattunüberzuge ächzte, als sich Frohwalt darauf setzte.

»Ich habe meine Möbel verkauft,« sagte der Pfarrer; »der Transport hätte mich zuviel gekostet, und die da thun's ja auch für mich. Nur Einiges vom Hausgerät, das mir besonders lieb war, habe ich mitgenommen.«

Der Blick des Adjunkten fiel eben jetzt auf den wohlbekannten Zinnkrug, der von einem alten Schrank herabgrüßte, und er hätte gewünscht, daß derselbe mitsamt den Möbeln in Nedamitz geblieben wäre. Er hielt sich nicht lange auf in demRaume; die Luft war muffig und lag ihm auf der Brust: Es war eine Mischung von Tabaksqualm und Kohlendunst.

Er war froh, als er langsamen Schrittes unter dem klaren Winterhimmel über die Brücke nach der Altstadt zurückkehrte. Bei dem Brückenturm begegnete er Professor Holbert, an dessen linker Seite Hans Stahl mit dem Ausdruck des Stolzes in dem frischen Gesichte einherschritt. Der erstere kam auf ihn zu und sagte ihm mit einem Händedruck:

»Sie sind mir noch immer einen Besuch schuldig, Hochwürden. Wie wäre es denn nächsten Sonntag nachmittag zu einer Tasse Kaffee? – Meine Tochter würde sich gleichfalls freuen.«

»Ich komme, wenn Sie gestatten, Herr Professor!«

»Schön – also, auf Wiedersehen!«

Und der Professor schritt mit Hans Stahl weiter nach dem Franzensquai, während der Adjunkt sich nach dem Seminar wandte.


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