Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Professor Holbert wohnte in der Zeltnergasse, nicht weit vom Pořič. Einfache Vornehmheit zeichnete die Räume aus, welche er innehatte, und das entsprach völlig seinem eigenen Wesen. Abhold jedem Prunk und Schein, gerade und ehrlich in Wort und Wirken, verschmähte er das Gehaltlose und Unechte auch in seiner Wohnung, und die geschnitzten Möbel, die wenigen aber trefflichen Bilder, die künstlerisch vollendeten Büsten, und die ganze Anordnung im allgemeinen zeugten von gediegenem Geschmack und von wohnlicher Behaglichkeit zugleich, so daß jeder Besucher sich bei ihm wohl fühlte, zumal er mit ungezwungener Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit empfangen wurde. Seine Gattin hatte der Professor seit einigen Jahren verloren, und Therese mußte ihm die Hausfrau ersetzen. Dazu besaß sie alle Fähigkeit: Klarheit des Geistes und Umsicht, gefälligen Schliff der Umgangsformen und Sinn für alles, was Anmut und Behagen in die Häuslichkeit zu bringen vermochte; der Professor nannte sie den Sonnenschein seines Hauses. Und dabei war sie noch jung, etwa neunzehn Jahre alt.

Es war der Sonntag, für welchenDr.Holbert denAdjunkten eingeladen hatte. Der Nachmittag war unfreundlich, Schneeschauer verfinsterten die Gasse, und manchmal schlug der Wind sausend gegen die Fenster, daß sie leise klirrten. Im wohlgewärmten Salon aber war es hier ungemein traulich und behaglich. Frohwalt war gekommen, herzlich begrüßt, wie es Brauch in diesem Hause war, und lernte zunächst noch einen Gast kennen, einen jungen Arzt,Dr.MoritzHaller, einen hübschen und, wie es schien, weltgewandten Mann mit etwas blasierten Manieren, der behaglich, wie wenn er hier zu Hause wäre, in einem Fauteuil beim Kamin saß, in einem bildergeschmückten Reisewerke blätterte und zu den Bildern seine Bemerkungen machte, worin er sich auch durch die Ankunft Frohwalts nicht stören ließ.

Diesen nahm der Professor in Beschlag, und während er sich mit ihm über eine kirchenrechtliche Frage unterhielt, welche den Adjunkten interessierte, plauderte der Doktor mit der Tochter des Hauses, wobei sich manchmal seine Stimme zu halbem Flüstern dämpfte.

Gewinnend schien der letztere dem jungen Geistlichen nicht, zumal er im Laufe des Nachmittags sich fortwährend bemühte, eine Art geistiger und gesellschaftlicher Ueberlegenheit herauszukehren, die er in letzterer Beziehung zweifellos, in ersterer nicht unbestritten besaß. Der Professor wußte indes geistvoll und gewandt allen etwaigen Unannehmlichkeiten die Spitze abzubrechen, so daß die allgemeine Stimmung keine Trübung erfuhr.

Es hatten sich noch zwei Gäste eingefunden: Frater Severin als Lehrer Theresens im Orgelspiel und Hans Stahl, der mit seinem weißen Stehkragen und der koketten schwarzen Schleife, sowie mit dem ganzen frischen und lebendigen Wesen nicht den Eindruck eines katholischen Theologen machte. Sein Vater und der Professor waren Jugendbekannte, und so hatte der Jüngling Eingang im Hause des Letzteren gefunden. Er bewegte sich gesellschaftlich sicher und gewandt, mit einigermaßenburschikosem Anstrich, der aber nichts Rohes und Verletzendes hatte, wogegen der junge Kapuziner, dem solche Gesellschaft fremd war, sich einigermaßen befangen fühlte.

Aber auch einem solchen Gaste wußte der Professor gerecht zu werden, indem er die Musik ins Feld führte. Er veranlaßte Therese, sich an den Flügel zu setzen, und unter den gewandten Fingern perlte in köstlicher Reinheit eine Mozartsche Sonate hervor, und die Augen des jungen Mannes begannen zu leuchten. Er hatte sich, alles andere vergessend, zurückgelehnt in seinem Sitze, und hielt die Blicke unverwandt auf die weißen, schlanken Mädchenhände gerichtet, welche auf den glänzenden Tasten meisterten, und da das Stück endete, that er einen tiefen Atemzug.Dr.Haller und Hans Stahl sprachen, der erstere in etwas überschwänglicher Weise – ihr Lob aus; auch Frohwalt äußerte sich in gleichem Sinne, der junge Kapuziner aber sagte mit einem tiefen Erröten nur:

»Ich danke Ihnen, Fräulein.«

Nun begann Therese zu singen. Sie hatte einen volltönigen, milden Alt, der ungemein wohlthuend klang, und das schlichte Lied im Volkston gewann dabei einen herzgewinnenden Ausdruck. Es war die Ballade von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten

– das Wasser war viel zu tief.

– das Wasser war viel zu tief.

Dr.Haller spielte die Begleitung, gewandt und feinsinnig, Hans Stahl aber lehnte an der Fensterbrüstung und sah mit flimmernden Augen nach den beiden hin. Severin jedoch sank wieder tiefer in seinen Sitz und hielt den Kopf gesenkt, als ob er träume. Seine Seele war voll von seltsamen Empfindungen, wie er sie niemals gehabt hatte; er hätte jauchzen und zugleich weinen mögen.

Dann sang auch Hans Stahl, der einen frischen Tenor hatte, wenig geschult, aber klangvoll; es war das Mendelssohnssche:

Leise zieht durch mein Gemüt,Liebliches Geläute – –Klinge, kleines Frühlingslied,Kling' hinaus in's Weite!

Leise zieht durch mein Gemüt,Liebliches Geläute – –Klinge, kleines Frühlingslied,Kling' hinaus in's Weite!

Vor den Fenstern sang der Wintersturm, um so anmutender wirkte der Frühlingsgruß:

Wenn Du eine Rose schaust,Sag' ich laß sie grüßen!

Wenn Du eine Rose schaust,Sag' ich laß sie grüßen!

Dann setzten sich das Mädchen mitDr.Haller und Stahl zusammen an den kleinen Tisch bei dem Kamin, in der Nähe des Fensters aber saßen die drei andern. Hier wurden wissenschaftliche Fragen behandelt, und dem jungen Kapuziner war es ein Genuß, die anderen beiden sprechen zu hören; nur als eine kirchengeschichtliche Frage gestreift wurde, wagte auch er einige Worte dazwischen zu werfen, die den Beweis lieferten, daß er auf diesem Gebiete wohl daheim war.

Da es zeitig dunkelte an dem Nachmittage, waren die Gaskronen angezündet worden, die ein freundliches Licht durch den behaglichen Salon ausgossen und den traulichen Eindruck desselben noch erhöhten. Leuchtender hob sich das helle Gewand des Mädchens von den dunklen Anzügen der Herren, sowie von dem tiefblauen Sammtbezug ihres Sitzes ab, und das Bild am Kamin war zum Malen hübsch.

Die drei jungen Leute blätterten in einer Mappe, die in photographischen Nachbildungen Meisterwerke der Malerei enthielt. Auch hier liebte esDr.Haller, einen lehrhaften Ton anzuschlagen, wie einer, der gewohnt ist, mit unantastbarer Sicherheit über Kunstleistungen abzuurteilen. Hans Stahl hatte ab und zu eine Bemerkung dazwischen gethan, mehr zu dem Mädchen, als zu dem Arzte, aber es klang immer wie eine feindselige Gereiztheit in dem Tone. Die überlegene Art des andern schien ihn offenbar zu verdrießen.

»Ja, mein lieber Herr Stahl, das verstehen Sie dochwohl nicht zu beurteilen,« sagte jetzt der Doktor, sehr vernehmlich und nicht ohne Geringschätzung, so daß die Drei am Fenster unwillkürlich hinhorchten.

»Meinen Sie, Herr Doktor, daß man dazu Medizin studiert haben müsse?« entgegnete Stahl ziemlich scharf.

»Das nicht, wohl aber Kunstgeschichte und Aesthetik!« war die kühle, überlegene Antwort.

»Das ist meine Meinung auch, aber ich fürchte, Sie sind darin nicht weit genug gekommen.«

»Herr, solche Anzüglichkeiten verbitte ich mir!«

Therese war unruhig geworden und suchte lächelnd zu vermitteln, wobei sie ihre Hand auf den Arm des Doktors legte, der auch sogleich, das Unhöfliche des ganzen Vorganges erkennend, sich zu ihr wandte mit einem Worte der Entschuldigung. Aber auch das trug so den Stempel des Verletzenden für Stahl, daß dieser nach seiner heißblütigen Art aufstand mit dem Worte:

»Ein Unwissender auf diesem Felde bleiben Sie aber doch!«

Jetzt hatte auch der Professor sich erhoben und rief milde und freundlich herüber:

»Das klingt ja bitterböse. Darf man wissen, um was es sich handelt?«

Dr.Haller hatte sich zu beherrschen gesucht; er sprach:

»Wir haben hier eben das Bild »Jakob und Rahel« von Giorgione Barbarelli, von dem nach der Behauptung des jungen Theologen« – die Stimme des Redenden hatte hier einen spöttischen Klang – »das Original sich in der Dresdener Galerie befinden soll – –«

»Ich habe es oft genug dort gesehen,« warf Stahl dazwischen.

»– und dessen Maler nach der Meinung Herrn Stahls der älteren venetianischen Schule angehören soll.«

»Nicht bloß nachmeinerMeinung – –«

»– während derselbe ganz zweifellos zu dem Florentiner Kreise gehört.«

»Ich bin zwar nicht allzufest in den Einzelheiten der Kunstgeschichte« – sprach nun der Professor, noch immer lächelnd – »aber diesmal hat Herr Stahl doch Recht. Giorgione da Castelfranco hat zu Anfang des 16. Jahrhunderts in Venedig gelebt und ist dort gestorben.«

Haller wurde weiß bis in die Lippen, und seine Augen zuckten einmal gehässig über den jungen Theologen, der hochaufgerichtet, schweigend, aber mit dem Ausdruck eines Siegers im Antlitz dastand. Professor Holbert erkannte das Peinliche für den Doktor, und fügte bei:

»Ein solcher Gedächtnisfehler ist verzeihlich, mein lieber Doktor, und ein einzelner kann nicht auf allen Gebieten ausgezeichnet sein. Herr Stahl hat diesmal sein Recht mit jugendlichem Eifer verfochten, gönnen Sie ihm den kleinen Triumph, denn der alte Giorgione steht doch nicht dafür, daß sich seinethalben zwei liebe Gäste erhitzen. Zuletzt freuen wir uns doch der Werke eines Meisters alle gleich, und ob er Florentiner oder Venetianer, das ist dabei nebensächlich. Die wahre Kunst stammt aus göttlichen Höhen und ist überall daheim, soweit die Erde Gottes ist. Auf sie lassen Sie uns anstoßen!«

Er hatte sein Weinglas herbeigeholt, und die Gläser klangen.

»Und nun – daß die Kunst auch ihre versöhnliche Kraft übe, mag Therese uns noch ein Lied singen!«

Das Mädchen ließ sich nicht weiter nötigen; sie setzte sich an das Instrument, und indem sie sich selbst begleitete, sang sie das ergreifend schöne, schlichte Mendelssohnsche Lied:

Herr, zu Dir will ich mich retten,Wenn die Welt mich kränkt und schlägt,Will in Deinen Schooß mich betten,Wund und müd' von argen Ketten,Die meine schwache Seele trägt …

Herr, zu Dir will ich mich retten,Wenn die Welt mich kränkt und schlägt,Will in Deinen Schooß mich betten,Wund und müd' von argen Ketten,Die meine schwache Seele trägt …

Ein beinahe weihevoller Hauch ging durch die Herzen, und als die Sängerin geendigt hatte, und eine augenblickliche Stille mehr als lauter Beifall redete, erhob sich der junge Kapuziner und sagte halblaut:

»Das wird mir in der Seele bleiben! Nun muß ich gehen!«

»Ich begleite Sie, Frater Severin,« rief Stahl, der gleichfalls aufstand. Er fand mit seiner gewandten Manier einige verbindliche Worte für Therese, die ihm, wie dem jungen Mönche die Hand zum Abschiede reichte; die Rechte des letzteren zitterte leise in der warmen, weichen Hand des Mädchens. Der Professor selbst begleitete seine jungen Gäste hinaus und entließ sie mit freundlichem Worte, dann kehrte er zu den andern zurück, welche jetzt an dem Mitteltische saßen.

»Ein junger Hitzkopf!« sagte er lächelnd mit Bezug auf Stahl – »aber es ist gute Rasse. Nur meine ich, er hätte besser zum Künstler, vielleicht auch zum Soldaten gepaßt, als zum Theologen.«

Der Adjunkt bestätigte dies insofern, indem er den Vorgang im Seminar erzählte, bei welchem der junge Theologe sein nationales Bewußtsein so entschieden zum Ausdruck gebracht hatte.

Ueber das Gesicht Holberts zog ein leiser Schatten; er sagte:

»Das ist bezeichnend für unsere ganzen Verhältnisse. Die nationale Erregung ist auf beiden Seiten im Steigen und dürfte noch wunderliche Blüten treiben. Die Tschechen haben sich allmählich in einen Größenwahn hineingelebt, der sie Anstand, Gerechtigkeit und ernstes Streben ganz vergessen läßt. Daß der Ton ihrer Blätter sein Echo selbst unter der jungen Priesterschaft findet, ist höchst bedauerlich, und es kommt vielleicht bald die Zeit, da in der Prager Diözese ein Mangel an deutschen Priestern eintritt. Und wenn erstauf deutschem Boden tschechische Geistliche amtieren, die Huß mehr verehren als die Apostel, und die ihre Stellung anstatt zu friedfertigem Wirken zu nationalen Gehässigkeiten ausnützen werden, wird man seitens der Staatsgewalt wie seitens des Konsistoriums vielleicht zu spät beklagen, daß man nicht bei Zeiten diesem Treiben ein Ende gemacht hat. Das ist ein unerquickliches Thema, lassen Sie uns auf einen anderen Boden zurückkehren. Wie weit sind Sie mit Ihren Rigorosen, Herr Adjunkt?«

»Ich hoffe noch vor Ostern den Doktorgrad zu erlangen,« sagte Frohwalt.

»Das freut mich – an Ihnen gewinnt die Hochschule und vor allem die theologische Fakultät eine Zierde.«

Der Adjunkt suchte das Lob bescheiden abzuwehren, aber der Professor fuhr fort:

»Ich will Ihnen keine Schmeichelei sagen, aber ich wünsche im Interesse der Sache, daß es so werden möge. Denn die Zustände an Ihrer Fakultät sind nicht erfreulich. Ich habe keine Ursache, mich darüber auszuschweigen, und habe auch vor maßgebenden Persönlichkeiten darüber gesprochen. Sie haben ja selbst erfahren, in welcher Weise die Hörer der Theologie gedrillt werden, und wie es dabei auf leeren Gedächtniskram in der Hauptsache hinausläuft: Gemüt und Geist bekommt dabei herzlich wenig ab. Das sind doch wahrlich nicht frische, freie Studenten, welche hier vor dem Katheder sitzen, sondern ganz armselige Schuljungen in der Kutte, welche auf die Worte des Lehrers schwören. Und wenn nur die Lehrer immer noch darnach wären! Ich schätze einige Herren Ihrer Fakultät sehr hoch, sie haben als Männer der Wissenschaft ihre Verdienste, aber wirklich bedeutende Gelehrte sind doch hier eine Seltenheit. Denn während die Professoren anderer Fakultäten und Hochschulen durch Herausgabe von Werken der Wissenschaft zu nützen bemüht sind, zeigt dieListe unserer theologischen Fakultät im wesentlichen – nur Namen!«

Auf Frohwalts Gesicht stand eine hellere Röte. Er sagte mit einigermaßen verschleierter Stimme – die Anwesenheit Hallers schien ihm dabei Unbehagen zu machen:

»Sie haben ja völlig recht, aber es ist nicht abzusehen, wie das sich ändern soll.«

»So lange man nicht ein anderes System bei Berufungen einführt, weiß ich es auch nicht. Wer als Seminarist das Rädchen des Gedächtnisses am besten schnurren ließ, sich hübsch fügen und schmiegen konnte und sonstige nicht gerade zu wissenschaftlicher Bedeutung notwendige Eigenschaften besaß, so daß er es vielleicht zum Präfekten unter den Alumnen gebracht hat, der wird, wenn er sonst gut paßt, Adjunkt, und nun klettert er sachte an der Leiter der akademischen Würden in die Höhe und – wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, das ist ja ein altes, bekanntes Sprichwort. Ein Deutscher hat übrigens seltener das Glück, zu solcher Laufbahn zu kommen, und das spricht bereits für Sie – abgesehen davon, daß ich Sie aus Ihren litterarischen Arbeiten aufrichtig hochschätze. Aber – nehmen Sie mir meine freimütige Aussprache nicht übel … mir thut das Herz weh, wenn ich an diese Verhältnisse denke … Therese, singe uns noch ein Lied, damit wir auf andere Gedanken kommen!«

Das Mädchen hatte schweigend dagesessen, undDr.Haller hatte nach seiner Gewohnheit in einem Buche geblättert; um seine Lippen lag ein leiser Zug des Spottes. Therese erhob sich und ging an das Instrument, und wieder klangen die Töne der weichen Altstimme mild und freundlich durch den traulichen Raum.

Indessen waren auf der Gasse draußen Severin und Stahl langsam gegen den Pořič hingegangen. Der Wind hatte sich gelegt, aber die Flocken spielten dicht durch einander,so daß die Gasflammen beinahe verschleiert erschienen und nur einen matten Schimmer ausgossen. Der Verkehr war geringer geworden, und es herrschte in der sonst belebten Straße ziemliche Ruhe. Hans Stahl aber sagte:

»Ein unausstehlicher Bengel, dieser Haller, mit seinem Alles-Besser-Wissen-Wollen. Es ist geradezu empörend, wie jeder Laffe gerade uns Theologen meint über die Achseln ansehen zu dürfen, und dabei sind wir die erste und angesehenste Fakultät. Und wissen Sie, Severin, was mich am meisten wurmt? – Daß dieser aufgeblasene Aeskulap, an dem seine hübsche Larve zweifellos das Beste ist, das schöne Mädchen, die Therese, heiraten will. Sie können sich darauf verlassen, ich habe beobachtet, wie er mit ihr verkehrte!«

Der junge Kapuziner war froh, daß es dunkel war, und daß sein Begleiter die Röte nicht gewahren konnte, welche ihm in das Gesicht stieg; die kühlen Schneeflocken, die an seine Wange flogen, thaten ihm wohl. Er erwiderte:

»Daß er sie nehmen möchte, glaube ich wohl, aber ob auch ihrerseits das Entgegenkommen erwidert wird – –«

Hans Stahl pfiff halblaut durch seine Zähne.

»Lieber Frater Severin, Sie sind kein Menschenkenner oder wenigstens kein Mädchenkenner. Der Menschistetwas,hatetwas, weiß etwas aus sich zu machen und sieht auch wirklich nach etwas aus. Das besticht Mädchen, selbst von viel geringeren Eigenschaften, als Therese Holbert, aber, hol's der Henker, wenn ich nicht Theologe wäre, ich stellte dem Burschen ein Bein, ehe es so weit käme, daß sie ihr Jawort giebt.«

Der junge Kapuziner fühlte neuerdings etwas wie ein Erschrecken und wußte wenig zu solchen Aeußerungen zu sagen. Er war eigentlich froh, als er an der Pforte von St. Joseph stand und hier die Glocke zog. Hans Stahl drückte ihm warm die Hand und stapfte dann mit heraufgeschlagenem Rockkragen auf dem beschneiten Wege durch dieZeltnergasse zurück, dem Altmarkte und der Karlsbrücke zu. Bei der Wohnung Professor Holberts sah er einen Augenblick hinauf zu den erleuchteten Fenstern und an seinen Ohren klang das Lied:

Es waren zwei Königskinder …Die konnten zusammen nicht kommen …

Es waren zwei Königskinder …Die konnten zusammen nicht kommen …

Severin aber hatte seine Zelle betreten; er hatte noch eine Viertelstunde Zeit bis zum Abendessen, und so setzte er sich im Dunkeln auf sein Bett. Das Zimmer war kalt, und obwohl er den Schnee von seiner Kutte abgeschüttelt hatte, empfand er doch ein feuchtes Frösteln. Durch das Fenster fiel nur ein ganz matter Schimmer, und der schien von einem einzigen Stern zu kommen, der von hier aus zwischen grauem Gewölke sichtbar war. Severin wußte selber nicht, warum er bei dem glänzenden Punkte, der wie ein freundliches Auge herblinzelte, an Therese denken mußte, und dasselbe alte Volkslied, das Hans Stahl wieder zu hören vermeinte, klang auch ihm in der Seele:

Sie konnten zusammen nicht kommen …

Sie konnten zusammen nicht kommen …

Als die Glocke zur Abendmahlzeit rief, schrak er zusammen, als wäre er auf unrechtem Wege ertappt worden, und langsam ging er nach dem Refektorium. Hier war eine angenehme Wärme und trauliches Licht, ein Behagen, das ihn stets an Winterabenden angeheimelt hatte, aber er war schweigsamer als sonst, seine Erinnerung haftete an dem wohnlichen, vornehmen Salon und an den Menschen, mit denen er dort verkehrt hatte. Nach dem Abendbrot spielte er, wie es Brauch war, mit den Brüdern noch ein Kartenspiel, aber er war zerstreut und mußte sich darob manchen scherzhaften Vorwurf gefallen lassen. Früher als sonst ging er, unter dem Vorwande, daß er sich abgespannt fühle von der ungewohnten Gesellschaft, nach seiner kalten Zelle zurück. Er brannte seine Lampe an und wollte, sich in seine Bettdeckehüllend, lesen, aber er schweifte in seinen Gedanken immer wieder von der Kirchengeschichte ab.

Zum ersten Male in seinem Leben hatte der schlichte Mönch, der aus ärmlichen Verhältnissen hervorgewachsen war und nichts von dem Glanz und der gefälligen Außenseite der Welt wußte, den Schritt in diese gesetzt, und er bezahlte das mit einer nie gekannten Unruhe. Er schloß die Augen und sah dann sofort wieder den vornehmen Raum vor sich und das Mädchen im hellen Gewande am Instrument, und seine Seele schien sich in der Erinnerung noch immer festzusaugen an den Tönen der vollen, weichen Altstimme.

Severin faltete die Hände heiß in einander und hielt zwischen ihnen die derben Knoten seines Gürtelstricks so fest, daß es ihn beinahe schmerzte; aber er wünschte sich körperlichen Schmerz. Immer zitterte in seiner Brust das Lied von den zwei Königskindern mit seiner einfachen, bestrickenden Melodie, und er suchte in seinem Gedächtnis umsonst nach jener anderen, Mendelssohnschen Weise, die mit ihrer frommen Innigkeit ihn so tief ergriffen hatte.

Er war aufgestanden, ging in dem kleinen Raum hin und wieder und blieb endlich am Fenster stehen. Das Schneetreiben hatte aufgehört, der Himmel war klar geworden, und heller noch als vordem schien der bläuliche Stern herabzuwinken, wie ein himmlisch-tröstendes Licht. Und in diesem Augenblicke fand der junge Mensch das Wort, welches er gesucht hatte:

»Herr, zu Dir will ich mich retten …Will in Deinen Schooß mich betten,Wund und müd' von argen Ketten,Die meine schwache Seele trägt.«

»Herr, zu Dir will ich mich retten …Will in Deinen Schooß mich betten,Wund und müd' von argen Ketten,Die meine schwache Seele trägt.«

Am liebsten wäre er jetzt nach der Orgel gegangen, aber das war nicht möglich, und so sank er auf dem harten, rohen Betschemel vor dem schlichten, geschnitzten Kreuzbilde auf die Kniee, senkte den Kopf tief in die Hände und betete lange.

Dann verlöschte er die Lampe und legte sich, angethan mit seinem Ordensgewande, nieder. Er schlief auch ein, aber in seinen Traum hinein klangen süße Mädchenlieder. – –

Die Orgelstunden waren im Laufe des Winters, wenn die Temperatur in der ungeheizten Kirche gar zu niedrig erschien, wiederholt ausgefallen, und mit einer gewissen Aufregung, wie er sie nie zuvor bei diesem Anlasse empfunden hatte, sah Severin dem Mittwoch entgegen, ob das Wetter wohl ein Kommen seiner Schülerin ermöglichen würde. Der Morgen brach herrlich an, und der Tag hielt, was jener verheißen hatte. Die Stunden selbst fanden unmittelbar nach Mittag statt, und Therese erschien auch diesmal.

Sie trug ein mit braunem Pelzwerk verbrämtes Jäckchen über dem dunklen Wollkleide, ein entsprechendes Pelzmützchen, unter dem ihr frisches Gesicht mit den hellen, freundlichen Augen munter hervorlachte, und grüßte liebenswürdig wie immer ihren jungen Lehrmeister. Dieser aber war heute befangener als sonst, und weniger bei dem Spiele selbst als bei seiner Schülerin, so sehr er sich auch zwang, seine Aufmerksamkeit auf ersteres zu konzentrieren.

Sie spielte eine Variation über ein Thema von Sebastian Bach, und dem jungen Mönche war es, als höre er dieselbe zum ersten Male, und als sehe er auch dabei zum ersten Male diese feinen, schlanken Finger, welche kraftvoll und gewandt die Tasten beherrschten, und die zierlichen kleinen Füße, welche das Pedal traten. Nur wie im Traume kam es ihm vor, daß er ab und zu einige Worte der Erläuterung spreche, ein oder das andere Register ziehe oder selbst in die Tastatur greife. Bei dem letzteren war es ihm geschehen, daß er die kühle, weiße Hand berührte, und es durchzuckte ihn plötzlich wie mit einem heißeren Empfinden.

Er stand hinter dem Mädchen, aber er heftete seine Augen nicht mehr auf die Noten, sondern hielt sie auf dasHaupt mit den weichen, braunen Flechten gewendet, von welchen ein feiner, berückender Duft auszugehen schien. Aus dem Pelzjäckchen hob sich anmutig der blütenweiße Hals ab mit einem ganz feinen schwarzen Schnürchen, das seine Helle noch mehr hervortreten ließ, die zarten Ohrmuscheln waren leicht rötlich angehaucht, und die kleinen Perlen darin blinkten. Auf der Orgelbank lag neben dem Mädchen ihr Mardermuff, und Severin fühlte, wie es seine Hand nach diesem hinzog, immer mehr, bis sie auf dem kühlen Pelzwerk lag und leise kosend darüber glitt. Er empfand ein unsägliches Wonnegefühl dabei, und als er gar die Oeffnung des Muffes fand, wo die Hand Theresens geruht haben mußte, war er heftiger erregt. Er sah nur wie durch einen völligen Schleier die hüpfenden Punkte der Noten, die weißen Finger auf den weißen Tasten, den zierlichen Kopf und beugte sich immer mehr vor.

O, wenn er nur eine Sekunde lang dies glänzende Haar berühren – nein, wenn er nur mit seinen Lippen das Pelzwerk ihres Gewandes streifen dürfte! Therese ahnte nichts von der heftigen Gemütsbewegung Severins. Ganz versunken in ihrem künstlerischen Thun fühlte sie auch nicht den heißen Atem, der ihr Haupt umspielte, kraftvoller faßten ihre Hände in die Tasten, ein Meer von Tönen wogte und brauste durch die hallende, leere Kirche und durch das Herz des jungen Mönchs … und nun hatte er sich niedergebeugt, und nur einen Pulsschlag lang berührte sein Mund das Gewand des Mädchens.

… und nun hatte er sich niedergebeugt, und nur einen Pulsschlag lang berührte sein Mund das Gewand des Mädchens (S. 135).

… und nun hatte er sich niedergebeugt, und nur einen Pulsschlag lang berührte sein Mund das Gewand des Mädchens (S. 135).

Es war, als stocke ihm der Herzschlag … mit einem machtvollen Akkorde klang die Variation aus, und Therese wandte sich um. Sie sah in ein gerötetes Gesicht, in flimmernde Augen und hatte doch keine Ahnung, was in dem jungen Bruder in diesem Augenblicke vorgehe; sie vermeinte, das Musikstück habe ihn so gewaltig ergriffen. Aber sie stand auf, sah nach ihrer Uhr, und da sie fand, daß die Zeit abgelaufen,zog sie langsam ihre Handschuhe an und machte sich zum Fortgehen fertig.

»Nun, Sie sagen mir ja heute gar nichts über mein Spiel?« fragte sie halb scherzend, und er zwang sich zu dem Worte:

»Es war herrlich … ich kann Sie nichts mehr lehren!«

»O, sagen Sie nicht so! Das nächste Mal spielen Sie mir die Variationen vor, damit ich höre, wie viel mir noch fehlt!«

»Ja, ja – das nächste Mal!« stammelte er, indem er sie bis an die Thür des Chors begleitete.

Keines von beiden aber hatte bemerkt, daß der Guardian während der letzten Viertelstunde unbemerkt auf dem Chore gewesen war und sich erst entfernt hatte, als sich Therese erhob.

Severin wankte in seine Zelle; er hatte das Bewußtsein einer ungeheuren Schuld, die ihn fast zu erdrücken drohte. Er griff nach seinem Brevier, und, über sein Betpult gebeugt, murmelte er die Bußpsalmen des königlichen Sängers David, vor allem das ergreifende:Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam!(Erbarme Dich meiner, o Herr, nach Deiner großen Barmherzigkeit!)

Er wurde ruhiger im Gebete, aber er wußte, daß die Erkenntnis der Schuld noch nicht ausreiche, und daß er sich demütigen müsse auch im Bekenntnis derselben. Darum schritt er langsam, aber festen Fußes nach der Zelle des Guardians. Der alte Priester sah ihn verwundert an, und unter seinem milden Blicke fühlte Severin, wie er errötete; er bat, ob er ihm beichten dürfe.

Der Guardian bejahte und ließ sich, nachdem er die Zelle von innen verschlossen, auf einem alten Lehnstuhle am Fenster nieder; der junge Mönch aber hatte einen Fußschemel herbeigeholt; auf diesem kniete er zur Seite des anderen demütig nieder, und mit halblauter Stimme berichtete er denVorgang auf dem Chore. Als er zu Ende war, that er einen tiefen Atemzug, dann fügte er die übliche Formel von seiner Bereitwilligkeit, zu büßen, sowie die Bitte um Absolution bei.

Der alte Priester schien ergriffen zu sein, denn er sprach mit ungemein milder, bewegter Stimme:

»Wohl Dir, mein Bruder, daß Du selbst den Weg gefunden hast zu Deinem Heil, und daß Du ihn schnell gefunden hast, nachdem Du wohl gestrauchelt, aber nicht gefallen bist. Ich habe auf Dich gewartet in dieser Stunde, denn ich bin Zeuge gewesen von Deiner Schwachheit, und daß Du kommst, erfüllt mein Herz mit Freude und seliger Hoffnung. Halte fest an diesem Gesetz Deines Gewissens, laß die Sonne niemals untergehen über einer Schuld, und Du wirst den Frieden finden, den der Herr verheißen hat. Wer so bereut wie Du, schnell und tief, der hat sich die Verzeihung erworben, und so absolviere auch ich Dich im Namen des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes. Zur Ehre Gottes aber bete heute fünf Vaterunser mehr als gewöhnlich. Und nun noch eins: Der Orgelunterricht soll nicht fortgesetzt werden, aber kein Mensch braucht zu ahnen, weshalb. Ich kann Ihnen mitteilen, lieber Bruder, daß der hochwürdige Herr Provinzial bei dem Mangel an Priestern in unserem Orden nachgesucht hat, daß Ihre Ausweihung zum Priester bereits zum Weihnachtsfeste erfolgen möge, und man hat der Bitte stattgegeben. Die würdige Vorbereitung zu diesem heiligen Akte macht das Aufhören jeder ablenkenden Nebenbeschäftigung von selbst nötig. Und nun gehen Sie mit Gott!«

Severin küßte tiefbewegt und wortlos die Hand des Guardians und verließ mit gesenktem Haupte, aber mit leuchtenden Augen dessen Zelle.


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