Siebzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Gaetano Vergani, der neapolitanische Bauer, der in Frascati festgenommen worden war, drehte und wendete sich wie ein Aal, um der Justiz ein Schnippchen zu schlagen. Zwar der Gebrauch des Messers und die Verwundung seines Genossen, der übrigens nicht gefährlich verletzt war, war nicht wegzuleugnen, und Quandt sowohl, wie der Vetter Martin hatten in die Geschichte, die ihnen unangenehmen Verkehr mit der römischen Behörde brachte, ihre Ausschlag gehenden Zeugnisse abgelegt, aber betreffs des im Weitern festgestellten Thatbestandes, daß der Gefangene schon seit längerer Zeit mit neapolitanischen Dukaten um sich werfe, über deren Erwerb er zunächst jede Auskunft verweigerte, schien dieser die Sache ziemlich leicht zu nehmen.

Er verlangte, als man ihn auch in dieser Hinsicht mit Strafe bedrohte, daß man ihm eine Unterredung mit dem Prälaten Parelli verschaffe, der wohl im Stande sein würde, ihn von jeder diesbezüglichen Anklage zu entlasten, denn aus dessen Hause stamme das Geld und gestohlen habe er es nicht.

Da er mit Hartnäckigkeit auf dieser Forderung bestand, und unverschämt genug war, zu behaupten, der Bischof von Mikrun würde seine etwaige Bestrafung in dieser Sache an dem betreffenden Richter zu ahnden wissen, und da andererseitsParelli eine hochangesehene Persönlichkeit war, so wurde diesem von dem Ansinnen des Burschen Mitteilung gemacht, beziehentlich angefragt, ob man ihm denselben zuführen dürfe.

Der Prälat fühlte bei diesem Ansinnen – er wußte selbst nicht recht weshalb – ein gewisses Unbehagen, aber der Name des Menschen, auch die Erwähnung der neapolitanischen Dukaten veranlaßten ihn, sich bereit zu erklären, ihn zu sehen. So wurde eines Morgens Gaetano Vergani gefesselt in das Haus Parellis gebracht, begleitet von einem päpstlichen Gendarmen.

Als er das Zimmer durchschritt, welches nach dem Arbeitsgemache des Prälaten führte, begegnete ihm Signora Lucia, welche von diesen Vorgängen nichts wußte, da Parelli in seiner Zuneigung zu ihr jede Unannehmlichkeit ihr ersparen wollte. Beim Anblicke des Burschen, der mit gebundenen Händen eintrat, wich ihr alles Blut aus den Wangen, und sie heftete die geisterhaften großen Augen nach ihm hin. Gaetano sah sie mit einem frechen Blicke und mit einem höhnischen Lächeln an und sagte halblaut:

»Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen und Ihrer Fürsprache, Signora.«

Der Gendarm versetzte ihm einen Stoß, und während das Weib in dem dunklen Seidengewande wie gebrochen durch die eine Thür verschwand, führte der Mann des Gesetzes seinen Begleiter durch die andere vor den Prälaten.

Auch Parelli war bleich, als er den Menschen mit seinem rohen Gesicht sah, an den er sich in diesem Augenblicke von Tivoli her deutlich erinnerte; seine frechen Reden von damals kamen ihm ins Gedächtnis, obgleich derselbe anscheinend tief demütig vor ihm stand; er gebot dem Gendarmen, ihn mit dem andern allein zu lassen, da es sich vielleicht um eine Beichte handle.

Sobald sich der Bursche mit dem Prälaten allein sah, veränderte sich seine ganze Haltung. Er richtete sich auf, warfden Kopf beinahe trotzig in den Nacken und schaute Parelli mit frechem Hohne an, so daß es diesem immer unheimlicher wurde. Endlich, nach einer kurzen, peinlichen Pause zwang er sich zu der Frage:

»Du hast mit mir zu sprechen verlangt; was willst Du?«

Der Bauer räusperte sich sehr vernehmlich und sagte:

»Eh, Monsignore – da haben sie mich wegen einer kleinen Dummheit festgenommen, weil ich einen, der falsche Würfel hatte, mit meinem Messer zu sehr gekitzelt habe, und dann machen sie mir den Vorwurf, ich hätte Geld gestohlen, neapolitanische Dukaten, und das ist nicht wahr. Das Geld habe ich erhalten von Signora Lucia – es waren wohlgezählte vierhundert Stück – ich habe aber gemeint, ich wollte sie nicht nennen, es könnte ihr oder auch Euch selbst unangenehm sein – he?«

Der Prälat saß zurückgelehnt in seinem Polstersitze und that einen tiefen Atemzug.

»Von Signora Lucia hast Du das Geld erhalten? Warum? Zu welchem Zwecke?«

»Eh, Monsignore … das ist eine heikle Geschichte, und wenn ich sie Euch mitteile, hoffe ich, daß Ihr vor Gericht dafür die vierhundert Neapolitaner auf Euch nehmt, mir auch sonst ein günstiges Urteil verschafft und noch einmal vierhundert Dukaten drauflegen werdet …«

»Unverschämter!« brauste Parelli auf; der Mann mit den gebundenen Händen aber trat ihm einen Schritt näher und grinste höhnisch:

»Sprecht nicht so laut, gnädiger Herr – der Gendarm draußen könnte an der Thüre horchen und der braucht nichts zu hören von dem, was wir hier verhandeln!«

Der Prälat sank, starr über diese Frechheit des Burschen, der seine rauhe Stimme zum Flüstern dämpfte, in seinen Sitz zurück, der andere aber fuhr fort:

»Ich hätt's mit dem Weibe allein abmachen können,wie das erste Mal, aber Ihr habt ja an der Sache auch ein Interesse, und müßt wünschen, daß ich sie nicht an die große Glocke bringe …«

»Welche Sache?« stammelte Parelli erbleichend.

»Eh, Monsignore … Ihr sagt doch aller Welt, daß Signora Lucia eine sehr nahe Verwandte von Euch sei – ich könnte überall etwas anderes beweisen …«

»Und was denn?« fragte der Prälat mit bebenden Lippen.

Der Bauer fühlte, daß er den bleichen Mann vor sich in seiner Gewalt habe; er weidete sich einige Sekunden an der Angst desselben, dann trat er ganz nahe an den Polstersessel heran, beugte sich über Parelli und sagte, indem er ihm fest und wie mit dem bannenden Blick einer bösen Schlange ins Gesicht sah:

»Daß sie mein Weib ist! – Wie gefällt Euch das, Monsignore? He?«

Der Prälat war aufgesprungen und einige Schritte zurückgetreten; er rief halblaut:

»Du lügst, Bursche … das ist ein Erpressungsversuch.«

»Das Zweite mag sein – das Erste nicht! In Foligno habt Ihr sie kennen gelernt. Da waren wir schon zehn Jahre verheiratet und hatten einander überdrüssig, weil wir kaum zu leben hatten. Darum gingen wir auseinander, ich als Knecht in die Chiana di Sorrento, sie nach Foligno als Blumenhändlerin. Und sie war hübsch, ich kann's Euch nicht verdenken, daß sie Euch gefiel. Ihr brauchtet jemanden für Euer einsames Haus, und nahmt sie zu Euch, und habt sie in Sammt und Seide gesteckt, und sie erzählte Euch, sie sei eine Waise und stehe allein da in der Welt. Aber ich habe sie zu finden gewußt und sie hat mein Schweigen erkauft mit einem kleinen jährlichen Sümmchen. Dafür hab' ich mir ein bescheidenes Weingut erworben bei Sorrento und hause dort mit einem alten Weibe, das nichts von meiner Vergangenheitund von Lucia weiß. Und dorthin kam sie, als sie im Begriffe war, Euch einen Sohn zu schenken und lebte wieder unter meinem Dache, und auch Euer Kind ist bei mir. Ihr vermeint, jener Gaetano Vergani sei der Bruder Lucias, nein, Monsignore, er ist der rechtmäßige Gatte, und Ihr habt zu allem andern noch einen Ehebruch auf dem Gewissen … wie gefällt Euch das? He?«

Parelli hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und stöhnte; er rang nach Atem, nach Fassung. Was er hier hörte, traf ihn wie Keulenschläge, und das Bewußtsein einer furchtbaren Schuld lastete erdrückend auf seiner Seele. Er sank wieder auf seinen Sitz zurück, wie ein gebrochener, elender Mann, der rohe Bursche aber fragte frech:

»Eh, Monsignore – wie steht es mit den Dukaten? Und meint Ihr nicht, daß ich wegen der Messerstecherei frei kommen könnte? Etwas wenigstens, hoffe ich, werdet Ihr mir herunterhandeln … Denn wenn Ihr's nicht thut, dann muß ich der Welt doch erzählen, in welcher Verwandtschaft wir beide stehen, und das, denke ich, ist Euch nicht lieb!«

Der Prälat ließ die Hände sinken; sein Antlitz war noch blaß, aber es stand ein fester Entschluß auf demselben geschrieben. Er sprach leise, aber bestimmt:

»Ich habe schweres Unrecht auf der Seele – aber Du und Dein Weib, Ihr seid Schurken! Mir ekelt's vor Euch! Glaube nicht, Elender, daß Du mich mit Deinen Drohungen schrecken kannst; ich bin bereit, wenn es sein muß, für meine Schuld zu büßen, und am Stuhle des heiligen Petrus giebt es Verzeihung auch für den schwersten Sünder. Darum hoffe nicht, mir gegenüber ein Erpressungssystem ins Leben zu rufen, Du könntest Dich furchtbar täuschen. Die vierhundert Dukaten nehme ich auf mich, die Strafe für den Messerstich, welchen Du Deinem Genossen beigebracht, wirst Du unweigerlich tragen, und wenn Du sie überstanden hast, dann zahle ich Dir und Deinem Weibe je 500 Scudi ein füralle Mal. Unterfangt Ihr Euch, mich jemals wieder zu belästigen, so werde ich selbst Euer Ankläger – komme, was da wolle. So, jetzt sind wir fertig!«

Der Bauer stand ziemlich verblüfft da, Parelli aber rief den Gendarmen und gebot ihm, den Gefangenen wieder fortzuführen; er würde selbst dem Gerichte die weiteren Mitteilungen zugehen lassen.

Als der Bursche hinaus war, brach der Prälat aufs neue zusammen unter seiner Schuld, und mit gerungenen Händen fiel er vor dem Kreuzbilde nieder, das auf einem reichgeschnitzten Betpulte stand. Hier lag er noch, als sich die Thüre leise öffnete und Lucia hereintrat. Sie war todbleich, ihr Gang war schleppend, und da sie Parelli im Gebete sah, hielt sie fast erschrocken den Schritt an. Da wendete er sich um. In sein Antlitz schoß eine dunkle Röte; er sprang empor, seine Hände ballten sich, die Adern auf der breiten Stirne schwollen ihm an, und das Weib in dem schleppenden, dunklen Seidengewande stürzte vor ihm nieder und beugte die Stirne bis zur Erde, als ob sie ihm die Füße küssen wollte.

Der Prälat rang nach Selbstbeherrschung und er bezwang gewaltsam seine Stimme, so daß sie halblaut, aber tief grollend klang:

»Hinweg von mir, Elende!«

»Verzeihung – o Verzeihung!« stöhnte das Weib, noch immer mit dem Antlitz auf dem Teppich liegend.

»Verzeihung!« – stöhnte das Weib … (S. 323.)

»Verzeihung!« – stöhnte das Weib … (S. 323.)

»Ja wohl, Verzeihung – der Himmel mag uns verzeihen, Dir und mir … aber aus muß es sein zwischen uns für alle Zeit. Geh in die Einsamkeit und büße, wenn Du kannst, geh mit Deinem Manne, wenn er Dich noch mag, mich aber befreie von Deiner Gegenwart, denn von Dir geht ein Hauch der Sünde aus. Du wirst morgen noch mein Haus verlassen! Behalte alles, was Du je von mir empfangen, aber laß Dich nie wieder sehen vor mir – Du hast mich belogen, betrogen, bestohlen! Hier nimm diese kleine Summenoch« – er war zum Schreibtische geeilt, schloß ihn mit fieberhafter Hast auf und reichte ihr eine Rolle mit Goldstücken – »es ist das Letzte! Für unsern Sohn werde ich weiter sorgen.«

Das Weib wand sich auf den Knieen, aber es streckte die Hand nicht aus nach dem Gelde.

»Stoß mich nicht fort zu dem Elenden, der sich meinen Gatten nennt!« wimmerte sie.

Parelli warf die Rolle mit Goldstücken vor sie hin, daß sie sich öffnete und die Münzen herausrollten, dann wandte er sich schweigend und verachtungsvoll ab und verließ das Gemach.

Einige Augenblicke sah ihm Lucia nach, regungslos wie ein Steinbild, dann blitzte es in den dunklen Augen auf wie im Zorn, mit hastigen Händen raffte sie die zerstreuten Goldstücke zusammen, erhob sich und eilte hinaus. In den beiden prächtigen Gemächern, welche sie bewohnte, raffte sie zusammen, was sie an Schmuck und Wertgegenständen besaß und legte es in einen Handkoffer, dann ließ sie durch einen Diener einen Reisekorb herbeischaffen, welchen sie mit Wäsche und Kleidern bis an den Rand füllte.

Am andern Morgen ließ sie einen Wagen kommen, der sie nach dem Bahnhofe bringen sollte. Als sie, ohne Parelli noch einmal gesehen zu haben, langsam und gleich einer Fürstin, wie sie es in früheren Tagen gewöhnt war, die Treppen hinabstieg, ließ sie ihre Blicke noch einmal über all die Herrlichkeit schweifen, welche sie verließ, aber sie hatte ihr Auge und ihre Miene völlig in der Gewalt. Der Diener, welcher ihren Handkoffer trug, hatte, trotzdem er wiederholt einen beobachtenden Blick nach ihr gewendet, keine Ahnung von dem, was in der Brust des geputzten Weibes vorging.

Da kam eben der Jesuitenpater Felice. Er sah sie erstaunt an und fragte:

»Sie verreisen, Signora?«

»Ja wohl, Hochwürden.«

»Auf lange Zeit?«

»Auf Nimmerwiederkehr!« flüsterte sie zischend, und in diesem einen Worte brach ihre mühsam verhaltene Erregung durch.

»Aber was bedeutet das, Signora?« frug der Jesuit beinahe bestürzt.

»Fragen Sie Monsignore!« stieß sie noch hervor, dann rauschte sie an ihm vorüber und gleich darauf hörte er das Rollen des Wagens. Mit dem immer gleichen, kalten Gesicht stieg der Pater die Treppe empor und ließ durch Giovanni sich bei dem Prälaten melden.

Dieser sah ihm ziemlich finster entgegen und bot ihm einen Sitz, dann fragte er mit kühler Höflichkeit nach seinem Begehren.

Felice kam in Angelegenheiten des Konzils. Der Jesuitenorden hatte für die widerspenstigen Bischöfe, welche sich der neuen Geschäftsordnung, namentlich der Forderung, daß mit einfacher Mehrheit entschieden werden solle, nicht gutwillig fügen mochten, eine Falle zurecht gelegt und bearbeitete seine Anhänger in dem Sinne, wie diese Falle Verwendung finden sollte. Parelli glaubte man bei seiner Gutmütigkeit sicher zu haben, ihn konnte man wohl auch etwas tiefer in die Karten sehen lassen.

Aber Felice hatte keinen glücklichen Tag getroffen, das Gewissen des Prälaten hatte einmal angefangen, sich zu regen, er fühlte den starken Trieb, recht zu thun und damit seine Schuld wegen Lucia einigermaßen zu erleichtern, und so hörte er mit Unmut dem Jesuiten zu, der ihm auseinandersetzte, wie man zu den Dekreten betreff der Unfehlbarkeit eine Art Einleitung den Konzilsvätern vorlegen wolle, in welcher es auf eine besonders scharfe Verurteilung des Protestantismus abgesehen sei. Man erwarte nach der ganzen Fassung einen Widerspruch der nichtitalienischen Bischöfe, ja man wünsche sogar einen solchen und würde es auch nicht ungernsehen, wenn selbst eine Anzahl für den Glaubenssatz gewonnener Kirchenfürsten sich in diesem Falle jenen anschlössen. Dadurch würde einerseits der Vorwurf hinfällig, daß die italienischen Bischöfe einfach alles annehmen, was ihnen vorgelegt würde und fürs zweite hätte man die widerstrebenden Bischöfe dazu gebracht, etwas mit einfacher Mehrheit zu entscheiden, und der von ihnen angefochtene Grundsatz der Geschäftsordnung hätte damit durch sie selbst Genehmigung erhalten.

»Mag die Beleidigung des Protestantismus auch hintertrieben werden, wenn sie nur die verhaßte neue Geschäftsordnung auf diese Weise annehmen!« schloß Felice, und um die schmalen Lippen ging ein leichtes Zucken, wie ein Lächeln.

Die Brauen Parellis hatten sich zusammengezogen. Jetzt sah er den Jesuiten durchdringend an und sprach mit unverkennbarem, bitterem Hohne:

»Der Zweck heiligt die Mittel! … Ich will ehrlich zu Ihnen sprechen, Hochwürden, denn ich bin in einer Stimmung, in der ich nicht anders kann, und wenn ich für meine Meinung und Ueberzeugung der schwersten Strafe verfiele. Ja, ich werde gegen einen solchen Angriff gegen den Protestantismus stimmen, aber nicht um das Spiel, das mit dieser Abstimmung getrieben werden soll, zu unterstützen, sondern aus innerster Ueberzeugung, denn ich kenne Protestanten, die himmelhoch stehen über Katholiken und katholischen Priestern, und von denen wir allzusammen lernen können, was in jeder Religion das wahrhaft Religiöse ist … im übrigen aber lassen Sie mich meine Wege von heute ab gehen auch in der Frage der Unfehlbarkeit. Die Mittel, welche angewendet werden, um sie durchzusetzen, die heimlichen Wege, welche man geht, um eine ehrliche, gesinnungstüchtige Gegnerschaft zu bekämpfen, sind unwürdig und ich schäme mich, wenn ich mit dafür haftbar gemacht werden solle. Ich werde, wenn es zur Abstimmung kommt, nicht nach der Vorschriftdes Jesuitenordens, sondern nach meiner Ueberzeugung stimmen – komme was da wolle!«

Felice sah den Prälaten groß und mit starren Augen an, als stehe er vor einem Rätsel, das selbst ihm, dem vielgewandten und kalten Manne unverständlich war; endlich sagte er:

»Bischöfliche Gnaden, ich höre mit Bedauern solche Worte, die aus einer augenblicklichen Erregung kommen, welche ich nicht ernst nehmen möchte. Ich merke daraus nur das Eine, daß Ihr guter Engel von Ihnen gegangen ist.«

Parelli sah ihn mit gehobenem Haupte und fest an:

»Meinen Sie damit das Weib, welches ich aus meinem Hause gejagt habe? – Haben Sie wirklich den Mut, als ihr Beichtvater, der doch von allem gewußt haben muß, diese Elende so zu nennen? Ihnen brauche ich meine Sünde und Schande nicht erst zu erzählen, Sie haben darum gewußt, Siemüssendarum gewußt haben, und doch haben Sie uns beide hinleben lassen in Schuld und Verbrechen ohne ein mahnendes und strafendes Wort? – Durch das Weib haben Sie den Einfluß auf mich sich gesichert … wie nennen Sie ein solches Verhalten? – O, mich widert das alles an – ach, wenn Sie wüßten, wie sehr es mich anwidert. In unserer heiligen Kirche ist vieles schlecht geworden und gerade durch die Schuld derjenigen, die über ihre Reinheit und sittliche Würde am meisten zu wachen berufen waren. – Ich kann nicht anders büßen für meinen Anteil, als indem ich redlich streben will, das Verderbte an mir und anderen zu bessern, und daß ich allezeit den geraden Weg gehe, auf welchem die beiden Sterne der Gottesliebe und der wahren Nächstenliebe leuchten. Dazu aber kann ich Ihrer Leitung entbehren, und da Sie mir immer nur aufs neue die Erinnerung an meine Sünde und an die Zeit meiner Schmach in mir wachrufen müßten, so ist es wohl besser, wenn wir uns so wenig als möglich begegnen; es kann ja auch Ihnen nur angenehm sein!«

Das blasse Gesicht des Jesuiten war noch um einen Schein fahler geworden, aber er beherrschte sich auch jetzt.

»Ich habe gehört und nicht gehört, Monsignore. Sie sind in Aufregung und ich bin nicht so lieblos, Sie darum für alles, was Sie eben gesagt haben, verantwortlich zu machen. Sie sollen über meine Zudringlichkeit nicht zu klagen haben, aber vergessen Sie auch nicht die Pflichten, die der heilige Stuhl berechtigt ist, von Ihnen erfüllt zu sehen. Es ist nicht gut, gegen den Stachel zu lecken, Herr Bischof von Mikrun!«

Er verneigte sich mit spöttischer Höflichkeit tief vor dem Prälaten und ging; Parelli aber atmete jetzt tief auf, dann trat er an das Fenster, öffnete es, als ob er eine andere, reinere Luft einlassen müsse, und nun ging er mit großen Schritten in dem Gemache auf und ab. Er hatte ein Gefühl des Wohlbehagens, wie er es seit langer Zeit nicht empfunden, das Gefühl der Befreiung von einem moralischen Drucke, der in gar mancher Stunde schwer auf ihm gelegen, am schwersten aber wohl damals, als der braune Junge aus der Campagna vor ihm auf den Knieen gelegen und mit gefalteten Händen ihn angefleht hatte, das Weib zu entlassen, das Felice die Frechheit besaß, seinen guten Engel zu nennen.

So hatte der junge deutsche Priester damals Sisto genannt, und er hatte mehr Recht. Die beiden Gestalten, der dunkellockige Knabe und Peter Frohwalt traten vor seine Seele, die nach der Berührung mit dem Reinen und Guten sich sehnte, und einem raschen Antriebe folgend, beschloß er, vor beiden sich zu rechtfertigen.

Er ließ seinen Wagen vorfahren und begab sich, da an diesem Tage keine Konzilssitzung stattfand, nach der Wohnung des jungen Priesters, welchen er auch daheim antraf, und der ihn erstaunt, aber mit gebührender Höflichkeit begrüßte.

»Wissen Sie, warum ich komme?« fragte der Prälat. »Ich habe das Bedürfnis, mein Gewissen zu entlasten, und bitte, Ihnen beichten zu dürfen.«

Frohwalt geriet beinahe in Verlegenheit.

»Verzeihung, bischöfliche Gnaden, aber ich besitze für Rom keine Berechtigung zur Ausspendung des Beichtsakramentes.«

»Ach so … das ist wieder die gewohnte Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit der deutschen Theologen. Sie haben freilich durch die Priesterweihe auch das Recht, zu binden und zu lösen erhalten, und jeder bedrängte Mensch, den sein Vertrauen zu Ihnen zieht, sollte kraft dessen auch von Ihnen von seinen Sünden freigesprochen werden können, aber ich weiß, daß sich formale Bestimmungen auch hier dazwischen drängen. Nun gut … haben Sie auch in Rom nicht das Recht, mich von Sünden zu lösen, so darf ich doch mein Bekenntnis vor Ihnen ablegen. Sie haben einst mit ruhigem und doch so eindringlichem Worte an meinem Gewissen gerüttelt, daß es mich drängt, jetzt, da ich die Kraft der inneren Erneuerung gefunden habe, zuerst zu Ihnen zu kommen.«

Und nun erzählte er ruhig und klar die Vorgänge des gestrigen Tages und was damit zusammenhing; er schloß:

»Endlich bitte ich Sie um Eines: Ich habe den Drang, daß auch der Knabe, der einstens um mein Seelenheil vor mir auf den Knieen gelegen, erfahre, daß sein Gebet durch die Gnade des Himmels erhört sei, und habe die Sehnsucht; ihn wieder in meiner Nähe zu wissen. Thun Sie mir die Liebe, Sisto aufzusuchen, und bringen Sie ihn mir wieder … ich habe erst in diesen Tagen empfunden, was mir der Knabe war.«

Frohwalt war von dem Gehörten tief ergriffen.

»Und habe ich auch keine formale Berechtigung, Ihnen Sünden zu vergeben, der Himmel und Ihr eigenes Herz werden Sie von Ihrer Schuld lossprechen – ich aber, das glauben Sie, bin unendlich glücklich, daß es so gekommen ist. Ich suche heute noch Sisto auf, und wenn es irgend möglich ist, führe ich Ihnen den Knaben zu. Quandts kehren ja dochbald nach der Heimat zurück und ich glaube nicht, daß sie die Absicht haben, Sisto mit sich zu nehmen.«

»Ich danke Ihnen im voraus für alle Liebe, die Sie mir thun, und ich will bemüht sein, mich ihrer wert zu machen.«

Parelli hatte sich wieder entfernt und Frohwalt war es zu Mute, als beschere ihm der Himmel die erste glückliche Stunde in Rom. Er wollte auch nicht zaudern mit der ihm gewordenen Mission, aber eben, da er sich auf den Weg zu machen gedachte, trat der Vetter Martin bei ihm ein.

»Lieber Peter – das ist hübsch, daß ich Dich erwische – denn ich komme, um Dir meinen Abschiedsbesuch zu machen. Du weißt, daß ich der Mann der plötzlichen Entschlüsse bin. In Rom ist mir der Boden etwas heiß geworden unter den Füßen und Eure Konzilsverhandlungen sind das Langweiligste, was für die katholische Christenheit erdacht werden konnte – ich fürchte freilich, daß sie mit einem unangenehmen Knalleffekt abschließen. Also kurz und gut: Ich breche morgen früh auf gegen Neapel.Vedi Napoli poi more!Auf meiner Rückreise komme ich noch einmal nach der ewigen Stadt, und ich vermute, daß ich Dich noch finden werde. Meine Geschäfte hier sind in der Hauptsache erledigt. Mein Lausitzer Windhund, von dem sein Alter durchaus nichts mehr wissen will, ist bei Quandt untergebracht, und arbeitet in dessen Atelier auf Tod und Leben. Quandt hat ihm ein schönes Talent zugesprochen und wird ihn, wenn er mit seiner Frau Rom verläßt, an einen andern Maler empfehlen. Ich denke, wir schleppen den armen Teufel durch. Auch Quandts sind die prächtigsten Menschen auf Gottes Erdboden … Nun Gott befohlen, mein lieber Peter – ich habe noch Einiges rasch zu besorgen – und halte mir die Ohren steif wegen der Unfehlbarkeit!«

Noch ein kräftiger Kuß, dann ging der Alte und bald nach ihm verließ Frohwalt das Haus.

Der Himmel war trübe geworden und es begann zuregnen, als er durch die Straßen schritt. Diesem Umstande vielleicht hatte er es zu danken, daß er Quandts daheim antraf.

Der Maler und Friederike empfingen ihn mit gewohnter Herzlichkeit und der Erstere rief:

»Hat unser alter Wandervogel schon Abschied genommen? Das kam ja mit einer merkwürdigen Plötzlichkeit über ihn, und ist für uns beinahe vorbedeutungsvoll geworden, denn sehen Sie, wir stehen gleichfalls auf dem Sprunge. Meine Schwiegereltern schreiben uns einen Brief, der Frühling rühre sich heuer schon im Sachsenlande, und die Schwalben kämen aus dem Süden, ob wir denn nicht das gute Beispiel nachahmen wollten. Das ist meinem Schatz so ins Herz gefahren, daß sie mit einmal alle Lust an Rom verloren hat, und ich bin ein so überaus folgsamer Gatte – was will ich thun? – Nächste Woche packen wir ein!«

»Das bedaure ich herzlich um meinetwillen,« sagte Frohwalt, »denn Sie wissen nicht, wie viel ich mit Ihnen verliere. Ich habe meine schönsten Stunden in Rom bei Ihnen verlebt, das vergesse ich Ihnen nicht …«

»Der Himmel hat uns hoffentlich nicht das letzte Mal zusammengeführt,« sprach Friederike herzlich und Quandt fiel ein:

»Und wir wollen uns nicht heute schon das Herz schwer machen! Wir sehen uns noch hier, und Dresden liegt doch auch nicht auf dem Monde oder irgend einem unerreichbaren Planeten. Aber jetzt wollen wir uns gemütlich zusammensetzen …«

Als sie saßen, berichtete Frohwalt, weshalb er eigentlich kam. Parelli, der nun ganz allein stehe, denn die Signora habe sein Haus verlassen, sehne sich nach Sisto und wünsche, ihn wieder bei sich zu haben. Daß die Zukunft des Knaben damit für alle Zeit gesichert wäre, sei selbstverständlich, undangesichts ihrer bevorstehenden Abreise sei es ihnen vielleicht lieb, denselben wieder in guten Händen zu wissen …

»Aber haben Sie denn gemeint, daß wir ihn hier lassen wollten?« fragte Friederike beinahe bestürzt, und überrascht sah sie den Priester an.

»Ja, mein Fritzel hat sich eingebildet, der Himmel hätte ihr den Bengel extra zur Belohnung ihrer guten Sitten und ihres braven Herzens beschert, und ich fürchte sehr, daß wir dem Prälaten den Besitz Sistos streitig machen. Aber es handelt sich in erster Reihe um diesen selber, und wenn er auch nicht mündig ist, so hat er doch das Recht der freien Entschließung.«

Quandt stand auf, und rief in dem Atelier nach dem Knaben, und in wenigen Augenblicken erschien er.

»Er hat Herrn Stahl Gesellschaft geleistet, der an seinem Gesichte seinen ersten Porträtversuch macht … komm her, Sisto!«

Der Junge trat nahe zu dem Maler, der ihn zwischen seine Kniee zog, und, indem er ihm mit einer gewissen Bewegung in das frische Gesicht schaute, sprach:

»Denke Dir, mein lieber Sisto, Monsignore Parelli will Dich wieder in sein Haus haben –«

»Die Signora ist fort für immer,« – fügte Frohwalt ein, und die Augen des Knaben leuchteten auf.

»O, sie ist fort – da ist alles gut!« sagte er.

»Und Du willst also zu ihm zurückkehren?« fragte Quandt.

Da flog ein Schatten über die Züge des Jungen, und er senkte schweigend den Kopf.

Da sprach Frau Friederike:

»Macht ihm nicht bange! Er soll nicht denken, daß er zu dem Prälaten zurückkehren muß, weil wir etwa ihn nicht mehr haben wollten. Ach, warum ich mich nun nicht besser italienisch ausdrücken kann! – Jetzt, Heinrich, sag' Du's ihmklar und vernünftig, daß er unser Kind sein und bleiben soll, wenn's ihm bei uns gefällt und daß wir ihn mit in die Heimat nehmen und adoptieren, und …«

Die junge Frau war lebhaft geworden und saß mit geröteten Wangen da, indes Sisto ihr die glänzenden Augen voll zuwendete. Quandt sah sie lächelnd an:

»Na, ja, ja, Kind – laß mich nur machen! – Also, mein Junge, wir müssen jetzt bald in unsere Heimat – das ist weit weg, und die Leute reden dort eine andere Sprache und alles sieht ein wenig anders aus, und im Winter schneit's und friert's, und es wachsen keine Citronen und Orangen …«

»Aber Heinrich …«

»So sei doch ruhig, Fritzel, der Junge muß doch erst die Schattenseiten kennen! – Aber, mein lieber Sisto, es giebt auch gute Menschen dort, wie der geistliche Herr da, meine Frau und ich, und wenn Du nicht wieder zu Monsignore willst, und uns lieber hast, so sollst Du bei uns bleiben, und ich will Dein Vater sein – –«

»Und ich Deine Mutter, Sisto – willst Du?«

Da rang es sich wie ein Jauchzen und Schluchzen zugleich aus der Brust des Knaben, und er warf sich mit ausgebreiteten Armen an das Herz der jungen Frau.

»Na seht Ihr, wie ich mit meinem bischen Italienisch die Sache klar bekommen habe. Sisto, Junge – komm her, ich will auch meine Hälfte haben von Dir!« rief der Maler, und nachdem er seinem Liebesbedürfnis Genüge gethan, suchte er seine Rührung unter Scherzworten zu verbergen. Er führte den Knaben wieder seiner Frau zu und sagte:

»Hier übergebe ich ihn Dir in aller Form Rechtens, und hoffe, daß Du ihn zu meiner Freude erziehen wirst; und nun laß einmal sehen, wie Dir die Mutterrolle zu Gesicht steht! – Was? Sehr gut! Nicht, Herr Doktor? – Sie sind Zeuge der Adoption und können dem guten Prälaten mitteilen,daß wir als echtes und rechtes Ehepaar einen Jungen viel besser brauchen können, als ein Cölibatär, und katholisch soll er auch bleiben: die Söhne folgen der Religion des Vaters.«

Frohwalt stand in tiefer Ergriffenheit; er kam sich im Grunde recht überflüssig vor bei dieser Familienszene, und doch konnte er nicht gehen. Es ging ihm in wenig Augenblicken vieles durch den Sinn. Wie hätte er sich noch vor nicht langer Zeit entsetzt und für das Seelenheil des Knaben gebangt bei dem Gedanken, daß ein protestantisches Weib ihn wie ihr eigenes Kind halten und erziehen würde … und heute war ihm das so selbstverständlich, und er wußte und fühlte es gut, daß Sisto nirgends besser aufgehoben sein könne. Aus den beiden Menschen, die hier um den fremden Knaben sich bemühten, sprach eine solche Fülle echter Liebe, daß er selbst mächtig davon erfaßt wurde, zumal diese Liebe so ungesucht und unmittelbar aus dem Herzen kam.

»O, Ihr lieben, guten Menschen!« sprach er vor Rührung übermannt, und mehr vermochte er nicht hervorzubringen, aber mit überströmenden Augen reichte er dem Maler und seiner Frau die Hand.

Heinrich Quandt verzog sein gutmütiges Gesicht in die seltsamsten und wunderlichsten Falten, so daß man nicht im Klaren war, ob er im nächsten Augenblicke auflachen oder aufschluchzen werde; er riß fast gewaltsam seine Hand aus der des Priesters und eilte nach dem Atelier, um Hans Stahl herbeizuholen. Als er mit dem jungen Lausitzer eintrat, der ziemlich verblüfft dreinschaute, rief er: »Hans, lassen Sie in diesem feierlichen Augenblicke Pinsel und Palette, und bilden Sie sich etwas darauf ein, daß Sie der Erste sind, welchem Heinrich Quandt und Frau hierdurch die ergebene Mitteilung machen, daß ihnen Gott am heutigen Tage einen gesunden, kräftigen Jungen geschenkt hat. Da steht er: Sisto Quandt-Brenta! Klingt famos. Und nun, Fritzel, sieh einmalzu, ob Du von unserer Gastfreundin etwas anständig Trinkbares auftreiben kannst.«

Hans Stahl war der Mensch, der sich in die Sachlage fand, und als der Falerner auf dem Tische stand, brachte er den ersten Toast aus auf den »Neugeborenen«, in welchem der gute alte Studentenhumor wieder zum Durchbruch kam.

Und mit seinen Worten fanden auch die anderen sich wieder in eine ruhige Stimmung, aber Quandt sagte:

»Hans, Sie sind ein prächtiges Individuum, und verdienten gleich als Zwilling mitadoptiert zu werden. Hei, da kommt mir ein prächtiger Gedanke! Lieber Doktor Frohwalt, wie wär's, wenn wir hier den Prälaten als Adoptivvater gewinnen könnten! Das wäre ja gleich ein Ersatz für Sisto. Ich habe zwar unsern Hans meinem Freunde und Berufsgenossen Paolo Grotti hier auf die Seele gebunden, und bei ihm kann er etwas lernen in Colorit und Pinselführung – 's ist auch ein prächtiger Mensch im übrigen – aber wenn Monsignore Parelli noch seine Huld unserm Landsmanne zuwendete … hören Sie, Frohwalt, ich glaube, Sie finden ihn in der Laune, reden Sie mal ein Wort mit ihm! Er soll sich ansehen, was Hans Stahl leistet, und wenn ihn nicht schon Sistos Kopf, der jetzt von der Leinwand heruntersieht, besticht, so könnt Ihr mich einen Sudler nennen!«

Frohwalt versprach, in diesem Sinne zu handeln, und Hans Stahl fühlte sich angesichts einer sorglosen Zukunft in heiterster Stimmung.

Als der junge Priester fortging – Sisto hatte ihm die Hand geküßt und den Prälaten um Verzeihung bitten lassen, daß er nicht zu ihm komme – war es draußen wieder Sonnenschein geworden, und Sonnenschein lag auch in seiner Seele. Vor ihm wurde angesichts der in dem kleinen Hause waltenden Liebe ein Wort lebendig aus dem »Laienbrevier«, das ihn zwar nicht nach Rom begleitet hatte, mit dem eraber – oft gegen seine Absicht – immer vertrauter geworden war wie mit einem lieben Freunde.

»Was Du dem andern thust, das thust Du Dir.Denn er ist – Du! Wir sind von einem Geiste,Wie überall das Licht vom Licht. Wir sindVon einem Leib, von einem Teig wie Brote.Du thust das Gute Dir zu gut …«

»Was Du dem andern thust, das thust Du Dir.Denn er ist – Du! Wir sind von einem Geiste,Wie überall das Licht vom Licht. Wir sindVon einem Leib, von einem Teig wie Brote.Du thust das Gute Dir zu gut …«

So war es und so muß es sein! Alles Gute, das wir thun, kommt uns zu gut, und erfüllt unser Herz mit Freudigkeit. Und diese Freudigkeit empfand Frohwalt noch, als er am Nachmittage nach dem Hause des Prälaten ging. Erst als er die breiten Treppen hinanstieg, überkam ihn ein leises Schmerzgefühl bei dem Gedanken, daß er dem einsamen Manne in seinem großen, prächtigen Hause den Knaben, an dem seine Seele hing, nicht mitbringe.

Als er Parelli von der Szene im Hause Quandts erzählte, senkte dieser die Stirn und sagte leise:

»Ich hab's gewußt! – Auch das ist eine Sühne.«

Nun berichtete der junge Priester aber von dem andern Schützling des deutschen Malers, und das Auge des Prälaten begann freundlich zu leuchten.

»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, und seien Sie überzeugt, daß ich auch darin einen Fingerzeig des Himmels sehe. Ich komme morgen zu Herrn Quandt!«

Er verabschiedete sich herzlich von Frohwalt.

Er hielt Wort. Am nächsten Vormittage erschien er bei dem deutschen Maler. Beim Eintritt in das Atelier sah er mit einem Blick Sisto, wie er leibte und lebte, und sein Gesicht, das noch ein zweites Mal von der Leinwand wie aus einem Spiegel herschaute. Als ihn der Knabe erblickte, sprang er auf und eilte auf ihn zu. Stürmisch griff er nach den Händen Parellis, küßte sie und stammelte dazu beinahe leidenschaftlich:

»O Verzeihung, Verzeihung, Monsignore – ich kann nicht anders!«

Der Prälat legte leise seine Rechte auf das dunkellockige Haupt und sprach begütigend:

»Beruhige Dich, mein Sisto! Ich bin Dir nicht böse – Gott segne Dich!«

Dann begrüßte er Quandt:

»Ich wünsche Ihnen und Ihrem Frauchen Glück zu dem braven, prächtigen Sohne, und wenn Sie mich als einen Seitenverwandten desselben gelten lassen wollten, würde ich mich freuen. Das ist Herr Stahl?«

Hans hatte sich erhoben, und Parelli trat an seine Staffelei. Das Bild Sistos zeigte lebensvolle Frische, und an dem Talente des jungen Malers konnte kein Zweifel sein. Der Prälat schien sich ganz in die Züge des Knaben zu vertiefen, und über sein Gesicht huschte dabei ein Schatten der Wehmut. Es war ganz still in dem Raume, und Stahl hielt den Atem an, bis jener sich umwandte und freundlich sagte:

»Das Bild müssen Sie mir überlassen!« sagte Parelli zu dem jungen Maler. (S. 337.)

»Das Bild müssen Sie mir überlassen!« sagte Parelli zu dem jungen Maler. (S. 337.)

»Dies Bild müssen Sie mir überlassen! Sie selbst aber bitte ich, während der Zeit Ihres Aufenthalts in Rom mein Gast zu sein – ich hoffe, Sie gehen nicht eher, bis aus dem Jünger ein Meister geworden ist.«

Stahl, welcher des Italienischen beinahe garnicht mächtig war, fand keine Worte, aber seine Hand zitterte vor Erregung, als er sie in die dargebotene Rechte des Prälaten legte.

»Das walte Gott!« sagte leise der Maler, indem er seinen Arm um Sistos Hals schlang und den Jungen an sich zog.


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