Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Die Alumnen des fürsterzbischöflichen Seminars in Prag waren aus den Ferien wieder zurückgekehrt, und mit ihnen kam der Geist des Unfriedens und der Gehässigkeit wieder in das große, finstere Jesuitengebäude neben der St. Klemenskirche. Die nationalen Gegensätze hatten sich indessen noch mehr zugespitzt unter dem Einflusse der deutschen Siege. Wie eine seltsame Heldensage war die Geschichte des Tages von Sedan und der Zusammenbruch der Kaiserherrlichkeit Napoleons III. durch die Lande gegangen, und die Deutschen in Oesterreich vergaßen den seit 1866 in ihren Herzen noch immer nagenden Groll über dem stolzen Bewußtsein, daß es die Waffen der Stammesbrüder waren, welche den alten welschen Uebermut so tief demütigten und zuletzt auch Oesterreich eine Rache schafften für das Jahr 1859 und seine Verluste. Die Tschechen aber verbitterte das deutsche Kriegsglück nur noch mehr. Ihre Teilnahme wandte sich in auffälliger, gehässig herausfordernder Weise den Franzosen zu, sie suchten die Siege der Deutschen, die einmal nicht ungeschehen zu machen waren, zu verkleinern, und wo sie die Gewalt und das numerische Uebergewicht hatten, äußerte sich dies mitunter in geradezu roher Weise.

Die Bewegung welche in der ganzen Stadt, ja wohl im ganzen Böhmerlande bemerkbar war, zitterte auch imSeminar zu Prag nach. In den gemeinsamen Schlafsälen der Alumnen, in den Gängen und Höfen fiel manches scharfe Wort, das von nationaler Erbitterung redete, und für die gegenseitige Anfeindung schienen alle Mittel recht.

Der Seminarist Vogel, der um seines ruhigen, ernsten Wesens willen sich ein gewisses Ansehen erworben hatte, der aber auch sein deutsches Bewußtsein niemals preisgab, sondern dasselbe gerade damals im Kreise von Stammesgenossen entschieden betonte, galt als Hauptvertreter des Deutschtums und erfreute sich deshalb des besonderen Hasses der nationalen Gegner. Er kümmerte sich darum wenig, ging ruhig und ehrlich seinen Weg weiter und vermied es in jeder Art, irgendwie die andere Partei herauszufordern. Freilich konnte auch er das Dichterwort nicht Lügen strafen:

Es kann der Beste nicht im Frieden leben,Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt –

Es kann der Beste nicht im Frieden leben,Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt –

und an einem Nachmittage sollte er die Wahrheit desselben ganz besonders empfinden. Er war mit einigen Freunden nach Gewohnheit in dem Hofe auf- und abgeschritten, und die aus Frankreich immer neu eintreffenden Siegeskunden bildeten den naheliegenden Gesprächsstoff. Es mochte sein, daß sie dabei etwas lebhafter wurden, ohne jede herausfordernde Absicht, aber tschechische Alumnen, die sie schon lange beobachteten, schienen doch eine solche zu wittern und fühlten sich zweifellos durch den nationalen Gesprächsstoff verletzt. Sie mischten sich darum – diesmal sogar in deutscher Sprache – in die Unterhaltung und suchten hämisch die deutschen Siege zu verkleinern. Vogel fühlte keine Neigung, sich in einen müßigen Streit einzulassen und bemühte sich immer wieder, der Erregung die Spitze abzubrechen und das Gespräch auf einen anderen Stoff hinüberzulenken. Dabei aber war er ganz und gar nicht glücklich. Er war mit einem etwas gewagten Sprunge auf die neue Glaubenslehre von der Unfehlbarkeit gekommen, sowie darauf, daß die Gläubigenbereits zu Anfang September von den Kanzeln herab nicht bloß die Verkündigung desselben, sondern auch die Forderung der Unterwerfung unter dasselbe vorgetragen erhielten.

»Da hättet Ihr's wohl auch lieber gesehen, wenn die deutschen Bischöfe einen Sieg über den heiligen Vater davongetragen hätten, anstatt daß sie zu Kreuze gekrochen sind?« fragte höhnisch ein langer, hagerer Mensch in mangelhaftem Deutsch.

»Das sind wohl nicht die ganz richtigen Ausdrücke,« bemerkte Vogel ruhig – »und was wir lieber gesehen hätten oder nicht, darauf kommt es nicht an, aber was bisher geschehen ist, kann nicht der letzte Abschnitt sein in der Geschichte dieses Glaubenssatzes.«

»Nein, der letzte wird sein, daß man Euch hinausjagt aus dem Seminar, denn Ihr habt jetzt eure Köpfe so voll von deutschem Großmannsdünkel, daß Ihr glaubt, Ihr braucht auch dem Papste nicht mehr zu gehorchen.«

»Man hat uns ebenso wie Euch gelehrt, daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen!«

»Hört die deutsche Spitzfindigkeit! Als ob der Papst ein beliebiger Mensch wäre!« rief einer, und ein anderer sagte:

»Wissen Sie denn, Vogel, daß Sie eigentlich mit Ihren Ansichten gar nicht mehr in das Kleid passen, das Sie tragen?« und ein dritter fügte bei:

»Und daß Sie sich von der Kirche füttern lassen, obgleich Sie ihr den Gehorsam weigern? Sie sagen's ja offen, daß Sie die neue Glaubenslehre nicht annehmen, so seien Sie doch auch so ehrlich und verlassen Sie das Seminar!«

In Vogels Gesicht stieg eine Röte des Unwillens und des Zorns:

»Noch haben andere bessere Männer, die derselben Ansicht sind wie ich, sich nicht bewogen gefühlt, darum das geistliche Gewand abzulegen – –«

»Ah, Frohwalt!« schrie es.

»Nein, nicht nur HerrDr.Frohwalt, auch Professor Meyer und …«

Man ließ ihn nicht weiter reden:

»Meyer hat zur Unterwerfung aufgefordert und hat sich gefügt – Frohwalt wird sich auch fügen … Der ist ein deutscher Dickkopf … Dann wird er exkommuniziert … Nicht schade um ihn …«

So klang es erregt durcheinander, und die erbitterten jungen Leute standen in einem dichten Knäuel zusammen, welchen Vogel mit einem Male durchbrach mit dem Rufe:

»Platz da! Von meiner Ehrlichkeit sollt Ihr die Probe haben, und das Recht, einen Deutschen einen Heuchler zu schimpfen, gebe ich Euch noch lange nicht!«

Vogel rief: »Platz da! Von meiner deutschen Ehrlichkeit sollt Ihr die Probe haben!« (S. 403.)

Vogel rief: »Platz da! Von meiner deutschen Ehrlichkeit sollt Ihr die Probe haben!« (S. 403.)

Er eilte mit großen Schritten dem Hause zu. Hinter ihm schwirrte und summte es her von Fragen und Rufen in beiden Sprachen, er kümmerte sich nicht weiter darum, sondern ging jetzt die Treppen hinan, um Frohwalt aufzusuchen.

Auch diesem schufen die Zeitverhältnisse Unruhe und Pein. Was der Vetter Martin in Rom bereits vorausgesagt hatte, daß die widerstrebenden Bischöfe sich zuletzt doch dem neuen Glaubenssatze, den sie nach bestem Wissen und Gewissen bekämpft hatten, fügen würden, war eingetroffen. Es war geradezu traurig, anzusehen, wie manch einer sich drehte und wendete, um sich wegen seiner Nachgiebigkeit vor sich und seinen Diözesanen zu entschuldigen. Nichts, auch nicht das Geringste, war geschehen, was vom Standpunkte der Wissenschaft und der Moral eine andere Auffassung der Unfehlbarkeit als vordem oder gar eine Berechtigung derselben dargeboten hätte, und doch brachte der sonst so tüchtige Rottenburger Bischof Hefele das Opfer seiner Ueberzeugung, weil es ihm zu thun war »um die Einheit der Kirche«; der Bischof von Trier verschanzte sich jetzt hinter den heiligen Geist, der in der Frage des Glaubenssatzes zuletzt die Entscheidung und damit den Sieg über menschliche Meinung und menschlichenIrrtum herbeigeführt habe, der Erzbischof von München-Freising forderte von den gelehrten und frömmsten Männern, deren Rat und Ansehen ihm bis dahin alles gegolten, unbedingte Unterwerfung und drohte mit der Ausschließung aus der Kirche, der Bischof von Mainz drehte und wendete sich in geschraubten Redensarten, welche zwar die ganze innere Hilflosigkeit und Schwäche bekundeten, aber doch darauf hinausliefen, daß man sich fügen müsse, nachdem die Kirche gesprochen, und der Erzbischof von Prag, »der Führer der Opposition« hatte von allen Kanzeln herab den neuen Glaubenssatz verkünden lassen als ein von der ganzen Kirche geheiligtes Gesetz.

Durch die Seele Frohwalts ging ein bitterer, banger Zwiespalt. Sollte er einfach dem Beispiele folgen, das von den Kirchenfürsten gegeben war, und die Verantwortung dafür, daß er gegen sein Gewissen, seine Erkenntnis und seine heiligste Ueberzeugung handle, auf sie abladen? Das war wohl das Wohlfeilste und Naheliegendste, und tausend und abertausend Priester würden es thun, wie es Professor Meyer und andere bereits gethan hatten. Oder sollte er den Mut haben, die verderbliche und bedenkliche Neuerung auch jetzt noch zu verwerfen, und damit auch alle weiteren Folgen auf sich nehmen?

Bis jetzt hatte man ihm noch nicht zugemutet, sich klar und bündig darüber zu äußern; man nahm wohl seitens seiner Vorgesetzten als selbstverständlich an, daß er keinen weiteren Widerstand gegen den Glaubenssatz ausübe, und vermied es geradezu, mit ihm darüber zu sprechen, weil man ein solches Gespräch unter den obwaltenden Verhältnissen als peinlich erkennen mußte. Er konnte also mit einem entsprechenden geistigen Vorbehalt seine priesterlichen Pflichten weiter üben, so lange man nicht von selbst ihn zwang, Farbe zu bekennen und ihn nicht von denselben entband. Freilich war auch das nicht ganz ehrlich. Sein Rechtsbewußtsein verlangte, daß er,zumal als Lehrer der jungen Priesterschaft, auch unumwunden keine Täuschung darüber obwalten lasse, wie er zu der neuen Lehre stehe, und wie er sie aus allen Gründen, die bisher dagegen gesprochen, auch jetzt noch verwerfe. So hatten es andere mutige Männer, wie der Stiftsprobst Döllinger und der Professor Friedrich in München, die Professoren Reinkens, Reusch u. a. gehalten, denen er seine Achtung nicht zu versagen vermochte.

Aber wenn man ihn exkommunizierte, aus der Kirche und aus seinem Amte ausstieß, – was dann? Was sollte er in der Welt beginnen? Welchen Beruf ergreifen? – Und wie würde das seine Mutter treffen! Das war ihm der bängste, schmerzlichste Gedanke. Sollte er die Ruhe und das Glück der alten Frau, das gerade in ihm und seiner Stellung begründet war, so mit einem Schlage vernichten, und noch dazu jetzt, da bei ihrer anhaltenden Kränklichkeit ihr Leben durch eine solche Thatsache gefährdet werden konnte? Langsamen Schrittes, gesenkten Hauptes ging er auf und nieder in seinem freundlichen Gemache – da pochte es, und gleich darauf trat der Alumnus Vogel ein.

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich in einer ernsten Angelegenheit Ihren Rat erbitte, aber ich weiß nicht, an wen ich mich mit mehr Vertrauen wenden möchte,« begann der junge Mann, sobald er den ihm angebotenen Sitz eingenommen hatte.

»Sie wissen, daß ich Ihnen gern in jeder Weise behilflich bin,« erwiderte Frohwalt schlicht und herzlich, aber nicht ohne eine leise Befangenheit, denn ihn überkam eine Ahnung dessen, was sein junger Landsmann wollte.

»Ich darf Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, und will mich kurz fassen. Es betrifft den Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit. Wir sind gelehrt worden, daß er den alten Satzungen der Kirche zuwider, gegen Ueberlieferung, Kirchengeschichte und Kirchenrecht sei, und das hat gegolten bis vorwenigen Wochen. Seitdem ist er aber als Lehre der Kirche offen hingestellt und die Katholiken sind zur Anerkennung aufgefordert worden. Es widerstrebt jedoch meinem innersten Wesen, etwas, was bis vor kurzem als unrecht angesehen wurde, heute, ohne daß ich über die Gründe Klarheit gewinnen kann, auf einmal wie durch einen Gewaltakt als Recht hingestellt zu sehen, und so wollte ich Sie bitten, mir zu sagen, ob ich ein Unrecht begehe, wenn ich die Anerkennung verweigere?«

Frohwalt senkte seinen Blick vor dem klaren Auge des jungen Mannes, der mit dieser Frage an seine eigene Seele klopfte, und er fand nicht im Augenblicke die Antwort; eine kleine Pause trat ein, ehe er erwiderte:

»Mein junger Freund, Sie wenden sich in einer Angelegenheit an mich, die nicht nur Ihr Gemüt bewegt, sondern deren Beantwortung ich mir selbst bereits vorgelegt habe. Was jetzt in der Kirche geschieht, ist wohl geeignet, die Herzen zu verwirren, und ich weiß nicht, ob es nicht richtig wäre, erst noch eine gewisse Klärung abzuwarten, denn es will mir dünken, als ob das letzte Wort in dieser Sache noch immer nicht gesprochen sei.«

»Sie meinen, Herr Doktor, daß ein Teil der Kirchenfürsten ihre frühere Anschauung wieder aufnehmen und vertreten könnte?«

Frohwalt geriet in Verlegenheit.

»Das meine ich nicht, lieber Vogel. Die Bischöfe haben sich einhellig unterworfen, daran ist nicht zu zweifeln, aber der Widerstand, welcher von ganz hervorragenden Theologen und hochangesehenen christlichen Laien erhoben wird, ist etwas, worüber man doch nicht zur Tagesordnung ohne weiteres übergehen kann. Es ist kaum glaublich, daß man so kurzer Hand mit der Ausschließung gegen sie vorgehen wird.«

»Man wird ihnen vielleicht eine gewisse Bedenkzeit geben und dann wird man auch vor dem letzten Schritte nicht zurückschrecken.Doch darum handelt es sich für mich nicht. Ich möchte wissen, wie ich mich zu verhalten habe. Ich bin ja nur ein bescheidenes Glied der Kirche, und meine Meinung und mein Thun wiegt in der Allgemeinheit nichts, aber ich möchte nicht vor mir selber erröten müssen, ich möchte mich selbst achten können, und darum bitte ich Sie inständig: Sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie mit Ihrem christlichen Sinn, mit Ihrem Rechtsgefühl im Stande sind, sich der Forderung Roms zu unterwerfen?«

Frohwalt that einen tiefen Atemzug. Hier galt es die erste Probe seines Mutes, und er war sich klar darüber, dieselbe würde Folgen haben müssen. Hier half auch kein Versteckenspielen und Ausweichen, der Alumnus vor ihm, der ihm sein Herz seit langer Zeit erschlossen, hatte das Recht auf eine gerade, ehrliche Antwort, und so antwortete er bestimmt und fest:

»Nein!«

»Dann erlauben Sie mir nur noch eine Frage. Sie sind Priester, haben die heiligen Weihen, und da Sie auf dem Boden der letzteren stehen, auf Grund deren Sie Ihre unvertilgbare Würde erhalten haben, so dürfen Sie abwarten, was man Ihnen thun werde, und darin liegt wohl mehr Mut, als mancher vielleicht glauben mag. Ich soll diese Weihe erst erhalten mit der Verpflichtung auf die neue Glaubenslehre und es hängt von mir ab, ob ich als ein Heuchler das Priesteramt übernehme oder vorher ehrlich erkläre, daß meine katholische Ueberzeugung mich die neue Lehre nicht anerkennen läßt. Würden Sie – o verzeihen Sie mir die seltsame Frage – wenn Sie Alumnus und an meiner Stelle wären, dies Gewand noch weiter tragen?«

Frohwalt fühlte, wie eine heiße Röte ihm in die Wangen stieg; er empfand den unausgesprochenen Vorwurf, der in den Worten des Jünglings lag, die ihm geradezu den Weg zu zeigen schienen, den auch er gehen mußte, wenn er ehrlichsein wollte, aber Vogel sah ihn an, bang an seinem Munde hängend, und so sprach er mit gedämpfter Stimme:

»Ich würde es nicht mehr tragen!«

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor! Ihr Wort soll mir gelten, und ich gehe von hier zum Herrn Seminardirektor, um ihm meinen Austritt anzuzeigen. Es thut mir leid um meine guten Eltern, die gern einen Priester aus mir gemacht hätten, aber sie sind einsichtsvoll genug, um mir keinen Zwang anzuthun. Ich danke Ihnen!«

»Gehen Sie mit Gott, Vogel – Sie sind ein tüchtiger, ehrlicher Mensch, und der Himmel wird Sie nicht verlassen. Bewahren Sie mir ein freundliches Gedenken!«

»Für immer!« sagte der junge Mann herzlich, und drückte warm die ihm gebotene Hand, und wenige Augenblicke später war Frohwalt allein, erregter und unruhiger als zuvor. Gab es denn für ihn noch etwas anderes, als der Jüngling gethan? War es für ihn nicht Pflicht, gleichviel ob man ihn darum fragte oder nicht, zu erklären, daß sein Gewissen ihm nicht gestatte, sich der willkürlich geschaffenen Neuerung zu unterwerfen? War er denn nicht bereits ausgeschlossen, auch wenn es nicht geradezu ausgesprochen war? Hatte er denn noch ein Recht, die Messe zu lesen, die Sünden zu vergeben und die andern Sakramente zu spenden?

Der Seminarist war zu ihm gekommen, um vertrauensvoll sich seinen Rat zu erbitten, und er war für sich selbst so ratlos, so bange und unschlüssig. An wen sollte er sich wenden in seiner Bedrängnis? Von den angesehenen Priestern und den Lehrern der Hochschule gab es, nachdem auch Meyer sich willig gefügt hatte, keinen, der ihm nicht den Rat gegeben haben würde, sich der Forderung der Kirche zu unterwerfen … dann hatte man ja Ruhe und konnte auf Ehre und Anerkennung rechnen und sich im schlimmsten Falle, wenn das Gewissen sich rührte, beruhigen mit dem Worte der Schrift, daß Gehorsam besser sei als Opfer. Nur eine Persönlichkeittauchte noch vor seiner Seele auf, die stark und vorurteilslos genug schien, auf jede Gefahr hin den Weg der eigenen Ueberzeugung zu wandeln und auch einem andern Gleichgesinnten als Stütze dienen zu können, und diese war Professor Holbert.

Zu ihm beschloß Frohwalt am nächsten Morgen zu gehen, und dieser Gedanke gab ihm einigermaßen Ruhe und Fassung wieder. In dieser Stimmung fiel ihm seit langem einmal das »Laienbrevier« in die Hände, und er blätterte darin, ohne Bestimmtes zu suchen, und ließ seine Augen da und dort über einzelne Abschnitte schweifen, bis sie an der Stelle haften blieben:

Nimm Thorheit nicht für Weisheit an,nicht TrugFür Wahrheit! Nie begnüge Dich, o Mensch,Wo und wie lange Dir noch eins gebricht;Frei, kühn tritt aufund ford're stark das Gute!

Nimm Thorheit nicht für Weisheit an,nicht TrugFür Wahrheit! Nie begnüge Dich, o Mensch,Wo und wie lange Dir noch eins gebricht;Frei, kühn tritt aufund ford're stark das Gute!

Es war ihm, als höre er den Vetter Martin reden, so schlicht und bündig, treuherzig und gerade. Ja, der Alte, der ihm das Büchlein von Leopold Schefer einst gegeben, war wohl ein Geistesverwandter des alten Dichters und hatte damals gewußt, was er that. Er wollte mit diesem Werkchen immer unsichtbar bei Peter Frohwalt sein, ihn seinen Geist fühlen lassen, und ihm ein Mahn- und Warnwort in ernster, bewegter Stunde durch den Mund seines Lieblingspoeten zurufen. Ja, wenn er den Vetter Martin um Rat fragte, so würde der ihn vielleicht an jene Stunde in Rom erinnern, da Frohwalt mit einem gewissen Selbstbewußtsein das Wort Martin Luthers vom Wormser Reichstage gesprochen hatte. Jetzt gelte es, auch dafür einzustehen, wenn er sich nicht vor dem braven Alten schämen wollte.

Mit dem Gedanken an diesen begab er sich zur Ruhe und schlief tief und gut bis an den Morgen.

Als er am Vormittage nach der Zeltnergasse kam zu Professor Holbert, empfing ihn Therese im Trauergewande, aber freundlich und herzlich. Sie bedauerte, daß er ihrenVater nicht anträfe, welcher vor einer Stunde bereits zu Seiner Eminenz dem Cardinal-Erzbischof beschieden worden sei, und bat Frohwalt, zu warten, da er bald zurückkehren müsse. Dieser blieb, und so saß er wieder einmal in dem freundlichen Salon, wo er damals mit Stahl, Severin und Haller zusammengewesen, und er mußte die Gedanken, welche ihn erfaßten, gewaltsam zurückdrängen. Mit keiner Silbe wurde des Unseligen gedacht, um so mehr aber sprach Therese von Frohwalts Mutter und Schwester, die ihr beide so lieb und wert geworden waren, sowie von seinem Schwager, dem Uhrmacher Freidank, dessen biederes, schlichtes und bescheidenes Wesen ihr in freundlicher Erinnerung war, und sie berichtete von ihm manchen kleinen Zug aus seiner Häuslichkeit und von seinem wahrhaft religiösen Wesen, daß es Frohwalt beinahe mit leiser Beschämung empfand, daß diese Fremde mehr und Besseres von seinen eigenen Verwandten wußte, als er selbst.

Indessen befand sich Holbert bei dem Cardinal Schwarzenberg. Dieser hatte den angesehenen Gelehrten mit jener vornehmen Freundlichkeit empfangen, die ihn im gesellschaftlichen Umgange auszeichnete, und das ganze Beisammensein hatte nicht den Charakter einer Audienz, sondern den eines ungezwungenen Gedankenaustausches, bei welchem der Professor bald genug die herrschende Stellung gewann.

Die beiden Männer befanden sich im Arbeitszimmer des Kirchenfürsten und saßen sich hier gegenüber. Das sonst so klare Auge des Cardinals war heute einigermaßen unruhig, und die Finger der feinen Hand spielten nervös auf der Lehne seines Sessels. Es war ihm ein gewisses Unbehagen anzumerken angesichts des bevorstehenden Gesprächs. Er hatte nach der Begrüßung sofort begonnen:

»Sie vermuten wohl, Herr Professor, weshalb ich Sie zu mir bitten ließ.«

Holbert verneigte sich stumm.

»Ich habe zu meinem aufrichtigen Bedauern vernommen, daß Sie, auch nachdem der Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit von der Kirche allgemein angenommen worden ist, den Kampf gegen denselben fortsetzen.«

»Eminenz, ich thue nur, wozu mich meine katholische Ueberzeugung und meine Pflicht als Lehrer des Kirchenrechts nötigen.«

»Ich meine, die höchste Pflicht ist jene gegen die Kirche; sie hat entschieden, wir Katholiken haben zu gehorchen.«

»Verzeihung, Eminenz, aber es gab noch vor kurzem eine Zeit, da deutsche Kirchenfürsten ihre höchste Pflicht darin fanden, eine unbillige und gefährliche Neuerung zu bekämpfen, und seitdem hat sich nichts in der Begründung der neuen Lehre, wohl aber manches in den Anschauungen der geistlichen Oberhäupter geändert.«

Die Wangen des Cardinals röteten sich, und eine Sekunde lang senkte er den Blick vor dem durchdringend klaren Auge, welches ernst auf ihm ruhte; seine Stimme klang leiser, verschleiert, als er sagte:

»Was ich gethan habe, dafür bin ich nur Gott und Seiner Heiligkeit Rechenschaft schuldig, und da will ich's verantworten.«

»Ich meine doch auch Ihren Diözesanen, Eminenz, die in Verwirrung sind durch den Zwiespalt der früheren und der heutigen Anschauung.«

»Sie verkennen die Verhältnisse, Herr Professor. Meine und der meisten meiner Amtsbrüder Widerstand galt nicht dem neuen Glaubenssatze; als wir uns darüber äußerten und aus Klugheitsgründen die Unfehlbarkeitslehre bekämpften, traten wir nicht gegen die Kirche auf, sondern gegen eine zunächst nur als Meinung hingestellte Sache. Heute ist das anders. Der heilige Geist hat in der Schlußkongregation entschieden, die Unfehlbarkeit ist Glaubenssatz geworden, undich und andere Kirchenfürsten haben gegen die fertige Lehre kein Recht mehr anzukämpfen.«

Ein beinahe schmerzliches Lächeln umzog den Mund Holberts:

»Wollen Eure Eminenz mir huldvollst gestatten, daß ich unumwunden und ehrlich mich äußern darf?«

Der Cardinal nickte und lehnte sich schweigend tiefer in seinen Sessel; der Professor aber sprach:

»Ich will nicht daran erinnern, daß nach der Abstimmung vom 13. Juli, in welcher die Mehrheit der in Rom versammelten Kirchenfürsten den neuen Glaubenssatz bereits als solchen angenommen hatte und der Meinungsaustausch darüber zu Ende war, eine große Zahl von deutschen und österreichischen Konzilsvätern, wie die hochwürdigsten Erzbischöfe und Bischöfe Ketteler, Krementz, Hefele, Rauscher, Fürstenberg, Förster, Deinlein und auch Eure Eminenz selbst die offizielle Erklärung dem römischen Stuhl gaben, daß sie nach wie vor Gegner der Unfehlbarkeit bleiben müßten, weil sie keinen Grund zu finden vermöchten, der ihnen eine andere Ueberzeugung beibringen könnte – ich gestatte mir, nur daran zu gemahnen, daß auch nach dem 18. Juli noch ein Teil der deutschen Kirchenfürsten und Theologen den Glaubenssatz verwarfen, dessen Zustandekommen auch vom kirchenrechtlichen Standpunkte schwer anfechtbar erscheint; ich gestatte mir, daran zu erinnern, wie einer der gelehrtesten und geistvollsten Kirchenväter, der hochwürdigste Bischof von Rottenburg, wiederholt in Briefen nach dem 18. Juli den neuen Glaubenssatz verurteilt hat, wie, abgesehen von anderen auch Eure Eminenz bei allen wahrhaft gesinnungstüchtigen Katholiken den Glauben zunächst noch fortleben ließen, daß in Ihrer Diözese keine verderbliche und verwerfliche Neuerung, der Sie in innerster Seele selbst nicht zuzustimmen vermögen, verkündet werden würde. Da kam die Reihe der Enttäuschungen, und sie waren bei einzelnen Kirchenfürsten ganz besondershart. Der Erzbischof von München-Freising, welcher sich über Einzelheiten der neuen Konstitution bei seiner Rückkehr aus Rom erst von dem gelehrten Stiftspropst Döllinger unterweisen lassen mußte, hat denselben Döllinger seither aus der Kirche ausgeschlossen, und der Erzbischof von Köln vermochte den gelehrten und glaubensfesten Theologen von Bonn zu sagen: ›Wenn der Papst und ich übereinkommen, können Sie gar nichts einwenden, Sie sind dann nicht verantwortlich.‹ Das Herz blutet mir und tausend anderen, Eminenz, wenn wir die fadenscheinigen und unhaltbaren Beweggründe hören, mit denen eine Anzahl Kirchenfürsten ihre Ueberzeugung nicht bloß aufgeben, sondern die Gemüter der ihrer Obhut anvertrauten Christen zu vergewaltigen bemüht sind. Und daß Eure Eminenz nun gleichfalls der erkannten und so lange tapfer verteidigten Wahrheit untreu werden, das ist für mich das Allerbitterste. Verzeihung, wenn mir das Herz mit dem Munde durchgeht! Was aus mir redet, ist die Verehrung vor dem Kirchenfürsten, der mir allezeit besonders hoch und wert gegolten, ist die Treue und die Liebe, mit welcher ich an meinem alten katholischen Bekenntnis hänge, ist der Schmerz, der mich erfüllt, wenn ich das Beste und Edelste ins Wanken kommen sehe. Es ist soweit gekommen, daß unsere obersten Hirten nicht mehr den Mut haben, ihren eigentlichen Glauben zu bekennen, und das wird mit Notwendigkeit dazu führen, daß Religion und Kirchenherrschaft zuletzt als Eines angesehen werden. Und wenn das am grünen Holze geschieht, was soll am dürren werden? Woher soll die Priesterschaft den Mut gewinnen, fest zu bleiben in der Meinung, die man vordem ihnen als die einzig richtige hingestellt hat und die nun mit einem Male falsch sein soll? Unrecht kann nicht im Handumdrehen zum Rechte werden durch ein einfaches Machtwort. Das hieße, eine Art Faustrecht in der Kirche aufstellen, welches freilich die Schwachen erdrücken, der Sache der Kirche aber nichts nützen würde. Es ist ganz sicher, daß tausende vonPriestern jetzt einfach sich ducken, teils weil sie denken, daß es zwecklos ist, wenn der Einzelne, der Untergebene, Widerstand leistet, teils, weil sie nicht wissen, was aus ihnen werden soll, wenn sie eventuell vom Amte entsetzt oder aus der Kirche ausgeschlossen werden: Es ist für sie eine Brotfrage. O wenn nur eine Anzahl Bischöfe den Mut besäße, auch jetzt noch in dem berechtigten Widerstande zu verharren, es wäre nicht möglich, daß Millionen Christen einfach von Rom aus vergewaltigt würden. Und darum ist meine schlichte, ehrliche Meinung, daß auch Eure Eminenz nicht bloß das Recht hätten, gegen den neuen Glaubenssatz anzukämpfen – sondern noch etwas mehr!«

Cardinal Schwarzenberg hatte mehrmals tiefer geatmet bei den kühnen Worten, und hatte ab und zu die blitzenden Augen, das von warmer Empfindung gerötete Antlitz des Professors gestreift; jetzt, da dieser schwieg und ihn erwartungsvoll ansah, sprach er:

»Ich habe Sie ruhig sprechen lassen, und gebe Ihnen gern zu, daß Sie mir manche bittere Wahrheit gesagt haben. Ich kann mich auch nicht darauf einlassen, mit Ihnen darüber zu verhandeln, ich kann nur sagen, daß ich an die bedenklichen Folgen, welche der Glaubenssatz Ihrer Meinung nach haben soll, nicht glauben kann. Es wird in der Kirche nicht anders werden als bisher, nur das Ansehen des Stellvertreters Christi auf Erden hat gewonnen, und das kann uns nicht schaden.«

»Verzeihung, Eminenz, wenn ich auch darüber mich noch zu hören bitte. Ich habe die Erklärung der einzelnen Kapitel der neuen Konstitution bei mir. Gestatten mir Eure Eminenz gnädigst, betreff des dritten Kapitels den Passus zu zitieren.« – Holbert suchte rasch in dem Hefte, das er aus der Brusttasche zog und las:

»Wer daher sagt, der römische Papst habe lediglich dasAmt der Aufsicht oder Führung, nicht aber die volle und höchste Jurisdiktionsgewalt über die ganze Kirche, nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in Sachen, welche die Disziplin und die Regierung der über die ganze Erde verbreiteten Kirche betreffen; oder derselbe besitze nur den bedeutenderen Anteil, nicht die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt; oder diese seine Gewalt sei keine ordentliche und unmittelbare, sei es nicht über alle und jegliche Kirchen, oder über alle und jegliche Hirten und Gläubigen: der sei im Banne!«

»Nun, Eminenz – das ist doch klar und deutlich gesprochen und heißt, der Papst hat die volle und höchste Gewalt in Glauben, Sitten, Disziplin und Kirchenverwaltung. Und diese Gewalt wird bezeichnet als eineordinaria et immediata, eine regelmäßige und unmittelbare, und demnach ist der Papst überhaupt deralleinige Bischof der gesamten Kirche. Ich bitte Euer Eminenz, die Tragweite dieses Gedankens zu erwägen. Was ist dadurch der einzelne Bischof oder Erzbischof mehr oder anderes als eine Puppe, die am Draht bewegt wird, wenn der Papst in jeder Diözese, zu jeder Stunde, nach freiem Belieben Pfarreien und Präbenden geben und nehmen, die Diözesangrenzen nach Willkür verschieben, die Diözesanvorschriften nach Gutdünken verändern, den Bischof selbst nach Belieben des Amtes entsetzen, das Kirchenvermögen zu seinen persönlichen Zwecken verwenden und vieles andere thun kann, was die schlimmsten Folgen nach sich ziehen könnte? Wir sind so weit gekommen, daß wir nicht mehr in der Lage sein sollen, unsere Bischöfe als vom heiligen Geiste eingesetzt ansehen zu können, da sie nur noch Geschäftsträger und Vikare des Papstes sind, der ihm mißliebige Personen beseitigen und sie ohne weiteres durch gefügige und unter Umständen selbst verworfene Persönlichkeiten ersetzen kann …«

»Sie malen zu schwarz; so weit wird es nicht kommen,Herr Professor,« rief der Kirchenfürst erregt, Holbert aber entgegnete:

»Vielleicht nicht so bald, aber die Kirchengeschichte weiß von sehr verschiedenartigen Stellvertretern Christi zu erzählen, und Gott gnade der Kirche, wenn unter der Herrschaft des neuen Glaubenssatzes ein Papst die dreifache Krone trüge, dem es beikäme, in unwürdiger Weise seine Gewalt zu mißbrauchen.«

»Wir leben nicht mehr im Mittelalter, Herr Professor … und darum kann ich mich noch nicht überzeugen, daß der Schaden, welcher durch gehorsame Annahme der neuen Glaubenslehre möglicherweise erwüchse, größer wäre, als jener, der bestimmt einträte, wenn wir in dem Widerstande verharrten.«

»Und welcher Schaden ist das, wenn ich mir die unterthänige Frage gestatten darf, Eminenz?«

»Daß wir zu einer Kirchenspaltung kommen müßten.«

»Und meinen Eminenz, daß eine solche überhaupt zu vermeiden ist? – Ich glaube, sie hat sich bereits vollzogen und wird bald noch schärfer zu Tage treten. Eine Anzahl geistig hervorragender und durch Festigkeit und Gläubigkeit ausgezeichneter Katholiken sind sich völlig klar darüber, daß die Kirche, welche dieseconstitutio dogmatica de Ecclesia Christiannimmt, nicht mehr die katholische Kirche ist, welche vor dem 18. Juli und seit 1800 Jahren bestand, und diese neue katholische Kirche ist verkörpert in dem römischen Bischof.«

»Wie« – fuhr der Kirchenfürst beinahe entsetzt auf – »demnach halten Sie uns, mich und die Bischöfe, welche den Glaubenssatz annehmen, für Abtrünnige?«

»Ich kann nicht anders, Eminenz, denn wer zu derrömisch-päpstlichenKirche sich zählt, die seit dem 18. Juli über dem Satze der Unfehlbarkeit errichtet ist, gehört nicht mehr zu deralten katholischen, apostolischenKirche.«

Der Cardinal war aufgestanden und stand mit erbleichten Wangen vor dem kühnen Manne, der ihn fest ansah; dann sprach er mit leise bebender Stimme:

»Ich will dies Wort nicht gehört haben … ich müßte die Ausschließung über Sie verhängen – und das sollte mir leid thun.«

Holberts Wimper zuckte nicht, als er dem Kirchenfürsten ruhig entgegnete:

»Ich möchte mit dem Marquis Posa, dem Philipp II. mit seinem Ketzergericht drohte, fragen: ›Wirklich? Sollt' es das?‹ – Ich muß es Eurer Eminenz überlassen, zu thun, was Sie für Ihre Pflicht ansehen, ich aber werde unter allen Umständen den Weg meiner Ueberzeugung gehen. Was mich einzig leitet, ist die Wahrheit und das Recht, sowie das Bewußtsein, daß nichtiches bin, der seinen Glauben gewechselt hat.«

Den Kirchenfürsten schien eine Rührung zu übermannen:

»Wenn Sie wenigstens diese Anschauungen verschließen wollten in Ihrer Seele … ich könnte …«

»Eminenz, das ist Ihr Ernst nicht, daß Sie meinen, ich könnte ein Heuchler sein! Ich werde mein Amt niederlegen an dieser Hochschule, aber ich werde mich nicht mundtot machen lassen, wo es die beste, heiligste Sache gilt. Ich bitte, mich zu entlassen, Eminenz … ich vermöchte sonst vielleicht nicht mehr meine Ruhe zu bewahren …«

Der Cardinal winkte schweigend mit der Hand, und hochaufgerichtet verließ der Professor nach ehrerbietigem Gruße das Gemach.

Als er nach seiner Wohnung zurückkehrte – er hatte sich vom Hradschin herab eines Wagens bedient – leuchtete sein Gesicht wie von innerer Freudigkeit, und so trat er Frohwalt entgegen.

»Wollen Sie mir noch Ihre Hand geben? Ich bin so gut wie aus der Kirche ausgeschlossen,« sagte er ruhig.

Der junge Priester lächelte schmerzlich, aber er streckte seine Rechte aus und drückte jene des anderen fest und herzlich.

»Ich glaube, ich habe Sie verstanden, lieber Freund!« sprach Holbert mild, »und wenn ich recht ahne, führt Sie dasselbe zu mir, was mich veranlaßt hat, vor den Cardinal zu treten. Kommen Sie! Liebes Kind, Du läßt uns wohl allein!«

Therese war bereits im Begriffe gewesen, sich zu entfernen; sie empfahl sich nun mit Herzlichkeit, und gleich darauf saßen die beiden Männer vertraulich Seite an Seite. Und nun öffnete Frohwalt dem Professor sein ganzes Herz, den Einblick in den bittern Kampf, welchen er kämpfte zwischen der Ueberzeugung und der Forderung des Gehorsams gegen die Kirche; er verhehlte ihm nicht die Zweifel, die ihm noch manchmal kamen, ob es nicht doch ein Unrecht sei, in dem Widerstande zu verharren, wenn alle Kirchenfürsten sich beugten, und verschwieg auch nicht die Besorgnis, was mit ihm werden solle, wenn er vom Amte enthoben würde.

Holbert hatte ihn ruhig aussprechen lassen. Als er schwieg, sah er ihm mit milder Freundlichkeit ins Gesicht und sprach:

»Ich habe diese Stunde kommen sehen, mein lieber Freund, weil ich seit langem Sie als eine im innersten Kerne tüchtige und wahre Natur kenne und schätze, und ich bin überzeugt, daß Sie auch ohne mich den einzig wahren Weg in diesem Wirrsal finden und ihn gehen würden. Was gegen den neuen Glaubenssatz gesprochen hat und heute noch ebenso dagegen spricht, wissen Sie so gut wie ich. Daß sich aber unsere Kirchenfürsten und Theologen jetzt schweigend unterwerfen, ist kein Beispiel, das zur Nachahmung verpflichtet. Im Gegenteil, wenn Tausende feige werden, gewinnt der Mut des Einzelnen erst an Wert und Gewicht. Der neue Glaubenssatz stellt die ausschließliche, rücksichtslose Herrschaft des Papstes über Fürsten und Völker als eine Lehre der Kirche hin. Das kann kein wahrer Katholik, das kann überhauptkein vernünftig und klar Denkender annehmen; wer aber diese Lehre vom 18. Juli als Glaubenssatz äußerlich annimmt und glaubt, oder gar, wer sie bloß äußerlich annimmt und nicht glaubt, der verliert allen Anspruch auf die Achtung der andern, sowie auf seine Selbstachtung, denn er belügt sich und andere und ist ein Heuchler. So und nicht anders liegt die Sache, und zum Heuchler haben Sie so wenig das Zeug wie ich. Darum thun Sie mit Gott, was Ihrem Wesen entspricht, und geben Sie der Wahrheit die Ehre; was daraus folgt, das überlassen Sie dem Himmel, er wird Sie nicht verlassen, und bei Ihren Kenntnissen und Ihrem Charakter brauchen Sie nicht um die Zukunft bange zu sein.«

Wiederum drückte Frohwalt warm und innig die Hand des andern:

»Ich danke Ihnen herzlich, Herr Professor, für Ihre Anerkennung meines Wesens und Charakters, sowie für Ihre freundschaftlichen Worte überhaupt, und Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nichts thun werde, dessen ich mich vor Ihnen und vor mir selbst schämen müßte. Doch gestatten Sie mir noch eine Frage: Wie denken Sie sich das Verhältnis derer, die um ihres Mutes willen hinausgedrängt werden aus der Kirche?«

»Eigentlich ist diese Ausdrucksweise nicht die richtige, denn wir, Sie, ich und alle, die gleich uns denken, stehen auf dem alten, einzig wahren Boden der Kirche, aus welcher alle jene sich selbst ausscheiden, die diese Neuerung als Glaubenssatz annehmen. Und was mit uns geschehen soll? Nun, wir Katholiken, welche der alten, staatsrechtlich anerkannten katholischen Kirche treu bleiben und an ihr festhalten wollen, wir werden den Staat angehen um seinen Schutz und ihn um Durchführung unserer im Staatsgesetze von selbst anerkannten kirchlichen Rechte bitten. Es handelt sich doch nur darum, daß wir alten, echten Katholiken in unserem Rechte als katholische Priester und Laien nach der anerkannten Lehreund Verfassung der Katholiken leben zu können, geschützt werden; wir bitten um Schutz für die treuen Priester und Pfarrer, die etwa durch Vergewaltigung vertrieben worden sind, um Schutz für die Vornahme aller kirchlichen Akte durch dieselben, welche nach den Gesetzen staatliche Bedeutung haben, wie Taufe, Eheschließung und Begräbnis, um Schutz für öffentliche Religionsübung und für Religionsunterricht in der bisher anerkannten Lehre und Aehnliches.«

»Und meinen Sie, daß der Staat darauf eingehen werde?«

»Das glaube ich allerdings, und wenn man auch in Oesterreich, dem Hort des Katholizismus, anfänglich vielleicht Schwierigkeiten macht, so wird in Deutschland der Boden für das gute Alte zuerst bereitet werden und Oesterreich wird sich demselben nicht verschließen können.«

»Das würde allerdings zu einer Spaltung führen von Alt- und Neukatholizismus.«

»Das wird es, und die Spaltung ist bereits da, aber die Altkatholiken haben sich dabei keine Schuld zuzumessen.«

Frohwalt erhob sich, ihn erfaßte mit einmal eine ganz besondere Erregung.

»Wie es sich auch gestalte, ich bleibe bei der erkannten Wahrheit, und werde nicht länger auch nur den Schein fortleben lassen, als beugte ich mich, oder als fehlte mir der Mut des wahren Bekenntnisses. Ihrer Freundschaft halte ich mich versichert.«

»Für alle Zeit!« entgegnete Holbert warm, und mit einem innigen Händedrucke schieden die beiden Männer.

Raschen Schrittes ging Frohwalt durch die Straßen nach dem Seminar; er wollte auch keine Stunde länger zögern und unmittelbar zu seinem Vorgesetzten, dem Direktor, sich begeben, um ihm mitzuteilen, daß es gegen sein Gewissen sei, die neue Lehre anzuerkennen und daß er bereit sei, alle Folgen dafür zu tragen.

Der Himmel aber schien ihm seinen Schritt noch erleichtern zu wollen. Um seine Mutter war ihm dabei besonders leid gewesen, die für das, was in ihm vorging, kein volles Verständnis würde gewinnen können, und die, nur nach dem Aeußern urteilend, entsetzt sein würde über eine Ausschließung des Sohnes aus der nach ihrer schlichten Meinung alleinseligmachenden römischen Kirchengemeinschaft. Das sollte der alten Frau erspart bleiben.

Unter dem Thore des Klementinums traf Frohwalt den Telegraphenboten, der ihm eine Depesche überreichte. Er erbrach sie hastig und las:

»Mutter sehr schwach. Komme so bald als möglich.Marie.«

»Mutter sehr schwach. Komme so bald als möglich.

Marie.«

Da war keine Zeit, um anderes zu erörtern. Wohl ging er zu dem Seminardirektor, aber nur, um sich einen sofortigen Urlaub zu erbitten, und noch in der Nacht traf er in der Heimat ein.

Das kleine Städtchen lag in tiefem Schlummer, als er mit dem Wagen, den er auf der letzten Station gemietet, durch das alte Thor einfuhr. Mit der Hast der geängstigten Liebe betrat er das freundliche, traute Heimatshaus, zu dessen Fenster ein müder Lichtglanz herausschimmerte. Er wußte, daß hinter jenen Scheiben die alte Frau lag, die sich wohl zum letzten Male nach dem Sohne sehnte, und sein Herz schlug ihm mit einmal bange zum Zerspringen.

Er trat ein in das Stübchen und der Lichtschimmer zeigte ihm die Gesichter des Uhrmachers Freidank und seines Weibes, die rechts und links von dem Lager saßen, auf welchem Frau Frohwalt gebettet lag.

Die Kranke hatte in all ihrer Schwäche, in ihrer halben Bewußtlosigkeit doch das Rollen des Wagens gehört und versucht, sich zu erheben. Aber die Schwäche übermannte sie, so daß sie mit geschlossenen Augen zurücksank, doch mit einemLächeln um die Lippen. Mit wenigen Schritten war der Sohn bei dem Bette der Mutter, und als ob die alte Frau seine Nähe empfände, öffnete sie wieder die Augen, weit und hell, und mit aufflackernder Kraft streckte sie dem Geliebten die Arme entgegen.

Frohwalt aber war niedergesunken an dem Lager und küßte die welken, erkaltenden Hände, die seinen Lippen sich entzogen und sich jetzt liebkosend auf sein Haupt legten; der Mund der Kranken aber flüsterte:

»Gott sei Dank, daß ich Dich noch einmal sehe, nun sterb' ich gerne. Du wirst für mich beten … ich geh' zum Vater. Und habe Marie lieb und Freidank – – er hat mich gepflegt und gehalten, wie ein Sohn … hörst Du, Peter?«

Dieser erhob sich und streckte seinem Schwager die Arme entgegen, und stumm hielten sich die beiden Männer umschlungen, während Marie mit gefalteten Händen daneben stand, und die Augen der Kranken seltsam hell glänzten.

»Dank – Dank!« flüsterte sie wieder – »und nun … schlafen … schlafen …«

Frohwalt zog rasch auch die Schwester an sein Herz und küßte sie, dann aber setzte er sich an das Lager der alten Frau und hielt ihre Rechte in seinen Händen. Und so schlief sie, ruhig lächelnd, immer leiser atmend, bis mit dem Morgen kein Hauch mehr die Brust hob.

Als der erste Sonnenstrahl in das Fenster fiel, standen die Drei um die bleiche Tote her, und Frohwalt betete in ergreifender Andacht ein Vaterunser, und machte über die erkaltende Stirn das Zeichen des Kreuzes. Die geweihte Kerze, welche angezündet worden war, wurde verlöscht, und der junge Priester sagte:

»Freidank, meine Mutter hat Sie ihren Sohn genannt … lassen Sie uns Brüder sein! Ich weiß, daß ich an Ihnen gut zu machen habe!«

Der Uhrmacher hatte trotz der Trauer Augen, die voninnerem Glück leuchteten; er zog sein leise weinendes Weib an sich und sprach:

»Nein, wir sind nicht schlechte Menschen, und unser Glaube ist auch ein guter Glaube. Darum hoffen wir auch, einmal mit der lieben Toten hier wieder vereint zu werden.«

»Das hoffe ich auch,« sagte Frohwalt … »und nun laßt uns eine Stunde ruhen, ehe wir an die weiteren Pflichten für unsere Mutter denken.«

Drei Tage später wurde die alte Frau begraben unter allgemeiner Beteiligung des ganzen Städtchens. Hinter dem Sarge ging zwischen dem Gatten und dem Bruder Marie, unmittelbar hinter dem Pfarrer,P.Ignaz; der sah finster und mürrisch drein, und als auf dem Gottesacker auch die beiden evangelischen Leidtragenden ihre Schaufel Erde hinunterrollen ließen auf den schlichten Sarg, war es ihm, als müsse er sie hinwegstoßen von der geweihten Scholle, aber das ernste Auge Frohwalts, das auf ihm ruhte, schien ihn einzuschüchtern: Seit der Beerdigung Hallers hatte er nicht mehr völlig jene Energie des Fanatismus wie vorher.

Als am andern Morgen die Seelenmessen für die Verstorbene in der Kirche gelesen wurden, hatten sich auf Veranlassung Frohwalts Freidank und seine Frau wiederum eingefunden, aber sie saßen ganz hinten im Halbdunkel unter dem Chor und beteten dort still für das Seelenheil der Heimgegangenen, während Frohwalt selbst mit dem trauerfarbigen Meßgewande angethan am Hauptaltare den Totengottesdienst abhielt. Die Messe, welche er für seine Mutter darbrachte, sollte die letzte sein, welche er in seinem Leben las, und andachtsvoller hatte er wohl auch selten eine celebriert.


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